Ich hab noch einen Koffer in…

Nürnberg? Ich habe zwei Geschichten zu erzählen!

Nummer eins. Es war März. Es war 2011. Wir standen in Berlins Mitte, so dort platziert, als hätte der Erzähler einer späteren Welt uns genau dorthin gewünscht. Wochenendticket, Regio. Nürnberg ist östlicher, als man das von Hamburg aus oft denkt. Und damit gedanklich näher.

Plauen. Gibt es auch. Klingt nach spontanem Unwohlsein, womit das lokale „Sternquell“ auch recht treffend beschrieben ist. Zugfahrt. Kennt man. Keine weitere Beschreibung wert. Nur erwähnt, weil ich an noch keine Zwischenstation auf einer Auswährtsfahrt jemals so wenig denken wollte wie an diese.

Nürnberg, um damit zu beginnen, lag damals in der Bundesliga. Der magische FC auch, halbwegs. Nach dem Derbysieg taumelnd, wenn nicht selbstvergessen, versuchte man, die historische Dimension dieses Ereignisses nicht durch weitere Punktgewinne in dieser Liga zu unterminieren. Von diesem Projekt begeistert, hatten wir uns unsere Tickets natürlich längst gesichert.

Gleiches taten die lokalen Ordnungsbehörden an der ersten zuständigen Raststätte mit demjenigen, der diese unsere Tickets in Händen hielt – ihn sich sichern. Kurz gesagt: Tickets weg, wir in Franken. Spricht dennoch für einen Besuch am Stadion des lokalen Bundesligisten, bekanntlich in einem wunderbaren Naherholungsgebiet gelegen. Irgendwas mit Reich.

Dieses Naherholungsgebiet inzwischen recht verspätet betretend, vernahmen wir, offenbar doch ein wenig spät dran, nicht nur den Anpfiff, sondern auch direkt in Folge ein einprägsames Beispiel des örtlichen Liedguts, genutzt zum Feiern von Torerfolgen. Einprägsam schon deswegen, weil wir auf halbem Wege um die Kurve daran erinnert wurden, wie sich ein solches Nürnberger Tor nun anhören möge. Und vor dem Eingang zum Gästeblock, sicher ist sicher, auch noch einmal.

Angesichts der bislang gespielten 15 Minuten waren wir frohen Mutes, dass die Magischsten der Magischen ohne größere Probleme mindestens vier oder fünf in Franken niemals besungene Tore würden beisteuern können, und zahlten deswegen anstandslos die für dieses einmalige Erlebnis wie ein Scherz anmutenden 27 Euro für einen Sitzplatz.

Der Rest der Geschichte dürfte den Älteren bekannt sein. Der erste Schritt zum Klassenerhalt war getan mit diesem 0:5 in Nürnberg.

Der erste Schritt zur Rückreise wiederum nicht (oder auch: in gleichem Maße). Ein wesentlicher Nachteil dieses Wochenendtickets besteht darin, dass es lediglich sehr begrenzte Optionen eröffnet. Unsere führte offenbar nach Halle. Über das allseits bekannte Großheringen. Eine Stadt, die neben dem Bahnhof aus einigen protofaschistischen Karnevalsfeiern und einem mysteriösen Industriegelände bestand. Jeder, der einmal an einem Samstagabend in Friedrichshain war, wird wissen, wovon ich rede.

Dennoch kam irgendwann überraschend doch noch ein Zug, der uns hiervor errettete. In das bereits einmal zu oft erwähnte Halle. Ein reichlich relativer Begriff von Rettung, aber der einzige verfügbare. Nicht der allerbeste Ort, um als St.-Pauli-Fan noch ein Bier zu trinken. Ein Bier, das für sechs Stunden reicht.

Wir taten dies in einer anonym bleiben wollenden Mönchengladbach-Fankneipe, die uns, als sie ihre eigene Existenz nicht mehr ertrug, in den „Dschungel“ verwies – also in die offenbar einschlägige Großstadtdisko. Sofern der geneigte Leser nach einem wirklich intensiven Gefühl von Einsamkeit sucht, sei ihm die Toilette einer Hallenser Disko im St.-Pauli-Outfit empfohlen. Am Abend nach einem Heimspiel des lokalen FC, wohlgemerkt. An einem Abend, an dem die lokalen Fans des lokalen FC mit den lokalen Frauen nicht so richtig viel Glück hatten. Also, wie bereits erwähnt, an einem Samstagabend.

Einer von ihnen, nennen wir ihn Ronny-Jerome oder liebevoll RJ, nahm uns aus mir bis heute nicht bekannten Gründen in Schutz, was durchaus wörtlich zu verstehen ist. Bier gab er uns und dazu den Weg hin zum Bahnhof, wo wir… feststellten, dass das nunmehr zu lösende neue Wochenendticket uns nicht nur nach Berlin, sondern vorher auch nach Aue bringen könnte. Wo der 1. FC Union mittags spielen sollte. Es sei der Fantasie des Lesers überlassen, was in der Folge hinsichtlich unserer Reisepläne passierte. Das Spiel endete 0:0. Und wir irgendwann am Ostbahnhof.

Wenn man bereits einschlägige Erfahrungen mit einer Region gemacht hat, möchte man sie beim nächsten Mal natürlich im geeignetsten, sichersten Umfeld bereisen, das gerade möglich ist. Im Falle des FC St. Pauli nennt sich dieses Umfeld „Sonderzug“.

Der vorstehende Absatz war notwendig, um die Inhalte wirken zu lassen. Genau wie der Sonderzug. Eine zeitliche Planung, die ihresgleichen sucht: Um ein Uhr auf nach Hamburg per Bus, so war der Plan. Dort um vier, sechs Uhr Abfahrt. Dann Nürnberg, Spiel, Satz, Sieg. Zurück. Drei Uhr Bus nach Berlin. Montag topfit. Läuft.

Oder so ähnlich. Das mit dem Sonderzug passte schon, der Bus vorher auch. Direkt hinter dem Fahrer sitzen, heißt, im Zweifel höchstens so schwerverletzt wie er selbst zu sein. Worauf er uns auch mehrfach hinwies. Wir waren erst brav, dann schlafend, dann da.

Hamburg neigt an Wochenenden meiner Beobachtung nach dazu, noch ein wenig besoffener zu sein als Berlin. Mag aber auch sein, dass der Hauptbahnhof während des Hafengeburtstags hier keinen gültigen Rückschluss zulässt. War jedenfalls nicht der beste Ort der Welt – denn der liegt ja bekanntlich dort, wo der Magische usw. spielt.

Also irgendwo im weitesten Sinne südlich. Sind wir dann mal hingefahren. War nett. Kann ich empfehlen, die Hinfahrt zu Spielen im Sonderzug. Alle so optimistisch.

Zwischendurch waren wir in Nürnberg. Ausgestiegen. Sonder-U-Bahnen. Bullen überall. Stadion. Fußballspiel, kann ich nicht empfehlen. Jede Ecke für Nürnberg vom Stadionsprecher angesagt, weil wir ja nicht mehr so gut mitzählen konnten. Irgendwas zwischen gewonnen und verloren und egal, glaube ich. Und dann auch wieder zurück in den Zug.

Der fuhr dann bis Lüneburg. Dort war Pause. Sehr lange Pause, wegen eines vermutlich tragischen Ereignisses, was ich auch nicht weiter kommentieren kann oder möchte. Unser Bus von Hamburg nach Berlin war jedenfalls weg. Guter Plan, mal wieder – siehe oben.

In Hamburg angekommen, mit rund zwei Stunden Verspätung, lief uns unverhofft allerdings die Deutsche Bahn über den Weg. Ohne jemals irgendeine Strecke mit ihr gefahren zu sein, warfen wir uns ihr willfährig an den Hals. Um uns loszuwerden, spendierte sie ein Taxi. Nach Berlin.

Drei Stunden später, zuhause angekommen (und zwar vor dem ursprünglich avisierten Bus), wusste ich, dass das mit mir und Nürnberg irgendwie nichts wird. Mit mir und St. Pauli bin ich da optimistisch. Wir haben ja noch ein paar Saisons. See ya! /juli

Oho, ein Rätsel!

Sommerpause ist keine gute Zeit für Fußballfans. Sommer vielleicht schon, aber bei Pause hört es auf. Inspiriert von den Kolleg_innen der „Welt“ habe ich mir auch mal Gedanken gemacht, wie man Fußballvereine in die Sprache meiner Generation umsetzen kann. Als anständiger Fan des magischsten aller FCs selbstverständlich für die zweite Liga. Das war teils wesentlich anspruchsvoller, und auf einige wird man nur mit Hilfe kommen, aber ich wünsche viel Spaß! Die erste komplett richtige Lösung in den Kommentaren gewinnt das obligatorische Bier (das Frodo wegen der Schlagergeschichte übrigens immer noch nicht haben wollte).

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Die Lösungen gebe ich wie gehabt dann raus, wenn ich frühmorgens betrunken das dringende Bedürfnis verspüre, dies zu tun. So entstehen ohnehin 90 % meiner Texte. So long! /juli

Wie jut, dass dir manchmal so’n Engel erscheint…

Ich durfte, wollte, konnte nicht schreiben.

Nicht über die wunderbare Absurdität gegen Düsseldorf. Nicht über die kleinen Tode in Karlsruhe und Heidenheim. Nicht über das Alles, was gegen Leipzig und in Lautern da war. Nicht einmal über die fünf Tore, die die Welt bedeuteten. Zuhause gegen Bochum. Alles das konnte, wollte ich nicht. Es war nur da, auf dem Platz. Was sollte ich denn groß sagen? So viele entworfene Texte, so wenig Ahnung davon, wo es hingeht. Ein dunkler, endloser Schacht.

Und heute nun sollte ich von einer Niederlage reden. Das sagt mir der Kicker, das sagt mir die Sportschau, das sagt mir die Welt. Wen interessiert das? Wen interessiert denn die ganze Welt, wenn der Mittelpunkt meines Herzens danach schreit, dass es das endlich gewesen ist. Wen interessieren denn dreißig Zeilen Text über etwas eigentlich so Egales, wenn das Egale gerade Weltrang erreicht? Aber nicht in diesen dreißig Zeilen, sondern in diesen neunzig Minuten.

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Jedenfalls waren die neunzig Minuten inhaltlich okay.

Ich gratuliere Darmstadt zum Aufstieg nach einem verdienten Sieg. Ich gratuliere dem FSV. Ich gratuliere Fürth. Ich gratuliere Sandhausen. Ich gratuliere Stuttgart. Ich gratuliere Hannover. Ich gratuliere auch Hertha. Ich gratuliere notfalls sogar dem hsv, wenngleich mir das Schweißperlen abringen wird, die ich schon vergessen wähnte.

Aber das Entscheidende war heute das, was nicht passiert ist. Und das, was vorher passiert ist. Und das Entscheidende ist das, was daraus wird. Ich brenne darauf, eine Geschichte zu erleben. Vielleicht hat sie heute ihren Anfang genommen. Und ich werde sie gerne mit begleiten und mit fortschreiben.

Dort oben im Erzgebirge, da hat sich eine wunderbare Geschichte in ein trauriges Ende gefügt. In ein tragisches zudem. Aber, lieber FC Erzgebirge, du findest deinen Weg zurück. Diesmal warst du derjenige, der weichen musste.

Und, mein magischer FC – und für dich weint. /juli

Et hätt noch immer joot jejange

Ich weiß nicht, was der durchschnittliche Fußballfan mit dem Duell zwischen der SG Dynamo Dresden und dem SC Fortuna Köln an Emotionen, Erinnerungen, Erwartungen verbindet. Aber dies ist ohnehin kein Ort für durchschnittliche Fußballfans. Meine Emotion war, so simpel, wie ich gestrickt bin: Hingehen.

Wir beginnen also dieses rheinische Wochenende in Dresden. Zu Gast mein Heimatverein, meine eigentliche, theoretische Liebe. Wie das mit theoretischen Lieben so ist, man muss gelegentlich an sie erinnert werden. Diesen Job übernahm ein freundlicher Mensch aus dem schönen Freital – oder umgekehrt. Dank seiner Schiedsrichtertätigkeit konnte ich bereits am Freitagabend nach entbehrungsreicher Fernbusreise meine Fantätigkeit aufnehmen. Angesagt war die Freizeitliga, angesetzt war ein Spiel zwischen erstaunlicherweise zwei Mannschaften. Um die Anonymität meines Gastgebers zu wahren – und nicht etwa, weil ich mich nicht an die Namen der Teams erinnern kann – , werde ich an dieser Stelle auf weitere Details verzichten. Es war umkämpft, es war gegen Ende fast schon eine Vorstufe von Dramatik, es war ein Freitagabendsfreizeitspiel in einem Dresdner Vorort. Gewinner selbstverständlich der souveräne Schiedsrichter.

So darf ein Amateurplatz durchaus aussehen.

So darf ein Amateurplatz durchaus aussehen.

Aber da war ja noch Dynamo. Ein Verein, zu dem ich ein höchst seltsames Verhältnis hege. Oft beeindruckt, manchmal erschrocken, in der Regel erstarrt beim Versuch, sie scheiße zu finden. Ich bekomme es nicht hin. Ich bekomme es nicht hin trotz aller entglasten Mannschaftsbusse, trotz aller Gästegeisterspiele am Millerntor, trotz aller Randale und allem Osten. Ich finde die einfach nicht scheiße, es tut mir leid.

Sie boten mir auch wenig Anlass dazu, diesmal, ausnahmsweise. Mein Gastgeber nahm mich im Auto mit, wir gingen am Heimbereich entlang, es war alles gut. An der mäßig motivierten Polizeikette vorbei bahnte ich mir meinen Weg zum Gästeblock, wenngleich es da nicht viel zu bahnen gab. Die versammelten Ticketverkäufer und Ordner machten eher den Eindruck, froh über jeden Menschen zu sein, den sie an diesem Tag zu Gesicht bekamen.

Als ich den Gästeblock mit einem halbwegs frisch gezapften Feldschlößchen in der Hand betrat, wusste ich, warum. Zwar hätte ich die anwesenden Fortunen nicht mit der frei gebliebenen Hand abzählen können, allzu weit entfernt davon war es aber auch nicht. Wenn Dresden das Dortmund des Ostens ist, war Köln heute offenbar höchstens Zwickau.

Man muss in Rechnung stellen, dass die Bahnen nicht fuhren. Noch weniger fuhren als sonst. Dass Ferienanfang war. Dass man vielleicht noch von Freitag verkatert war. Dass es vor dem Gästeblock einige ganz fiese Steine gab, die man sich in die Sohlen laufen konnte. Letztlich treffend gab es aber der Ersatz-Vorsänger der Fortuna mit dem ambitioniertesten Satz dieser Welt wieder: „Und die da drüben glauben, dass sie lauter sind als Fortuna Köln?!“

Nun ja. Waren sie. Was bei einem Zahlenverhältnis von 20 000 zu 20 auch nicht unbedingt allzu schwierig ist. Und man bedenke, wir reden von Dynamo Dresden. Eine beeindruckende Wand, dieser K-Block. Man kann als Gast mitunter froh sein, die eigenen Gedanken noch zu hören. Den Gedanken beispielsweise, dass 2,80 € für ein Stadionbier gar nicht so übel sind, wenn man am Millerntor inklusive Pfand beinahe das Doppelte hinlegt. Tja. Muss man hier auch mal anbringen.

Ich mag es dort. Wirklich.

Ich mag es dort. Wirklich.

Fußball wurde ebenfalls gespielt. Der Aufstiegsaspirant gegen den Underdog, immer wieder das alte, große, wunderschöne Spiel. Fortuna begann stark, begann überlegen, erarbeitete sich von Spielanteilen und Chancen ein leichtes Übergewicht. Dann kam Dynamo. Und das gewaltig. Der Beschuss hörte kaum mehr auf, fast keine Atempausen. Aber keine Schwächen bei Torhüter Andre Poggenborg. Man rettete sich mit einem dann dennoch im weitesten Sinne verdienten 0:0 nach einigen anstrengenden Minuten in die Pause.

Inzwischen war der Fortuna-Block weiter gewachsen. Minütlich fast erklommen mehr und mehr Kölner die steilen Stufen des Rudolf-Harbig-Stadions, sodass man schon annähernd für den Heimbereich hörbar werden konnte. Wenn man allerdings schon gehört wird, sollte man Besseres als „Wir hassen Ostdeutschland“ zu bieten haben. Ich persönlich hasse eine ganze Menge, beispielsweise leere Druckerpatronen, schales Bier, lange Blogartikel, schlechten Fußball, guten Fußball, mittelmäßigen Fußball und Fußball im Allgemeinen, wenn man verliert. Ich neige aber nicht dazu, dies alles kundzutun, während mein Team gerade im Begriff ist, sich einen nicht unbedingt hochverdienten Punkt zu erkämpfen. Und Deutschland hasse ich notfalls in allen vier Himmelsrichtungen.

Die zweite Hälfte brachte keine großen Highlights, mit Ausnahme des Schlusspfiffs. Recht entspannt konnte ich das Stadion verlassen, vorbei an einer eher aus Pflichtbewusstsein aufgestellten und reichlich gelangweilten Polizeikette, mitten unter die Dynamos. Was ich hörte, war kein Hass auf deutsche Himmelsrichtungen, sondern Respekt für den Gegner. Was ich hörte, war Kritik am eigenen Unvermögen, war kein Ärger, war nüchterne, faire Analyse. Muss man auch können.

Der Schlusspfiff des Spiels war somit auch Anpfiff für einen Abend in Dresden – endlich einmal ohne Druck, zeitig in Bus oder Shuttle oder Sonderzug einsteigen zu müssen, endlich einmal ohne verplanteste Abende in der Neustadt oder gar längere Aufenthalte in meinem nur allzu vertrauten Klinikum Friedrichstadt. Dies hier ist kein Ort für Architekturkritik und auch nicht für historische Schuld und Sühne, kein Ort für richtige und falsche Elbseiten oder Solidarfonds. Der lange Abend in Dresden hat insofern hier keinen Platz. Es sei nur eines zu bemerken: Dresden, ich mag dich. Aber sag es keinem weiter.

Und wer könnte das ernsthaft anders sehen?

Und wer könnte das ernsthaft anders sehen?

Am Sonntag sollte mich wiederum ein Fernbus pünktlich zum Berliner Südkreuz bringen, um Tennis Borussia beim FC Wilmersdorf zu bewundern. Das klappte. Halbwegs. Im zweiten Versuch und wesentlich teurer als gedacht, aber es klappte. Gepäck weg, Bier geholt, Caterer aus guten Gründen boykottiert, Spiel geschaut.

Wilmersdorf war erst vor wenigen Monaten der Abschluss einer langen lila-weißen Saison. Damals ein ordentliches Spiel auf schönem, sonnigen Platz, direkt zum Auftakt der Weltmeisterschaft. Diesmal ebenso. Fast exakt ebenso. Nur dass TeBe im Laufe der Sommerpause das Toreschießen lernte. Gerecht auf beide Halbzeiten verteilt, gelang somit ein souveräner Sieg und das Aufschließen zum tasmanischen Konkurrenten vom Werner-Seelenbinder-Sportpark.

Ob Juni, ob Oktober, das Bild bleibt gleich.

Ob Juni, ob Oktober, das Bild bleibt gleich.

Weiter ging es auf dem Hamburger Weg, der kurzzeitig über Sinsheim führte. Eine Leinwand, ein Fassbier, ein eher glor- als torreiches Unentschieden des künftigen deutschen Meisters gegen die SAP-Werkself, soweit die Zutaten. Insgesamt eher wenig erwähnenswert.

Am Montagabend aber sollte das Darben ein Ende haben. Der Magische FC gastierte im Dresden des Westens, im Hamburg des Südens, im München des Nordens, im Paderborn des Westwestens, im Berlin Nordrhein-Westfalens, bei der Fortuna der falschen Rheinseite, den Halbangstmachern von der Königsallee. Mehr als zwei Wochen Pause für beide Mannschaften, mehr als zwei Wochen Zeit für Prognose und Idee. Ein Punkt sollte möglichst her, das war wohl Konsens.

Hätte klappen können. Selbst sparte ich mir die Reise in dieses Modemekka und begnügte mich mit einem zumindest zeitweise brauchbaren Fernsehbild in der Astra-Stube Neukölln. Die, wie eventuell bereits erwähnt wurde, ein gar nicht so übler Ort ist, wenn man an Fußball und Bier interessiert ist.

Hätte jedenfalls klappen können. Die erste Hälfte begann stark, Alushi vergab eine relativ gigantische Chance. Einige Minuten später konnte Düsseldorf einen Ballverlust im Aufbauspiel nutzen, um über die verwaiste rechte Abwehrseite den Angriff zur Führung zu fahren. Soweit nicht unverdient, soweit aber auch nichts unmöglich.

Die zweite Halbzeit allerdings ging weiter, wie die erste endete. Ein unangenehmes Spiel gegen eine stark pressende, schnell fallende, viel meckernde und sehr viel Zeit habende Düsseldorfer Mannschaft. Eigentlich ein Spiel, an dessen Ende kaum 22 Spieler den Platz verlassen dürften. Sie taten es dennoch, seitens des Magischen FC teils erschreckend wehrlos, ohne Punkt in der Fremde zurück nach Hause. Wo sich am Samstag der Karlsruher SC die Ehre geben wird. Und da sollte es dringend ein wenig anders laufen.

Und nicht etwa so.

Und nicht etwa so.

Sonst haben wir ein Problem. Aber erzählt es keinem. /juli

Aber vorher geht es noch mal um TeBe

Meine Gedanken sind auf Montag gerichtet, wie es die von jedem Fan auf Entzug wären, würde sein Team an diesem unaussprechlichen Tag spielen. Keine Frage. Unterbrochen vielleicht durch ein paar Intermezzi (jaja!) wie dem Nachholspiel von TeBe am heutigen Abend in Köpenick oder auch meinem Besuch bei der einzigen Fortuna zum Gastspiel (jaja!) in Dresden. Unterbrochen sicherlich nicht durch irgendwelche allzu deutschen Mannschaften, die an irgendwelchen allzu deutschen Orten dieser Welt auf irgendeine allzu deutsche Weise völlig verkacken. Das kann man getrost ignorieren, und ein weiteres Wort hierzu wird man an dieser Stelle vergeblich nicht suchen.

Um die nervtötend laute Stille jener „Länderspielpausen“ zu füllen, gibt es schließlich Landespokale. Oder, um es mit TeBe zu sagen: Es gab sie.

Beginnen wir doch mit dem SV Babelsberg 03. Dem gelang es nämlich am Freitagabend, im sicherlich vernachlässigenswert schönen Luckenwalde, die dort beheimatete Sportmannschaft, deren Name mir soeben entfiel, mit 3:0 abzufertigen. Das bezeichnet man wohl als souverän. Souveränität, die man mit 03 grundsätzlich eher selten verbindet. Machte Hoffnung für den anstehenden lila-weißen Pokalauftritt bei Eintracht Mahlsdorf.

Ich persönlich wusste nicht, wo Mahlsdorf liegt. Um genau zu sein, weiß ich es bis heute nicht. Auch eine Auswärtsfahrt kann geographisch manchmal wenig hilfreich sein. Insbesondere, wenn man sich müht, sie zu vergessen.

Wir begannen daher für einen Sonntagmittag angemessen verkatert am östlichsten Rand meines Bewusstseins, dem S-Bahnhof Ostkreuz. Begrüßt von einigen Unentwegten, die wie ich selbst nach wie vor die angekündigte Uhrzeit von TeBe-Fantreffs für bare Münze nahmen. Ein Fehler möglicherweise, aber eine Chance zum Wachwerden.

Jenseits von Böse und Böser, jenseits von Lichtenberg und Biesdorf, erreichten wir unser Ziel. Zwischenziel. Freundlich begrüßte uns „Röschen’s Intimvitrine“, für meine Begriffe noch wesentlich freundlicher eine Bushaltestelle in Richtung Stadion. Linienbusauswärtsfahrten wären etwas, was mir fehlen würde, sollte TeBe endlich mal Gründe dafür liefern, dass es mir fehlen muss.

Und das ist auch schon alles, was ich über diesen Ort fotografisch zu sagen hätte.

Und das ist auch schon alles, was ich über diesen Ort fotografisch zu sagen hätte.

Der soziale Wohnungsbau in Mahlsdorf beschränkt sich im Wesentlichen vermutlich auf Garagen für jene, die nicht wissen, wo sie ihre Limousine abstellen wollen. Diejenigen, die bislang nicht von ihm profitierten, parkten den Sportplatz am Rosenhag zu. Was durchaus auch keine allzu schlechte Behandlung ist für ein Stadion mit Laufbahn und ohne Tribünen. Es sei immerhin zu erwähnen, dass der weit gereiste Fan für sein Steak im Brötchen bloß drei Euro bezahlte. Es sei denn, er reiste noch weiter bis zum nächsten Grill, wo er weitere fünfzig Cent sparte. In Mahlsdorf wird Engagement belohnt.

So war es, scheinbar, auch für TeBe. Raychouni lief, schon um sich die lange Anfahrt zu sparen, durch ganz Mahlsdorf und traf dann auch noch das Tor. Wie zuletzt bei der National… nein. Es war besser als etwaige Nationalmannschaften, ein episches Solo, das die TeBe-Fankurve vor Stolz oder Alkoholentzug oder beidem erzittern ließ. Somit stand nach der ersten Hälfte die erwünschte, erwartete, verdiente Führung im Cottbuser Westen zu Buche.

Kurz nach der Pause meldete sich Mahlsdorf zurück. Und nachdem TeBe diverse Großchancen vergeben hatte, konnte man dies relativ effektvoll mit dem Ausgleich zum 1:1 tun. Das Spiel kippte zusehends. Wo vorher lila-weiße Kurzpassstaffetten das Geschehen prägten, regierte nun das engagierte, kämpferische Spiel der Eintracht.

Folgerichtig ging der Gastgeber kurz vor Schluss in Führung und gab diese auch nicht mehr her, wenngleich TeBe in der Folge ein klarer Handelfmeter verweigert wurde. So setzte sich also das glanzlose Ausscheiden in frühen Phasen des Pokals gegen ebensowenig glanzvolle Gegner nahtlos fort.

Im Nachgang gab es noch Auseinandersetzungen mit der sicherlich höchst feierwilligen Heimmannschaft sowie einigen sicherlich höchst feierwilligen Heimmannschaftsfans, die es als Teil ihrer Feier ansahen, TeBe-Fans transphob zu beleidigen und körperlich zu bedrohen. Nun, es hat jeder eine andere Vorstellung von Spaß.

Und in so einem Fall weiß ich sehr gut, warum es im Zweifel immer noch mehr Spaß macht, bei den sportlichen Verlierern zu stehen. Steigt man halt stattdessen auf. /juli

Runde Sache

Wie schreibt man eigentlich über Fußball? Tja. Über dieser Frage brütete ich monatelang, panisch, kein Bein mehr auf die Erde bekommend oder doch mehr als je Beine habend. Am Ball vorbei, meist drüber, gelegentlich drunter, ihn selten treffend und dann meist schlecht. So entstehen Texte jedenfalls nicht. So steigt man auch nicht auf, das liegt sicherlich mit an mir.

Aber erklärt mir mal, wie denkt man eigentlich über Fußball? Gewonnen. Verloren. Eigentlich meistens verloren. Blöder Trainer. Blöder Trainer weg. Neuer Trainer da. Neuer Trainer toll. Neuer Trainer gewonnen. Neuer Trainer verloren. Neuer Trainer blöd. Neuer Trainer toll. Alter Trainer blöd. Alter Kader toll. Das klingt wie ein schlechter Neue-Deutsche-Welle-Song, nicht wahr? (Die Frage dahingestellt, ob es überhaupt gute gab.)

Ich persönlich denke über Fußball meist in exakt zwei Worten, die im Großen und Ganzen auch nicht wirklich Worte sind. Hin. Und: Da. Hin da!

Der Name dieses Blogs erinnert daran, dass für mich im Zweifel jedes Spiel ein Auswärtsspiel ist. Menschen, die die Autobahn zwischen Hamburg und Berlin auch nur einmal gesehen haben, werden mich voll und ganz verstehen. Kein Ort, an dem man seine Flitterwochen verbringen möchte. Falls man überhaupt Flitterwochen verbringen möchte. Ein Ort, den es zu überwinden gilt. Der Eiserne Vorhang des Magischen FC. Für mich persönlich jedenfalls, ganz bescheiden gesagt.

Wo wir schon bei „Eisern“ sind, können wir über den entsprechenden Gegner diverse Mutmaßungen anstellen. Sicher einer der angenehmeren Vereine aus dieser Region des Landes, bestimmt uns allen relativ wohlgesonnen. Blutsbrüder werden wir trotzdem nicht. Wer andere Menschen, wer Fans eines anderen Vereins als „Schädlinge“ bezeichnet wie gegen RB Leipzig geschehen, der kann sich meiner… gesunden Skepsis sicher sein. Also kein Freundschaftsspiel. Schade eigentlich, haben wir doch so selten.

Wäre dies ein Konzertbericht, ich würde die „Bratze-Beerdigung“ im Übel & Gefaehrlich höchst lobend erwähnen. So kann ich das leider nicht, weil meine Leser Input erwarten. Daher kann ich leider nur sagen, dass es vielleicht eins der besten Konzerte meines Lebens war, in einer Location, um die jede normal denkende Stadt dieser Welt Hamburg beneiden sollte. Reicht aber auch dazu.

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Erwacht von den viel zu Lebendigen zu den bloß Halblebendigen musste ich lediglich noch sieben Karten erwerben, um sechs davon loszuwerden, und schon konnte ich hungrig, verkatert und fernab der Heimat ins Stadion. Aus diesen Faktoren ein Erlebnis zu konstruieren, um das mich eigentlich die ganze Welt beneiden müsste, das schafft nur der magische FC.

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Und er fing ambitioniert an damit. Flanke, Budimir auf dem Weg zum Tor, Budimir gestoppt, Elfmeter. Rot. Kann man geben. Hätte ich jetzt nicht. Aber ich war ohnehin viel zu sehr damit beschäftigt, Jubel, Bierbecher, Kater und Zigarette in Einklang zu bringen, um dem Schiedsrichter hier zu widersprechen. Nöthe. Sicher. Tor. Kam mir ein wenig bekannt vor, kann man auch gerne weiterhin häufiger wiederholen.

Union rannte nun trotz Unterzahl an. Sofern „Anrennen“ bedeutet, dass man den Ball planlos nach vorne schlägt und dem Gastgeber das eigene Tor etwa so anbietet wie der Bierstand dem Fan ein neues Getränk. Die Chancen allerdings waren ähnlich exakt unter dem Eichstrich gezapft, und so ging es mit einer hochverdienten knappen Führung in die Pause.

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Nach etwa 65 Minuten wurde Lasse Sobiech von einem Gegenspieler in seiner Yogaübung gestört, indem dieser per Kopf versuchte, sein rechtwinklig gestrecktes Bein herabzuzwingen. Diese Unhöflichkeit wurde seitens des Schiedsrichtergespanns leider nicht geahndet, stattdessen wurde der meditierende Verteidiger verwarnt.

So verunsichert trat die gesamte Mannschaft des magischen FC in eine nur von gelegentlichen Sprints durchbrochene Sitzblockade ein. Was Gandhi nicht gelang, schaffte Marc Rzatkowski in der 73. Minute – die 2:0-Führung gegen inzwischen nicht mehr allzu imperialistische Unioner. Die sich folgerichtig auch nicht beschwerten, als der bislang ebenfalls recht friedlich gebliebene Philipp Tschauner kurz vor Schluss den Angriff zum verdienten 3:0 einleitete.

Ein verdienter Sieg vor dem heimischen Bunker, was will man mehr?

Beispielsweise – einen unverdienten, im höchst fremden südlichen Neukölln. Denn sofern man wieder nüchtern war oder sich jedenfalls wieder halbwegs geradeaus bewegen konnte, lockte in Rudow die Begegnung des örtlichen TSV gegen Tennis Borussia Berlin (von der virulenten Homolobby gerne auch als „TeBe“ bezeichnet).

Der TSV Rudow ist insbesondere wegen Christian Ziege bekannt. Der insbesondere wegen eines Schwarz-Rot-Gold-Iros bekannt ist. Was zum TSV Rudow passt, weil der neben Christian Ziege insbesondere wegen seiner Nazi-Fans bekannt ist. Die freuen sich jedes Jahr sehr auf das lila-weiße Gastspiel, weil sie dann zeigen können, wie sehr Nazi-Fan sie sind. Nehme ich an. Ich war noch nie Nazi-Fan.

Dementsprechend polizeilich gestaltete sich auch die Anreise. Der gemeine Rudower war im Prinzip pflegeleicht. Zwar scheißt er auf unsere bunte Welt, aber wir hatten rechtzeitig Zeitungspapier untergelegt. Ein Mittel, das man da gar nicht so gut kennt. Genau wie bunte Welten.

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Das Schlimmste, was man über dieses Spiel sagen kann, ist (neben dem Fakt, dass es in Rudow stattfand) die gesamte erste Halbzeit. TeBe wirkte etwas verkatert und der TSV Rudow entdeckte offenbar die Grenzen der faschistischen Ideologie.

In der zweiten Hälfte führte ein Blitzangriff des TSV zum Führer. Zur Führung. Aber so etwas kann man auch kontern. TeBe tat das nach etwa drei Minuten. Zehn Minuten später war Michael Fuß zur Stelle. Einer Stelle, die er im Nachhinein vermutlich nicht beschreiben könnte. Auf eine Weise, von der er im Nachhinein vermutlich keine Ahnung hat. Jedenfalls traf er. Zur Führung.

Und zum Sieg. Der Heimweg verlief erstaunlich ruhig, abgesehen von dem Hertha-Nachwuchs-Hooligan, der uns allen vermutlich in einigen Jahren ziemliche Probleme bereiten wird. Insbesondere dann, wenn er rausbekommt, wie man WordPress-Blogs zum Urheber zurückverfolgt.

Man kann nun mal nicht immer schreiben, das gebe ich zu. Aber wie wärs, wenn man öfter gewinnt? /juli

Rien ne va plus – oder sagen wir: All in!

Es war ruhig hier, keine Frage. Ruhig, weil es anderswo laut war. Draußen in der Welt. Fußball gibt es nach wie vor, habe ich mir sagen lassen. Fußball gibt es auch für mich. Und sogar der AFCON ruft wieder – Marokko 2015, ich werde dabei sein. Genauso dabei sein wird dieser Blog, auch wenn ich noch nicht weiß, wie. Zeit wird es jedenfalls, um endlich ein vor längerer Zeit gegebenes Versprechen wahr zu machen. Südafrika 2013, in voller Länge, im Director’s Cut, als komplettes pdf und als kompletter Artikel hier. Habt mit mir noch einmal eine gute Zeit, wenn ihr Lust habt. 22000 Wörter für 11000 Kilometer pures Leben, purer Fußball, pures Afrika, pures Glück. 22000 Wörter lang Gast sein. Los gehts. /juli

Prolog – On the road to Africa
Dies ist kein brandaktueller, aus der Hitze des Moments und des Landes eilig in die Welt gesendeter
Bericht. Es ist auch kein Resümee aus der Distanz. Keine trockene Zusammenfassung von Geschehnissen auf dem Rasen. Keine amüsante Anekdote aus einer anderen Welt. Keine Hinweissammlung, wie man Südafrika besser nicht bereisen sollte. Sondern, wie meistens im Leben, irgendetwas dazwischen.
Der Afrika-Cup 2013 ist Vergangenheit. Die Elf der südafrikanischen Gastgeber hat das Turnier im Viertelfinale verlassen, genauso die großen Favoriten von der Elfenbeinküste. Der Titelträger steht fest. Die Überraschungen sind keine mehr, weil längst jeder, den sie interessieren, von ihnen erfahren konnte. Was den bloßen Fußball angeht, stammt all dies aus einer anderen Zeit.
Jedoch: Es behandelt mein Erlebnis Afrika-Cup. Meine Eindrücke von diesem Turnier, mehr noch von diesem Land, diesem Kontinent und seinen Menschen. Dem, was sie trennt und zusammenführt. Von Dingen, die auf den ersten Blick nichts mit Fußball zu tun haben mögen, dennoch aber ohne den Fußball wohl nie geschehen wären – oder auf völlig andere Weise. Von Menschen, die sich ohne den Fußball wohl nie begegnet wären. Davon, wie man ohne Geld, Ahnung und Pläne ein so fernes Land bereist, getrieben vom puren Willen des Fanatischen.

Der sportliche Wert des Afrika-Cups ist, man muss es so sagen, eher überschaubar. Kein Vergleich mit der Leistungsdichte einer Europameisterschaft beispielsweise. Keine Champions League, allermeistens. Natürlich gibt es sie, die großen Stars. Ein Drogba, ein Adebayor, ein John Obi Mikel. Vereinzelte Botschafter des immer noch merkwürdig fremden afrikanischen Fußballs in Europa und anderswo. Leuchtende Sterne am trüben Nachthimmel geradezu. Ausnahmekönner, in diesem Umfeld noch viel mehr als bei ihren Vereinen. Propheten, die auch im eigenen Lande etwas gelten. Die gar ein bitterarmes Land wie den letzten Sieger Sambia wochenlang in Euphorie versetzen können, wenn es gut läuft. Oder beim Versuch grandios scheitern, wie dies dem ägyptischen Team seit Jahren mit beängstigender Konsequenz gelingt.

Da sind die Sternstunden. Eine sich gegen das drohende Vorrundenaus stemmende Bafana Bafana. Das erste Tor für Äthiophien nach 31 Jahren ohne eine einzige Qualifikation für das Turnier. Der Sieg eines gerechten Fußballgottes über einen südafrikanischen Schiedsrichter. Die Helden aus Burkina Faso. Da ist aber auch viel Tristesse. Ein torloser erster Spieltag im strömenden Regen von Johannesburg. Ein Didier Drogba weit über seinem Zenit. Wackelige Torhüter, Fehlpassfestivals, Zeitschinderei.
Aber geht es so sehr um das Geschehen auf dem Rasen? Die wirkliche Faszination entfaltet sich in den Stadtzentren der Spielorte, auf den Rängen der Stadien, in Hostels, an Raststätten und überall dort, wo Menschen im Zeichen dieses Afrika-Cups zusammenkommen. An einem Ort, wie er kaum passender sein könnte mit seiner so bewegten Geschichte, seiner Jahrzehnte währenden Isolation, endlich seinem friedlichen Weg in eine geeinte, gemeinsame Zukunft. Als wäre er ein Sinnbild für den gesamten Kontinent. Als würden sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Afrikas in diesen südafrikanischen Wochen treffen, um gemeinsam ein paar Bier zu trinken.

Johannesburg. Mbombela. Rustenburg. Durban. Port Elizabeth. Alle diese Orte der großen Entscheidungen und kleinen Dramen habe ich in viel zu kurzen 17 Tagen besucht und wurde dabei oft genug mit meinen eigenen Entscheidungen und Dramen konfrontiert. Ob ins äthiopische Stundenhotel oder mit auseinanderfallenden Sneakern 2900 Meter über den Meeresspiegel, ob in die düstere Innenstadt von Johannesburg oder an den sonnigen Strand von Durban – überall dorthin
führte mein Weg. Begleitet von Menschen, die ich an seinem Rande traf. Die mich über kürzere oder längere, sinnvolle und völlig absurde Strecken begleiteten. Und manchmal sogar zum Fußball. Ich bin mir sicher, das ist Stoff für eine ziemlich gute Geschichte. Schließlich war ich dabei.

Schauen wir mal, was in diesen zweieinhalb Wochen so passiert ist.

AMS, CAI, JNB, 18.01.2013 – Up in the air
Zu einer weiten Reise gehört immer ein möglichst dämlicher Reiseplan. Meiner führte mich zunächst mit dem großartigsten Bus Berlins, dem stets fast zuverlässigen M41, zum Hauptbahnhof. Dann ging es mit der hochgeschätzten Deutschen Bahn nach Amsterdam-Schiphol und von dort über Kairo nach Johannesburg. Egyptair. Eine Fluglinie, von der ich noch nie in meinem Leben gehört hatte. Alles in allem 28 Stunden, grob geschätzt. Um drei Uhr los, um acht ankommen. Ohne Adresse, ohne Namen, ohne Telefonnummer. Ohne Stadtplan. Dafür mit einem kleinen Zettel. Darauf notiert eine Air-France-Maschine, die meine Rettung vor der großen Verlorenheit auf O.R. Tambo International sein sollte. Das hat natürlich nicht funktioniert, jedenfalls nicht so. Aber beginnen wir doch klassisch – nämlich am Anfang.
Eine Rucksackreise sollte es werden, wie ich spontan zwei Tage vor dem Abflug beim Hochheben meines noch leeren Koffers entschieden hatte. Kein kleines Projekt für 17 Tage, jedenfalls wenn man Körperhygiene nicht völlig ablehnend gegenübersteht. Das tue ich trotz des diesbezüglich manchmal zweifelhaften Rufs von St.-Pauli-Fans nicht. Gelegentlich bereitet mir ein wenig Sauberkeit tatsächlich Freude. So auch in dieser unmöglich frühen, dunklen und kalten Stunde, in
der ich bereits bereute, nicht etwas mehr Kleingeld in einen Flug nach Amsterdam investiert zu haben, anstatt über Stunden die Schönheiten Niedersachsens aus einem Zugfenster bewundern zu dürfen. Die letzte Dusche für ungewisse Zeit. Den Rucksack geschultert, ein auf zahllosen Alpentouren erprobter Veteran, und ab dafür.
Das Planungschaos hatte seinen Anfang im November genommen, als mein gedachter Mitreisender mir erklärte, er müsse mich alleine fliegen lassen. Ich fand ein offenes Ohr und eine Unterkunft über Fans eines nicht näher zu nennenden Hamburger Stadtteilvereins. M. und T., auch von ihnen wird noch zu sprechen sein. Ewige Dankbarkeit war ihnen gewiss. Im Austausch hatten sie nun einen völlig ahnungs- und konzeptlosen Studenten am Hals, der sein eigenes Leben in Berlin gerade mal so in den Griff bekommt und trotzdem glaubt, in Südafrika zur Not auch alleine klarzukommen. Selbstüberschätzung kann eine Tugend sein. Ohne sie wären manche Dinge doch entschieden langweiliger.
Und ohne sie säße ich nicht in diesem Zug, auf dem Weg in ein völlig fremdes Land mit exotischer Sprache und absurden Sitten. Selbstverständlich rede ich von den Niederlanden. Der Flughafen Amsterdam zeichnet sich durch mehrere Dinge aus. Es gibt weltweit wohl keinen Airport mit mehr Verkaufsständen für Tulpen, Käse, Genever, Holzschuhe und Kleidungsstücke in Orange. Das klingt natürlich nach Klischee, dafür bin aber nicht ich verantwortlich. Es war die bloße, erbarmungslose Realität.
Außerdem verfügt er über eine gigantische Auswahl an niederländischer Weltliteratur. Glücklicherweise war ich bereits so vorzüglich wie passend versorgt mit einem satirisch angehauchten – vielleicht aber auch einfach nur sehr realistischen – Bericht über eine Reise nach Kenia. Außerdem mit einem nur in Holland erhältlichen Produkt eines allseits bekannten Burgerbratbetriebs als eher fragwürdigem Frühstück. Meinen Vegetarismus hatte ich für diese Reise beiseitegelegt, was man inkonsequent nennen kann oder realistisch. Mir im Prinzip auch egal. Ich nenne es einfach die Wahrheit.
Geldsummen über 10 000 Euro hatte ich zu meiner eigenen Enttäuschung und der des niederländischen Zöllners nicht dabei, dafür aber einen “oddsized” Rucksack. Trotz schicker Transportfolie. Begleitet von mäßiger Begeisterung seitens des zuständigen Personals schaffte er es dennoch ins Flugzeug, genau wie ich selbst. Nachdem ich die ausführlichen auf dem Monitor zu bewundernden arabischen Gebete und Sicherheitsanweisungen überstanden hatte, ging es tatsächlich los in hoffentlich wärmere Regionen dieser Welt. Gut vorbereitet mit einem ägyptischen Pfund in der Tasche, das mir ein niederländischer Sicherheitsbeamter aus völlig rätselhaften Gründen schenkte. Nun, man weiß nie, wofür man es brauchen kann.
Kairo. Metropole Arabiens. Weltkulturerbe. Und ein ziemlich runtergekommener Flughafen. Glücklicherweise mit ausreichend Gebetsräumen versehen, allerdings mit wesentlich weniger Duschen oder sauberen Toiletten. Nämlich gar keinen. Statt niederländischer Literatur belief sich das Lektüreangebot hier auf sämtliche Harry-Potter-Bände in arabischer Übersetzung. Alexandria würde sich im Grab umdrehen, hätten Bibliotheken Gräber. Dennoch: Hätte daneben ein Arabisch-
Wörterbuch gelegen, ich hätte angesichts der neun weiteren Stunden bis Johannesburg ernsthaft darüber nachgedacht. So behalf ich mir, völlig ohne Konjunktiv, mit einer Dose Sakara Gold für 5 Euro. Geschmacklich kam es den Produkten einer großen Bremer Brauerei nahe, die ich nicht eben zu den Dauergästen meines heimischen Kühlschrankes zähle. Jedenfalls präsentierte es sich insgesamt nicht als sonderlich guter Grund für eine Reise nach Kairo.
Allgemein fiel auf, dass ich mich auf einem recht alkoholhaltigen Flughafen befand. Im Gegensatz zu den Maschinen der von mir erwählten Fluglinie, die diesbezüglich ein wenig strenggläubiger ausgestattet sind. Mag sein, dass es gar nicht so schlecht ist, nüchtern in Johannesburg anzukommen. Beim Einschlafen wäre ein Glas Wein wohl trotzdem recht hilfreich gewesen, genau wie beim Ertragen des Unterhaltungsprogramms an Bord.
Hauptsache, es war und blieb alles planmäßig. Schließlich war nunmehr der Flugplan die einzige Konstante für die nächsten 17 Tage. Bei mir selbst lief es recht gut, trotz aller Horrorgeschichten, die ich von westeuropäischen Flughäfen und ihrem “Schneechaos” nun hörte und die meine Sorgen um das vereinbarte Treffen in Johannesburg nicht eben verringerten. Nun ja. Machen kann man da sowieso nichts, höhere Gewalt und Allahs Wille. Nach dieser beruhigenden Erkenntnis bestieg ich
den Metallgiganten, in dessen Innerem ich meine vorerst letzte Etappe bestreiten sollte. Wurde auch Zeit, dass es nach dermaßen viel Vorgeplänkel endlich losging. Ab in den Süden, wie es ein großer mallorquinischer Schriftsteller einst formulierte.

Johannesburg, 19.01.2013 – Das Spiel beginnt
Landeanflug auf O.R. Tambo. Sonnenschein, leicht bewölkt. Eine riesige Fläche aus Beton und Glas, Blech und Smog unter mir, den ganzen Horizont füllend. Das berüchtigte Zentrum des Landes, das Goldgräberparadies, der Stadt gewordene Problembezirk Südafrikas also. Meine Basis, mein Anlaufpunkt, mein Start für die ersten Tage im Land. Acht Stunden turbulenten Flug in Knochen und Armen und Beinen. Erstaunlich ausgeschlafen, drei Sitze für mich allein. Ein unerwarteter Komfort, im Gegensatz zum kaum so zu bezeichnenden Frühstück war das. Was will man erwarten, der Flugpreis war schließlich fast schon obszön niedrig für die Hauptreisesaison.
Gepäck, alles da. Zoll, ich doch nicht. Passkontrolle. Zweck meines Besuches? Na, der AFCON 2013. Mein Team? Natürlich Bafana Bafana, bevor noch Schusswaffen auf mich gerichtet werden. So wurde es dann auch höchst korrekt auf dem Einreisestempel vermerkt. Der wärmenden Vertrautheit von Egyptair entflohen, alleine auf einem fremden Flughafen, nicht exakt nachgemessene 8000 km von der Heimat entfernt. Aber da war ja der Zettel, meine Lebensversicherung. Flug 990 von Paris? Ah, drei Stunden Verspätung. So schnell werden aus vier Stunden Wartezeit sieben. Was will man machen?
Genau. Frühstücken, zur Not auch ein zweites Mal. Sich den Weg freikämpfen durch hunderte selbsternannte Officers, die letztlich doch alle nur Taxifahrer waren und mir zum Zeitvertreib Touren nach Soweto anboten. Nun, vorerst war dies nicht mein größter Wunsch. So naiv ich an diese Reise herangegangen sein mochte, von Soweto hatte man doch durchaus gehört. Heimat der Identität Johannesburgs, der beiden bekanntesten Fußballmannschaften des Landes. Und nicht allzu
vieler Weißer, vorsichtig formuliert. Abenteuer dieser Art sparte ich mir lieber für später auf. Sobald ich wenigstens das südafrikanische Englisch halbwegs verstand und nicht mehr Gefahr lief, schon als Fußgänger Opfer des Linksverkehrs zu werden.
Deswegen auf zu Wimpy. Eine der größten Imbissketten des Landes, was ich natürlich noch nicht wusste. 25 Rand für ein Frühstück, etwa zwei Euro also, erschienen mir aber recht angemessen.
Rührei, Boerewors (eine lokale Variante der Bratwurst), Bacon, Toast, Marmelade. Machte satt und dabei nicht gerade arm. Der Kaffee half mir da etwas weniger und machte leider nicht einmal ansatzweise wach. Zudem scheinen gegrillte Zwiebeln in Südafrika, folgt man der Speisekarte jenes Etablissements, nicht vegetarisch zu sein, was mir aber, wie angedeutet, vorerst egal sein sollte.
Man kann durchaus völlig ungeplant zwei Stunden an einem Flughafen verbringen. Dann in etwa kommt jedoch langsam der Moment, an dem man sich Gedanken über den weiteren Tag machen sollte. Ein Internetcafé erschien ein geeigneter Ort dafür. D., seines Zeichens Fan eines ehemals großen Pinneberger Vereins und die Vorhut unserer Reisegruppe Südafrika, hatte geschrieben. Wo M. verblieben war, wusste keiner so richtig. Sein Mitreisender T. allerdings schien die unglaubliche
Leistung vollbracht zu haben, von der ursprünglich französischen Fluglinie seiner Wahl auf das deutsche Flaggschiff des anspruchsvollen Flugreisenden umgebucht zu werden und sollte von unserem Gastgeber abgeholt werden. In… nun, in ziemlich genau zwei Minuten. Ein guter Grund, trotz eines recht beeindruckenden verbleibenden Guthabens überstürzt das Tor zur Onlinewelt zu verlassen und möglichst elegant Richtung Ankunftsbereich zu rennen. Was ich, die Situation
blitzschnell erfassend, demnach auch tat.
Ein St.-Pauli-Shirt ist in gewissen Gegenden der Welt ein gutes Erkennungszeichen, abgesehen davon, dass es in jeder Gegend der Welt eine sehr kleidsame Angelegenheit ist. Von einem Trikot der deutschen Nationalmannschaft möchte ich das persönlich nicht sagen. In diesem Fall aber bedeutete es einen Hoffnungsschimmer. Als Erkennungszeichen benutzt wurde es nämlich von unserem Gastgeber F.. Kurz darauf erblickten wir dann auch T., über verschlungene Wege tatsächlich aus seiner an den fernen Ufern der Ruhr gelegenen Heimat angekommen. Da unsere Anwesenheit am Flughafen somit ein wenig ihren Sinn und Reiz verlor, entschieden wir uns also zur Abfahrt.
Sandton, Woodmead. Eine halbe Weltreise vom Flughafen entfernt gelegen. Gehobene Mittelschicht, verbarrikadiert wie in einem Kriegsgebiet. Das sei nötig, wurde mir erklärt. Nato-Draht, Elektrozäune, ein bewachtes Tor. Falls man Südafrika für ein sozial recht ausgeglichenes und friedliches Land hielt, bitteschön, hier der Gegenbeweis. Das war aber, um ehrlich zu sein, für michkein entscheidender Gedanke in diesem Moment. Emotional kreiste ich eher um die Erwartung einer Dusche, einer Zahnbürste, derart simple Dinge.
Dies erledigt habend und wieder halbwegs menschlich wirkend und fühlend, stand wie aus dem Nichts eine Flasche Windhoek vor mir. Klingt namibisch, ist aber südafrikanisch. Brewed after the Reinheitsgebot. Oh, Heimat. Äußerst wohlschmeckende Heimat sogar, wenngleich der Mittag nicht meine bevorzugte Zeit für Bierkonsum ist. Aber dies hier war ja eine Auswärtsfahrt, gewissermaßen. Der Verbleib von M. blieb weiterhin etwas ungeklärt, irgendwo zwischen Frankreich und Johannesburg, aber D. drängte dennoch zur zeitigen Abfahrt Richtung Stadion.
Akkreditierung, Tickets, Journalistenzeug halt. Kann man machen, muss man als Vollprofi vielleicht auch. Bin mir da nicht ganz sicher, meine Professionalität in derartigen Dingen ist traditionell eher begrenzt.
Die Wolken wurden dichter. Am Flughafen hatte ich in der Zeitung noch eine fast panische Warnung vor sintflutartigen Regenfällen pünktlich zum Eröffnungsspiel gelesen. Konnte ich mir nicht so richtig vorstellen, war doch gerade dem europäischen Schnee entronnen und fühlte mich abei rund 25 Grad bezüglich des Wetters eigentlich momentan recht gut versorgt.
Die Polizeikontrolle gab einen ersten Vorgeschmack auf den südafrikanischen Begriff von Effektivität. Laut Lonely Planet bedeutet “Just now” in der lokalen Mundart “Soon”. Das kam ziemlich gut hin. Keinen Parkschein zu haben, bedeutete mehrere Kilometer Fußweg zum Stadion.

Natürlich konnte man den Parkschein nicht vor Ort kaufen. Dies bedurfte offenbar ausführlicher Erläuterungen, wodurch die Wagenkolonne hinter uns wuchs und wuchs. Als wie üblich perfekt organisierter Deutscher war man natürlich mit dem entsprechenden Schein versehen. Nach längerem Warten konnten wir also tatsächlich unseren luxuriösen Parkplatz aufsuchen und uns im Geiste für die vorausschauende Eile unseres journalistischen Begleiters bedanken. Es gibt fraglos
Situationen, in denen es von Vorteil sein kann, bereits Erfahrungen mit den Gepflogenheiten bestimmter Regionen gesammelt zu haben.
Während Gastgeber F. und Ruhrpottler T. am Auto und der dort befindlichen mit einer reichlichen Getränkeauswahl gefüllten Kühlbox verblieben, suchten Medienmensch D. und meine Wenigkeit das Akkreditierungszentrum auf. Das natürlich nicht ausgeschildert war und selbstverständlich auf der exakt gegenüberliegenden Seite des Stadions lag, wie mehrere Nachfragen bei so zahlreichen wie verwirrten Volunteers ergaben, deren Hauptziel es zu sein schien, den Fragenden an einen von ihnen selbst möglichst weit entfernten Punkt zu schicken. Kann man verstehen, funktionierte auch
ganz gut.
Was nicht so gut zu funktionieren schien, war die Akkreditierung selbst – zu dieser Erkenntnis kam ich jedenfalls nach einer knappen Stunde des Wartens und Fotografierens im plötzlich strömenden Regen. Ein hervorragender Grund, verwirrt und mäßig panisch (weil natürlich weiterhin nur sehr eingeschränkt mit Handynummern ausgestattet) mehrfach um das Stadion zu rennen. Ohne vor den nicht endenden Wassermassen geschützt zu sein, selbstverständlich. Südafrikanische Stadien neigen nicht unbedingt zu angenehm gestalteten Eingangsbereichen, sollte ich nunmehr zum ersten Mal feststellen. Erst recht nicht zu derart exotischen Dingen wie einem Getränke- oder Essensverkauf außerhalb des Stadions selbst. Obwohl mir beides zunehmend gut getan hätte.
Erfolgreich diversen völlig widersprüchlichen Tipps der Ordner gefolgt, betrat ich das Sperrgebiet Stadionvorplatz. Man sollte den Regen als ein Geschenk Gottes betrachten, so der wohl hilfreichste Hinweis. Wäre nett gewesen, hätte er mir passende Kleidung dazu geschenkt. Vorerst begnügte ich mich aber mit den beiden Autoflüchtlingen T. und F. sowie einem so kalten wie günstigen Bier. Castle Lite ist, aller Logik zum Trotz, keineswegs ein Leichtbier. Ganz gut so. D. war inzwischen
auch wieder aufgetaucht, der Eröffnungsfeier stand also nichts im Wege. Gegen meine Kamera plus zwei Objektive hatte auch niemand was. Es war angerichtet.
Eine in ihrer Botschaft etwas verwirrende Show, die mit Pappmachémauern, Riesen, auf recht klischeehafte Art sehr afrikanisch gekleideten Tänzern und Trampolinspringern zu tun hatte. Mauern mit Aufschriften wie „Rassismus“ wurden eingerissen, soweit ganz gut. Ein klein wenig überraschend, dass das Pappmaché dem Regen standhielt. Nicht aber den heldenhaften Tänzern, Befreiern, Riesen. Irgendwann war das ganze Zeug also abgeräumt – begleitet von im Vergleich zu
europäischen Turnieren durchaus angenehmer Musik – und das Grün des Rasens von Soccer City leuchtete mir endlich entgegen.
Ich begab mich zu meinem Platz. Beste Kategorie, selbstverständlich. Kann man für etwa 10 Euro schon mal machen. Zwei Spiele, wohlgemerkt. Zudem neben dem Finale das mit Abstand teuerste Ticket des gesamten Turniers. Ich bin mir recht sicher, auch in der sechstklassigen Berlin-Liga durchaus bereits mehr gezahlt zu haben, obwohl dort Stadien vom Format eines Soccer City eher nicht der Regelfall sind. Vielleicht ja auch genau deswegen.
Jene beste Kategorie zeichnete sich einerseits durch hervorragende Sicht aus, andererseits durch völlig fehlende Überdachung. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, extra für die WM 2010 ein hochmodernes 90 000-Plätze-Stadion zu errichten und sodann die gedachte Elite der Weltbevölkerung im Regen sitzen zu lassen. Ironie – oder aber architektonische Leistungen einer Art, wie sie mir aus Berlin schließlich zu Genüge bekannt war. Durchnässt war ich sowieso schon, die Kamera sowie wenigstens ein Objektiv wettergeschützt, also letztlich auch kein Grund mehr zu größerer Aufregung. Einmal abgesehen davon, dass auch meine Aufregung wohl niemanden dazu gebracht hätte, spontan ein Dach zu errichten.
Zehntausende Vuvuzelas, Gesänge, Musik. Eine Begeisterung schon vor dem Spiel, wie ich sie bisher nie erlebt hatte. Einlauf der Mannschaften aus Südafrika sowie der Kapverden, die sich erstmals qualifiziert und dabei Kamerun die Reise zum Turnier erspart hatten. Unglaubliche Lautstärke. Kein Hass, keine Feindschaft. Bloße Vorfreude auf das Spiel, auf den Afrika-Cup, auf dieses Großereignis für Land und Kontinent. Feel the beat at Africa’s feet, so der Slogan. Ja, ich konnte ihn fühlen, bereits jetzt, ganz zu Beginn.
Das Spiel, leider, passte sich nicht der Unterstützung der Fans an, sondern eher dem Wetter. Trüb, unterkühlt, unangenehm. Fotografisch blieb davon wenig, weil es schlicht an fotografierenswerten Szenen völlig fehlte. Und nebenbei mein Teleobjektiv selbstverständlich nicht wettergeschützt war. Fußball wiederum mit einem Weitwinkel zu fotografieren, bringt einen eher eingeschränkten Spaßfaktor, sofern man nicht selbst mit auf dem Platz steht. Und vermutlich auch dann.
Ein Fotograf auf dem Platz hätte hier an diesem Abend allerdings niemanden groß gestört, sofern er sich in der Nähe der Strafräume aufgehalten hätte. Dahin nämlich wollte ohnehin niemand. So begann das Turnier unwürdig mit einem torlosen Unentschieden im strömenden Regen von Johannesburg. Eine Enttäuschung für die Gastgeber – die sich auch darin äußerte, dass trotz des danach noch anstehenden Krachers Angola gegen Marokko die Menschen das Stadion scharenweise bereits vor Abpfiff verließen. Dies ist also beileibe kein Phänomen der Haupttribüne am Millerntor.
Zugegeben, die Überlegung, das zweite Spiel doch lieber lediglich im Warmen vor dem Fernseher zu verfolgen, existierte auch bei uns. Schon angesichts der Tatsache, dass jeder von uns in etwa so ungeschützt und durchnässt wie der Rasen war, wir im Gegensatz zu diesem jedoch über keine Drainage verfügten. D. aber wehrte sich vehement, ich selbst nach einiger Überlegung auch. Man ist ja nicht zum Spaß hierher geflogen, so ein Turnier bedeutet harte, entbehrungsreiche Arbeit.
Genauso hart und entbehrungsreich wie der Versuch, etwas zu essen zu bekommen. Bei einem ausverkauften Stadion etwa die Hälfte der Kioske geschlossen zu lassen, entsprach wohl einer sehr südafrikanischen Form von Logik. Nach einer knappen Stunde Wartezeit fand sich dann tatsächlich etwas Essbares mit gewisser Ähnlichkeit zu einem Hot-Dog an. Dessen Geschmack war zu vernachlässigen, was ich auch konsequent tat. Er war immerhin lauwarm. Und magenfüllend. Man muss Prioritäten setzen.
Bier gab es nicht mehr. Passiert bei Amateurvereinen gelegentlich, passiert offenbar also auch bei einer Großveranstaltung in einem hochmodernen Stadion. Vielleicht aber auch ganz gut, langsam wäre ohnehin eher Glühwein das Getränk meiner Wahl gewesen. Auch einem Käsefondue hätte ich beispielsweise nunmehr nicht unbedingt ablehnend gegenübergestanden, während ich bereits überlegte, ob meine Weihnachtseinkäufe schon erledigt waren.
Das zweite Spiel jedenfalls konnte mich nicht sonderlich erwärmen. Marokko blieb ohne jeden Anschein von Torgefahr. Angola kam nicht einmal in konkrete Gefahr, auch nur einen halbwegs gezielten Pass zu spielen, sofern es nicht die vom Trainer ausgegebene Devise gewesen sein sollte, den Gegner durch überraschende Ballgewinne zu verwirren. Was durchaus nicht undenkbar ist.
Überdacht saß ich jetzt, immerhin. Im fast völlig verwaisten Oberrang, der mir nun lieber war als jeder angebliche Luxussitzplatz. Es ging die Legende, auch M. sei inzwischen im Stadion angekommen, auf verschlungenen Wegen aus Hamburg angereist. Eine Sache, mit der man sich wohl später noch beschäftigen sollte. Zunächst galt es, die zweite Halbzeit dieses vermeintlichen Fußballspiels zu ertragen.
Auch die war irgendwann vorbei. 0:0. Es mag sich nun die Frage stellen, ob das Aufstellen der Tore im Zuge der grandiosen Eröffnungsfeier vergessen wurde. Tatsächlich standen bei beiden Spielen jeweils zwei davon auf dem Platz, ihnen wurde aber von keiner Mannschaft größere Wichtigkeit beigemessen. Über die sportliche Qualität dieses ersten Spieltags sollte man kein weiteres Wort verlieren. Immerhin gab es noch begrenzte Hoffnung, irgendwann in den nächsten Tagen einen
Torschuss oder gar ein Tor mitzuerleben.

M. stand am Stadiontor, gemeinsam mit zwei jüngeren Südafrikanern und einem Österreicher. Seines Zeichens Fan des Grazer AK, was für Fußballsoziologen interessant sein mag, für diese Geschichte aber keine allzu große Rolle mehr spielen sollte. Ganz im Gegensatz zu dem Österreicher selbst. Ich möchte an dieser Stelle aber nicht vorgreifen. Insgesamt also eine Person zu viel für das Auto, glücklicherweise gab es ein zweites. Das allerdings nicht mit dem eingangs erwähnten Parkschein versehen war, was die eingangs erwähnten Folgen hatte. Für uns eine längere Wartezeit, für die anderen einen längeren Fußweg. Für die beiden Südafrikaner, die laut M. zu seiner Überraschung nicht ein einziges Mal versucht hatten, einen von ihnen auszurauben, einen Heimweg per Bus zurück in die City.
Für den Österreicher hatte dies wiederum einen unverhofften Übernachtungsplatz zur Folge, da er M. mit seinem Mietwagen den Fängen von O.R. Tambo entrissen hatte und ein derart selbstloser Einsatz natürlich belohnt werden muss. In Kolonne ging es also wieder in die Rückzugsgebiete der wohlhabenderen Menschen dieser Stadt, von der ich bis hierhin eigentlich überhaupt nichts gesehen hatte.
Bei einem Bier, über Landkarten, Broschüren, Tickets und Reiseführer gebeugt, beendeten wir diesen langen ersten Tag. Es wartete tatsächlich so etwas wie ein Bett auf mich, ein nahezu vergessenes Wort. Die Welt konnte mir jetzt erst einmal völlig egal sein. Genau wie miese Fußballspiele. Oder die Kälte, der Regen.
Ich hustete.

Johannesburg, 20.01.2013 – Das Braai vor dem Sturm
Ich hustete wieder. Und wachte auf. Oder umgekehrt. Gesund klang das nicht. Immerhin lachte mir die Sonne von Johannesburg endlich wieder aus dem Fenster entgegen. Eigentlich, bis auf diesen ärgerlichen Husten, fühlte ich mich höchst erholt. Sollte etwa der Teil meines Aufenthalts beginnen, den man als Urlaub bezeichnen kann? War das Wort „Urlaub“ überhaupt ein Bestandteil meiner Reise oder doch bloß eine Illusion, der ich mich wegen ein paar Sonnenstrahlen hingab, die aber auf den langen Wegen durch dieses Turnier kaum haltbar sein sollte?
Die Weichen für ein wenig Entspannung jedenfalls waren gestellt. Heute kein Stadion, stattdessen stand ein Braai auf dem Plan, gemeinsam mit ein paar anderen deutschen Groundhoppern. Die lokale Variante des Barbecue. Vor dem Braai aber kommt das Frühstück. So traten also Gastgeber F. und seine Frau P. sowie die nunmehr endlich vollständige Reisegruppe Braun-Weiß den langen Weg durch die umzäunte Wohnsiedlung an, hinauf zum News Cafe. Eine große Kette, wiederum. Wasich natürlich wiederum nicht wusste.
Meine Wahl fiel auf ein Burenfrühstück. Nicht aus Gründen meiner Hautfarbe, eher aus Gründen meines durch den gestrigen Hot-Dog eher noch gewachsenen Hungers. Boerewors, erneut. Baked Beans, Speck, Pommes Frites (eine recht übliche Ergänzung zu jeder afrikanischen Mahlzeit, soviel hatte ich bereits gelernt). Zur Dekoration ein wenig Grün, das möglicherweise sogar essbar gewesen sein mag. So konnte man es aushalten, über den Preis musste man wie üblich nicht wirklich reden.
Bis hierher lief es noch ganz gut – aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung. So der großartige Film La Haine, passenderweise ein Film über französische Banlieues. Gewisse Wahrheiten gelten dennoch auch in Wohnquartiers der gehobenen Mittelschicht, zumindest außerhalb Frankreichs.
Und gegen eins helfen alle Umzäunungen und Wachtposten nicht, niemals und nirgendwo. Regen. Es ging wieder los. Wir hatten also keine Wahl – Bier bestellen gegen Mittag. Sicherlich eine grandiose Idee. Drei Stück pro Person vernichteten wir, ohne mit der Wimper zu zucken. Dann kam die Sonne wieder durch. Nennt sich wohl Frühschoppen und war bisher keine meiner Angewohnheiten, aber man war ja auf Reisen. Sollte man nur grundsätzlich wohl eher nicht täglich
machen, schätze ich.
Also zurück in unsere Operationsbasis. Planen, Organisieren, Fotos sichten. Mein etwas wirrer Reiseplan hatte bisher den Schwerpunkt auf Port Elizabeth mit zwei Besuchen dort und zwischendurch ständiger Fahrerei nach Durban. Er las sich ein wenig so, als hätte ich ihn während eines Frühschoppens zusammengestellt, was ich angesichts der zahlreichen Abschiedsrituale im Vorfeld meiner Abreise auch nicht vollends ausschließen konnte. Kollege D. hingegen, der sich am
Frühstück wegen Journalistenzeugs nicht beteiligt hatte, war nüchterner und überdies einen Schritt weiter. Wie geplant sollte es zunächst nach Rustenburg und Mbombela gehen, was einer gewissen geographischen Logik nicht entbehrte. Danach dann wie geplant nach Durban, aber ohne die von mir favorisierten absurden Zwischenstopps in Port Elizabeth. Sechs Tage vor Ort, mit Abstecher nach Lesotho. Den Rest hinterherschieben, vielleicht tatsächlich noch nach Cape Town.
Das klang selbstverständlich verwirrend. Um ehrlich zu sein, konnte ich mir die Details dieser Planung während der gesamten Reise selten länger als fünf Minuten merken. Aber dafür hatte man ja Menschen mit Ahnung und geringerem Bierkonsum dabei.
Nach dieser Heldentat trafen langsam die anderen Gäste ein. St. Pauli, 1860 München, Arminia Hannover. Eine illustre Runde, und selbstverständlich hatte jeder mit jedem gemeinsame Bekannte. Fußballdeutschland an sich mag schon keine allzu große Welt sein, die wirklich Verrückten sind noch von deutlich geringerer Zahl. Wir kamen nun zum zentralen Aspekt dieses Tages: Fleisch.
Sollte man noch einmal über meinen theoretischen Vegetarismus reden? Nein, wirklich nicht. Nicht für diese 17 Tage. Nicht bei so überragendem Geschmack, bei einer solchen Auswahl. Verzicht sollte nicht Selbstqual bedeuten, schätze ich. Dass man in Südafrika alles grillt, was nicht schnell genug wegläuft (und alles andere auch, sofern sich die Gelegenheit ergibt), wusste ich vorher. Dass Grillen eine nette Angelegenheit ist, auch. Pure Lebenserfahrung. Dieses Braai gehörte aber fraglos zu den besten Essen, die mir in den letzten Jahren vergönnt waren.
Es endete mit Fußball, ein wenig davon zumindest. Natürlich mussten wir wenigstens teilweise das Norddeutschland-Franken-Derby des ehemals großen Hamburger Vorstadtvereins gegen Nürnberg ertragen. Über das Ergebnis ist an dieser Stelle nicht zu berichten.Provinzfußball ist schließlich nicht mein Thema. Hinzu kam ein wenig Afrika-Cup, schon aus Pflichtgefühl. Ghana spielte gegen den Kongo, zudem Mali gegen Niger, beides fand statt in Port Elizabeth. Das Unfassbare geschah, es fielen Tore. Natürlich für uns nur im Fernsehen, auch wenn D. kurz mit dem Gedanken eines spontanen Fluges Richtung Port Elizabeth geliebäugelt hatte, ich ihn aber vermittels einiger freundlicher Drohungen davon abbringen konnte. Einige Tore waren es sogar. Der Kongo errang ein 2:2 gegen die deutlich favorisierten Ghanaer, Mali setzte sich knapp, aber nicht unerwartet mit 1:0 gegen den Niger durch. Ein in dieser Hinsicht doch deutlich unterhaltsamerer Tag war das als der vorige, sportlich durchaus ansehnliche Leistungen aller Teams.
Gastgeber F. bot mir noch eine Tablette gegen mein inzwischen nicht mehr zu ignorierendes Fieber, die Kopfschmerzen und den Husten an, den ich mir in diesem hochsommerlichen Land zugezogen hatte. Ich nahm dankend an und beendete meinen Tag im Vertrauen auf die Wirkkraft südafrikanischer Pharmazeutika. Große Herausforderungen standen nach dieser letzten Atempause an. Morgen also Mbombela, übermorgen Rustenburg. Und dann ging es für uns endgültig weg aus
der Sicherheit des Johannesburger Wohnquartiers, hinaus in die weite Welt.
Ich war bereit. Sofern die Tablette auch wirkte.

Mbombela, 21.01.2013 – Der lange Weg nach Nelspruit
Wach werden, das ist oft ein großer Plan. Wie so oft war dies leichter gedacht als getan. Das Fieber vorbei, die Kopfschmerzen auch. Der Husten nicht. Schienen trotzdem recht wirksame Medikamente zu sein. Heute also Spielort Nummer zwei. Mbombela, vormals bekannt als Nelspruit. Der neue Name der Stadt bedeutet “viele Menschen an einem kleinen Ort”. Durchaus auch nicht völlig unpassend für unsere Unterkunft hier in Johannesburg.
Dies also der erste Teil des heute bevorstehenden Abenteuers. Teil zwei war mein weiterhin fragwürdiger Gesundheitszustand, natürlich. Hinzu kam, dass ich bisher für keines der folgenden Spiele ein Ticket in der Hand hatte. Lediglich eine Quittung für meine Vorbestellung, von der ich bisher nur erfahren hatte, man könne sie am Stadion sowie in jedem Spar-Markt einlösen. Nun gut, immerhin eine klare Aussage. Klang nach perfekter, sinnvoller Organisation.
Was zudem fehlte, war ein Zug. Der Zug, der mich selbst in Begleitung des österreichischen sowie des rautentragenden Teils unserer Reisegruppe am Abend des folgenden Tages Richtung Durban bringen sollte. Ein Sonderzug, freundlicherweise eingerichtet für die verschlungenen Wege der Fußballfans durch das Land. So war es angekündigt, so war es in unserem Plan.
Gastgeber F. widerlegte meine Annahme, Südafrika sei ein Land der bloßen Freizeit, und konnte sich uns diesmal aus beruflichen Gründen nicht anschließen. Also ging es für D. sowie unsere braun-weiße Dreipersonenhorde zunächst Richtung Sandton, den Mietwagen abholen. Ein wenig erschwert wurde uns dies durch die interessante Wegführung in der dortigen Station, die aus zwei unterschiedlichen Aufzügen mit völlig anderen Zielen, diversen verwirrenden Rolltreppen, nicht vorhandener Ausschilderung und einer wiederum lediglich über eine ganz andere Treppe erreichbaren Parkebene bestand. Im Prinzip also recht sinnvoll, sofern man das Konzept dahinter versteht. Dafür aber hatten wir bedauerlicherweise keine Zeit.
Das nächste Ziel nämlich war die Park Station, mitten in der Johannesburger City. Die auch zu dieser Zeit nicht von sonderlich vielen Weißen bevölkert war, nach meiner Zählung exakt vier. Von denen zwei vor mir saßen, einer neben mir und einer überraschenderweise auf meinem eigenen Platz. Ein merkwürdiges und für mich fast vergessenes Gefühl, als wohlhabender Westeuropäer derart in der Minderheit zu sein. Mir bisher eigentlich nur bekannt aus meiner Neuköllner Heimat.
Johannesburg ist insgesamt keine reiche Stadt, jedenfalls nicht im Zentrum. Das merkte man. Internetcafés, Liquor Stores, leicht zweifelhafte Bars reihten sich aneinander. Straßenhändler überall, ein gigantisches Angebot von 32-GB-USB-Sticks an jeder Ampel. Die Park Station. Bewachter Parkplatz, besser ist das. Wiederum völlig fehlende Beschilderung, weil man seinen eigenen Weg schließlich selbst kennen sollte. T. machte sich auf, eine Gold Card für den Johannesburger Nahverkehr zu besorgen. Hierüber wird noch zu reden sein, an einem völlig anderen Ort und zu völlig anderer Zeit.
D. und meine Wenigkeit hingegen begaben sich letztlich erfolgreich auf die lange Suche nach dem Büro des Shosholoza Meyl, des großen südafrikanischen Fernzugs, das hinter diversen Gittern und recht sinnfreien Absperrungen auch tatsächlich existierte und sogar geöffnet war. Was nicht existierte, war unser Zug, jedenfalls wusste hier keiner davon. Nicht einmal die eilig einberufene Göttin der Fernverkehrszüge und ihr allwissender, aus dem letzten Jahrhundert stammender
Computer konnten uns behilflich sein. Das schrie nach einer Planänderung. Nun, dafür würde sich schon noch Zeit ergeben. Langsam aber war es der Ruf des Mbombela-Stadions, den wir besser nicht mehr allzu lange ignorieren sollten.
Die Straßen recht voll, nur langsam kamen wir voran. Das bekam ich selbst aber ohnehin immer weniger mit, denn immer wieder übermannte mich meine rätselhafte Müdigkeit. Es gibt auch in Deutschland Wochenenden, an denen ich den besten Teil meines Schlafes im Auto auf langen Auswärtsfahrten bekomme. Dies geschieht allerdings üblicherweise dann eher auf der Rückfahrt und nicht bereits drei Stunden nach dem Aufstehen.
An der Raststätte Ultra City (wiederum eine Kette, was ich wiederum nicht wusste und mich deswegen einfach nur über den Namen freute) erfuhren wir den Grund für das langsame Vorankommen. Eine äthiopische Völkerwanderung schickte sich an, ihr zum ersten Mal seit 31 Jahren wieder qualifiziertes Team nach Nelspruit zu begleiten. Hunderte Menschen in riesiger
Vorfreude. Gleichsam die Stadt der äthiopischen Ultras also. Eine großartige, fröhliche und absolut friedliche Stimmung. Ob ich mir so etwas bei Länderspielen europäischer Mannschaften vorstellen kann, dazu äußere ich mich vorerst nicht. Es war jedenfalls schon hier, deutlich über hundert Kilometer vor Nelspruit, überwältigend.
Nunmehr kam der Punkt, an dem sich unsere Wege trennen sollten. T. und M. begaben sich auf den Weg in Richtung ihres Hostels, von dem aus sie erst am nächsten Morgen die Rückreise nach Johannesburg antreten wollten. Da D. und ich selbst es bevorzugten, uns diese Übernachtung zu sparen und am Abend nach dem Spiel zurückzufahren, stiegen wir an der Autobahn aus. Nachdem ich wieder wach war. Mit leichtem Gepäck, ohne derart überschätzte Dinge wie Sonnencreme,
schließlich war das Stadion bereits in Sichtweite.

Die ebenfalls anwesende Polizei jedoch riet uns freundlich und insbesondere sehr überzeugend, nicht die Böschung zu erklimmen, um den direkten Weg zum Stadion einzuschlagen. Stattdessen wurde uns erlaubt, etwa eine halbe Stunde zwischen der Autobahn und so umfangreichen wie überflüssig wirkenden Zaunanlagen zu verbringen, um dann in einer Kurve um ein Gebiet von etwa der Größe Bayerns Richtung Spielort zu gelangen. Auch den Bus solle man auf keinen Fall nutzen, wobei ohnehin nicht einmal am Horizont etwas Busähnliches sichtbar war.
Wir überquerten den Fluss mit dem motivierenden Namen Crocodile River, liefen (sofern man meine Fortbewegungsart noch als Laufen bezeichnen konnte) durch einen Kanal und begingen sodann zivilen Ungehorsam. Als die Absurdität der umgebenden Zäune jedes erträgliche Maß überstieg, taten wir selbiges mit einem von ihnen und fanden uns auf Bahngleisen wieder. Südafrikanische Bahngleise sind für Fußgänger ein etwa so gefährlicher Ort wie Gleisanlagen der
Berliner S-Bahn im Winter. Zumindest schien mir nicht einmal im Ansatz die Möglichkeit zu bestehen, hier könne ein Zug fahren. Existierte doch ein großer Teil der hiesigen Züge, wie heute morgen in Johannesburg erfahren, ohnehin nur auf jenem Papier, auf dem die Confederation of African Football ihre großen Ankündigungen zu machen pflegte.

So war es auch diesmal. In einem zumindest physisch nicht allzu überfahrenen Zustand setzten wir an einer ebenfalls äthiopisch belagerten Tankstelle vorbei unseren Weg zum Stadion fort. Nach vielleicht knappen zwei Stunden ohne jeglichen Schatten, müdigkeitsbedingt schaute ich nicht auf die Uhr, kamen wir auch tatsächlich dort an. Wir passierten die einer Gefängniskolonie ähnelnde Akkreditierungsstelle, deren Zufahrtsweg soeben von diversen Baumaschinen für den Ansturm der westlichen Presse geebnet wurde. Südafrikanische Pünktlichkeit drei Stunden vor Spielbeginn.
Selbstverständlich war der Eingang, den wir nun erreichten, keinesfalls der richtige. Der erste Eingang ist grundsätzlich und immer in diesem Land auf keinen Fall der richtige, ob dies nun Sinn ergibt oder nicht. Wolken gab es in für südafrikanische Verhältnisse völlig ausreichender Menge, genau wie Getränkestände vor dem Stadion. Keine.
Der offenbar richtige Eingang lag keineswegs links oder rechts von uns, sondern wenig überraschend exakt gegenüber, was weitere 20 Minuten unterhaltsamen Fußweges fernab jeder Zivilisation verhieß. Einen Ort, an der ich meine Quittung gegen Tickets hätte eintauschen können, gab es nirgendwo. D. hatte hier natürlich mit seiner Akkreditierung ein wenig geringere Sorgen und ich erlaubte ihm deswegen großzügigerweise, das Stadion vor mir zu betreten.
Dann trat ich meinen nächsten langen Weg an. Laut einigen der Ordner am Medien-Gate sowie einer knappen Mehrheit der befragten Volunteers befand sich der Collection Point für die Tickets auf der gegenüberliegenden Seite des Stadions. Diese und den Weg dorthin kannte ich nun ja immerhin schon. Es sei aber bereits jetzt erwähnt, dass ich während des gesamten Turniers nirgendwo einen Stand wie den versprochenen namens “Collection Point” erblicken durfte. Was die Wahrscheinlichkeit ein wenig erhöht, dass diese so benannte Stelle lediglich der Fantasie jener Volunteers entsprang, die offenbar über ein kollektives Gedächtnis verfügten, ein sehr dialektisch denkendes zumal.
Nachdem ich mich an sämtlichen Gates darüber informiert hatte, dass dieser Ort am jeweils exakt gegenüberliegenden Punkt des Stadions sei, wurde ich langsam noch ein wenig müder, als dies ohnehin der Fall war. Mit einer Mischung aus Beleidigungen gegenüber den Organisatoren, eigenen körperlichen Leidensgeschichten und europäischer Wichtigkeitsillusion, vorgetragen in einer möglichst schnellen Abfolge mehr oder weniger englischer Wörter, kehrte ich zum Ordner am Medien-Gate zurück. Diese Taktik sollte insgesamt und bei allen Spielen immer die effektivste sein, wenn es wirklich nötig wurde. Auch hier überzeugte sie den Ordner von meinem Willen, das Spiel zu sehen. Dass ich einen Ausdruck dabei hatte, auf dem das Datum und der Ort des Spiels vermerkt waren, diente ihm als zusätzliches Indiz, dass es wohl kein größerer Fehler sei, mich ins Stadion zu lassen.
Auch hier war Äthiopien deutlich in der Mehrheit, Titelträger Sambia nur vereinzelt vertreten. Besonders auffällig eine große Gruppe von Äthiopiern mit weißer Kopfbedeckung, die gegen die Behandlung von Muslimen in Äthiopien demonstrierten. Ich muss zugeben, dass ich mit diesem Anliegen nur eingeschränkt vertraut war. Es sah allerdings recht beeindruckend aus. Auch mitten aus dem größten und lautesten äthiopischen Fanblock, in dem ich meinen Platz mit wie üblich
bravouröser Zielsicherheit gewählt hatte. Kollege D. jedenfalls verließ den Platz neben mir nach wenigen Minuten wieder, weil er Kopfschmerzen bekam. Meine überzeugende Argumentation, ich hätte ja ohnehin schon Kopfschmerzen und es sei deswegen egal, wenn ich im größten Krach säße, verhallte bedauerlicherweise ungehört. Mein Sekundenschlaf hingegen setzte sich fort, selbst wenn sich einige hundert Vuvuzelas in wenigen Zentimetern Abstand von meinen Ohren befanden. Langsam wurde mein körperlicher Zustand ein wenig verstörend.
Ein gutes Spiel war das auch und gerade von den Äthiopiern, zumindest in jenen Momenten, in denen ich es wach mitbekam. In der Nachspielzeit von Hälfte eins fiel dennoch der erwartete Führungstreffer für die favorisierten Sambier, nachdem Äthiopien vorher bereits einen Elfmeter vergab. Es mochte etwas weniger charmant von Torschützen Mbesuma gewesen sein, direkt vor der daraufhin doch recht aufgebrachten äthiopische Kurve zu jubeln, wobei man ihm zugestehen muss, dass dieses Stadion ausschließlich aus aufgebrachten äthiopischen Kurven bestand. Eine beeindruckende Zahl an Vuvuzelas (die daraufhin immerhin nicht mehr benutzt werden konnten), Bechern, Plastikflaschen und vielen weiteren schönen Dingen fand im weiteren Spielverlauf ihren Weg von den Rängen auf den Rasen und führte sogar zu einer längeren Spielunterbrechung.

Trotz des nun deutlich ausgedünnten Vuvuzelabestandes war er ohrenbetäubend, der Jubel beim Ausgleichstreffer. Und es reichte tatsächlich. Der Titelverteidiger enttäuschte letztlich, Äthiopien holte seinen ersten Punkt beim Afrika-Cup seit 31 Jahren. Den anwesenden Fans reichte das größtenteils, sie verließen das Stadion vor dem zweiten Spiel.
Dies immerhin hatte den Vorteil, dass es zwischenzeitlich sogar etwas Ähnliches wie funktionierendes Catering gab. Auch wenn die mir über den Weg laufende Groundhoppergruppe von 1860 München, Arminia Hannover, Göttingen 05 sowie St. Pauli ein wenig anderer Ansicht war. Nun, man muss nur suchen. Hatte ich nach drei Tagen im Lande bereits gelernt.

Mit der Aussicht auf noch besseren Schlaf gesellte ich mich zu D. in den deutlich ruhigeren Oberrang. Nigeria gegen Burkina Faso. Das versprach, durchaus interessant zu werden, und dann konnte es im unteren Teil des Stadions schnell zu laut sein, um den Sekundenschlaf fortzuführen.
Es wurde tatsächlich recht interessant und war, wie auch das erste Spiel, insgesamt sehr ausgeglichen. Nigeria, ewiger Favorit, ging früh in Führung. Traoré (einem der vielen) gelang in Minute 94 ein umjubelter Ausgleich quasi in letzter Sekunde. Genau wie an unserem ersten Spieltag
also wieder zwei Unentschieden. Diesmal jeweils wenigstens mit zwei Toren, im Gegensatz zum regnerischen Johannesburger Abend. Der mehrfach ausgerufene Feueralarm beim zweiten Spiel störte niemanden großartig und die Anweisung des Stadionsprechers, das Stadion zu räumen, wurde auch nur von wenigen für wenige Minuten befolgt. Es wäre vielleicht hilfreich gewesen, das Spiel zu diesem Zweck auch zu unterbrechen, der Schiedsrichter schien daran jedoch eher mäßig interessiert. Nun, nach meinen Informationen trug niemand Brandverletzungen davon. Jedenfalls nicht von einem Feuer. Das hätte ich sogar in meinem konsequenten Halbschlaf vermutlich mitbekommen.
Ebenfalls über den Weg gelaufen war uns einmal mehr der Österreicher. Er auf der Suche nach einem Schlafplatz, wir auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit. Das hatte Potential, und so machten wir uns auf, zurück nach Johannesburg. Davon bekam ich natürlich nichts mit. Ich schlief.

Rustenburg, 22.01.2013 – Eine große Schüssel Absurdes
Die Medikamente seien in ihrer Wirkung also annähernd wie Drogen, sagte mir die Frau unseres Gastgebers am Morgen. Das erklärte mein dann doch arg gesteigertes Schlafbedürfnis am Vortag. Normalerweise nämlich schlafe ich nicht im Stadion ein, wenngleich ich es mir oft wünsche. Dies wäre nicht nur die Lösung sämtlicher Müdigkeitsprobleme, sondern gleichzeitig eine gute Variante, die Partien meines magischen FC St. Pauli ohne größeres Leiden mitzuverfolgen. Mittendrin und nicht dabei.
Dabei war diesmal auch Gastgeber F. – sein Spiel, seine Tour. Unser Ziel hieß Rustenburg, schon vor der Reise nach Südafrika für mich der uninteressanteste Spielort. Deswegen auch neben – notgedrungen – Port Elizabeth der einzige, für den keine weiteren Besuche vorgesehen waren. Dass dort überhaupt Spiele stattfanden, hatte einen einfachen, für südafrikanische wie für deutsche Verhältnisse typischen Grund. Regionalproporz. Die Minenarbeiterstadt im Norden des Landes mochte kein brandneues, schickes WM-Stadion wie Polokwane bieten. Nicht Heimat von Fußballmythen sein wie Bloemfontein, Ort des deutschen 4:1 über England, oder der Johannesburger Ellis Park, Spielstätte des südafrikanischen Meisters Orlando Pirates. Längst nicht über die Faszination einer Metropole verfügen, die Cape Town zu bieten hat. Nicht Hauptstadt sein wie Pretoria. Eigentlich gibt es nichts, was für Rustenburg spricht. Nicht einmal seine Lage im landschaftlich unspektakulären Teil der Provinz Nordwest. Außer eben, dass diese Provinz Nordwest heißt. Quasi ein südafrikanisches Leipzig, für dessen Erhebung zum Spielort der WM 2006 sich die Hauptgründe bekanntlich ja auch auf der Landkarte finden, vorzugsweise auf einer vor 1990 produzierten.

Vielleicht erklärte sich hierdurch, dass unser Gastgeber, ein ausgewanderter Sachse, dieses Stadion als einziges außerhalb von Johannesburg zu seinem Ziel erkoren hatte. Das Royal Bafokeng also.

Gelegen zwischen Rustenburg und Phokeng, einer Stadt, die nicht nur englisch ausgesprochen recht lustig klingt, sondern zu der es in der deutschen Wikipedia auch bis dato noch keinen Eintrag gab. Vielversprechend.

Wir erinnern uns an meine dezenten Ticket-Probleme in Mbombela am Vortag. Diesmal sollte alles anders, besser, perfekt werden. Ein Super-Spar, die große Variante des normalen Spar-Marktes und die gigantische Variante des Kwikspar (den ich später noch lieben lernen sollte) war fester Bestandteil unseres Reiseplans. Blöderweise gab es unterwegs keinen. Ein Phänomen, das von Geldautomaten bekannt sein dürfte – die sich in südafrikanischen Städten übrigens recht häufig finden, meistens aber nicht funktionieren oder aus Pappmaché sind oder beides. Also ein normaler Spar, sollte angeblich ja auch funktionieren. Bereits beim Betreten der klimatisierten Hallen des Konsums, stilecht mit einem Dosenbier in der Hand, fragte ich mich, wie man ein Teil eines derart komplexen Onlinesystems sein kann, ohne auch nur über einen einzigen Computer zu verfügen.
Nun, vielleicht war er nur sehr gut versteckt. Gutes Verstecken ist schließlich eine Paradedisziplin des Südafrikaners.
War er nicht. Gut versteckt hingegen war wohl der Super-Spar, zu dem mir der Anfahrtsweg mit zahlreichen, einander widersprechenden Gesten erklärt wurde. Wir sollten in etwa geradeaus fahren, dann auf der selben Straße wieder zurück, uns einmal im Kreis drehen und in sämtlichen südafrikanischen Landessprachen (es sind elf, Sächsisch nicht mitgezählt) sämtliche antiken und modernen Götter der westlichen Welt (es sind viele) anrufen. Nachdem wir das getan hatten, erschien vor uns tatsächlich der Super-Spar. Nicht.
Als prädestinierter Gefahrensucher (weil ich nicht an die Existenz von Gefahren glaube) willigte ich also ein, einfach unseren Weg Richtung phokeng Rustenburg fortzusetzen. Schließlich musste man ja noch Zeit für zehn Bier vor Anpfiff finden, wo doch das Catering erfahrungsgemäß pünktlich mit dem Anpfiff vollends in sich zusammenzubrechen drohte.
Hell strahlend und überlebensgroß erschien Unfassbares vor meinen Augen. Eine Ticket-Clearing-Stelle. Direkt neben dem Stadion. Ohne Schlangen, weder echte noch menschliche. Mit zwei (Zwei! Zwei!) Mitarbeiterinnen, ohne geschlossenen Rolladen, mit einem PC, einem Drucker, ohne einen Zaun drumherum. Waren wir nun tatsächlich in Leipzig? Nach wenigen Sekunden (das Wort „Sekunde“ existiert in Südafrika eigentlich nicht) hielt ich meine Tickets in der Hand. Sämtliche.
Alles Leid vom Angesicht der Erde getilgt, nie wieder Sorgen und Nöte. Dass das eine Fehleinschätzung war, auch in Bezug auf Tickets, ist selbstverständlich, aber ich werde wie gewohnt zur Schonung des Spannungsbogens nicht vorgreifen.
Greifen durfte ich jedoch in meine Kameratasche am Einlass. No cameras. Glaubwürdig, durchaus, als ich beobachtete, wie einem Südafrikaner vor mir seine Kompaktkamera aus den Händen gerissen wurde. Meine Frage, wieso dies in anderen Stadien kein Problem sei, wurde damit beantwortet, Rustenburg sei nun mal anders als andere Stadien. In der Tat, das konnte ich sehen.
Schloss Sanssouci ist auch anders als das Gebäude des Weddinger Bezirksamts.
Eine sportliche Disziplin gab es nun, weit entfernt von der Heimat, in der ich es zur Meisterschaft brachte. Südafrikanischer Triathlon, bestehend aus dem Laufen um ein Fußballstadion, von Gate zu Gate, dem Demonstrieren der eigenen Hilflosigkeit sowie dem Zurkenntnisnehmen des milden Desinteresses seitens der Ordner und Volunteers. Meine Zeit waren diesmal 45 Minuten, ein neuer persönlicher Rekord.
Ich entsann mich der bereits in Mbombela erfolgreich erprobten Mischung aus Arroganz, Aggressivität und schlechtem Englisch. Dies mag ein Verstoß gegen die strengen Regeln dieser Sportart sein. Gleichzeitig ist dies aber nun mal auch die einzige Sportart der Welt, in der man das Ziel ausschließlich durch einen Regelverstoß erreichen kann. Ein wichtiger Medienmensch ohne Akkreditierung und ohne Handyguthaben also, der einen noch wichtigeren Medienmenschen zu
erreichen versuchte, um ihm eine Kamera zu geben. Es sind meistens die eher abstrusen Versuche, die in diesem Land den gewünschten Erfolg bringen. Kollege D. erbarmte sich zum Medieneingang, nahm meine Kamera in Empfang und ich lief zurück zum allerersten Gate.
Im Stadion stellte ich fest, dass es zum einen von innen auch nicht schöner war als von außen. Dass ich zudem keine Zeit mehr für meine Lieblingsmotive, die Fotos deutlich vor Anpfiff, haben würde. Und zuletzt, dass meine Begleiter und ich durch die einzige Absperrung zwischen zwei Blöcken im gesamten Stadion getrennt wurden. Wenn ich auch in Logik und Geometrie nur mäßig begabt bin, so stellte ich bei meinem späteren Rundgang fest, dass die Existenz von lediglich einer Absperrung in einem mehr oder weniger kreisförmigen Bauwerk eine typische Folge hat: Man kann sie von beiden Seiten aus erreichen. Der Weg ist nur weiter, aber in dieser Disziplin war ich wie erwähnt trainiert. Leicht schwindelnd von den zahlreichen Kreisen, die ich um das Stadion zog, folgte ich nun aber erst einmal dem Spiel.
Schließlich war es die Elfenbeinküste um Didier Drogba, der wohl ganz große Favorit dieses Turniers, die da gegen Togo antrat. Orange gewandete Anhänger der “Elefanten” bildeten daher auch die Mehrheit im Stadion. Sie trafen auf die „Sperber“, eine Konstellation, die an das Schießen mit Kanonen auf Spatzen denken lässt.
Der erste Kanonendonner war in der 8. Minute zu hören, als Yaya Touré in einem bis dahin recht einseitigen Spiel für die auch derart früh schon verdiente Führung sorgte. Ayité egalisierte sie zur Überraschung aller in der Nachspielzeit von Hälfte eins. Insbesondere auch zu meiner Überraschung, der ich dieses Tor vom Hot-Dog-Stand aus verfolgte. Rustenburger Hot-Dogs sind in etwa so sehr zu empfehlen wie ein Skiurlaub in Leipzig.
Die Elfenbeinküste derweil fuhr mit Togo weiter Ski, vielmehr: Schlitten. Allerdings recht ertragfrei. Didier Drogba schleppte sich über den Platz wie ein Skifahrer durch Leipzig und wurde folgerichtig ausgewechselt. Aber es gibt, wie der geneigte Fußballfan weiß, auch andere schöne Namen in diesem Land. Gervinho ist einer von ihnen. Die 88. Minute, alle Sperberträume von der großen Überraschung gegen den Favoriten waren dahin. Es herrschte Begeisterung bei den
angeblich 2 000 Fans, die ich für leicht übertrieben halte. Vermutlich bedingt durch die überragenden Einlasskontrollen, wenngleich gemehrt durch das tatsächlich funktionierende Ticketing. Eine absolute Gratwanderung in Sachen Zuschauerzuspruch. Rustenburger Verhältnisse.
Sie zum Tanzen bringen sollte nunmehr das Nordafrikaderby. Algerien gegen Tunesien, neben Marokko die einzigen Teams aus dem arabischen Raum, da mein Zwischenlandungsziel Ägypten bereits in der Qualifikation gegen die ruhmreiche Zentralafrikanische Republik ausgeschieden war.
Von der ich nur weiß, dass sie vermutlich in Zentralafrika liegt und eventuell eine Republik ist, wobei am Beispiel der kongolesischen Republikdemokraten gut zu sehen ist, wie ernst man afrikanische Staatsbezeichnungen nehmen sollte. Egal, die spielten ja gerade nicht.
Drei gigantische Algerienflaggen auf der gegenüberliegenden Seite, auch reichlich Tunesier waren anwesend. Das Spiel hielt nicht, was die durchaus in Ansätzen vorhandene Derbystimmung versprach. Es gibt Mannschaften, denen sieht man in den ersten Spielminuten an, dass eine Teilnahme an einem Turnier gar nicht mal eine so gute Idee war. Diese beiden gehörten dazu.

Nach 90 Minuten mäßiger Langeweile (ich blieb wach und wünschte mir gelegentlich das Gegenteil) gelang den bis dato tatsächlich auf kaum vorhandenem Niveau noch schlechteren Tunesiern in der Nachspielzeit das Führungs- und Siegtor. Rustenburg stand kopf, hörte aber auch schnell wieder damit auf.
Vor dem Stadiontor stand unsere glorreiche Zukunft. In persona: Der Österreicher. Mit dem wir nun den Weg gen Johannesburg antraten, um sodann einen völlig vernünftigen Plan zu verfolgen: Die Nacht auf dem Parkplatz des Bahnhofs Park Station zu verbringen, mitten in der Johannesburger Innenstadt, mit Auto und zahlreichen Wertsachen, als vermutlich einzige Weiße im Umkreis von Kilometern. Man ist ja gerne Sehenswürdigkeit.
Die Zeit brach nämlich an, in der unsere Reisegruppe getrennte Wege gehen sollte, jedenfalls vorerst. Während M. und T. sich noch ein wenig Zeit ließen, war es die wie üblich ungeduldige Jugend, bestehend aus D. und mir sowie dem Österreicher als Überraschungs- und Stargast, die bereits in der Frühe des nächsten Tages den Weg nach Durban anzutreten bereit war.
Dennoch: Vor dem Morgen steht immer das Überleben der Nacht. Ganz besonders an der Park Station.

Durban, 23.01.2013 – Schritt für Schritt ins Paradies
Sie war zu überleben, die Nacht. Nicht ohne mulmiges Gefühl, nicht ohne – mäßig seriöse – Bewacher unseres Park- und Schlafplatzes. Nicht ohne kleine Gruppen Einheimischer, die, wohl gar nicht in der Erwartung von so etwas Skurrilem wie drei halbverrückten reichen Touristen aus dem Paradies weit im Norden, zwischen den parkenden Autos umherstrichen, auf der Suche nach einem goldenen Glitzern, einer blinkenden LED oder wenigstens etwas Wärmendem in den Kofferräumen
und auf den Rückbänken. Es hätte natürlich keineswegs einer Armee bedurft, um uns zu überwältigen. Wir waren so übermüdet wie ahnungslos. Einfach nur zum Spielen hier. Etwas weltfremd vielleicht, im grauen Zentrum dieses nur tagsüber gelegentlich freundlichen Monstrums von Stadt. Ich konnte es kaum erwarten, sie zu verlassen.
Die aufgehende Sonne vertrieb jene herumschleichenden Gestalten und kündigte unseren Bus in Richtung Durban an. Ganz schutzlos wollten wir unser Gepäck dennoch nicht zurücklassen, und so machten sich D. und unserer österreichischer Meister der Mietwagen auf in die Park Station, um Tickets zu kaufen. Auch wenn zwischen völliger Schutzlosigkeit des Autos und meiner Anwesenheit nur ein denkbar geringer Unterschied bestand.
Nach abermals gefühlten Stunden gelang auch dieses Projekt. Eskortiert von einem sehr zuvorkommenden Halboffiziellen, in seiner Halboffizialität kenntlich gemacht durch eine orange Weste mit vermutlich vielsagendem Aufdruck, kehrten die beiden, nunmehr fast erschreckend erholt wirkend, zurück und entließen mich in die Freiheit des Bahnhofs. Dort suchte ich den mir logisch erscheinenden Ort auf, um wieder so etwas Ähnliches wie menschlich zu werden. Die Toilette. Mit ihren Marmorwaschtischen und ihrer erstaunlichen Sauberkeit hob sie sich ab vom inzwischen beträchtlichen Chaos der Menschenmengen zwischen Gleisen, Kiosken und Büros der Station.
Menschenmengen, wohlgemerkt, die wiederum recht deutlich zeigten, dass Bahnfahren nicht eben eine favorisierte Sportart der weißen Bevölkerung von Johannesburg ist. Deutlicher formuliert: Wir waren und blieben die einzigen.
Der Einzige in diesem Tempel der Körperhygiene war ich auch, der den Versuch unternahm, sich etwas anderes als die Hände zu waschen. Bereits als ich meinen Kopf nur knapp unter Schulterhöhe brachte, wurde ich sehr deutlich darauf hingewiesen, dass Johannesburg eine tolerante Stadt sei – diese Toleranz aber nicht für die Auslegung des Begriffs „Handwaschbecken“ gelte. Zahnbürsten seien übrigens auch keine Hände und ihr Benetzen mit Wasser in jenem Becken daher strikt untersagt. In den vergangenen Tagen war mir bereits mehrfach begeistert erzählt worden, Südafrika sei das Land mit der drittbesten Leitungswasserqualität weltweit. Nun, dafür muss man natürlich Opfer bringen. Unnötig zu erwähnen, dass für mich nicht erkennbar war, ob der Hinweisende tatsächlich das Amt eines staatlichen Toilettenoffiziers innehatte oder einfach nur übermüdete Touristen unterhaltsam fand. Oder, wahrscheinlicher, beides. Jedenfalls befand sich hinter ihm eine Wand schweigender Zustimmung.
Vor dieser zurückgewichen, traf ich draußen einen kleinen Jungen mit einer Zahnbürste in der Hand. Ein weiteres Opfer des zynischen Johannesburger Bahnhofstoilettensystems also. Wir verbrüderten uns spontan, und gemeinsam gelang es uns, der WC-Staatsmacht eine kryptische Auskunft zu entlocken. Dieser zufolge sei die Bahnhofstoilette zu sauber für andere Körperteile als Hände, weswegen man die (wesentlich schmutzigeren, wie er erwähnte) hygienegewidmeten Räumlichkeiten des Busbahnhofes in Anspruch nehmen solle. Wo diese sich befanden, erläuterte er uns freundlicherweise mit circa dreißig größtenteils physikalisch völlig unmöglichen Gesten.
Dank meiner bereits am Vortag erlangten Übung mit derlei Erklärungen fanden wir bereits nach einer Viertelstunde des Suchens den uns zugedachten Ort. Er lag etwa 200 m entfernt, einmal rechts um die Ecke, und war zudem ausgeschildert. Selbstverständlich nur an Stellen, von denen aus niemand mehr eine Beschilderung benötigte. Beispielsweise direkt neben der Tür. Immerhin entsprach die Sauberkeit den Beschreibungen, sie war größtenteils abwesend. Durchaus ein kleiner
Erfolg dennoch.
Meine Odyssee krönte ich mit etwas Frühstücksähnlichem, bestehend aus Teig und Fleisch, und meinem Stamm-Softdrink in diesem Land, einer zuckerfreien Cola. Warum das so war, weiß ich nicht. Vermutlich der Drang, mit westlichen Statussymbolen auf den eigenen Reichtum hinzuweisen. Oder Durst. Ich kehrte zu meiner Reisegruppe zurück, die ohne die Anwesenheit aller ihrer Mitglieder ohnehin kaum als Gruppe zu bezeichnen war. Unser Österreicher handelte mit dem
halboffiziellen Parkplatzwächter ein faires (heißt: vorerst nicht näher bezeichnetes) Schutzgeld für den Mietwagen aus, gab ihm seine Nummer, und schon konnte es losgehen. Unnötig zu erwähnen, dass er fortan tatsächlich täglich per Telefon über den Zustand des Wagens informiert wurde. Es gibt Gegenden, in denen das Schüren von Panik die zu erwartenden Trinkgelder deutlich mehrt.

Der Bus kostete uns jeweils 140 Rand, also etwa 12 Euro, und war dafür fast pünktlich. Tatsächlich sogar nach deutscher Auffassung. Diesen Missstand glich der Fahrer in den ersten anderthalb Stunden gekonnt aus, indem er die Insassen zu zahlreichen Imbissen und Tankstellen führte, größtenteils vermutlich im Eigentum seiner Verwandtschaft. Zumindest konnte uns so nach menschlichem Ermessen nicht das Benzin ausgehen, wobei menschliches Ermessen in Südafrika eigentlich keine wirkliche Rolle spielt.
Diese unterhaltsame Rundreise vertrieben wir uns mit dem Ausfüllen von Listen, in denen anzugeben war, wer bei schweren Verletzungen benachrichtigt werden solle. Die Gewissheit, dass diese Listen ohnehin wohl schon im Bus ihren Weg in den Papierkorb finden würden, bestärkte uns in unserem Glauben an eine sichere und schnelle Reise. In Erwartung höchstens mittelschwerer Verletzungen traten wir also endlich unseren Weg Richtung Durban an.
Ich weiß nicht, ob es in der südafrikanischen Spielart des Englischen eine auch nur annähernde Übersetzung des bereits im deutschen Fernverkehr recht raren Adjektivs „überpünktlich“ gibt,
bezweifle es aber. Wo sprachliche Mittel fehlen, muss gelegentlich die Realität helfen. Der Bus tat es in diesem Fall, eine halbe Stunde vor der angekündigten Zeit erreichten wir unser Ziel. Ein erstes Zeichen dafür, dass Durban tatsächlich eine Art südafrikanischer Garten Eden sein musste, bloß auf vermutlich noch hedonistischere Weise. Was grundsätzlich ja gar nicht übel ist.
Da unser Hostel direkt am Stadion liegen sollte, erschien es uns logisch, mit der Metro Rail bis zur Station Moses Mabhida Stadium zu fahren. Um die Gefahren logischen Denkens in diesem Lande bereits wissend, waren wir um so überraschter, beim Verlassen des Bahnhofs tatsächlich das Stadion zu erblicken. Und was für eines. Ein hoch geschwungener Bogen über zeltartigem Dach, elegante weiße Mauern, umgeben von Palmen und direkt am Meer. Empfand ich Soccer City in
Johannesburg noch als beeindruckend, dies hier war mehr. Dies war Schönheit. So viel Schönheit, wie sie ein äußerlich oft doch sehr profaner Ort wie ein Fußballstadion überhaupt bergen kann. Garten Eden, war nun mal so.
Und es fügte sich alles. Direkt am Bahnhof wurden wir erwartet von zwei Damen, überreichlich versorgt mit SIM-Karten eines lokalen Anbieters. 3 Rand, 25 Cent, erschienen uns nicht allzu überteuert. Eine Hürde jedoch galt es zu überwinden: Seit einiger Zeit muss jede südafrikanische SIM-Karte staatlich registriert sein, es muss also die Ausweisnummer sowie eine Wohnadresse im Land angegeben werden. Mein Reisepass war selbstverständlich, wie es sich in derartigen Situationen gehört, ungefähr in denjenigen Regionen meines Gepäcks untergebracht, in denen ich ansonsten Überlebenswichtiges wie Kugelschreiberminen, Malzbonbons oder Flugzeugbilligkopfhörer verwahre. Also nicht unbedingt ganz oben. Ich gab also die Nummer meines Personalausweises an. Das beeindruckte die Registrierungsstelle offenbar derart nachhaltig, dass sie sich für meine Adresse vor Ort nicht mehr interessierte. Kollege D. hatte nicht ganz so viel Glück, überstand die Prozedur aber ebenfalls.
Nunmehr so mobil wie noch nie zuvor suchten wir also unser Hostel auf. Es war tatsächlich recht nah am Stadion gelegen. Jedenfalls horizontal. Vertikal ließe sich der Weg dorthin als eher schweißtreibend bezeichnen, besonders im von keiner Wolke getrübten Schein der Mittagssonne Durbans. Wetter benötigt bekanntlich Aufmerksamkeit. Um nicht völlig aus der menschlichen Wahrnehmung zu verschwinden, verhält es sich immer möglichst unpassend zur Situation. Wobei ich mir keineswegs den Johannesburger Regen zurückwünschte, dafür erinnerte ich mich noch zu gut an meine doch recht beachtliche Erkältung.
Das Hostel wurde betrieben von Surfern. Jedenfalls hieß es so. Zumindest waren es keine Fußballfans. Wenigstens keine Fußballfans, die glaubten, ein Turnier wie der Afrika-Cup sei ein guter Grund, mehrere tausend Kilometer mit dubiosen Fluglinien durch die Weltgeschichte zu reisen und sich anschließend stundenlang in rückenzerstörende Reisebusse zu setzen. Nun, ob es ein guter Grund war, mussten wir selbst auch noch feststellen, zumindest war es irgendeiner. Zum
Zwecke dieser Feststellung begaben wir uns umgehend zurück talwärts, zum Moses Mabhida, wo an diesem Abend die Bafana Bafana gegen Angola antreten sollte. Das gefühlte Vorprogramm, wenngleich erst nach dieser Begegnung angesetzt, bestritten die Kapverden und Marokko.
Es wird den Leser nicht überraschen, dass Südafrika ein Dorf ist. So trafen wir schon vor dem Spiel auf unsere Braai-Bekanntschaften aus Johannesburg, die Groundhopper aus den absurdesten Ecken Fußballdeutschlands. In entsprechend guter Stimmung betraten wir gemeinsam das Stadion.
Beziehungsweise: nicht so ganz. Durch mein Erlebnis in Rustenburg vorsichtig geworden, fragte ich schon vor den Kontrollen nach, wie man es in Durban denn nun mit Kameras im Stadion halte. Nicht gut, so die abgekürzte Form der Antwort. Zumindest wurde mir diesmal nicht erklärt, Durban sei anders als andere Stadien – auch wenn ich es in diesem Fall wohl sogar zu glauben bereit gewesen wäre, ganz ohne Verweise auf Berliner Bausünden. Medienmensch D. musste diesen
schwierigen Fall also übernehmen. Was in Durban anscheinend ebenfalls nicht erwünscht war, waren Fähnchen in den Händen dreijähriger Kinder, zumindest, wenn deren Stock aussieht wie ein potentielles Wurfgeschoss. Was natürlich durchaus gelegentlich vorkommen kann, vielmehr: eigentlich schon bedingt durch die Bauweise einer Fahne immer so ist. Fein säuberlich trennte der zuvorkommende Ordner also Fahne und Stock und schob das auf derart begeisternde Weise völlig traumatisierte Kind sanft weiter. Ein stets freundlicher Ort war er, dieser Afrika-Cup.
Von innen wirkte das Stadion fast noch beeindruckender, noch passender in die Skyline Durbans eingefügt. Zwar dank einer Laufbahn um das Spielfeld nicht mit perfekter Sicht auf das Spielgeschehen, aber dennoch einzigartig. So einzigartig wie die örtlichen kulinarischen Spezialitäten, Bunny Chow beispielsweise. Man nehme ein halbes Weißbrot (keine Scheibe, ein Brot), höhle dieses aus, fülle es mit einem Currygericht, verschließe es wieder und esse es wie einen Döner, nur komplizierter. Geschmacklich ähnelte dieses Kunstwerk einer Gulaschsuppe mit Toast, nur exakt umgekehrt. Mein Nachbar fragte mich, ob dieser Hochgenuss auch in Europa bekannt sei, ich verneinte. Er meinte, man wisse hierzulande gar nicht, was man verpasst. Hiermit hoffe ich, Abhilfe zu schaffen: man verpasst schon ein bisschen was.
Das Stadion war ebenso gut gefüllt wie das Bunny Chow, und auch das Spiel Südafrikas passte sich an. Angola war deutlich unterlegen und somit letztlich auch chancenlos gegen eine nach dem enttäuschenden Auftakt stark aufspielende Bafana Bafana. Taktische Ordnung, Kombinationssicherheit, Torabschluss – es war alles da, was diese junge Elf im Eröffnungsspiel
noch vermissen ließ. Vielleicht doch ein erster Schritt in Richtung des so ersehnten Titels?

Das zweite Spiel des Abends präsentierte sich erwartungsgemäß wesentlich unscheinbarer.
Marokko und die Kapverden trennten sich wiederum Unentschieden, was eine spannende Ausgangslage für den letzten Spieltag der Gruppe bedeutete. Jedes der vier Teams konnte nun mit einem eigenen Sieg garantiert weiterkommen und war bei einem Unentschieden abhängig vom Ergebnis des anderen Spiels – bis auf die Gastgeber, denen auch ein Unentschieden gegen Marokko nunmehr sicher zum Einzug ins Viertelfinale reichen würde.
Diese Arithmetik aber hatte noch Zeit, ein langer Tag lag hinter uns. Wir traten den Weg zurück bergauf an und schlugen das Angebot der anderen Groundhopper aus, noch die Florida Road, Durbans Partymeile, ein wenig näher zu erkunden. Schließlich war D. als Anhänger jenes ehemals großen Hamburger Vorstadtvereins so etwas wie Feiern ohnehin längst nicht mehr gewohnt, und auch wir beiden anderen wurden allmählich ein wenig zu müde für größere Unternehmungen.
Die Nacht brach herein im Paradies.

Durban, 24.01.2013 – Fast wie im Urlaub
An diesem Morgen fühlte ich mich, als wäre es Heiligabend. Oder zumindest einen Monat danach. Ein freier Tag ohne Reisen, ohne große Pläne, ohne Fußball. Auch das kann ein Geschenk sein, gelegentlich. So angenehm es war, seine Abende entspannt im Stadion zu verbringen, so sehr genoss ich die Vorstellung, statt von Ordnern und Sitzschalen am heutigen Tage lediglich von Sonne, Strand, Bier und dem Durbaner Nachtleben umgeben zu sein.
Ich war ausgeschlafen, wohl zum ersten Mal in diesem Land, meinen Drogentrip nach Nelspruit einmal ausgenommen. Ein echtes Frühstück, diesmal keine Tankstelle und kein Bahnhofsimbiss.
Nun gut, hier bedeutete dies lediglich einige Scheiben Toast mit leicht dubiosen Aufstrichen, völlig ungenießbaren Kaffee sowie ein Getränk von vage orangener Färbung, das meiner Erinnerung nach auch in deutschen Jugendherbergen recht beliebt ist. Sofern man erkältet und verkatert ist, könnte man es für Orangensaft halten. War ich aber nicht mehr beziehungsweise noch nicht.

Dusche, Rasur. Zwei Wörter, deren Bedeutung ich erneut fast wieder vergessen hatte. Damit dann aber auch genug der Wellness. Es ist nämlich eine recht prägende Eigenschaft von D., Workaholic zu sein. Wie wohl alle Medienmenschen. Somit führte uns unser Weg unter mäßig motivierten Protesten unserer österreichischen Begleitung und meiner Wenigkeit zunächst zu einer Autovermietung. Der nächste Tag sollte uns die Schönheiten Lesothos näherbringen, und das ist zu Fuß dann doch ein wenig weit. Welche Ironie diese Einschätzung letztlich bergen sollte, wusste ich noch nicht und gehört auch nicht zur Geschichte dieses fast schon unverschämt sonnigen Durbaner Tages.
Da wir grundsätzlich nicht an die Existenz von Taxis glauben, quälten wir uns also quer durch Durban, stets begleitet vom glühend heißen Sonnenschein. Kein Schatten weit und breit. Durban ist nicht überall paradiesisch, ein nicht geringer Teil der Innenstadt besteht im Wesentlichen aus übertrieben weitläufigen Straßenzügen. Zweitgrößte Stadt des Landes, immerhin. Die können wohl auch nicht alle dauernd am Strand leben, so attraktiv mir diese Vorstellung auch auf unserem langen Weg erschien.
Endlich Menschen begegnet, die auch tatsächlich bereit waren, uns ein Auto zu vermieten, entschieden wir uns für die kleinste Wagenklasse, wenngleich der vietnamesische Lonely Planet, den D. vorsorglich mit sich führte, zu einem Auto mit Allradantrieb riet. Aus unserer umfangreichen Erfahrung als Globetrotter wussten wir natürlich, dass derartige Hinweise nur für strandfixierte Luxuspauschaltouristen gelten. Wer Abenteuer erleben will, der meide 4×4.
Ebenfalls entschieden wir uns gegen einen Besuch im Durban Holocaust Centre, obwohl der „amazing gift shop“ dieser Einrichtung euphorisch beworben wurde und dieser Ort absurderweise ohnehin ein touristischer Höhepunkt zu sein schien, jedenfalls aus Sicht der Verantwortlichen für die Information ahnungsloser Reisender. Ohne dies als zynisch verstanden wissen zu wollen, muss ich aber zugeben, dass mein Wunsch, mich am letztlich ersten wirklichen Tag in Durban mit dem
Holocaust zu beschäftigen, eher gering war. Da half auch die Neugier auf amazing gifts nicht.

Nächster Programmpunkt: Durban Station. Es ist übrigens schlechterdings unmöglich, sich den Weg zum Bahnhof zu erfragen, wenn man nicht exakt diesen Namen benutzt. Main station und Vergleichbares: keine Chance. Gibt es dort nicht. Aus sicherlich guten Gründen – eventuell, um nicht die Gefühle anderer, weniger zentraler Bahnhöfe zu verletzen. Zu buchen war die letzte Busreise für unseren österreichischen Begleiter, der bereits am übernächsten Tag in die hügelige
Heimat zurückzukehren gedachte. In der Tat schien dies eine noch verfehltere Reiseplanung als meine eigene, aber man kann die Menschen bekanntlich nicht zu ihrem Glück zwingen. Auch dieser Besuch verlief erstaunlich unspektakulär und gleichzeitig erfolgreich, was für sich genommen wiederum durchaus spektakulär für südafrikanische Verhältnisse ist.
Wenn man im Zeichen des Fußballs unterwegs ist, führt am Ende dennoch jeder Weg zum Stadion.
So auch unserer. Der gigantische, die Skyline der Stadt beherrschende Bogen von Moses Mabhida hatte unsere Neugier geweckt, ein sogenanntes Skycar sollte uns dort hinauf bringen. Erstaunlicherweise gelang auch das, nebenbei mit 55 Rand (somit circa 4,50 €) zu einem für eine typische Touristenattraktion durchaus günstigen Kurs. Eine faszinierende Sicht über Stadt, Strand und Meer, unter einem weiterhin fast makellos blauen Himmel. Unter uns der Rasen, auf dem gestern noch die Bafana Bafana ihren ersten Sieg errang, neben uns das Rugbystadion der Sharks, der Bahnhof, unser Hostel, die Stadt den gesamten Horizont ausfüllend.
Zurück auf dem Boden der Tatsachen folgten wir nun endlich dem freundlichen Hinweis, der überall in der Stadt plakatiert war – After the match: See you at the beach. Was nach Abpfiff rein zeitlich etwas schwierig zu gestalten war, gelang uns nun. Die Fluten des Indischen Ozeans, nicht viel kühler als eine Badewanne, der so herrliche wie gigantische South Beach – es fühlte sich fast wie Urlaub an.
Natürlich war man nicht zum Spaß hier, und der Afrika-Cup ruhte nicht. Mit Bedauern nahmen wir somit Abschied vom Meer und machten uns auf den Weg in Richtung der Florida Road, dem erwähnten Zentrum des Durbaner Nachtlebens. Die braun-weißen Freunde T. und M. sollten zwar, so ging die Legende, ebenfalls bereits in Durban angekommen zu sein. Da aber T. aus wohl nur ihm bekannten Gründen die Nutzung südafrikanischer SIM-Karten verweigerte und M. gleich ganz auf
die Mitnahme jeglicher mobiler Kontaktmöglichkeiten verzichtet hatte, musste das Wiedersehensfest wohl verschoben werden.
Bier trinken kann man auch zu dritt, was mit dem südafrikanischen Angebot übrigens wirklich hervorragend gelingt. Meine Wahl fiel diesmal auf Castle Milk Stout, ein Schwarzbier mit leichter Karamellnote und dennoch keineswegs zu süß. Für diesen Abend trennte ich mich kurzzeitig sogar von meiner treuen Kamera, schließlich mussten trotz des berechtigten Interesses an lückenloser fotografischer Dokumentation nicht dauernd sämtliche schmutzigen Details festgehalten werden.
Vom Spiel, das im Hintergrund lief, bekamen wir nicht allzu viel mit – erst recht nicht mehr, als die Gegenrichtungsgroundhopper aus Niedersachsen, Berlin und sonstwo die Bar enterten. Es gibt Menschen, die trifft man auch ohne Handy überall, und das war auch in diesem Fall sehr angenehm.
Wundersamerweise stand immer dann, wenn ich dachte, mein Bier sei leer, plötzlich ein volles auf dem Tisch. Eine magische Stadt. Irgendwann endete auch dieser Effekt, und leicht schwankend begaben wir uns zurück zu unserem Hostel.
Auf der Terrasse erwarteten uns bereits die Besitzer dieses Etablissements, die offenbar ebenfalls einen recht arbeitsfreien und umso biergefüllteren Abend genossen. Wie durch ein Wunder gelang es dem wohl Ranghöchsten unter ihnen, noch drei kühle Getränke für seine Gäste zu besorgen, obwohl wir uns bereits weit jenseits der Öffnungszeiten aller Liquor Stores in näherer Umgebung befanden. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wie er das anstellte. Diese bewundernswerte Leistung
nachzuahmen, gelang uns jedenfalls während unseres gesamten Aufenthaltes nicht ein einziges Mal.

Dieses Bier natürlich war ein Fehler und das berühmte Bier zuviel, verraten mir meine Notizen. Wortwörtlich steht es dort so niedergeschrieben, in einem Schriftbild, das auf sehr überzeugende Weise mit dem Inhalt korrespondiert. Durchaus vorausschauend von mir, bedenkt man, dass der nächste Tag ein arbeitsreicher werden und bereits um acht Uhr beginnen würde.
Mit der Aussicht auf höchst erholsamen knapp fünfstündigen Schlaf fand ich nach einigen Mühen den Weg zu meinem Bett. Durban, du bist gar nicht so übel.

Sani Pass Border Point, 25.01.2013 – Nass und kalt und voller Schafe
Weit sollten sie mich tragen, diese Schuhe, die ich mir nun nach einem wiederum eher mäßig begeisternden Frühstück im Hostel überstreifte, von der Richtigkeit meiner Erkenntnis geplagt, dass das letzte Bier am Vorabend eines zuviel war. Der Besitzer des Hostels sah das wohl ähnlich, händigte mir aber nach vehementen Attacken auf die Tür seines Schlafbüros dann doch mit dem gequälten Lächeln des zufriedenen Trinkers meine Kameratasche aus. So gerüstet, konnte es dann
losgehen, quer durch die Stadt, auf zum Mietwagen.

Man mietet Autos in der Regel, um nicht laufen zu müssen. Manchmal läuft man auch, um Autos mieten zu können. In diesem Fall fast eine Stunde durch halb Durban. Aber das wussten wir vorher, es war kalkuliert und verrechnet mit der Aussicht auf einige folgende gemütliche Rückbankstunden, dort hinauf an die Grenze von Lesotho. Wo die höchstgelegene Kneipe Afrikas uns bereits begeistert erwarten würde. Soweit der Plan. Ein guter Plan, sicherlich.
Wohin es mit diesem Ford Figo, der uns nun bereitgestellt wurde, hingehen sollte, verrieten wir der Vermietung nicht. Selbstverständlich völlig unabsichtlich, hätte man doch mit begeisterten Reaktionen rechnen können auf die Ankündigung, einen Kleinwagen in fast 3000 m Höhe entführen zu wollen. Dieses kleine Versäumnis erfolgreich verdrängend, traten wir unseren Weg an.
Hinaus aus Durban, in das Valley of a Thousand Hills. Tausend Hügel mögen keine Übertreibung sein, ein wunderschönes Umland einer großartigen Stadt. Das Herz der Zulu-Provinz, das Zentrum des Reiches von König Shaka. Ein Ausflug begleitet vom Pulsschlag der großen Geschichte dieses Landes, das so viel erlebt hat wie nur wenige andere.

Leider keine Zeit für Pausen, für ein spontanes Abbiegen in eines der vielen Dörfer, auf eine der malerischen Landstraßen. Reist man mit Fußball, so ist man Getriebener. Reist man mit Plänen, an deren Erstellung ich beteiligt war, dann erst recht.
Unser Ziel hieß nicht Erholung, unser Ziel hieß Lesotho.
Dies gab uns dann letztlich doch Gelegenheit, auf eine jener Landstraßen abzubiegen. Wobei es vermessen erscheint, in diesem Fall noch von Straße zu sprechen. Der Ford mit dem Namen eines großen portugiesischen Ex-Nationalspielers jedenfalls tat sich allmählich schwer damit, jene spielerische Eleganz zu zeigen, die seinen Namensvetter immer, neben seiner beträchtlichen Brustbehaarung, ganz besonders auszeichnete. Wenn uns irgendetwas entgegenkam, so waren es
Geländewagen. Mit Allradantrieb vermutlich. Pure Anfänger, das ging schließlich ganz locker auch ohne.
Dachten wir erst recht, als wir wieder auf die Autobahn zurückkehrten und der Sani-Pass bereits greifbar nah schien. Dass das eine Fehleinschätzung gewesen sein könnte, dieser Gedanke kam uns nach einer Hügelkuppe. Direkt nach ebenjener ging die vorher befestigte und komfortable Straße nämlich ohne jede Vorwarnung plötzlich in eine Art Feldweg über, der zudem mit einer Kurve begann.

Unser österreichischer Rennfahrer meisterte diese Herausforderung unter Aufbietung seines gesamten Könnens und ohne viel Rücksicht auf die Gesundheit des portugiesischen Nationalspielers.
Figo überstand auch dies. Langsam aber wurde es interessant. Eine Furt. Nun, nicht spektakulär tief, wofür sollte man denn bitteschön hier einen Geländewagen brauchen? Einige Felsen, viel Sand, viel Geröll, alles kein Hindernis für einen bergerfahrenen Steirer. Wie man wohl die Einwohner der Steiermark zu nennen scheint, so verriet es mir jedenfalls das allmächtige Internet. Mag stimmen.
An einem idyllisch gelegenen Wasserfall mit hervorragender Aussicht auf das Tal unter uns und die zurückgelegte Strecke stiegen wir aus, um aus rein wissenschaftlichem Interesse den Zustand des Mietwagens zu beurteilen. Er fiel noch nicht auseinander, und so konnte es weitergehen. Das Wetter wurde zwar etwas düsterer, aber man saß ja geschützt im nach wie vor bequemen und ausreichend stabilen Auto.
Nach diversen von Erfolg gekrönten Versuchen, nicht ins Tal hinabzufallen, sahen wir endlich die südafrikanische Grenze vor uns. Ein Kleinbus stand bereits dort, gefüllt mit erwartungsfrohen Lesotho-Touristen oder Ähnlichem. Er fuhr ab, als wir ausstiegen und uns zur Passkontrolle begaben.
Der vietnamesische Lonely Planet sagte uns, ein 4×4-Antrieb sei auf dem Weg zum Sani Pass durchaus empfehlenswert. Der südafrikanische Grenzbeamte legte diesen Empfehlungscharakter ein wenig schärfer aus. Wir durften durch. Das Auto: nicht. Unsere Frage, wie weit es denn noch bis zur lesothischen Grenze sei, beantwortete der Beamte mit einem entsetzten Blick sowie einer wiederum uns entsetzenden Information. Acht Kilometer. Durchgängig bergauf, wie das im Gebirge wohl
durchaus nicht ganz unüblich ist.
Man trägt eine gewisse Portion Übermut gerne mit sich, sie ist in bestimmten Notsituationen hilfreich. Diese hier war fraglos eine solche, und so ließen wir uns die Ausreise quittieren und traten den Weg an. Es war etwa 14 Uhr. Um 18 Uhr würden beide Grenzen schließen und wir wären gefangen in 8 km Niemandsland zwischen Lesotho und Südafrika, sofern nicht alles wirklich perfekt liefe und wir die bergigen insgesamt 16 Kilometer in den verbleibenden vier Stunden zurücklegten. Das sind Rechnungen, die man üblicherweise am besten einfach vergisst, und genau dies taten wir.
Der erste Wasserfall, den wir durchqueren mussten, hätte unseren Figo vermutlich tatsächlich großteils verschluckt. Was einen derart fähigen Fahrer wie den Österreicher keineswegs daran gehindert hätte, uns hoch zum Pass zu bringen. Reine Spekulation, zu Fuß jedenfalls war das Ganze auch mit absurd schwerem Gepäck und Kameratasche vorläufig noch ganz gut zu bewältigen.
Es wurde neblig und feucht. Ein Affe querte unseren Weg. Endlich wilde Tiere. Die Kamera natürlich bereits weggepackt, weil nicht die gesamte Ausrüstung wettergeschützt war. Blöd gelaufen. Aber so ist es eben, das entbehrungsreiche Leben in den hiesigen Gebirgen.

Um dessen Härten ein wenig zu lindern, hatten wir den Rat unseres Johannesburger Gastgebers F. befolgt und führten größere Rationen an Stiften und Bonbons für die großteils tatsächlich in bitterer Armut lebenden lesothischen Kinder mit. Im Auto. Nicht im Rucksack. Was eher mäßig geschickt war, unsere Gedanken aber nur solange beherrschte, bis die Steigung allmählich tatsächlich nach einem Geländewagen, einem Reittier oder einem Treppenlift schrie. Natürlich kamen uns nur Autos entgegen, keines hatte unsere Richtung.
Wenngleich ich durchaus über einige Alpenerfahrung in Höhen bis 3 000 m verfüge, so war ich doch im Gegensatz zu meinen beiden Begleitern nicht in einer bergigen Region aufgewachsen und überdies immer noch ein wenig gesundheitlich und alkoholbedingt angeschlagen. Langsam teilte sich daher unsere Gruppe auf, langsam wurde der Regen stärker und die Sicht schlechter. Wir waren selbstverständlich angemessen gekleidet – sofern man den warmen Strand von Durban als Maxime nahm. Immerhin keine Sandalen, aber Shirt, Shorts und Sneaker.

Perfekt für das Hochgebirge, für Regen und Nebel und Kälte. Meine Hände waren nicht mehr in der Lage, eine Kamera zu bedienen – und das sind sie sonst eigentlich immer. Jedenfalls meiner bescheidenen Einschätzung nach.
Schatten holzsammelnder Gestalten kamen uns, inzwischen vielmehr: mir als letztem der drei heroischen Wanderer, entgegen. Quasi nur mit Unterwäscheähnlichem bekleidet und damit offenbar durchaus nicht unzufrieden. Konnte ich verstehen, wäre mir auch fast lieber gewesen als mein inzwischen völlig durchweichtes Shirt. Die fragwürdige Kompatibilität meiner bloßen Schultern mit den Gurten des Rucksacks hielt mich dennoch vom FKK-Bergsteigen ab.
Nach wie vor kamen mir natürlich andauernd Autos entgegen. Deren letztes hielt an und sein Fahrer fragte, ob ich zu den beiden anderen gehöre. Angesichts der Tatsache, dass wir drei wohl die einzigen weißen Verrückten waren, die bei diesem Wetter zu Fuß und kurz vor Schließung der Grenzen den Weg hinauf zum Sani Pass antraten, betrachtete ich dies als eher rhetorische Frage und beantwortete sie mit einem frustrierten Nicken. Anstatt laut zu lachen, trieb mich mein Gesprächspartner damit an, dass es nur noch fünf Minuten Fußweg bis zur Grenze seien.
Eine knappe Stunde später sah ich dann tatsächlich Schafe vor mir. Die Nationaltiere Lesothos, jedenfalls war mir so. Mit irgendeinem Gedanken musste ich mich auf den Beinen halten, und dieser bot sich an, nachdem ich gute zwei Stunden lang nur Felsen sah. Wenn überhaupt irgendetwas, schließlich verkürzte sich die ohnehin nicht überragende Sichtweite für Brillenträger noch einmal deutlich durch den unaufhörlichen Nieselregen.
Doch tatsächlich: Dies war der Sani Pass! Nass und kalt und voller Schafe. Am Grenzposten wrang ich meine Haare und Kleidung leidlich aus und bemühte mich um ein korrektes Ausfüllen des Einreiseformulars. Auch wenn es mir recht widersinnig erschien, „Urlaub“ als Zweck meiner Reise einzutragen. „Fortschreitender geistiger Verfall“ wäre eine wesentlich korrektere Formulierung gewesen, eventuell auch „Völlig absurde Planung“. Meine beiden Reisegefährten, die bereits seit
einer Viertelstunde die Schönheiten Lesothos genossen, betraten nun ebenfalls wieder den Raum. Die höchstgelegene Kneipe Afrikas sei bloß noch fünf Minuten entfernt, hatten sie erfahren. Zwar war unsere Kenntnis der lesothischen Zeitrechnung eher begrenzt, aber da fünf Minuten bereits auf Südafrikanisch alles zwischen einer und drei Stunden bedeuten können, keinesfalls aber eine Zeitspanne, die irgendwie mit dem Begriff „Minute“ korrespondiert, entschieden wir uns, sofort den Weg hinunter anzutreten.

Was bei rund anderthalb verbleibenden Stunden auch unserem Interesse zuträglich war, die Nacht nicht zwischen zwei Staatsgrenzen zu verbringen.
Einen Ausreisestempel bekam ich nicht. Jede Nacht habe ich seitdem Albträume von lesothischen Geheimagenten, die mich deswegen zurück zum Sani Pass verschleppen. Aber das ist eine andere Geschichte. Diesmal teilte sich unsere Gruppe bereits sehr früh auf, ich sorgte weiterhin für die Rückendeckung. Wieder kamen uns mehrere Autos entgegen. Entgegen, natürlich. Wir rannten, stolperten, fielen den Berg hinunter. Der zu Beginn durchquerte Wasserfall war inzwischen beträchtlich gewachsen, kein Wunder bei den hiesigen Witterungsverhältnissen. Um 18:20 Uhr sah ich vor mir das gelbe, nein: goldene Licht der südafrikanischen Grenze die Nebelschwaden durchdringen. Der Grenzbeamte, er hatte gewartet, nachdem meine Mitreisenden ihn engagiert angefleht hatten. Der Einreisestempel wie eine Urkunde, wie ein Orden. Und wenn wir schon keine lesothischen Kinder gesehen hatten, zumindest hatten wir nun Bonbons im herrlich beheizten Auto.
Stifte natürlich außerdem. Mit einem von ihnen versuchte ich nun, auf der nicht weniger spektakulären Rückfahrt in Richtung Autobahn die Erlebnisse des Tages niederzuschreiben. Das Ergebnis waren ein durchweichter Notizblock sowie ein völlig neuentwickeltes Alphabet, eine Art primitive Keilschrift. Man sieht, ein 4×4-Antrieb hätte zudem noch unkreativ gemacht.
Zurück ging es nach Durban, begleitet von einer interessanten Radiokonferenzkombination aus Cricket und Afrika-Cup. Kann man natürlich durchaus mal machen, kam akustisch aber eher so rüber wie eine Radiokonferenz aus Tennis und einer Bundestagsdebatte. Deswegen entschied ich mich für den Schlaf.
Und daran änderte sich auch nicht mehr viel. Lesotho im Rücken und den vorerst letzten fußballfreien Tag vor mir konnte ich die wohlverdiente Wärme meines Hostelbettes erst recht genießen. Um einen Stempel im Reisepass reicher, ärmer um die Illusion der Überflüssigkeit von Allradantrieben. Aber ich kehrte als Held zurück. Als Held in auseinanderfallenden Sneakern.

Durban, 26.01.2013 – Österreich ist raus
Im durchaus beruhigenden Wissen, Lesotho tatsächlich halbwegs unversehrt überlebt zu haben, erwachte ich im mittlerweile zu einer vertrauten zweiten Heimat gewordenen Durbaner Hostel. Die Multinationalität unserer Reisegruppe lag in ihren letzten Zügen. Nach einem Abschiedsfrühstück brachten wir den österreichischen Mietwagendraufgänger zum Bahnhof, nicht ohne ihn noch einmal daran zu erinnern, dass südafrikanische Hostels zwar günstig, dennoch aber nicht gänzlich gratis sind. Er zahlte bereitwillig, nachdem wir ihn dezent auf die rapide ansteigende Zahl von Auftragsmorden in der Johannesburger Innenstadt hingewiesen hatten.
Der nächste Tagesordnungspunkt war, ganz diesem Geiste entsprechend, die Autovermietung. Es war uns tatsächlich gelungen, den Ford Figo größtenteils an einem Stück abzuliefern. Eine Heldentat, die uns kaum gedankt wurde, ging man doch (selbstverständlich berechtigterweise) davon aus, wir hätten ihn lediglich zu einem entspannten Ausflug auf perfekt asphaltierten Autobahnen und Landstraßen genutzt. Die Wahrheit, sie sollte niemals ans Licht kommen. Nun, jedenfalls fast niemals. Zumindest, sofern nicht irgendwann ein Mitarbeiter einer südafrikanischen Autovermietung sein Faible für deutsche Fußballreiseliteratur entdeckt.
Licht gab es dennoch genug an diesem Tag, der meinem inzwischen recht verfestigten Bild von Durban als sonnigster Stadt dieses Planeten abermals alle Ehre machte. Fußball allerdings gab es auch diesmal keinen. Allerorten war aber eine elektrisierende Spannung zu spüren vor diesem letzten, für die Bafana Bafana so entscheidenden Gruppenspieltag. Und wir waren ohnehin auf Entzug, keine Frage. Schließlich machte sich schon fast ein Gefühl von Urlaub breit, das es natürlich um jeden Preis zu vermeiden galt.
In entsprechend urlaubsvermeidender Laune ging es daher zum Strand. Surfer. Sandskulpturen. Sonne. Immerwährender Frühling, Hochsommer, August im Januar. Deutschland war so weit weg wie nie. Vielleicht auch, weil wir weiterhin den Besuch im reichlich beworbenen Durban Holocaust Centre verweigerten. Die eigene Herkunft mag zu vielem verpflichten. Hierzu nicht.
Mit dem Anbrechen des Abends jedoch meldete sich Deutschland wieder zurück. Windböen peitschten über den Indischen Ozean, der Himmel verdunkelte sich. Ein böses Omen für das Bafana-Spiel? Oder einfach nur schlechtes Wetter? In jedem Fall ein hervorragender Grund, von einem der Genüsse dieses Landes zu einem völlig anderen zu wechseln. Nachdem ich mit leisem Bedauern ein letztes Mal den Fuß in das badewannenwarme Wasser gesetzt hatte, begaben wir uns
also auf die Suche nach einem Liquor Store.
Die südafrikanische Variante, den Alkoholverkauf zu regulieren, mag eine nicht allzu ungewöhnliche sein, in jedem Fall war es eine unpraktische. Mag sein, dass es in Zeiten von Smartphones auch so etwas wie eine Liquor-App gibt, im Rückblick bin ich mir dessen sogar völlig sicher. Was es in Zeiten von Smartphones aber nicht gibt, sind reisetaugliche Akkus. Wir
Technikanbeter hängen an der Steckdose, jederzeit. D. hatte sich daher für eine wie üblich hochprofessionelle Doppelstrategie entschieden: ein konventionelles Handy zum Telefonieren, ein technisches Wunderwerk für das Internet. Immerhin der Hauptgrund, warum wir uns ständig vor den Türen der Filialen einer großen internationalen Hühnerfleischgerichtekette aufhielten, die nämlich kostenloses W-LAN anbot. Oder jedenfalls angeblich anbot. In bestimmten Regionen des Landes. Bei Vollmond. Um Mitternacht. Und in Durban selbst dann eher nicht so.
Todesmutig entschieden wir uns also für die falscheste Option, die es in Südafrika nur geben kann: durchfragen. Selbstverständlich, jeder Einheimische wird bereitwillig und freundlich in vielleicht sogar perfekt verständlichem Englisch dem ahnungslosen Reisenden seinen Weg weisen. Dies aber leider vermittels gänzlich absurder Anweisungen, deren Absurdität sich allerdings erst am Ende des jeweiligen Weges offenbart. Sobald man vor einer Wand steht. Auf einem Bahngleis. Vor einer geschlossenen Einfahrt. Oder, selbstverständlich eine Paradedisziplin, vor einem Zaun. Uns an
diesem entlangtastend, tat sich vor uns das Paradies auf: Ein Kwikspar. Mit Liquor License. Eine Lizenz zum Massenmord quasi, der Traum des ehrlichen Trinkers.
Wein. Ein Thema, über das gesprochen werden muss. Die Provinz KwaZulu-Natal ist inzwischen eines der größeren Anbaugebiete im Lande, wenngleich natürlich gerade international deutlich weniger bekannt als das Westkap mit seinen Weinregionen um Stellenbosch oder Paarl. Das verhieß, wie in Durban ja insgesamt nicht unüblich, hervorragende Qualität auf angenehmem Preisniveau.
Und wir wurden nicht enttäuscht. Den Süßwein der „Vier Cousins“, deren einer eine bestechende Ähnlichkeit mit einem deutschen Comedian aufwies, beharrlich ignorierend, wählten wir einen tatsächlich großartigen Shiraz. Mit ihm gemeinsam ließen D. und ich diesen Tag ausklingen, den wohl letzten wirklich gemütlichen vor unserer Parforce-Tour quer durch den Rest des Landes. Aber wie ich es eingangs erwähnte: Urlaub kann ja jeder.

Durban, 27.01.2013 – And united we shall stand
Wir aber. Wir können mehr als Urlaub. Oder wollten zumindest mehr können. Teilhaben an diesem Fieber, in dem sich ganz Südafrika nun befand, an diesem Tag des letzten, entscheidenden Gruppenspiels der Bafana Bafana. Jenem Tag, an dem die Entscheidung fallen sollte zwischen Blamage auf der einen, Fortsetzung des großen Traums auf der einen Seite eines schmalen Grats.
Sommermärchen oder nicht. Eine Spannung in der Luft, wie sie nur ein solches Turnier mit sich bringen kann, nur das Spiel des Gastgebers, nur die Millionen von Menschen im ganzen Land, deren Blick an jenem Abend nach Durban gerichtet sein würde. Wir waren dort. Wir konnten dabei sein. So merkwürdig selbstverständlich es uns vorgekommen sein mag, so  großartig war es vielleicht.
Sie mehrten sich, die Vorzeichen des nahenden Sturmes. Ein schwäbisches Pärchen checkte in unser Hostel ein. Zum ersten Mal seit Tagen musste ich wieder an Berlin denken. In diesem Fall waren es aber tatsächlich schwäbische Schwaben, also Schwaben, die ganz besonders zu ihrem Schwabentum stehen und daher ihren schwäbischen Wohnort tatsächlich nicht verlassen haben. Bis zu diesem Zeitpunkt. Mir ist so etwas zugegebenermaßen relativ egal. Es war aber immer mein
Vorsatz, niemals ein Klischee unerwähnt und unbeschrieben zu lassen, womit die Anwesenheit von Schwaben für mich Wahlberliner nichts anderes als eine Steilvorlage war. Die man bekanntlich, selbst wenn dies dem Verein meines Herzens oft unbekannt erscheint, bestenfalls auch souverän zu verwerten hat.
Nun, in jedem Fall wurden die beiden neuen Gäste von D. und mir innerhalb weniger Sekunden für Fußball im Allgemeinen, den Afrika-Cup und die Bafana Bafana im Besonderen begeistert und beschlossen, sich ebenfalls Tickets für das abendliche Spiel zu besorgen. Vielleicht hätten wir uns für das Marketing des AFCON bewerben sollen, anstatt mit Kamera, Laptop und Unmengen schmutziger Wäsche in Verkehrsmitteln fernab jeglichen Komforts quer durch das Land zu reisen.
Wobei ich vermute, dass dies in den meisten Aspekten gar nicht so weit entfernt vom Berufsbild eines AFCON-Marketing-Mitarbeiters sein dürfte.
Unser Fußballtouristenberufsbild hingegen sah vor, den Tag völlig paralysiert zu verbringen. Ich könnte nicht einmal sagen, womit genau. Vermutlich mit Sonne, Strand und Durban, was grundsätzlich ohnehin eine gute Idee ist. Gibt es in Berlin alles nicht so oft. Und nach meinen Informationen auch nur selten in Hamburg, oder wo auch immer genau Kollege D. momentan
gerade rumturnt, rumturnte und zukünftig noch rumturnen wird. Weniger erfolgreich jedenfalls unser Besuch an jenem Bahnhof, den man zwar als Main Station bezeichnen, dann aber auf der Suche nach ihm nicht auf die Hilfe Einheimischer hoffen darf. Der Durbaner an sich bezeichnet seinen Hauptbahnhof ungern als Hauptbahnhof. Das Shosholoza-Büro,
bei dem wir unsere Tickets für die in einigen Tagen anstehende Zugfahrt nach Port Elizabeth erwerben wollten, hatte selbstverständlich geschlossen. Die Absurdität der angegebenen Öffnungszeiten ließ darauf schließen, dass es möglicherweise einen nicht allzu kleinen Zusammenhang mit dem abendlichen Fußballspiel gab. Ach, man kann ihnen ja nicht böse sein, nur weil sie die richtigen Prioritäten setzen. Wozu arbeiten, wenn doch Südafrika spielt? Wozu in Deutschland sein, wozu studieren? Sind doch jene Stadt und ihr Stadion zweifelsohne in einem solchen Moment der allerbeste denkbare Ort dieser Welt.
Moses Mabhida war ausverkauft. Für mich bedeutete dies ausnahmsweise mal Holzklasse, lediglich zweite Kategorie. Für 70 statt 100 Rand, 6 statt 8 Euro. Irgendwo im Oberrang also. An sich aber auch egal, in diesem wunderbaren Stadion kann man ohnehin vermutlich sogar noch vom Parkhaus aus perfekt sehen.
Ebenjenes betrat ich dann auch zwecks Ticketkauf für das Spiel am nächsten Tag, nachdem ich mir von hilfreichen Ordnern den Weg zum Ticket-Office hatte weisen lassen. Keine allzu gute Idee war das, wie ich schnell feststellte. Zwar versprach mir der Polizist am Einlass, mich wieder zurück zum Stadion zu lassen. Leider wurde er abgelöst, direkt nachdem ich den nur mit meiner (inzwischen entwerteten) Eintrittskarte zugänglichen Bereich verlassen hatte. Selbstverständlich mit Kamera im Gepäck. Nun stand ich also ohne gültige Karte außerhalb des Stadions, immerhin aber mit einer Fotoausrüstung, für deren Mitnahme ins Stadion schon bisher nicht meine Eintrittskarte, sondern vielmehr der liebe, in diesem Moment aber nicht anwesende D. der entscheidende Faktor war. Eine Situation, die sich durchaus verbessern ließ.
Zuständig für die Verbesserung jedweder Lebenslage waren natürlich die überall zahlreich vertretenen Volunteers. Überall zahlreich vertreten – außer in diesem Parkhaus, in dem ich mich nun befand und das ich im Übrigen weder in Richtung Stadion, noch in Richtung Stadionvorplatz verlassen durfte, schließlich war mein Ticket bereits entwertet. Immerhin wurde ich insoweit beruhigt, dass ich vielleicht ein oder zwei Stunden nach Spielende das Gelände verlassen dürfe. Der Ticketshop habe im Übrigen geschlossen und läge außerdem in einer völlig anderen Richtung.
Diese verlockenden Aussichten brachten mich dazu, wieder einmal die bewährte Mischung aus latenter Aggressivität und schlechtem Englisch anzuwenden, von der ich hoffte, sie würde mich zumindest an einen etwas interessanteren Ort als das Parkhaus von Moses Mabidha bringen.

Tat sie auch, nämlich, begleitet von einem plötzlich auftauchenden Volunteer, direkt in den VIP-Aufzug des Stadions. Leider wurde ich bereits deutlich vor den Logen wieder abgesetzt, immerhin aber wieder auf der richtigen Seite der Stadiontore. Ein durchaus sehr überflüssiger Ausflug dennoch.
Jedenfalls aber ein guter Grund, nunmehr möglichst schnell für angemessene Verpflegung zu sorgen. Um es vorwegzunehmen: Halal-Chickenburger fallen nicht in diese Kategorie. Eine klebrige, brötchenähnliche Substanz, die, auf jegliche Saftigkeit oder gar Frische verzichtend, etwas umklammert, das verdächtig nach einem von einem Streufahrzeug überfahrenen Igel aussieht, ist nicht das Nonplusultra der südafrikanischen Küche. Noch nicht einmal im Stadion, wie ich zuvor bereits ja mehrfach hatte erfahren dürfen.
Wenn schon die Projekte Ticket und Essen scheiterten, musste dies wohl durch ein rauschendes Fußballfest ausgeglichen werden. Ging ja nicht anders. Beispielsweise unter Beteiligung einer heroisch kämpfenden südafrikanischen Elf, die, obgleich zweimal gegen den marokkanischen Gegner in Rückstand geraten, niemals zurücksteckt, nie aufgibt und tatsächlich zum rettenden Ausgleich kommt.
Beispielsweise eine wahnwitzige Viertelstunde, in der neben Südafrika und Marokko zwischenzeitlich auch die in Port Elizabeth aufeinandertreffenden Teams von Angola und den Kapverden die nächste Runde erreicht hätten.
Beispielsweise Ekstase und Leidenschaft auf den Rängen, die sich auf den Rasen überträgt und jeden zu Höchstleistungen anstachelt, bis der Schlusspfiff ein ganzes Stadion, eine ganze Stadt, ein ganzes Land in Euphorie versetzt.
Ja, so musste es wohl sein an diesem Abend in Durban. Und genau so kam es. Einer dieser Abende, für die Fußball erfunden wurde. Das vielleicht nicht beste, mit Sicherheit aber eins der spannendsten Spiele dieses Turniers. Man stelle sich einfach das Gegenteil des soeben beschriebenen Chickenburgers vor und übertrage diese Vorstellung auf ein Fußballspiel. So in etwa war das. Saftig, frisch, schmackhaft und keineswegs vom Streufahrzeug überfahren. Dazu noch,
endlich, wieder in Gesellschaft unserer verschollenen Mitreisenden M. und T. Insgesamt also jenes Stadions würdig, dessen korrekte Schreibweise ich mir wohl nie werde merken können.
Ganz Durban tanzte in den Straßen, zumindest kam es mir so vor. Wir nicht. Schließlich war das hier ja immer noch kein Urlaub. Unsere sämtliche europäische Neutralität und Seriosität zusammenraffend, traten wir ein letztes Mal den Weg zum Hostel an. Ins Bett zu fallen, war eine derleichtesten Übungen an diesem Tag.

Durban, 28.01.2013 – All bright and shining
Seine Zeit damit zu verbringen, Abschied zu nehmen von einem der vielleicht schönsten Orte dieser Welt, muss wohl heißen, dass man vorher so einiges richtig gemacht hat. Hatten wir auch nie wirklich daran gezweifelt, die Stimmung am Frühstückstisch dieses Morgens war der endgültige Beweis. Durban hatte uns die sonnigste Seite dieses herrlichen Landes gezeigt. Die ganze Energie dieses Turniers. Alle Gründe, warum wir überhaupt hier waren, versammelt an einem Ort.
Weswegen wir ihn verlassen wollten? Nun, weil es genau das war, weswegen wir hier waren. Immer anderswo eben. Ein Turnier hat die Eigenschaft, zu reisen. Es gab noch vieles, was vor uns lag.
Beruhigend immerhin, dass zumindest diese Variante von Frühstück zum definitiv letzten Mal vor uns lag. Schrittweise waren die genießbaren Aspekte der Verpflegung in den vorigen Tagen durch noch mehr obskure, immerhin aber vegetarische Brotaufstriche ersetzt worden. Diese schmeckten nur leider so, wie Unwissende es oft mit dem Wort „vegetarisch“ assoziieren. Vermutlich ist es wirklich kein Land, in dem man auf Fleischkonsum verzichten sollte, dieses Südafrika. Den
Geschmack sauer gewordenen Essigs mit etwas, das hoffentlich ein Getränk war, hinunterspülend, starteten wir in unser wie üblich völlig unmöglich zu bewältigendes Tagesprogramm.
Das uns selbstverständlich zunächst zu unserem Lieblingsbahnhof führte. Wären nicht an Spieltagen die Tickets auch in der MetroRail gültig, wir hätten inzwischen vermutlich einen südafrikanischen Jahresdurchschnittsverdienst in diesen schicken gelben Zügen gelassen. Moses Mabidha, Durban Station, hin, zurück, hin und her. So sieht man was von der Welt,  zumindest der Welt auf jenen geschätzt zwei Kilometern. Die man natürlich auch laufen könnte, aber man ist ja verschwenderischer europäischer Verrückter.
Selbstverständlich hatten wir uns vorher genau angeschaut, für welchen abendlichen Bus wir Tickets benötigten. Genau genommen hatten wir diese Tickets sogar bereits online erworben. So betraten wir zielstrebig das Büro von Intercape. Dort wurde uns gesagt, dieser Bus existiere ebensowenig wie wir selbst, was uns soweit nur noch mäßig überraschte. Wir beharrten auf unserer eigenen Existenz sowie der des Busses, was den bedienenden Menschen, vermutlich mindestens ein
Intercape-Officer, minimal überforderte.
So speziell Südafrika in gewissen Dingen auch sein mag, so gibt es doch Angewohnheiten, die auf der gesamten bekannten Welt exakt gleich sind. Ist man in einer beruflichen Tätigkeit überfordert, gibt es eine begrenzte Zahl von Möglichkeiten. Als Künstler bringt man sich um. Als Freiberufler flüchtet man mit dem Geld der Kunden in wärmere Gefilde, wobei die Frage zu klären wäre, in welcher Region diese im Falle Durbans lägen. Als Angestellter ruft man seinen Chef.

Der, oder vielmehr: die erschien dann auch prompt. In einem fordernd-aggressiven Tonfall, der wohl alle Chefs dieses Planeten auszeichnet, befahl uns diese Supervisorin (schätzungsweise im Intercape-Generalsrang), tragfähige Belege für unsere eigene Existenz sowie die des Busses vorzulegen, wobei unsere Anwesenheit oder unsere Ausweisdokumente selbstverständlich selbst für erstere Anforderung nicht genügten, ebensowenig wie die Buchungsnummer für letztere. Soweit waren wir nun schon. Wir sollten beim Greyhound-Büro nachfragen. Taten wir. Brachte nichts.
Möglich sei es aber darüber hinaus auch, dem Intercape-Büro die Buchung per Internet zu zeigen. Internet selbstverständlich, das in diesem Büro nicht existiere.
Uns nicht weiter in die Frage vertiefend, wie genau das Online-Buchungssystem jenes Intercape-Büros denn ohne Internet überhaupt funktioniere, begaben wir uns also zurück zum Stadionbahnhof. Dort nämlich war das wohl leistungsfähigste Stadion-W-LAN der Galaxie für Eingeweihte wie den Kollegen D. bereits zugänglich. Bei grob geschätzten 500 m Luftlinie zum Pressebereich tatsächlich keine so üble Leistung.
Nach einer gefühlten halben Stunde voller Verbindungsprobleme ging uns auf, dass das Intercape-Büro einen katastrophalen Fehler gemacht hatte. Man hätte uns ruhig mitteilen können, dass wir unsere Tickets bei einem völlig anderen Anbieter namens Intercity gebucht hatten. Der Service für Europäer mit Leseschwäche an südafrikanischen Busbahnhöfen ist fraglos unerträglich schlecht.
Mäßig rot werdend kehrten wir an die Stätte unserer Niederlage zurück und holten auf der gegenüberliegenden Seite des Bahnhofs unsere Tickets im richtigen Büro ab. Innerlich jubelten wir derweil darüber, dass dieser kleine intellektuelle Umweg uns langweilige touristische Ziele wie
etwa den Hafen von Durban, den Indian Market, die nach wie vor andauernde Suche nach Postkarten oder gar ein standesgemäßes Mittagessen erspart hatte.
Zurück zum Hostel also. Packen. Nach fast anderthalb Wochen ohne Waschmaschine und ohnehin nur mit halbem Gepäck reisend keine angenehme Aufgabe. In diesen Tagen erreichte ich Meisterschaft darin, meine Wäsche nach dem Geruch in die Kategorien „Neuköllner Parkbank um 3 Uhr morgens“ und „Neuköllner Parkbank um 5 Uhr morgens“ einzusortieren, wenngleich ich nicht ganz sicher bin, welche dieser Varianten nun wirklich erträglicher war.

Südafrika ist kein allzu schmutziges Land, insbesondere verglichen mit meiner geschätzten Heimatstadt. Wir arbeiteten
aber schwer daran, es zu einem solchen werden zu lassen, jedenfalls in unserem direkten Umfeld. Ohne Absicht selbstverständlich. Das Wort von den Sachzwängen, es wurde für uns erfunden. Aus genau jenen heraus war es nach dem Abschied von unseren so netten wie günstigen Gastgebern unvermeidbar, mit vollem Gepäck das Stadion anzusteuern. Denn natürlich gab es vor der Abreise noch eine Afrika-Cup-Partie, schließlich war man ja nicht zum Spaß – nun, ich erwähnte es vermutlich schon. Und es ist und bleibt zugegebenermaßen dreist gelogen.
Ein wenig verstörend, dass der Ordner am Stadiontor mich angesichts des in meinem Rucksack befindlichen Haufens von Schmutzwäsche sowie eines Notizblocks korrekt als Student identifizierte. Mir ist das südafrikanische Bildungssystem nicht vertraut, gänzlich frei von Problemen scheint es angesichts dessen jedoch nicht zu sein. Aber was ist das schon, so fremd, wie mir der Zustand der Problemfreiheit bei brüllender Hitze in einem nicht übel gefüllten Stadion mit einem 15-Kilo-Rücksack auf dem Rücken und einer Kameratasche über die Schulter vorkam. Global betrachtet möchte ich mich hierüber nicht beschweren, lokal war es durchaus anstrengend.
Das Spiel zwischen dem Kongo und Mali war nach einer Viertelstunde durch, danach verweigerte sich jegliche Form von Ereignis, noch einmal auf dem Spielfeld Präsenz zu zeigen. Nach drei Minuten per Elfmeter die Führung für die – so absurd das bei einem solchen Turnier klingen mag – Gastgeber. Kongo war weiter. Nach 15 Minuten der Ausgleich. Mali war weiter. So weit, so unspektakulär. Ein krasser Gegensatz zum gestrigen aufopferungsvollen Kampf der Bafana Bafana.
Eher lauer Sommerfußball. Für meinen Geschmack an diesem Tag aber auch sehr akzeptabel, schließlich standen noch genügend sich potentiell überschlagende Ereignisse an.
Mach es gut, Moses Mabidha. Ich bin froh, deinen Namen nicht mehr schreiben zu müssen und werde es vermutlich nie lernen, an welcher Stelle jenes für die Aussprache vermutlich völlig irrelevante „h“ steht. Dennoch, schön warst du. Und großartige Momente hast du uns gegeben in diesem Turnier. Mach es gut.
Die Fahrt zur Durban Station, sie verlief, so zeitlich eng sie geplant war, völlig ohne Probleme Südafrika hat doch immer wieder das Potential, den geneigten Reisenden zu überraschen.
Selbstverständlich aber hatten wir in den vergangenen Tagen (und ganz besonders am Vormittag jenes Tages) auch ausreichend Erfahrung mit der Metro Rail gesammelt, sodass es schlechterdings unmöglich gewesen wäre, uns aus dem rudimentär vorhandenen Konzept zu bringen. Diesmal fanden wir auf Anhieb die Busse der korrekten mit „Inter“ anfangenden Reisefirma.
Allerdings nicht denjenigen nach Johannesburg. Zumindest war er nirgendwo aufgeführt. Es mag nun sein, dass Intercity viele schöne Ziele ansteuert; dieses aber war unseres. Nach einiger Verwirrung, zu der insbesondere die Mitarbeiter des Reiseunternehmens (Officers, alles Officers) lebhaft beitrugen, bestiegen wir dann doch einen Bus, der uns zur  Johannesburger Park Station bringen sollte.
Unsere eigentlich fest gebuchten Sitzplätze wurden seitens der Reiseleiterin generös in eine freie Platzwahl umgedeutet, was uns angesichts des gut gefüllten Gefährts abermals in Jubelstürme ausbrechen ließ. Jene blieben ohne zählbaren Erfolg, weswegen D. sich einen Luxusplatz in der letzten Reihe sicherte und ich, der ich geringfügig später den Bus betreten hatte, auf einen Sitz (vielmehr: einen halben) neben einer etwas fülligeren (vielmehr: erstaunlich übergewichtigen) Dame fiel (vielmehr: vorsichtig versuchte, wenigstens wenige Quadratzentimeter an Sitzfläche zu ergattern).
Intercity ist die günstigere Variante der Greyhound-Busse. Das erkennt man durchaus ganz gut daran, dass an der Eingangstür niemand steht, der größeres Interesse zeigen würde, etwaige fliegende Händler nicht durchzulassen. So durchquerten in der folgenden völlig überflüssigen einstündigen Wartezeit etwa zweihundert von ihnen den Bus, im Sortiment größtenteils Plastikwaffen jedweder Couleur.
„It’s all bright and shining“, so raunte einer von ihnen verschwörerisch in meine Richtung. Ja, unbekannter  Plastikmüllverkäufer, du weißt etwas von der Welt. Genau so war es. Wir, Durban, werden uns wiedersehen.

Mbombela, 29.01.2013 – Busse und Bordelle
Ohne Frage bin ich mir der Tatsache bewusst, dass diese Überschrift eine recht ähnliche Funktion erfüllt wie Freibier in einer Kneipe. Die Erwähnung von Bordellen und St. Pauli in ein und demselben Kontext kommt eigentlich einer Einladung für Menschen gleich, die nicht unbedingt auf der Suche nach Reiseberichten über afrikanische Fußballturniere sind. Dieses Wissen aber ändert nichts an den Fakten, ich bin also völlig wehrlos angesichts der hiermit generierten völlig neuen Leserkreise. Der Hinweis, dass es nach wie vor mehr oder weniger um Fußball geht, sei mir dennoch gestattet. Und mit Fußball meine ich keinerlei sexuelle Vorlieben, sondern den Sport. Der zwar in seinen besten Momenten recht nah an eine sexuelle Vorliebe kommen kann, aber diese besten Momente verpasse ich irgendwie immer.
Beginnen wir also einfach mit den Bussen. Ich deutete es bereits an und ohnehin wird kein klar denkender Mensch so etwas gedacht haben – natürlich existiert keine Möglichkeit, ohne Umsteigen von Durban aus das nunmehr Mbombela zu nennende Nelspruit zu erreichen. Auch nicht zum Afrika-Cup. In der Theorie existieren Fußballfans für die südafrikanische Regierung zwar, in der Praxis aber bleiben sie brav an einem Ort oder zumindest bei einer Mannschaft. Oder sind reich und
fliegen sowieso dauernd durch die Gegend.
Wir aber waren bekanntlich weder reich, noch reisefaul, höchstens ein wenig verrückt. Soweit zumindest die einzige relevante Erkenntnis, die ich irgendwo kurz vor Johannesburg mit abermals schmerzendem Rücken gewann. War die Park Station doch ohnehin ein guter Ort für Erkenntnisse jener Art, ich verweise nur auf unser dortiges Nachtlager vor der Abreise in Richtung Durban. In gewisser Weise pünktlich kamen wir an – zwar nicht zu einer Zeit, die mit dem Fahrplan auch nur annähernd korrespondierte, immerhin aber mit genügend Abstand zum folgenden Bus, der uns
später tatsächlich ohne weitere Umwege in Richtung Mbombela bringen sollte.
Davor gab es aber, wie der geneigte Leser bereits vermutet haben wird, Unmengen von Dingen zu erledigen. Manchmal bewunderte ich D. für seine gnadenlose Übersicht über sämtliche anstehende Aufgaben in jeglicher Lebenslage. Man hätte ihn um 5 Uhr morgens wecken können und er hätte auf Anhieb gewusst, dass als nächstes die Anschaffung einer Gold Card für meine Wenigkeit auf dem Plan stand.
Das passte insofern ganz gut, dass der Bus recht exakt um 5 Uhr morgens die Park Station erreichte.

Was eine Gold Card ist? Ich möchte behaupten, eine sehr südafrikanische Art von Zahlungsmittel. Gültig in nur einem der zahlreichen Nahverkehrsnetze Johannesburgs, den Verkehrsmitteln des Gautrain nämlich. Dazu zählte ein recht umfangreiches, von einem Betrunkenen geplantes Busnetz sowie die Züge der hochmodernen und völlig überteuerten U-Bahn, eingerichtet selbstverständlich im Vorfeld der WM 2010. Erwerben lässt sich diese Karte lediglich an U-Bahnhöfen, nicht aber an den wesentlich zahlreicheren Bushaltestellen und selbstverständlich auch nicht in den Fahrzeugen selbst. Auch aufladen lässt sie sich dort nicht. Hat man keine, hat man Pech. Ist die Karte leer, hat man Pech. Kostet die Fahrt 3 Rand und man hat noch exakt 20 Rand auf der Karte, hat man Pech. Weil ebenjene 20 Rand für immer und ewig auf der Karte verbleiben müssen. Aus Gründen.
Selbstverständlich ist dies kein Pfand, das wird nämlich noch einmal unabhängig davon bezahlt. Insgesamt also eine durchdachte und simple Variante des bargeldlosen Zahlens. In etwa so verständlich, sachgerecht und realistisch wie eine Anleitung zum Bau eines funktionsfähigen Atomkraftwerks aus grober Leberwurst.
Diese Karte also galt es zu jener unerträglichen Uhrzeit an der Park Station zu erwerben, da wir sie zukünftig noch brauchen würden, wie uns D.s hellseherische Fähigkeiten oder auch sein inzwischen etwa auf 300 Seiten angewachsener Reiseplan verrieten. Überraschenderweise ging der Kauf völlig problemlos vor sich. Vermutlich sahen auch die Bahnangestellten ein, dass die im Gold-Card-System bereits angelegte Verwirrung ausreichend groß war und sie nicht weiter zu ihr beitragen
mussten.
Frühstück bei Wimpy. Klingt fast ein wenig glamourös, bedeutet aber vor allem Speck. Was fraglos nicht die schlechteste Sache ist, die einem frühmorgens an der Park Station passieren kann.
Vielleicht auch nicht die beste. Aber nach den Tagen in Durban befanden sich meine Ansprüche an ein gutes Frühstück etwa auf dem Niveau meiner Erwartungen an das Johannesburger Nahverkehrssystem.
Nahverkehr aber, der war uns ohnehin völlig fremd. Als Fernbusfirma hatten wir uns diesmal, hauptsächlich des schönen Namens und der Abwechslung wegen, City to City ausgesucht. Hier waren keine Verwechslungen möglich, auch wenn wir uns redlich bemühten. Der Bus kam erstaunlich pünktlich. Nachdem wir eingestiegen waren, drehte er eine etwa einstündige und völlig überflüssige Runde um den Busbahnhof. Vermutlich, um Mbombela nicht zu früh zu erreichen.
Dort kamen wir nämlich fast auf die Minute pünktlich an. Eine Leistung, die ich auch bei der Deutschen Bahn für bemerkenswert erachten würde und die deswegen auch an dieser Stelle mein besonderes Lob findet.
Ein weiteres Lob für unsere jederzeit bis ins Detail perfekte Planung. Nahverkehrstickets für Johannesburg hatten wir nun, nicht aber ein Hostel in Mbombela. Was relativ blöd ist, wenn man sich in ebenjenem Mbombela befindet und dort auch die Nacht zu verbringen gedenkt. Aber mal ehrlich, dieser ganze Durban-Komfort wurde doch langsam sowieso langweilig. Dauernd Sonne, abends mit sicherer Unterkunft in einem ausreichend komfortablen Hostel, nebenbei ein bisschen Fußball und abgesehen davon eigentlich nur hervorragende Weine, Strand, ein bisschen Fotografieren und Pseudo-Sightseeing. Da hatte man, ich erwähnte es, doch tatsächlich das Gefühl, im Urlaub zu sein.
Konnte so nicht weitergehen. Jetzt wieder: Abenteuer. Die Möglichkeit zum totalen Scheitern, so ähnlich wie dort oben in Lesotho. Planlosigkeit. Spannung. Kurz: Endlich wieder richtiges Afrika-Cup-Feeling. Trotz immerhin wieder verdammt guten Wetters. Strömender Regen hätte besser gepasst zu unserer Reise ins Ungewisse. Aber was sage ich – hätten wir ein Wunschkonzert haben wollen, wir hätten vermutlich eine Bank überfallen oder so, um uns dann in einem 5-Sterne-Hotel
all inclusive einzuquartieren. Wie das normale Touristen halt machen.
Sicher bin ich mir da nicht, aber vermutlich war der Ort, den wir schlussendlich aufsuchten, ebenfalls einer, den normale Touristen gerne frequentieren. Ein beschaulich schmutziger Seitenhof an der Hauptstraße, äthiopische Schriftzeichen und ein großes „Guest-House“-Schild. Weiteres Suchen ersparten wir uns, schließlich wusste der liebe D. mit absoluter Sicherheit zu berichten, dass es schlechterdings unmöglich sei, in Mbombela zentral gelegene Hostels zu finden. Nun, ob es ein Hostel war, blieb dahingestellt. Nachdem wir unsere jeweils 100 Rand für die Nacht entrichtet und unser Gepäck deponiert hatten, wurde uns das Zimmer gezeigt. Ein Doppelbett, dessen Sauberkeit knapp unterhalb unserer eigenen rangierte, nach mehr als 24 Stunden ohne Dusche bei seit Tagen absurd hohen Temperaturen. Der, nun, Angestellte jenes, nun, Etablissements befreite netterweise noch den Zimmerboden von benutzten Kondomen. Jedenfalls größtenteils.

In dezenter Panik ob der Serviceleistungen, die eventuell im Preis inklusive waren oder deren Bezahlung gar noch von uns
erwartet werden würde, verabschiedeten wir uns schnell in Richtung Stadion. Nicht ohne uns versichert zu haben, dass die entrichteten 100 Rand tatsächlich für die ganze Nacht galten und nicht etwa der Stundenpreis waren.
Die Shuttlebusse aus der Innenstadt sollten ab etwa 16 Uhr ihren Weg antreten. Somit vertrieben wir uns die Zeit bis etwa 17 Uhr auf einem malerischen Baumarktparkplatz in brütender Hitze, immerhin gut versorgt mit den gängigen 0,75-l-Flaschen des großartigen Castle Milk Stout.
Burkina Faso gegen die Titelverteidiger aus Sambia war angesagt, wobei Sambia einen Sieg benötigte, um das historische Ausscheiden in der Vorrunde noch zu vermeiden. Dafür taten sie leider genau nichts. Folgerichtig endete das Spiel 0:0. Nachdem die Fans aus Burkina Faso den Weg wohl in weiser Voraussicht größtenteils gar nicht angetreten hatten, fanden wir uns nunmehr inmitten eines recht aufgebrachten sambischen Rückfahrbusses wieder. Angeheizt wurde die Stimmung besonders durch einen schwankenden Herrn, der im Wechsel seine Vuvuzela und seine Bierflasche bediente, mit jeweils eher mäßigem Erfolg. Unser latentes Desinteresse an den Ereignissen des Spieltags versteckend, gelang uns eine unverletzte Rückreise in das Bordell unserer Wahl.
D. entschied sich nun doch noch für eine Dusche. Ich wiederum entschied mich nach einem Blick auf die sanitären Anlagen für rasche Flucht, zumal jede noch so gründliche Dusche sich nach wenigen Minuten in jenem Bett genannten Schmutzberg wohl ohnehin wieder egalisiert hätte. Zwar ist man nach knapp zwei Wochen in diesem Land jegliches Extrem gewohnt – und ja, auch im Positiven! – , aber ich war der Meinung, nach ein paar Stunden Schlaf könne ich in meinem gewohnten morgendlichen Halbwachkoma die Herausforderungen jener Waschräumlichkeiten weitaus besser meistern. Von leisem, fernem Stöhnen begleitet schliefen wir ein.

Mbombela, 30.01.2013 – Fußball, Ficken, Alkohol
Eine Nacht in einem Bordell erfordert es, jedenfalls sofern man wie ich selbst gelegentlich Opfer eines recht pubertären Humors wird, sämtliche Phrasen bezüglich sexueller Dienstbarkeiten auszureizen. Weiterhin erfordert eine solche Nacht ein hohes Maß an Fokussierung auf jene Großtaten, die zu vollbringen unser eigentliches Ziel in Mbombela war. Auf deren Liste ganz oben stand nunmehr dann doch, todesmutig die Waschräume aufzusuchen. Wobei sowohl die Funktion des Waschens, als auch deren Gestalt als Raum wie bereits erwartet eher zweifelhafter Natur waren.
Auch mein erstaunlich guter Schlaf hatte daran nicht allzu viel geändert.
Hier zeigte sich wieder einmal die haushohe planerische Überlegenheit meines lieben Mitreisenden. D., der bereits am Vorabend die Dusche aufgesucht hatte, war sich wohl der Tatsache bewusst, dass Warmwasser am frühen Morgen nicht zu den Leistungen zählt, für die dieses Etablissement berühmt ist. Aber soll bekanntlich gut für den Kreislauf sein.
Einen solchen wollten wir nun auch durch Mbombela unternehmen, nachdem für die Schönheiten dieser Stadt bislang nicht allzu viel Zeit geblieben war. Das wiederum durchaus naheliegende Wortspiel sei an dieser Stelle auszulassen. Genauer: Wir wählten uns einen Wildtierpark als Ziel, der zwar vermutlich nicht ernsthaft mit dem Krüger-Park konkurrieren konnte, im Gegensatz zu diesem aber noch vor Anpfiff gut erreichbar war. So dachten wir.
Dieser befand sich nach unseren Informationen in den gehobenen Vierteln Mbombelas, wobei jener Aspekt leider nur allzu wörtlich zu verstehen war. Nach der Lesotho-Episode dennoch eine akzeptable Abwechslung, ausnahmsweise auch bei erträglichen Temperaturen die Zeit mit Bergwandern zu verbringen.
Auf unserem Weg kamen wir an zahlreichen jener Hostels vorbei, die es laut D. in ganz Mbombela kaum gab und die mitnichten ausgebucht waren. Darunter auch die vormalige Unterkunft von T. und M., von der die beiden uns so begeistert vorgeschwärmt hatten und die – wiederum D. zufolge – für unsere Bedürfnisse viel zu weit außerhalb lag. Nun ja, eine halbe Stunde Fußweg war es vielleicht schon.
Während ich diese meine Beobachtung D. gegenüber mehrfach lautstark betonte, fiel uns auf, dass in unserer Umgebung erstaunlich wenige Wildtierparks zu sehen waren. So verfielen wir auf die in ihren Erfolgsaussichten bereits sattsam bekannte Idee, Einheimische zu fragen. Es wurde uns geraten, an einem großen weißen Haus rechts abzubiegen. Ein schöner Rat in einem Wohnviertel, das ausschließlich aus großen weißen Häusern und Abzweigungen nach links besteht.
Mit diesem recht originellen Wildtiererlebnis im Gepäck verließen wir Uptown Mbombela unverrichteter Dinge wieder gen Bordell, um unsere Rucksäcke zu befreien. Das gelang, erstaunlicherweise sogar ohne Aufpreis. Und es gelang sogar, sie im Security Office des Busbahnhofs zu hinterlegen. Sollte der geneigte Leser jemals nach Mbombela kommen und irritiert
darüber sein, dass meine Wenigkeit sich im Gästebuch des dortigen Busbahnhofes verewigte – dies ist der Grund.
Eine lokale Spezialität fehlte noch. Klipdrift-Cola, also auf Berliner Verhältnisse übertragen quasi der südafrikanische Futschi. Allerdings tatsächlich noch wohlschmeckender als jene geschätzte Neuköllner Spezialität. Von Alkohol, soviel konnte man inzwischen sagen, haben sie da unten echt Ahnung. Der sich anschließende Dreiviertelliter Castle Milk Stout gehörte dann schon fast zum guten Ton, während wir der Ankunft des Shuttlebusses harrten.
Mit diesem Ziel waren wir auch fast die einzigen. Im Vergleich zu gestern herrschte auf den Tribünen gähnende Leere. Mag sein, dass Togo gegen Tunesien nicht unbedingt nach großem Fußball klingt. Mag auch sein, dass die Fans beider Mannschaften erst an diesem Spieltag den Weg nach Mbombela überhaupt hätten antreten können.
Auf Empfehlung von D. wagte ich mich anstatt der üblichen, eher mäßigen Burger diesmal an Pap & Beef als Lieblingsstadionessen der vornehmlich schwarzen vornehmlich unteren Schichten. Eine jener Ideen, auf die ich schon zwei Wochen zuvor hätte kommen sollen. Dreierlei Salate, dazu gewohnt hervorragendes Fleisch und der namensgebende Maisbrei. Ein kulinarisches Fest für einen Preis, zu dem in Deutschland wohl nicht einmal die durchschnittliche Stadionwurst zu bekommen wäre.

Es gibt viele Gründe, dieses Land zu lieben. Das Essen, ohne Frage, ist einer davon. Die Menschen auch. Selbst wenn sie plötzlich das Fotografieren auf der Pressetribüne untersagen, was bei genauerer Betrachtung als recht interessante Idee erscheint. Egal – vom Stadion selbst hatte ich bereits ausreichend Bildmaterial und die Sicht auf das Spielfeld war von dort oben aus fotografischen Gesichtspunkten ohnehin eher mäßig.
Ganz anders das Spiel. Beide Teams begannen stark, Togo wurde mit der frühen Führung belohnt. Danach kam es zu einem Festival der Elfmeter, sowohl der gewünschten und verdienten, als auch der realen. Togo bekam gleich zwei berechtigte Strafstöße inklusive eines Platzverweises für den tunesischen Torhüter nicht, Tunesien hingegen zwei unberechtigte bis absurde. Dass den Nordafrikanern zusätzlich ein berechtigter Elfmeter verweigert wurde, konnte die Wogen im Stadion kaum glätten. Wirklich jeder war nunmehr auf der Seite Togos.
In diesem Pfeifkonzert gelang Tunesien zunächst aus bereits genannter Torentfernung der Ausgleich. Dem zweiten Schützen versagten jedoch kurz vor Schluss die Nerven. Der Klang des Aluminiums vermischte sich mit dem Jubel des Mbombela Stadium. Kurz darauf war es besiegelt, das historisch erstmalige Ausscheiden aller arabischen Teams bereits in der Vorrunde. Manchmal ist auch der Fußball gerecht.
D. befand sich seit seinem Hostel-Fauxpas auf Wiedergutmachungskurs. Es traf sich, dass er vor dem Stadion einem österreichischen Kollegen aus der Redaktion des Ballesterer begegnete. Die Rückbank seines Mietwagens sorgte für einen unerwartet komfortablen Rückweg zum Busbahnhof, von wo aus es für uns in wenigen Stunden wieder einmal Richtung Johannesburg gehen sollte. Für ein paar gemeinsame Biere und Gespräche über unsere bisherigen Turniererfahrungen war vorher dennoch Zeit. So langsam gab es dann doch die eine oder andere erzählenswerte Episode.
Weiter ging es mit unserem Vorsatz, sämtliche Fernbuslinien des Landes kennen zu lernen. Cityline war pünktlich, sauber und nicht allzu überfüllt. Ein guter Start in unsere vorletzte Etappe, ein guter Start nach Port Elizabeth und Cape Town.

Johannesburg, 31.01.2013 – Vom Bordstein zur Skyline
Ich gestehe, ich mag Johannesburg nicht. Diese Stadt sei, behauptet die Tourist Information, „so wie New York, nur mit netteren Leuten“. Ich schätze, ich hasse New York. Oder nette Leute. Oder aber Touristenbroschüren mitsamt ihren fragwürdigen Werbesprüchen. Alles gut möglich. Immerhin versprach uns diesmal niemand einen bezaubernden Geschenkeshop, wie es im Durbaner Holocaust-Museum noch der Fall war.
Was uns versprochen wurde, war wiederum ein heiterer Aufenthalt an der Park Station, jenem Ort der ausschließlich für die Hände zu benutzenden Waschbecken und speckreichen Frühstücke. Es galt, unseren Gastgeber F. Aufzusuchen, um unser restliches Gepäck seinen gierigen Händen zu entreißen. Vermutlich sollte an dieser Stelle betont werden, dass F. ein sehr großzügiger und netter Mensch ist, der Autor aber gelegentlich ein wenig zu Dramatisierung neigt. Schließlich ist das
Abholen von Gepäck grundsätzlich eine Angelegenheit mit überschaubarem Nachrichtenwert. Hier jedoch geht es nicht um bloßes Gepäckabholen – nein, es geht um Gepäckabholen in Afrika! Was sich letztlich genauso spektakulär gestaltete wie im Rest der Welt.
Ich hatte beschlossen, meinen Aufenthalt bis zum Finale zu verlängern, sofern die Sternenkrieger von Egypt Air mir dies gestatteten. Deren Büro befand sich nicht weit von der Mall in Rosebank, wohin wir uns zunächst begaben.
Dafür, dass ich während meines gesamten Aufenthalts absolut kein Hähnchenfleisch aß, hielten wir uns erstaunlich oft in der Nähe von Kentucky-Fried-Chicken-Restaurants auf, die laut D. nun einmal die zuverlässigsten W-LAN-Lieferanten des ganzen Kontinents seien. Soviel sei gesagt: Afrika ist offenbar nicht die Hochburg der drahtlosen Datenübertragung.
Wohl aber Hochburg der günstigen Beförderungsmöglichkeiten. Der zur Weltmeisterschaft 2010 eingerichtete Gautrain-Bus brachte uns kreuz und quer durch die Stadt, und das dank eines Sonderangebots für umgerechnet etwa 8 Cent. Hier machte sich auch die kürzlich heroisch erkämpfte Gold Card endlich bezahlt. Aufladen lässt diese sich bedauerlicherweise nur an Bahnhöfen, was für den geneigten Busreisenden vermutlich gelegentlich zu Schwierigkeiten führen könnte. Aber es wurde bereits erwähnt, dass das gesamte Konzept jener Karte an der Maxime ausgerichtet ist, für größtmögliche Schwierigkeiten beim einfachen Bezahlen zu sorgen. Vielleicht ist dies ohnehin eine der Maximen Südafrikas an sich. Damit man was zu erzählen hat.
Egypt wollte 3600 Rand von mir, etwa 300 Euro, um den Flug anderthalb Wochen zu verlegen. Angesichts der Tatsache, dass Hin- und Rückflug insgesamt 530 Euro gekostet hatten, erschien mir dies ein wenig zu teuer. Ich musste also mit den Folgen meiner genialen Idee leben, das Turnier bereits nach dem Viertelfinale zu verlassen. Wie bereits erwähnt, gute Planung ist immer das Wichtigste. Ob in äthiopischen Bordellen oder am Grenzübergang Lesothos. Oder auch in jenem
Polizeiwagen, von dem möglicherweise noch die Rede sein könnte.
Knopf drücken, Tor schieben, Tür ziehen. Unser Hostel lag offenbar in einer Region, die überwiegend von Lebewesen mit vier oder mehr Armen besucht wurde. Dafür kostete es nicht einmal 10 Euro die Nacht und war auch ansonsten sehr annehmbar. Da musste man nicht mal den durchaus naheliegenden Vergleich zu gewissen Etablissements in Mbombela ziehen.

Abendessen gab es möglicherweise auch. Aus Angst vor den Tischsitten von Menschen, die jenes Drückenschiebenziehen-Konzept entwickelt hatten, begaben wir uns aber lieber wieder zurück zur Mall. Selbstverständlich nicht zum erwähnten Hähnchenbräter. Nach den entbehrungsreichen letzten Tagen galt es schließlich, unsere erfolgreiche Umrundung des Landes gehörig zu feiern.
Das geschah mit 300 Gramm Fleisch. Mit Gemüse. Mit Pommes Frites. Mit Zwiebelringen. Mit einer Karaffe wunderbaren Hausweins. Es ist wohl unnötig, zu erwähnen, dass dieses Festessen uns jeweils rund acht Euro kostete. Sofern man hervorragend und günstig essen will und dabei auf drahtlose Datenverbindungen verzichten kann – ich empfehle Afrika.
Im Licht der untergehenden Sonne traten wir den Rückweg zum Hostel an. Ein letzter Abend in Johannesburg, er ging zuende. Rot erleuchtet die Giganten aus Glas und Stahl vor unserem Fenster.
Und vielleicht ist sie doch gar nicht so übel, diese Stadt.

Johannesburg, 01.02.2013 – Leaving New York, never easy
Wir waren jung und hatten große Pläne. Nun, zumindest war ich jung und D. hatte im weitesten Sinne einen Plan. Man könnte sagen, wir ergänzten uns gut. Nur so gelang es uns schließlich, dieses wilde und grausame Land gemeinsam zu umrunden und all den Löwen und Hyänen zu trotzen, die uns nicht begegneten. Sie wussten, warum.
Auch dieser Johannesburger Morgen lieferte ein gutes Beispiel für unsere harmonische Zusammenarbeit. D. machte sich zu völlig unchristlicher Zeit, also ungefähr gegen neun Uhr morgens, zur Pressekonferenz des afrikanischen Fußballverbands auf. Ich blieb im Bett. Fotografie ohne Akkreditierung hatte im Stadion mit den bekannten Tricks zwar recht gut funktioniert, könnte sich bei einer Pressekonferenz jedoch schwieriger gestalten. So zumindest meine Ausrede. Man darf an dieser Stelle keine allzu hohen qualitativen Ansprüche stellen, nach gut zwei Wochen im Land der zweifelhaften Ausflüchte.
Zudem blieb mir eine wichtige Pflicht. Ich war nämlich zuständig dafür, mehrere tausend in unserem Gepäck befindliche Elektrogeräte aufzuladen. Dabei kam mir zupass, dass sich im Bücherregal des Hostels neben zahlreichen englischen Büchern zu mir völlig unbekannten Filmen auch ein Lustiges Taschenbuch auf Deutsch fand. Das Land der Dichter und Denker hatte also auch in Johannesburg seinen Fußabdruck hinterlassen! Es ging um Agenten.
Donald Duck betrachtend ließ ich meine Gedanken gen Port Elizabeth schweifen. Dies sollte das nächste und für mich letzte Ziel auf unserem Weg durch den Afrika-Cup 2013 sein. Wir hatten uns entschieden, die letzten Kilometer auf ungeahnt luxuriöse Weise zu bestreiten. Der legendäre Shosholoza Meyl sollte es sein, eine jener großen Zugstrecken, die den Kontinent durchziehen.
Als ich allmählich begann, mir Sorgen um die Stromversorgung Johannesburgs zu machen, kam D. endlich zurück. Wir brachten unser durch den Besuch bei F. am Vortag doch beträchtlich angewachsenes Marschgepäck mit einiger Mühe im Rucksack unter und verließen die gastlichen Vierarmigen.
Es erfordert ein mehrjähriges Studium, den Johannesburger Nahverkehr abseits des Gautrain-Systems auch nur ansatzweise zu durchschauen. Er basiert im Wesentlichen auf vier oder fünf Buslinien völlig unterschiedlicher Anbieter, die scheinbar ähnliche, nirgends aufgeführte Strecken fahren, in unerwarteten Momenten dann aber trotzdem überraschend ganz woandershin fahren. Die Lücken zwischen den Bussen werden gefüllt durch sehr ambitioniert besetzte Minibusse, bei denen nicht nur der Streckenverlauf, sondern auch etwaige Haltestellen absolut unklar sind.

D. und ich einigten uns nach einstündigem Herumirren darauf, diese Minibusse als Taxis zu begreifen und einfach mal eins anzuhalten. Es funktionierte.
Der Minibus war für sieben Personen ausgelegt und mit dreizehn besetzt, unsere gigantischen Rucksäcke selbstverständlich noch nicht eingerechnet. Mir kam zupass, dass ich in meiner Kindheit zeitweise Bodenturnen betrieben hatte. Wenngleich ich es in dieser Sportart nie zu höheren Weihen brachte, überlebte ich so die allerdings angenehm schnelle Fahrt zur Park Station.
Sofern er sich nicht gerade im Stadion oder im Delirium aufhält, ist das natürliche Habitat des Fußballfans der Eisenbahnwaggon. Es muss jedoch stets für eine angemessene Grundversorgung gesorgt sein. Zu diesem Zweck machten wir uns auf die Suche nach einem Liquor Store. Offenbar sind derartige Einrichtungen im Umfeld von Busbahnhöfen jedoch nicht so beliebt, was auf den zweiten Blick durchaus ein wenig Sinn ergibt. Dann halt kein Alkohol.
Damit wir trotz fehlender Bierflasche als Vertreter unserer Gattung erkennbar blieben, erwarb ich vom offiziellen Puma-Händler an der Park Station ein beeindruckend originales leuchtendgelbes Bafana-Trikot für etwa sechs Euro. Laut Aufdruck war es immerhin „Hergestellt in Sodafrika“, was mich als Lokalpatrioten doch sehr beruhigte.
War uns der Shosholoza als typisch südafrikanisches Fortbewegungsmittel angepriesen worden, so bekam ich daran doch ernstliche Zweifel, als er auf die Minute pünktlich abfahrbereit am Gleis stand. Es gelang, uns ein eigenes Viererabteil zu sichern. So verließen wir denn endgültig Johannesburg – weites Land vor uns, stählerne Schienen unter uns, die Menükarte fest im Blick.

Port Elizabeth, 02.02.2013 – Woop-Woop
Als Fußballfan betrachte ich Züge grundsätzlich eher als rollende Kneipe. Als angenehme Möglichkeit also, Weg und Ziel einer jeden Auswärtsfahrt miteinander zu verbinden, von etwaigen tatsächlich fußballerischen Aspekten jetzt mal abgesehen.

Ähnlich hatten uns T. und M. auch den Shosholoza bereits angepriesen. Seriös unterwegs in Sachen Sport, wie wir nun einmal waren, entschieden mein Begleiter D. und ich (also vor allem er) uns aber, auf einen langen Abend im
Speisewagen zu verzichten. Es stand uns schließlich wie üblich ein bizarr umfangreiches Programm bevor.
In südafrikanischen Zügen lässt sich gut schlafen. Nur eine Dusche, die gibt es nicht. Soweit zumindest das Ergebnis einer Recherche, die D. in weiser Voraussicht bereits am Vorabend durchgeführt hatte. Es stand mir nicht an, eine solche Erkenntnis meines weltgewandten Mitreisenden kritisch zu hinterfragen. So verließ ich im Morgengrauen resigniert das Abteil, tat zwei Schritte nach links und stand – nun, vor einer Dusche. Die vermutlich spontan des Nachts an
ebenjener Stelle aufgetaucht war. This is Africa.
Ansonsten Mangelwirtschaft allerorten. Kein Steak, kein Bier, keine spektakulären Fotos von Wildtieren. Nun gut, ein Alibi-Wildschwein ließ sich dann doch blicken – bedauerlicherweise in exakt jenem Moment, in dem ich mich gerade mit meinem hervorragenden Cheeseburger abmühte, der dennoch nicht über die Endlichkeit des Steakvorrats hinwegtäuschen konnte. Vermutlich der Inbegriff eines Luxusproblems.
Mit herrlichem Sonnenschein empfing uns die Metropole des Ostkap, idyllisch gelegen an der südöstlichen Küstenregion des Landes. Mit herrlichem Sonnenschein, gefühlten 40 Grad und einem Gewaltmarsch hinauf auf einen Hügel, der uns aus nicht näher erörterten Gründen als sinnvolles Ziel erschien. Vermutlich spielte dabei jener dubiose Lonely-Planet-Reiseführer einmal mehr eine zentrale Rolle.
Port Elizabeth wird in Südafrika auch als „The Windy City“ bezeichnet. Stumme Zeugen für die Berechtigung dieses Beinamens waren einige Autowracks, die sich offenbar im Zuge völlig abstruser Unfälle seitlich der Straße in den Hang gebohrt hatten. Möglicherweise auch ein künstlerisch wertvolles Projekt. Oder aber eine Werbeaktion der vor Ort recht bedeutsamen Autoindustrie, dort, im „Detroit Südafrikas“.
Eine Stadt mit vielen Namen offensichtlich. Und dazu noch „The Friendly City“, so verriet man uns in der  Touristeninformation, die erstaunlicherweise tatsächlich auf jenem Hügel lag. Trotz aller Freundlichkeit fanden wir nicht die Motivation, auch noch den benachbarten Leuchtturm zu erklimmen. Es mag auch die Furcht davor eine Rolle gespielt haben, das Schicksal jener Autowracks teilen zu müssen. Oder aber unser Pflichtbewusstsein als Reisende im Zeichen des
AFCON.

Von der Sorte waren wir hier immerhin nicht die einzigen. D. konnte nun mit seinen Globetrotter-Erfahrungen punkten, als wir auf eine Gruppe ghanaischer Fans trafen, deren Team am Abend im Nelson Mandela Bay Stadium auf die Überraschungsmannschaft von den Kapverden treffen sollte.
Auch ein Land, das für seine freundlichen Bewohner angeblich äußerst bekannt ist. Was wäre dies doch für eine Welt, würde das Leben nur daraus bestehen, die freundlichen Menschen von Ghana in der „Friendly City“ zu treffen.
Auf der Suche nach mehr Hass begaben wir uns nun endlich zum Stadion. D. hatte wichtige Journalistendinge zu erledigen, was mir Zeit gab, die Ruhe der Nelson Mandela Bay ein wenig zu genießen. Obwohl ich weder weiße Tennissocken noch ein Bier in der Hand trug, wurde ich recht schnell von einem Polizisten als Deutscher erkannt, was dieser zum Anlass nahm, mir Grüße an seine Verwandtschaft in Stuttgart zu bestellen.

Leicht verspätet und über einen vielleicht nur mäßig geeigneten Weg seien sie hiermit also weitergegeben. Auch dieser Polizist war aber ein geübter Weltreisender. Seinen Schilderungen entnahm ich, dass er etwa alle zwei Jahre nach Dänemark oder Schweden zu reisen, um sich dann zu ärgern, dass es dort so kalt ist. Also im Prinzip eine ähnliche
Konzeption wie bei mir, nur dass ich den umgekehrten Weg bevorzuge.

Es war so weit. Anpfiff im, wie mir nun erst wirklich voll bewusst wurde, für mich letzten Spiel dieser Reise, dieses wunderbaren Turniers. Was konnte hierfür bessere Kulisse sein als das Nelson Mandela Bay Stadium in seinem strahlenden Weiß, als das ewige Duell des Underdogs gegen die Etablierten, als Tausende euphorische Ghanaer (und, fairerweise, auch der ein oder andere Fan der Kapverden). Und er begann stark, der Außenseiter. Nur langsam fand Ghana ins Spiel, und so ging es mit einem gerechten 0:0 in die Pause.
Die Halbzeitshow kam erstaunlicherweise ohne das bereits so liebgewonnene Maskottchen des AFCON aus, jenes übergewichtige Nilpferd, das sonst Plakate und Stadien zierte. Nun, objektiv betrachtet wird man ein Nilpferd wohl selten als normalgewichtig charakterisieren. Ich sorgte mich ein wenig um sein Wohlergehen, legte eine private Schweigeminute ein und widmete mich sodann dem wie üblich großartigen Stadionessen – in diesem Fall ein Curry mit (schätzungsweise)
Hühnchen und Kartoffeln für rund zwei Euro. Kann man machen.

Der zweite Durchgang begann so, wie der erste endete. Ein starker Auftritt der Kapverden, Ghana strauchelte. Leider auch im Wortsinn, und leider gab es dafür einen höchst zweifelhaften Strafstoß, den die „Black Stars“ verwandelten. Die Kapverden rannten nun verzweifelt an, scheiterten aber immer wieder am ghanaischen Torhüter. In der Nachspielzeit schließlich gelang per Konter das 2:0, der Einzug ins Halbfinale war perfekt. Das Team der Kapverden konnte dennoch auf eine hervorragende Leistung bei diesem Afrika-Cup zurückblicken. So wie ich selbst für meinen Teil natürlich auch, in jeglicher denkbaren und undenkbaren Hinsicht.
Für solche Betrachtungen blieb aber nun keine Zeit, schließlich hatten wir einen Plan. Mal wieder. Wir mussten zum Busbahnhof. Und wir wussten sogar, wie uns das gelingen würde. Zumindest glaubten wir ziemlich fest daran. Aber es kam wie üblich ganz anders.
Es ist müßig, von den sich anschließenden etwa dreiundvierzig Runden um das Stadion zu berichten, immer auf der Suche nach dem Bus-Shuttle und immer wieder in teils abstruse, teils wenigstens scheinbar plausible Richtungen geschickt von Menschen, die uns lieber eine offensichtlich falsche Auskunft gaben, als uns mit ihrem Schweigen zu beleidigen. Eine wahrhaft freundliche Stadt.

Langsam in den (selbstverständlich vorher schon eingeplanten) üblichen Panikzustand geratend, sahen wir Bus um Bus in Richtung Strand abfahren – was am späten Abend natürlich eindeutig mehr Sinn ergibt als ein langweiliger Busbahnhof.
Es galt nun, wieder einmal die Pressekarte auszuspielen. D. machte allen in irgendeiner Form kompetent wirkenden Menschen um uns herum klar, wir seien prominente Journalisten und das Wohl und Wehe Südafrikas hinge davon ab, uns schnellstmöglich zu unserem Bus nach Kapstadt zu geleiten. Was in gewisser Weise ja auch irgendwie stimmte, zumindest aus meiner persönlichen Perspektive. Der Koordinator der Shuttlebusse versuchte, die Shuttlebusse zu koordinieren. Es
misslang.
Wir kamen daher auf den Gedanken, der jedem sich in seiner Ruhe gestört fühlenden Rentner völlig logisch erscheinen mag. Freund und Helfer. Die schwäbisch-dänisch-berlinerische Polizeiconnection, die ich vor dem Spiel herstellte, sollte sich bezahlt machen. Wir erinnerten die Besatzung des Streifenwagens daran, dass wir ein Problem seien, was möglicherweise sie zu lösen hätten, und sei es um den Preis, den Feierabend verschieben zu müssen. Gleichzeitig wiesen wir dezent auf das zweite Viertelfinale des Abends hin, das in einer halben Stunde beginnen sollte. Es mag das Pflichtbewusstsein jener Beamter gewesen sein. Es mag auch dem Aspekt geschuldet gewesen sein, dass das südafrikanische Team in ebenjenem Spiel antrat. Jedenfalls saßen wir Sekunden darauf auf der Rückbank eines Streifenwagens, der uns mit gefühlt zweihundert
Stundenkilometern über die Mittelstreifen der leergefegten Straßen an unser Ziel brachte. Im Grunde hatte ich so etwa seit unserem Aufenthalt im Bordell von Mbombela das Gefühl, ein derartiger Blaulichtmoment würde sich im Zuge unserer Reise unweigerlich ergeben. Allerdings hatte ich es mir unangenehmer vorgestellt.
Wir kamen pünktlich an. Noch bevor wir uns umdrehen oder gar bedanken konnten, war der Streifenwagen bereits wieder verschwunden, auf der Jagd nach Verbrechern oder alternativ nach einem Fernseher, einem Bafana-Spiel und größeren Mengen Bier. Es gibt durchaus Aspekte, in denen die südafrikanische Polizei der deutschen so einiges voraus hat, und sei es nur der Sympathiefaktor.
Nicht pünktlich aber war der Bus. D. und mir kam dies nicht ungelegen. So hatten wir die Möglichkeit, uns im Greyhound-Büro ebenfalls das Spiel anzuschauen. Gemeinsam mit zwanzig weiteren Reisenden in spe blickten wir ergriffen auf einen winzigen Fernseher, dessen Antenne geschickterweise an der Tür des Büros befestigt war.

Dies führte zu dem interessanten Effekt, dass bei einer Türöffnung das Bild verschwand und bei der folgenden wieder erschien. Gepaart mit der eher hohen Fluktuation, die ein solcher Busbahnhof insbesondere in Räumen mit Rauchverbot hat, ergab dies ein sehr intensives Fußballerlebnis.
Und die Bafana versagte kläglich. Nicht nur, dass man beste Chancen in der regulären Spielzeit nicht nutzte. Nicht nur, dass man die Verlängerung verschlief. Nein, auch im Elfmeterschießen war das Glück auf der Seite des Gegners aus Mali. Der Greyhound-Bus verspätete sich erstaunlicherweise um etwas mehr als zwei Stunden und war pünktlich eine halbe Stunde nach Abpfiff da. Würde man rund um die Uhr Fußball spielen, das Verkehrssystem Südafrikas käme wohl ebenso zum Erliegen wie die Polizei.

Ich komme nicht umhin festzustellen, dass man auch aus wesentlich weniger schönen Gründen zum failed state werden kann.
Immer mehr holte mich die Heimat ein. War es zunächst nur Stuttgart, kam nun auch noch Augsburg dazu. Vielmehr: Mein Sitznachbar, der gebürtig aus jener sicherlich wunderschönen Stadt kam, sein bisheriges Leben aber in Johannesburg verbracht hatte. Gemeinsam kamen wir in den Genuss eines recht originellen Bordprogramms, dessen bester Aspekt war, dass ich mir den Titel des vorgeführten absurden Actionfilms partout nicht merken konnte. So komme ich nunmehr auch nicht in die Gefahr, ihn hier weiterzugeben.
Auf dem Weg nach Cape Town also. Dem Ende so nah.

Kapstadt, 03.02.2013 – Cape Town Welcomes You
Fremd am Ort ohne Spiel. Fern vom Pokal, fern vom Gefühl. Fremd dem eingeschlagenen Weg, dem Ende so nah. Kapstadt. Cape Town. Eine wunderbare Stadt, sich orientieren fällt schwer. Das Stadion friedlich in der Bucht, ein weißer Elefant, so gigantisch wie verwahrlost. So herrlich wie zwecklos. Nicht der Weg, den es diesmal zu beschreiten galt.
Urlaub, jetzt, offenbar. Dem AFCON so fern, dem Ende so nah. Feel the beat, so weit war ich längst. At Africa’s Feet, ich bin doch hier. Wie kann man denn die bloße Leidenschaft in reinen Urlaub umwälzen?
Nun, ich tat es. Dies war der letzte Auftritt von D., der beste denkbare Begleiter. Bloß die Straße hoch war mein Weg. Die legendäre Long Road, dort, wo so viele Entdecker dieser Welt beginnen und enden. Ich hatte beides vor, möglichst gleichzeitig. Was soll man auch sonst mit zwei Tagen ohne Fußball machen?
Man kann sich über junge Französinnen im gleichen Schlafsaal freuen. Wenn man Sexist ist. Das war mir aber auf diversen Ebenen zu unbefriedigend, und so begann ich, letztlich doch erschöpft von unserer Parforce-Tour, wenigstens den kleinen, halbwegs harmlosen, halbwegs touristischen Teil von Cape Town zu erkunden, der direkt vor mir lag. Eine durchaus erfolgreiche Idee.

Der geistige Bruder des lizensierten Original-Südafrika-Trikot-Verkäufers aus Johannesburg war glücklicherweise anwesend und konnte mir, da ich nun seinen (geistigen) Bruder schon kannte, ein halbwegs fast annähernd originales Trikot der Orlando Pirates verkaufen. Wie der geneigte Leser weiß, tut meine Wenigkeit für einen Totenkopf auf dem Trikot annähernd alles, und so wechselten 80 Rand ihren Besitzer.
„Spektakulär“ ist ein Wort, das nicht für diesen Tag erfunden wurde. Vermutlich deswegen suchten mich letztlich dann doch noch, wenigstens einmal, T. und M. heim, die natürlich rein zufällig ihre immer merkwürdiger riechenden Rucksäcke im selben Hostel deponierten. Am Ende waren wir Deutsche. Aber dort waren Dänen. Hier waren Australier. Hüben Engländer, drüben Franzosen.
Ach, und eine Schweizerin. Es war nicht wichtig. Wir waren betrunken. Es ging um Thomas Broich. Um feuchte Träume. Und um Südafrika.

Kapstadt, 04.02.2013 – Nahfreud
Schluss. Anders konnte ich an diesem Tag nicht aufwachen. Erfreut, es überhaupt zu können. Auch südafrikanisches Bier schützt vor Kopfschmerzen nicht. Aber es stand wie in hässlichen, rissigen, brüchigen und dennoch viel zu standfesten Stein gemeißelt vor mir: Schluss. Schluss auch nicht im afrikanischen Sinne, dass man noch ein paar Stunden Zeit hätte. Nein, Schluss im deutschesten Sinne überhaupt. Schluss im Sinne von Flughafen, Reisepass, Gepäckaufgabe, Zoll. Schluss im Sinne jener Worte, die man im Geiste trägt, wenn man den Nachbarn wegen Ruhestörung anzeigt.
800 Rand in der Tasche und keinen Grund, sie auszugeben. An dieser Stelle ist ein Holznashorn immer eine sinnvolle Investition. Ein Nashorn überhaupt als Sinnbild dieser Reise, will man sie Reise nennen. Dieses Wanddurchbrechens für den hehren Zweck Fußball. Was kann daran denn falsch sein. Oh, der Bus, er ruft. Auch Kapstadt hat im Übrigen ein hervorragend ausgebautes Nahverkehrssystem. Das mag vielleicht interessieren, wenn man auf dem Weg dorthin ist. Ich bin auf dem Weg dort weg, und es zerreißt mich. Auf sehr komfortable Weise.

Man sollte wissen, dass Mango Air die günstigste Fluglinie für Inlandsflüge ist. Man sollte auch wissen, dass Mango Air
kostenlosen Kaffee auf ihren Flügen anbietet. Man sollte überdies wissen, dass der kostenlose Kaffee kurz vor der Landung in Tütchenform verteilt wird. Man sollte sich klar darüber sein: This is Africa. Es soll so sein.
Warum Fernweh? Es ist doch niemals das, was uns ruft. Es ist immer das, wo ich bin. Nahfreud.

Epilog – Uns geht die Sonne nicht unter
Es war kein brandaktueller, aus der Hitze des Moments in die Welt gesendeter Bericht. Nein, es war nicht einmal ein Bericht. Es war nicht einmal ein ganzes Turnier. Burkina Faso unterlag Nigeria im Finale des Afrika-Cup, während ich mir in einem Neuköllner Kino „Django Unchained“ anschaute.

Es war nicht der ganze Fußball. Keine Zusammenfassung von Geschehnissen auf dem Rasen, nicht mal eine trockene. Wenngleich der Rasen das oft genug war.
Es war, es ist ein Ausschnitt. Es war, es ist eine Rückschau. Und mit jedem Monat, der verging, wurde es immer mehr Rückschau, war es immer mehr „All Bright and Shining“ wie in Durban.
Natürlich war es das nicht, natürlich war es das nie. Auch damals, in jener beschrieenen Hitze des Moments war es das nie. Es war immer ein Tanz. Ein Tanz um das Elfenbein der nicht verwesen wollenden weißen Elefanten.
Es war aber auch immer der Ritt. Ein wilder Ritt durch Fußballkulturen, durch Farben, durch Freundschaft, durch Planen und Vergessen, durch Improvisation und Alkohol. Durch nicht einmal einen Bruchteil von dem, was diesen Kontinent oder auch nur dieses Land ausmacht. Und doch durch so viel Großartiges.
Ein Ritt, der sich lohnt. Ich empfehle, ein nicht allzu gezähmtes Pferd zu wählen.

AFCON2013