Was bleibt

Überlassen wir die Chronik den Chronisten – sie finden sich beispielsweise hier, hier und hier. Befassen will ich selbst mich nur mit jener Farce, der ich mich am gestrigen Abend pflichtgemäß aussetzte und die den Namen „Mitgliederversammlung“ kaum verdient hat.

Um am Anfang zu beginnen: Wie der Leser weiß, hege ich neben meiner offenkundigen Vorliebe für den magischen FC auch eine gewisse Sympathie für Tennis Borussia Berlin. So weit geht die Sympathie, dass ich tatsächlich in diesem Verein sogar Aktiver bin, also in gewisser Weise die lila-weiße Botschaft über die Sportplätze der Stadt verbreite.

Oder besser: verbreitete. Denn unabhängig davon, wie lange ich mir diese Karikatur eines Vereins persönlich noch gebe, Werbung für ihn machen kann momentan kein klar denkender Mensch.

Beweisen muss ich hier nix, wenn es darum geht, wie berechtigt meine Empörung ist. Erstmal steht vieles hier zum Nachlesen, zweitens erinnere ich mich an alles. Erstes Spiel so zehn Jahre her, Regionalliga damals, geile Sache. Nicht alles toll im Verein, aber hat immer Spaß gemacht. Wegen der Leute. Wegen dieser Fans. Wegen dieser einen Sache, die den Verein TeBe ebenso ausmacht, wie sie den FC St. Pauli ausmacht, und von der ich mir wünsche, dass sie jeden Verein ausmachen möge – wegen so vieler überragender Leute, die ihren Einsatz und ihr Geld und ihre Mühe und ihr Herzblut geben und dafür nichts haben wollen außer vielleicht mal ein unverdientes 1:0 in der Nachspielzeit. Wenn es keine Umstände macht. Die sich ein Zuhause schaffen wollen, weil sie es hier gut finden. Die allen ein Zuhause schaffen wollen, weil sie Menschen mögen und ihren Verein. Und die deswegen überall, wo mich der Fußball bisher hingebracht hat, einen Namen haben. Ich muss es nicht erwähnen: Einen guten. Nun aber das.

Wie angekündigt, möchte ich mich gar nicht allzu lange mit der Vorgeschichte aufhalten, die gibt’s kompetent zusammengefasst in den Links oben. Springen wir also direkt rein in den Veranstaltungssaal des Queens 45 bc, laut Selbstauskunft eingerichtet im Stil der 20er-Jahre.

Zumindest aber springen wir vor den Saal. Zwischen ihm und mir stand nämlich eine nahezu gigantische Masse von Menschen angesichts der Tatsache, dass der Verein vor wenigen Tagen meines Wissens noch lediglich etwa 900 Mitglieder hatte. Angenehm international aber, die Stimmung, man vernahm bulgarische und gelegentlich englische Töne, durchaus schöne Sprachen. Auch die zahlreich anwesenden Vertreter der (Bau-)Arbeiterklasse, lobenswert. Eigentlich. Wenn nicht…

Ja. Wenn nicht tatsächlich der Gipfel von Dreistigkeit und Dummheit gleichermaßen damit erklommen worden wäre, wagenladungsweise bulgarische Bauarbeiter als, Entschuldigung, Stimmvieh zu einer für sie großteils unverständlichen und völlig unwichtigen Veranstaltung zu karren, um sich die eigenen Mehrheiten zu sichern. Das sind die Momente, in denen man ahnt, an diesem Abend könnte einiges etwas anders verlaufen, als man es von einem Verein mit nicht völlig durchgedrehter Führung üblicherweise erwarten würde. Und wer meint, das würde sich nun gegen bulgarische Bauarbeiter richten oder gegen Bulgaren oder gegen Arbeiter, der hat’s nicht verstanden. Es geht um Skrupellosigkeit.

TeBe hat keinerlei Stimmrechtsbeschränkungen für neue Mitglieder in der Satzung verankert. Heißt: Wer sich an einem schönen Mittwochabend in Berlin auf einem Spaziergang entlang des Messedamms ganz plötzlich ein wenig lila-weiß fühlt oder nach Feierabend noch eine nette, gegebenenfalls bezahlte, aber jedenfalls mit Freibier und warmem Buffet versüßte Beschäftigung sucht – give me your tired, your poor.

Dazu passend ein solider Block Menschen im Mittelteil des viel zu kleinen Raumes, der nahezu sämtliche Sitzgelegenheiten besetzte, dies offenbar bereits seit dem Einlass um 16 Uhr an einem Mittwochnachmittag tat und beabsichtigte, keinen Millimeter abzurücken von ihrer Okkupation des Saales oder ihrer anscheinend nicht unbedingt von Sachkunde getragenen Vorliebe für die Pläne eines gewissen Vorstandes. Unnötig zu erwähnen, dass man nahezu alle dieser Personen noch nie in irgendeinem Berliner Stadion erblickte. Na gut, Fitnessstudio ist halt auch ein zeitintensives Hobby. Bis auf gelegentliche Mitgliederversammlungen von Fußballvereinen bleiben einem da kaum Freuden. Plumper Sarkasmus? Ja. Stimmt. Aber das nehme ich in Kauf, wenn die anderen Optionen sich auf Fassungslosigkeit und pure Verzweiflung reduzieren.

Die Versammlung begann mit der Wahl ihrer Leitung. Bei Vereinen, die als Vereinszweck nicht gerade Lacksaufen in die Satzung aufgenommen haben, wird diese üblicherweise übernommen von einem verdienten Mitglied, das selbst zumindest in der betreffenden Mitgliederversammlung nicht für ein Amt kandidiert. Objektivität, Neutralität, kennt ihr. Tja, und dann gibt es noch TeBe. Was soll man sagen. Versammlungsleiter und angehender Aufsichtsrat, das macht sich halt auch verdammt gut im Lebenslauf auf der Homepage der Berliner FDP. Großzügigerweise bestimmte der Freidemokrat frank und frei einen Assistenten, der ihm wenigstens die Leitung während des lästigen ihn selbst betreffenden Wahlgangs abnehme. Unnötig zu erwähnen, dass die Versammlung zu diesem zweiten Leiter gar nicht erst befragt wurde.

A propos Abstimmungen: Das Prozedere lief der Einfachheit halber so, dass zwei Vertreter des Vorstands mit ihren Händen voll Stimmkarten vorgaben, wie die Saalmitte sich zu entscheiden habe. Dafür braucht man natürlich eine gewisse räumliche Nähe, ist klar.

Interessant übrigens auch die sonstige Sitzverteilung. Auf dem Podium Vorstand und Ältestenrat. Aufsichtsrat? Nö, warum denn. Ist ja auch wenig Platz hier. Schade eigentlich, dass es keinen Thron gab.

Irgendwas um die knapp 600 Mitglieder also anwesend. Aha. Von neulich noch 900. Hat man auch nicht alle Tage. Bei so einer Beteiligung müsste der FC St. Pauli seine Jahreshauptversammlung ans Millerntor verlegen. Aber erstens sind die Mitglieder von St. Pauli viel fauler und desinteressierter als die von TeBe, und zweitens hat St. Pauli eine Sperrklausel in der Satzung. Steht dem Leser frei, zu entscheiden, welcher Punkt zutrifft und entscheidend sein könnte.

Sodann ging es um die Tagesordnung. Die „Wahl des Aufsichtsrats“ sollte in eine „Neuwahl des Aufsichtsrats“ umgeändert werden. Ohne dazu weitschweifige rechtliche Ausführungen zu machen, die gibt’s an anderer Stelle: Das ist so weit an der Satzung und am Vereinsrecht vorbeigeschossen, wie einige Geschäftsführer einzelner Fitnessketten vom Literaturnobelpreis entfernt sind. Natürlich kann man einen Aufsichtsrat nicht neu wählen, wenn da noch Leute sitzen. Natürlich kann man das auch nicht per Änderung der Tagesordnung beschließen, dass man das wolle. Natürlich kennt die Satzung auch hierfür Regelungen, und natürlich war Hochwürden Versammlungshalbleiter der Auffassung, über Dinge wie eine Satzung könne man streiten, da würden die einen so sagen und die anderen so und am Ende müsse man einfach auch mal sein Ding durchziehen. Wiederum unnötig zu erwähnen: Bulgarien vergab alle 12 Punkte an unseren Künstler vom Vorstandstisch und das Teil stand dann plötzlich ernsthaft so in der Tagesordnung.

Was dort nicht stand, wohl aber im Protokoll der letzten Versammlung, waren ganze übernommene Textpassagen vom Protokoll der vorletzten Versammlung, dummdreisterweise sogar inklusive deren Endzeit. Ganz der allgemeinen Endzeitstimmung entsprechend, vertagte wer-auch-immer den Tagesordnungspunkt der Protokollgenehmigung souverän auf wann-auch-immer.

Derweil im Internet: Der Hashtag #tebemv kletterte und kletterte bis auf Rang 1 der Twitter-Trends, wo er für den Rest der Nacht die Stellung halten sollte. Schätze, ungefähr so hat man sich das mit der Werbung für den Verein vorgestellt. Ein Glück aber auch, dass es angeblich keine schlechte Publicity gibt, denn sonst gäbe es jetzt ganz schön viel schlechte Publicity. Nicht nur bei Twitter.

Jedenfalls bangten und litten Fans aus ganz Deutschland mit uns im Raum, die wir uns ganz allmählich von jeglicher Realität entfernten, um wenigstens noch auf den Spuren der Vereinsführung zu bleiben. Pöbeleien aus dem spontan von TeBe überzeugten Block, Unruhe allerorten, der Stil der 20er schien sich in einer epochentypischen Saalschlacht zu manifestieren (Credits für diesen Satz an duweißtwen).

Derweil wurde, seitens der aktiven Fans dankenswerterweise auch auf bulgarisch, berichtet. Tischtennis läuft wohl ganz gut, Fußball ist okay, schöne Sache. Eigentlich ja das Wichtige in so einem Verein, aber wie soll man sich darauf in einer derartigen Situation noch konzentrieren? Ich kann es nicht, ich will es auch nicht. Der Trainer der ersten Mannschaft allerdings hätte es wohl besser mal tun sollen. Schweigen kann eine Tugend sein.

Der Bericht des Aufsichtsrats war vernichtend. In klaren, ruhigen Worten alles auseinandergenommen, was dieser Vorstand in den letzten Jahren angestellt hat. Und das in wesentlich weniger als den 2 bis 732 Stunden Redezeit, die die meisten von uns dafür wohl brauchen würden. War auch ein bisschen überzeugender als der nachfolgende Bericht des kommissarischen Aufsichtsrats, der vor allem daran krankte, dass es ihn überhaupt nicht gibt. Kein weiteres Wort hierzu, man muss das Erfinden von Gremien nicht auch noch unterstützen.

Dann endlich sprach der größte Fitnessunternehmer aller Zeiten. Er committete extrem fancy im standing seiner supporters, oder so. Der Kerl könnte von mir aus auch Latein reden. Das Gute an so’ner Redeweise ist ja, dass sie meistens von Leuten betrieben wird, denen man eh nicht zuhören will. Es ist, das muss ich hier noch mal extra betonen, extrem bedauerlich, wenn dann so einer das vereinsrechtliche Mikro in die Hand gedrückt bekommt. Und das war nun wirklich unermesslich nett ausgedrückt. Verstanden hab ich nur, dass der Verein ordentlich abgewickelt werden soll, sobald er mal weg ist. Warum man das dann machen soll, weiß ich nicht. Aber gehen kann er gerne.

Sodann wurde über die Berichte abgestimmt. Warum, wusste jetzt auch keiner so genau. Vermutlich sollte die Versammlung entscheiden, ob sie der Auffassung war, dass es sich um Berichte gehandelt habe. Und bei einem Nein hätten dann alle noch mal einen Versuch gehabt. Diese Aussicht war hinreichend abschreckend, repulsive oder halt auch спирачка, wenn man Bulgarisch bevorzugt. Also gab es ein Ja der Versammlung fürs Berichtsein der Berichte. Schon wieder diese Identitätspolitik beim Fußball, schlimm.

Weil eh schon alles egal war, wurde zum Auftakt der Aussprache dann noch ein offener Brief verlesen. Sachen vorlesen bringt immer Stimmung in die Bude. Nicht, dass das so vorgesehen wäre, aber hey. Nach diesen etwa fünf enthusiastischen Minuten erwog man dann im Club der Versammlungsbegleiter irgendwie kurz, angesichts der Unmengen von Wortmeldungen (fünf) die Redezeit auf zwei Minuten zu beschränken. Wurde wahrscheinlich aber dann doch nicht gemacht, so genau weiß das alles keiner. Vielleicht hätten auch alle einfach nach zwei Minuten mit Zuhören aufhören müssen oder so. Ich bin da auch nicht so drin, mit Satzung. Einfach Ding durchziehen und Feuer frei.

Schicke Männerrunde in der Aussprache. Die einzige Frau mal wegbuhen, nachdem die Versammlungsentgleitung dafür schon die Vorlage liefert, kann man machen. Und dann nix davon gemerkt haben wollen. Oder wie Fitnessmensch zuvor sagte: Wir sind hier nicht in Leipzig. Nee, stimmt. Wirkt eher wie Cottbus.

Die immer wieder aufkommenden Tumulte sorgten dann auch dafür, dass 15 bis 20 Vertreter der Staatsmacht vor dem Gebäude aufzogen. Kann aber auch sein, dass die noch in den Verein eintreten wollten. Wer weiß das in diesen kalten Zeiten schon.

Gewählt wurde tatsächlich auch noch. Dann aber doch nicht der ganze Aufsichtsrat, sondern nur eine Nachwahl. Anscheinend hatte zwischendurch mal irgendjemand Verantwortliches – und nein, ich habe keine Ahnung, wer das gewesen sein könnte – so etwas Ähnliches wie einen nüchternen Moment. Also. In einem komplett sinnfreien System kurz mal Zettel gegen Zettel getauscht, und schon konnte es losgehen.

Das Ärgerliche an der bulgarischen Sprache ist ja, dass sie meines Wissens auch ein anderes Alphabet hat. Man musste also auf dem Stimmzettel ein wenig Ordnung schaffen, womit „man“ wie immer bei dieser Veranstaltung so ziemlich alles und jeden meinen kann. Alphabetische Sortierung der vorgedruckten Namen kam deswegen nicht so gut, da wäre dann ja alles durcheinander. Also halt einfach nach Eingang der Kandidatur. Naja, angeblich zumindest. Im Ergebnis ganz simple Anleitung: Die obersten fünf, und dein Vorstand ist stolz auf dich.

Da man blöderweise zuerst sieben Kandidaten hatte, man wollte ja eigentlich alle sieben Posten neu besetzen, zogen schnell noch zwei zufällig ausgewählte Topperformer ihre Kandidatur zurück – und zwar jeweils im Rahmen ihrer dadurch wahnsinnig sinnvollen Vorstellungsrede, aber wir haben ja keine Zeit. Wobei „zufällig ausgewählt“ auch nicht ganz stimmt, denn es waren auf dem Stimmzettel natürlich die Kandidaten auf den Plätzen 6 und 7. Demokratie, ein schwieriges Geschäft.

Während die Zählkommission sich an die Arbeit machte, kam die Versammlungserheiterung zum Tagesordnungspunkt „Anträge“. Da gab es zwei. Satzungsändernde Anträge, die der Einladung nicht beigefügt waren. Damit unzulässig. Schade, denn so konnte man nicht mehr wirklich zum Inhalt kommen.

Der eine wollte den Begriff der Minderheit, die eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen kann, auf mindestens 50 % der Mitglieder definieren – glücklicherweise gelang es dem Verfasser, irgendeine Minderheit oder Mehrheit seiner intellektuellen Kapazität zu nutzen und den Antrag zurückzuziehen. Sympathisch fände ich ja, wenn es bei Mitgliederversammlungen wie bei Gericht eine Kostenentscheidung gäbe und so ein Quatsch dann halt auch einfach mal teuer wird. Passt doch ins neue Vereinskonzept.

Der andere wollte das anscheinend für einige wenige Vorstandsvorsitzende rechtlich völlig unklar und total nebulös formulierte Vorschlagsrecht des Ältestenrates zur Wahl neuer Aufsichtsräte dadurch ersetzen, dass der Ältestenrat diese Aufsichtsräte künftig einfach gleich selbst be- und ernenne. Tja, so ist sie halt, die Demokratie, um es mit den Worten des Verleitungssammlers zu sagen.

War leider auch eh unzulässig und außerdem schon zu spät und eigentlich auch alles zu albern angesichts der stabilen Mehrheitsverhältnisse – die nach der Wahl unverzüglich den Ort des Geschehens verlassen hatten – und also ganz okay, auch das Ding zurückzuziehen. Hab ich das mit der Kostenentschei…? Ja, hab ich.

Dann gabs noch Sonstiges. Der Versammlungsentgleiste wollte wissen, ob der Jens noch irgendwas machen will. Wollte der Jens nicht. War also Schluss. Schluss? Naja, da fehlte ja noch ein Wahlergebnis.

Der Vergeltungsgleiter schlug vor, man könne ja erstmal die Sitzung schließen und sich dann alles über Facebook und so zusammendiagnostizieren. Für diese Idee war der Raum jedoch nicht mehr hinreichend bulgarisch. Wenn man offenkundig verarscht wird, ist ja schließlich die Auflösung auch irgendwie spannend. Schließlich kommt vielleicht irgendwann doch noch Kurt Felix aus der Ruine eines Fußballvereins hervorgesprungen und fragt, ob wir Spaß verstehen und überdies eigentlich noch alle Latten am Zaun haben.

War aber nicht so. Die Ergebnisse kamen, während die Uhr sich der 1 annäherte und außer dem Vorstand und Konsorten tatsächlich quasi nur noch Leute im Raum waren, denen der Verein wirklich am Herzen liegt. Und die Ergebnisse, sie waren nicht so, dass ich darüber reden möchte.

Ebensowenig, und da schließt sich der Kreis, wie aktuell über TeBe. /juli

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Wie es den Elefanten geht

Faro mag den meisten Fußballfans meiner Generation insbesondere als der Ort im Gedächtnis sein, an dem sich Schweden und die Niederlande im Sommer 2004 ein eng umkämpftes EM-Viertelfinale lieferten, aus dem die Niederlande als Sieger hervorgingen, nur um vier Tage später mit einer Niederlage gegen den Gastgeber das Turnier zu verlassen. Niemand hat behauptet, dass Siege im Fußball eine sonderlich langlebige Angelegenheit wären.

Ebenso kurzlebig ist der Glanz, die Aura, die die Spielstätten jener Turniere umgibt, in vielen Fällen. Insbesondere die WM 2010 in Südafrika prägte das Wort vom „weißen Elefanten“, jenen architektonischen Wunderwerken, die nach wenigen Wochen Ruhm, unbeachtet von der weiten Fußballwelt und ungenutzt von der lokalen, langsam verfallen. Auch das Estádio Algarve, gelegen zwischen den Städten Faro und Loulé, schien mir ein solcher Ort zu sein. Jedenfalls die gängigen Nachschlagewerke führten als aktuellen Nutzer einerseits die Nationalmannschaft von Gibraltar auf, andererseits einen mir unbekannten Verein namens Olhanense. Olhanense selbst wusste davon nichts.

Erst in Faro angekommen, konnte mir die an dieser Stelle vorbehaltlos empfohlene App „Groundhopper“ Auskunft geben: Sonntag. 15 Uhr. Dritte portugiesische Liga. Louletano DC gegen Vasco da Gama Vidigueira. Eine heiße Schlacht um die Plätze kurz vor dem Tabellenende. Das klang nicht nach einem Spiel, das ohne meine Anwesenheit auskommen müssen sollte.

Die Einbindung des Estádio Algarve in den öffentlichen Nahverkehr der Region entspricht seiner Bedeutung. Leider nicht der damaligen, sondern der heutigen. Mit anderen Worten: Es gibt sie nicht. Nach einer Diskussion mit einigen Schwierigkeiten, die sich wie üblich um die Fragen drehten, wohin ich wolle, ob ich das ernsthaft wolle, warum ich das wolle und ob ich das ernsthaft aus diesen Gründen wolle, hielt ich endlich eine Busfahrkarte bis zum örtlichen IKEA in der Hand. Mir war versichert worden, von dort sei das Stadion mehr oder weniger fußläufig erreichbar. Möglicherweise war mir auch versichert worden, es gebe dort ganz ausgezeichnete Regale. Ganz so genau weiß ich das nicht, mein Portugiesisch ist nur unwesentlich besser als das Schicksal des Estádio Algarve.

Diesen mutmaßlichen Racheakt der Schweden für ihr eben bereits erwähntes Ausscheiden erreichte ich allerdings nicht ganz, in einer Anwandlung von heillosem Optimismus verließ ich den Bus kurz davor. Meine Aufzeichnungen verrieten mir, ich befände mich nun so nah am Estádio Algarve, wie mich irgendein von Menschenhand erschaffenes Nahverkehrsmittel bringen könne.

Mitten auf einer reichlich staubigen, reichlich einsamen Landstraße, misstrauisch beäugt von demjenigen Einheimischen, der an diesem Tage dafür abgestellt worden war, Neuankömmlinge misstrauisch zu beäugen. Das Stadion fest im Blick, unternahm ich den Versuch, ihm näher zu kommen. Dem Stadion, nicht dem Einheimischen.

Mein Versuch scheiterte glanzlos. Ich folgte dem Weg in die grobe Richtung des Stadions für einige Meter, als ich bereits lautes Bellen aus allen Richtungen vernahm. Der erste Vertreter dieser in meinen Augen leicht überschätzten Gattung Haustiere sprang mühelos über jenen Zaun, den ich kurz zuvor noch als beruhigend empfunden hatte. Nahe dem Horizont sah ich, dass mehrere, wesentlich größere Exemplare sich anschickten, es ihm nachzutun. Das wirkte, als könnten dies zwanzig sehr lange Minuten werden.

Mit Krokodilen kann ich ja, siehe Südafrika. Aber Hunde sind nicht so meins. Ich kehrte um und versuchte, nicht darüber nachzudenken, welch erbärmliches Bild es abgeben würde, würde ich diesen Umstand später wie gewohnt akribisch an dieser Stelle dokumentieren. Allerdings nahm ich mir vor, mich künftig schwerer zu bewaffnen. Insbesondere mit Ködern. Gruß an dieser Stelle an meinen Mitreisenden in spe – vorwärts immer! Ich komm dann nach.

Die Segnungen der Zivilisation holten mich fünf Minuten später von dieser gottverlassenen, hundeverseuchten, staubigen Landstraße ab und brachten mich für einen nicht nennenswerten einstelligen Betrag bis vor die Tore des Stadions. Das mag dem Anspruch an die Romantik der Wildnis widersprechen, den mancher Leser an dieser Stelle nun hegen mag, nicht aber meinem Bedürfnis nach Fußball ohne Bisswunden. (Also, bei mir.)

Wohl aus Respekt gegenüber sämtlichen Bezwingern der lokalen Wildhunde verzichtete der Heimverein auf einen Ticketverkauf. Im Gegensatz zu einigen anderen Erfahrungen, die ich in solchen Situationen in der Vergangenheit bereits machte, wurde man allerdings dennoch ins Stadion gelassen. Glücklicherweise sogar mit einer mehr oder minder ausführlichen und mehr oder minder portugiesischen Wegbeschreibung, denn einfach war das nicht.

Nach diversen Treppenaufgängen und verschlossenen Türen stand ich schließlich vor der Ehrentribüne. In der Loge zu meiner Rechten fand ein ein reichlich dubioser Cocktail aus Wahlkampfveranstaltung, Weihnachtsfeier, Vorstandssitzung und Goldhochzeit statt, dessen Klänge, wie ich sogleich feststellen sollte, glücklicherweise auch in voller Lautstärke über die Stadionlautsprecher in den Innenraum übertragen wurden. Nur angemessen allerdings, schließlich zählte diese Veranstaltung fragwürdiger Art mehr Rentner als das Spiel selbst Zuschauer.

Da die Loge dementsprechend besetzt war, nahm ich gezwungenermaßen auf der Ehrentribüne Platz. Während ein blaues Kunstlederderivat meine Körperrückseite umschmeichelte – wie einst die von Sepp Blatter – versuchte ich, herauszufinden, wer denn in welcher Farbe spielt. Wie einst Sepp Blatter. Das Spiel gab den grob geschätzt 200 Zuschauern allerdings nicht viel Anlass, mir zu zeigen, wem die Mehrheit anhing und bei wem es sich demzufolge vermutlich um das Heimteam handeln dürfte. Es mag allerdings denkbar sein, dass ein Großteil der Anwesenden lediglich Schutz vor wilden Tieren suchte oder in Kleingruppen diskutierte, wem ihre Stimme bei der nebenan mutmaßlich stattfindenden Wahl des lokalen Karnevalsdiktators gehören solle.

Durch aufwändige Analyse einiger Fanschals fand ich schließlich Folgendes heraus: Rot – Louletano DC. Grün – Vasco da Gama Vidiguera. Dies erklärte auch, warum derartig viele Spieler der in grün spielenden Mannschaft über ihrer Nummer den Nachnamen „Vidiguera“ tragen, wie mir soeben beim Schreiben dieses Artikels auffällt.

Letztlich war das relativ egal, denn auf ungefähr unterem Regionalliganiveau neutralisierten sich beide Teams derartig inbrünstig, dass der Schiedsrichter schließlich entnervt entschied, allen Anwesenden eine längere Erfrischungspause zu genehmigen. Guter Mann. Fraglich bloß, ob sich in diesem Stadionzombie Erfrischungen auftreiben ließen.

Unmittelbar nach der Pause zeigten die Gastgeber dann doch ihre Qualität. Eine schnelle Kombination über links – zu schnell für mich, der ich gerade wider Erwarten doch noch einen Bierstand entdeckt hatte – führte zum Abschluss und der wiederum zum Tor. Kurz darauf fasste sich ein weiterer Spieler der Heimmannschaft ein Herz und jagte den Ball aus rund 20 Metern zum Doppelschlag unter die Latte. Ohne noch mehr in Kicker-Prosa verfallen zu wollen: Das war wohl die Vorentscheidung.

Die Gäste fanden nicht ansatzweise ein Mittel, während ihre Gegner beim Scheitern an Pfosten, Latte und eigenen Extremitäten nunmehr teils erstaunliche Slapstick-Qualitäten bewiesen. Um zumindest in dieser Kategorie ebenfalls ein Zeichen zu setzen, entschied sich der technisch im Übrigen auffallend begabte Kapitän der Gäste, nunmehr jedes Mal, wenn ein Gegenspieler seine Kreise störte, mit beiden Händen nach ihm zu schlagen. Der Schiedsrichter goutierte dies nicht, was dazu führte, dass er einen Funktionär ungeklärter Funktion aufgrund dessen lauter und nachhaltiger Beschwerden über die mangelnde Achtung gegenüber den Kampftechniken seines Spielführers auf die Tribüne verwies. Sprich, einen halben Meter nach hinten.

So klang das Spiel allmählich aus, seine Highlights jeglicher Natur hatte es nun endgültig aufgebraucht. Tatsächlich noch mehr zu erwarten, hätte vermutlich geheißen, die dritte portugiesische Liga doch ein wenig zu überschätzen. Insgesamt aber konnte ich mich über mangelnde Unterhaltung keineswegs beschweren.

Überwältigt vom eben Gesehenen und dem Bier für einen Euro stolperte ich gen algarvischen Sonnenuntergang, begleitet von den, wie ich befürchte, völlig ironiefrei gemeinten Klängen von Nelly Furtados EM-Hymne „Forca“. Immerhin die Lautsprecher: Ganz nah an der Weltklasse! Sollte der magische FC einmal auf dieser Position aufrüsten wollen, sollte er ernsthaft darüber nachdenken, den Kadaver dieses weißen Elefanten auszuweiden. Nur bitte ohne Nelly Furtado.

Auf der Rückfahrt, diesmal vorausschauend direkt unter Vermeidung der Hunde gebucht, ließ ich mir diverse interessante Details der lokalen Shopping-Mall erläutern. Da es mich bereits in wenigen Stunden nach Lissabon zieht, werde ich, so fürchte ich, hierüber an dieser Stelle nicht mehr näher berichten können. Vielleicht aber demnächst in meinem Shopping-Blog. Irgendwie muss sich der Quatsch hier ja zu Geld machen lassen, hat beim Fußball schließlich meines Wissens auch ganz gut geklappt. Bleiben Sie dran, es folgt die Champions League! /juli

Andererseits.

Zu langes Schweigen, zugegeben. Und angesichts des Derbys noch nicht einmal Befriedigung. Wäre ich Dienstleister, wäre ich kein guter. Da ich tatsächlich Dienstleister bin, ein schwacher Versuch hiermit, in puncto Fußball. Oder: Soccer. Und anderem.

Denn ich grüße, oder vielmehr: grüßte aus einer ganz neuen Welt. Einer Welt, in der Erzgebirge Aue eine vermutlich eher untergeordnete Bedeutung hat, doch dazu später. Einer Welt, die meine Liebe nicht kennt. Oder vielleicht doch, aber bloß zeitversetzt. Bitte – kommt mit.

In den Straßen der Bronx

JFK, mein Flug fliegt ein. Gut, mal hier zu sein. Ich bin orientierungslos, wer wäre das nicht? Hey – das ist immerhin New York. City, Alder. Irgendwie diverse Stunden fern der Heimat, ziemlich weit weg von Zuhause. Aber das ist okay. Was man hier zuerst macht, sind die Standards. Sprich: Auf Häuser klettern. Die sind hoch, das ist beeindruckend, die Sicht ist gut, wir sind alle relativ winzig. Tolle Sache.

Den Rest von dem Quatsch kennt auch jeder, deswegen mache ich hier einfach einen Absatz.

Im Prinzip läuft vieles in dieser Stadt darauf hinaus, dass wir winzig sind. Was dieses Europa ausnahmsweise gut kann, nennt sich dort Soccer. Das kann, so viel sei vorausgeschickt, New York nicht viel besser als der Rest des Landes. Ich meine, Soccer, hey… nun gut. Besser noch ein bisschen New York.

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Aber nur ein bisschen.

Netterweise findet sogar diese Randsportart Soccer in einem Tempel des lokalen Sports statt. Dort, wo die Yankees üblicherweise die World Series sichern, dürfen gelegentlich auch Amateursportler unterschiedlicher Provenienz ihr Glück ohne Schläger versuchen.

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Stars über ihrem Zenit, mal wieder. Ähnlich wie damals in Mbombela, als es mir vergönnt war, Didier Drogba zum ersten (und glücklicherweise letzten?) Mal in meinem Leben zu sehen. Den Link zum entsprechenden Artikel erspare ich (insbesondere) mir. Die Drogbas dieser Tage hießen Rooney und Villa. David Villa, der den beeindruckenden und überdies auch auf der Leinwand des Yankees Stadium mehrfachst eingeblendeten Rekord innehat, der erste Spieler gewesen zu sein, den der dort wahnsinnig heimische und extrem traditionsreiche New York City FC (nachfolgend NYCFC oder ähnlich) jemals unter Vertrag genommen hat. Wayne Rooney auch anwesend, vermutlich für den Traditions-Soccer-Club DC United. Über den habe ich nun nicht weiter recherchiert, warum auch.

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Man hat in den US of A eine Form des Soccer erfunden, die uns so bislang unbekannt war. Es spielt sich alles, so es sich überhaupt abspielt, in der Offensive ab. Alles, was mit Arbeit oder Taktik oder Konzept zu tun hätte, ist in den Football gewandert, zu dem wir gleich kommen. Jedenfalls waren die Stars beteiligt, was nur angemessen ist. DC United ging in Führung im Wesentlichen aufgrund einer mittigen Freistoßvorlage des Herrn Rooney, deren Birnbaumsche Kopfballvollendung niemand in Reihen des NYCFC zu verhindern wusste. Steve Birnbaum übrigens, sofern Scouts sogar hier unterwegs sein sollten.

 

Spät, aber gelungen erinnerte sich David Villa daran, wer er ist. Per Freistoß. So als erster Spieler aller Zeiten ist es nicht falsch, gelegentlich Zeichen zu setzen. Insbesondere nicht fünf Minuten vor Schluss. Mehr passierte schließlich auch nicht. Ein 1:1, also ein dem US-Sport eigentlich eher ungeläufiges Ergebnis, stand am Ende für den NCY… NYF… NYF…. für New York… und auch für DC zu Buche.

Big Fucking Giants

Für Football ist letztlich kein Weg zu weit. Das gilt im Zweifel auch für die Giants, und zwar sogar dann, wenn sie im strömendsten Nieselregen mitten in New Jersey die Jags erwarten. Dass das im besten Fall ziemlich blöd wird, war klar. Es wurde sogar noch etwas blöder.

New Jersey ist teilweise ganz schön weit weg, und bei den Giants ist es teilweise ganz schön nass. Es mag empfehlenswert sein, sich den Eintritt zu sparen und lieber auf dem Parkplatz, möglicherweise etwas trockener, Teil der Party zu sein.

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Einer Party, die es im Stadion ohnehin nicht gab. Dafür war Eli Manning mal wieder zu nervös, dafür die Defense der Jaguars zu solide. Dafür brauchte es keinen Blake Bortles in Bestform, dafür reichte sogar einer in Schlimmstform. Fußb… Socc… Foot… Socc… nee, Football in ganz schlimmer, aber außerordentlich teurer Weise.

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Beruhigend immerhin, dass hier alles anständig läuft. Das MetLife hasst Gepäck und mag Ausländer. Jedenfalls, sofern sie entweder keinen Alkohol kaufen oder bei der Bierbestellung das Formular für Alkoholerwerb von Nicht-US-Bürgern ausfüllen. Selbstverständlich mit Passnummer, Alter und der deutlichst erklärten Versicherung, Alkohol auch im Heimatland erwerben zu dürfen. Da kann nix mehr passieren. Widmen wir uns besser der Schönheit der Landschaft.

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Ein zweites Bier erwirbt man trotzdem nicht zwingend, zumal der gängige Kurs von $ 11 für ein Bud Light nicht unbedingt überzeugt. Dass Bud Light generell nicht überzeugt, geschenkt. LaGuardia, Flug nach…

Windy City

Chicago. Al Capone. Mafia. Dings. Baseball. Die Chicago Cubs, hörte ich, spielten nahezu neben meinem Hostel, ähem, meiner Herberge am Abend meiner Ankunft gegen die Milwaukee Brewers. Zwar eine merkwürdige Sportart, dennoch ein Topspiel, so viel erfuhr ich ebenfalls. Zwischen mir und dem Spiel stand nur Chicago. Und eine Pizza, aber das darf man nicht unterschätzen.

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Das Wrigley Field erscheint Legende, und das wohl nicht zu Unrecht. Ein wunderbares Stadion, wenn auch für den falschen Sport.

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Insbesondere an diesem Abend würden mir wohl ausnahmsweise auch die Cubs-Fans Recht geben, denn sie verloren tatsächlich gegen die Brauerei-Werkself. Die mit Elf so wenig zu tun haben dürfte wie mit der Brauerei, aber man kann nicht von jedem Sport Ahnung haben, schätze ich.

Ach so, ach ja – Chicago:

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Ziemlich nett, im Großen und Ganzen. Sollte man mal für die Cubs anreisen, sollte man eventuell noch einen Tag für die Stadt einplanen.

Interlude I – Mais, wie man weiß

In Chicago beginnt der California Zephyr. Der, wie der Name sagt, ein Zephyr nach California sein mag. Oder auch, bescheidener formuliert, ein Zug von Ost nach West. Einsetzend an prominentem Ort. Endend irgendwo bei San Francisco.

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Zwischen Chicago und Denver liegt Mais. Viel Mais.

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Der Mais heißt Illinois, Iowa und Nebraska. Manche sagen Great Plains dazu. Plains ist korrekt, über Great kann man streiten. Jedenfalls gibt es auch dort eine Nacht, die ohne weitere Fragen hereinbricht. Und das dann doch in schönster Weise.

Mile High Heat

Denver. Home of the Broncos, im Wesentlichen.

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Nebenbei auch mitten in den Rocky Mountains. Und außerdem das Freiburg der USA, die Stadt mit den meisten Sonnentagen des Landes nämlich. Dazu noch den sonnigsten davon, wie Denver auch an jenem Tag zu zeigen beliebte. Weit über sämtlichen Grad Fahrenheit, die mir bekannt sind. Was lag da näher, als, direkt nach der Ankunft, an einem Freitagmittag das Coors Field aufzusuchen? Okay, zugegeben – der in Colorado völlig legale Begrüßungsjoint neben dem Bett wäre auch eine Option gewesen. Aber: Coors Field.

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Coors ist übrigens ein im Wesentlichen trinkbares Bier, und auf dem danach benannten Feld spielte ein im Wesentlichen unterstützbarer Club namens Colorado Rockies gegen die Arizona Diamondbacks.

 

Entscheidend war vor allem, auch angesichts des Wetters, dass die Rockies mindestens sieben Punkte holten, denn dies würde uns alle am nächsten Tag in lokalen Taco-Bell-Filialen in ungeahnte Genüsse zu unglaublichen Preisen stürzen.

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Das gelang.

Interlude II – Hoch wie nie

Der California Zephyr tat weiterhin sein Bestes. Das ist, grundsätzlich gesagt, nicht viel.

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Was aber auch Fahrplanstörungen niemandem nehmen können, ist die unfassbare Schönheit der Rocky Mountains.

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Und so ging es bis in die Hauptstadt einer Kirche, die kein Mensch für relevant erachtet.

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Nein, nicht bis ans Millerntor. Wenngleich sogar das hier wahrscheinlich nicht für allzu relevant erachtet worden wäre.

Was würde Jesus tun?

Ungeachtet aller Verspätungen kamen wir in Salt Lake City an. Immerhin um 2 Uhr morgens, also mehr als drei Stunden vor dem Versuch des magischen FC, auch in Aue ausnahmsweise nicht völlig blamabel zurückzubleiben.

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Es war ein untauglicher Versuch, das wissen wir inzwischen alle. Dennoch möchte ich den Charme eines Fußballspiels meines Vereins, per zweifelhaftem russischem Stream über ein sehr zweifelhaftes W-LAN eines mehr als zweifelhaften Motels übertragen, nicht missen.

Oder in diesem Fall vielleicht doch. Jesus hätte übrigens ausgeschlafen, sagte mir das Buch Mormon. Es folgen unfassbar tolle Bilder – beispielhaft festgemacht an einem unfassbar tollen Bild – eines ziemlich sinnlosen Sees, aus dem man nicht mal trinken kann. Daher der Name der Stadt.

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Aber sieht schon super aus.

Interlude III – Durch die Wüste

Auf Salz folgt was anderes, allgemein bekannt. Nicht dass Amtrak oder der California Zephyr an dieser Stelle allzu sehr zu loben wären, aber sie haben für einen fragwürdigen Zug jedenfalls ein günstiges Umland gewählt.

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Was am Ende dieses Umlands liegt, ist Emeryville. Und Emeryville interessiert auch eigentlich niemanden. Deswegen hier eine völlig andere Stadt.

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From Coast to Coast

Was dahinter liegt, ist San Franciso. Und daneben der Pazifik. Dass dieser Landstrich eine gewisse Schönheit hat, möchte ich nicht bestreiten.

 

Nichtsdestotrotz gab es dort auch Sport. Die Oakland Athlethics, landläufig bekannt als A’s, trafen auf die Los Angeles Angels, landläufig vermutlich gar nicht bekannt. Oakland ist eine charmante Stadt nahe San Francisco, ebenfalls in der Bay Area gelegen, mit einem modernen und einladenden Stadion.

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Kurz und gut, da ich von dem Sport an sich nach wie vor keine Ahnung habe: Ich sah, selten genug, einen Heimsieg. Einen für meine Begriffe überzeugenden.

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Allein die Tatsache, dass dort California Kölsch (Schrägstrich Kolsch) ausgeschenkt wird, sollte im Übrigen jeden meiner Leser spontan zum Fan der A’s werden lassen.

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Dass San Francisco großartig ist, bedarf keiner weiteren Erwähnung. Besonders für jemanden wie mich.

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In entsprechend angenehmer Gesellschaft aufwachend, durfte ich daher noch den Magischen FC erneut begrüßen, der sich diesmal um 9:30 Uhr aus mir unbekannten Gründen in Ingolstadt abmühte. Schön ist auch anders. Vielleicht sollte man das ganze Franchise nach Kalifornien verlegen.

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Wenn das der Plan ist: Nehmt mich mit, scheiß auf Derby. Ach, ist schon vorbei? Dann wars offenkundig egal. Oder ich schreib noch was drüber. /juli

 

Fino all’ultimo attimo

Zugegeben – es war in diesem Reiseblog mit dezentem Fußballbezug (oder umgekehrt?) zeitweise doch recht ruhig. Dabei hätte es so viel zu erzählen gegeben. Von Aufstieg und Fall und Aufstieg und Fall und Aufstieg und Fall des magischen FC, so etwa im Wochenrhythmus. Vom Fall des höchstens schwarzmagischen hsv, ebenfalls im Wochenrhythmus. Von Spielen in Israel oder auf Lanzarote, von TeBe und Fitnesskettenbetreibern und von allem, was dazwischen und jenseits davon noch alles so passiert ist. Aber dass sich die Welt so dermaßen unablässig dreht, sehe ich nicht als Teil meiner Verantwortung. Und ja, das war eine Entschuldigung an die verbliebenen Leser, die es noch geben mag. Der Rest darf sich freuen, dass plötzlich ein Fußballblog mit so großem Archiv eröffnet hat.

Italien also. Oder nein – denn streng genommen begann zwar meine Reise in Italien, genauer gesagt natürlich in Rom, nicht aber ihr fußballerischer Teil. Denn mag Lazio gegen Juventus auch ein klangvolles Spiel sein, meine Motivation, mich in einer der beiden Kurven wiederzufinden, hielt sich doch arg in Grenzen. Also kein Fußball in Rom. Auch nicht in Florenz, der nächsten Station. Bologna, ebenfalls nichts los. Und Rimini im März? Sowieso nicht.

Hier sieht man, warum.

Es galt daher, spektakuläre Maßnahmen zu ergreifen. Bergauf. Denn dort wollte ich den bestmöglichen Radioempfang genießen, um dem magischen FC bei seiner Performance gegen Braunschweig zu lauschen.

Was meinerseits auch ganz gut klappte.

Und wieder bergab. Denn auf seinem Weg hinunter von der spektakulären Città di San Marino an den Strand von Rimini hält die einzige Buslinie des Landes auch im Örtchen Domagnano. Im Schatten des Monte Titano trafen dort am 20. Spieltag des Campionato Sammarinese, der prestigeträchtigen nationalen Meisterschaft dieses großen Fußballlandes, die Teams von SS Virtus und SP Tre Fiori aufeinander. Das „SS“ in Virtus steht, nur der Vollständigkeit halber, für Società Sportiva. Anders als bei der SS Lazio, bei der das SS… nun. Laut Wappen hieß der Verein eh FC Virtus, so ganz war das alles nicht aufzuklären.

Spektakulär genug?

Bedingt durch die etwas komplizierte Struktur der Liga war ohnehin alles nicht ganz einfach zu begreifen. Laut Ansetzung handelte es sich bei der SS Virtus, in nicht allzu hübschem gelb-blau antretend, wohl um den Heimverein. Der Gast, die SP Tre Fiori, hatte allerdings den Löwenanteil der im Spielverlauf ziemlich exakt 37 Fans mitgebracht. Unnötig zu erwähnen, dass beide Vereine eigentlich aus ganz anderen Städten kommen. Offenbar wird in San Marino grundsätzlich einfach dort gespielt, wo Platz ist und der Boden nicht mehr als 45 Grad Neigung hat. Womit in diesem Land wahrlich nicht allzu viele Orte übrig bleiben.

Dort aber schon.

Komplizierte Strukturen: Aus sicherlich guten Gründen spielt die lokale Liga in zwei Gruppen, sinnigerweise mit A und B benannt. Wir befanden uns in deren zweiter, und zwar im reichlich grauen Mittelfeld. Die beiden Teams schwammen irgendwo zwischen den anderen fünf Vereinen, die sich nach mutmaßlich insgesamt vier Spielen gegeneinander zu einem gewissen Teil in irgendeiner Form von Playoff wiedertreffen würden. Vermutlich.

Catering gab es keins, Eintritt dafür auch nicht. Erhaben lagen die Parkbänke, auf denen sich das Publikum größtenteils niederließ, gute fünf Meter über dem Platz. An Professionalität jedoch mangelte es keineswegs, war doch der Schiedsrichter standesgemäß mit Freistoßspray ausgestattet. Und mit Assistenten, was beim zu erwartenden Spielniveau anderswo keine Selbstverständlichkeit ist.

Alles Profis dort.

Die SS Virtus erwischte gegen den siebenmaligen Meister – wie ich erfuhr, als ich schon ein wenig verzweifelt die jeweiligen Vereinsfarben googelte – den deutlich besseren Start. Dennoch war es das grün-schwarz (endlich!) gekleidete Team von Tre Fiori, das in Minute 13 ein erstes Ausrufezeichen setzen konnte. Ein wunderbarer Schuss aus 25 Metern landete an der Latte. Der Nachschuss per Seitfallzieher jedoch ging ebenso deutlich über das Niveau der Spielklasse hinaus wie über das Tor. Trotzdem entwickelte sich entgegen aller Erwartungen ein temporeiches, sehr ansehnliches Spiel mit allerdings wenig zwingenden Möglichkeiten.

Ich bin mir unsicher, ob die Klischees über den italienischen Fußball im Allgemeinen überhaupt zutreffen, und wenn ja, ob sie dies auch für San Marino tun. In Minute 35 jedenfalls war zu beobachten, dass ziemlich direkt dem Rugby entsprungene Tacklings dort wohl durchaus zum guten Ton gehören. Das Opfer war hier ein Spieler der SS Virtus – dem dies, so entnahm ich es den Gesprächen der Zuschauer, offenbar mehr oder weniger wöchentlich passierte. Die Sanitäter schienen ihn auch schon recht gut zu kennen. Blieb zu hoffen, dass dies seiner Lebenserwartung, für Männer anscheinend die höchste der Welt, keinen Abbruch tat. Mit 0:0 ging es kurz darauf in die Halbzeit.

Der zweite Durchgang begann verhaltener. In Minute 63 brachte der Torhüter der SS Virtus jedoch einen langen Abschlag nach vorne, der, per Kopf verlängert, genau im Lauf des Stürmers landete. Trockener Linksschuss, drin. Kann ja manchmal so schön einfach sein. Die SP Tre Fiori nahm dies zum Anlass, komplett auseinanderzufallen. Aus dem missglücktesten Befreiungsschlag der jüngeren Fußballgeschichte fiel direkt im Anschluss das 2:0. Ein weiterer hübscher Linksschuss von der Strafraumkante in den Winkel brachte in Minute 79 die endgültige Entscheidung. Groß gejubelt wurde nicht, die Zuschauerzahl hatte sich gegen Ende des Spiels bei exakt 14 eingependelt. Zu Unrecht, meiner Auffassung nach. Aber gut, die meisten anderen hatten den Länderpunkt San Marino vermutlich auch vorher schon.

 

Für mich blieb nicht viel Zeit, den Berg, äh, die Republik wieder zu verlassen. Im einzigen Hostel des Landes, Grüße an Maurizio, wartete bereits mein Gepäck auf die Fahrt zum Bahnhof von Rimini. Von dort ging es über Bologna zurück nach Florenz, der vorletzten Station meiner Reise und gleichzeitig dem Ort, wo ich am Sonntagmittag das erste Seria-A-Spiel meines Lebens sehen wollte. Dass es ein derart besonderes Spiel werden sollte, hatte ich schließlich noch nicht ahnen können, als ich im Januar einen Blick auf den Spielplan warf.

Denn der AC Florenz trauerte um seinen Kapitän. Davide Astori, die Rückennummer 13, war am Wochenende zuvor mit 31 Jahren verstorben. Wie um die bedrückte Stimmung dieses Tages noch zu bestärken, regnete es bereits seit dem frühen Morgen in Strömen. Am Eingang des Stadio Artemio Franchi drängte sich eine riesige Menge von Fans um eine Art provisorischen Altar für den Spielführer, bestehend aus Schals, Trikots, Plakaten.

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Wie man hier sieht.

Selbstverständlich war das Spiel gegen Benevento, die in der Tabelle ohnehin eher dezentral rangierten, dabei nur Nebensache, zumal auch die Fiorentina bereits gehörigen Abstand zu den internationalen Plätzen hatte.

Zu meiner Überraschung gab es zwar personalisierte Tickets, aber durchaus Bier. Gut, Peroni. Aber immerhin Bier. Dazu Popcorn und Hot Dogs. Italien ist ja kulinarisch durchaus eine Reise wert, vermutlich gilt das aber im Allgemeinen eher nicht für das Stadionessen. Das Stadion selbst aber hatte seinen Reiz. Zwar habe ich keine wirkliche Ahnung, woran man rationalistische Architektur erkennt, deren Meisterwerk dieses Stadion offenbar sein soll, aber der Wikipedia-Link zum entsprechenden Artikel wäre bestimmt aufschlussreich. Für aktive Architektursupporter. Die es hier bestimmt auch gibt, gibt ja alles im Internet.

Die südlich gelegene Curva Ferrovia schien allgemein der Ort für Menschen zu sein, die sich zwar nicht unbedingt als Ultrà verstanden, aber trotzdem keine Lust hatten, Geld für unnötigen Luxus wie gute Sicht oder ein Dach auszugeben. Also ziemlich genau mein Fall. Vor dem Spiel wurde zum Song „Terra degli Uomini“, den der Sänger Jovanotti (offenbar irgendeine italienische Berühmtheit) dem verstorbenen Davide Astori gewidmet hatte, ein Video mit dessen besten Szenen in lila gezeigt. Zugegeben, auch ohne jeglichen Bezug zum Spieler schwierig, dabei die Augen trocken zu halten. Was möglicherweise auch, aber nicht nur, am reichlich unermüdlichen Regen lag. Da mein eigenes Video offenbar den hiesigen Rahmen sprengen würde, verweise ich an dieser Stelle auf den Link beim Songtitel.

Vermutlich habe ich noch nie ein Stadion so totenstill erlebt wie während der Schweigeminute, die sich nahezu unendlich in die Länge zog. Fast hatte man das Gefühl, als würde in diesem Moment die ganze Stadt schweigen. Sogar der Regen schien für einen kurzen Moment auszusetzen. Und bei allem, was über italienische Fans gelegentlich zu lesen ist: Ja, auch der Gästeblock beteiligte sich ohne jede Ausnahme. Ob nun Schweigeminuten für dies oder das sinnvoll sein mögen oder nicht, ist eine Frage, die man unendlich ausdiskutieren könnte. Aber dafür gibt’s ja Facebook oder von mir aus die hiesigen Kommentare, mir stellte sich diese Frage jedenfalls in besagtem Moment nicht. Tausend Luftballons flogen.

Und das war ganz ausdrücklich keine Metapher.

Zwar war das Spiel Nebensache, angepfiffen wurde es dennoch. Um sogleich, nämlich in Minute 13, wieder unterbrochen zu werden. Jetzt erst folgte nämlich die eigentliche Ultrà-Choreo für ihren Spielführer. Ein lautes „Capitano per sempre“ begleitete den beeindruckenden Moment, in dem die gegenüberliegende Curva Fiesole über ihre ganze Breite in lila-weiß den Namen des Kapitäns zeigte.

So sah das nämlich aus.

Ein bisschen farblich passenden Rauch gab’s auch, und insbesondere eine Art ewige Flamme auf Ultrà-Art, also einen Bengalo, der tatsächlich mindestens bis zur Halbzeit nicht ausging. Schon nicht übel.

Und so.

Allgemein habe ich selten ein derart lautes Stadion erlebt wie zu Beginn dieses Spiels. Mag sein, dass es bloß der Kontrast zur Schweigeminute war, aber vielleicht wollte an diesem Tag auch jeder Einzelne noch ein wenig dringender gewinnen als sonst. Mit viel Mühe taten sie in Minute 25 dann auch den ersten Schritt hierzu. Vitor Hugo erzielte das 1:0, das jedoch selbst eher verhalten bejubelt wurde. Trotz folgender drückender Überlegenheit der Fiorentina blieb es bis zur Halbzeit so.

Nach der Pause, die ich im Wesentlichen in den schlimmsten Toilettenanlagen der Welt verbringen durfte, wandelte sich das Bild dann völlig. Plötzlich drückte Benevento, Fiorentina kam kaum noch aus der eigenen Hälfte. Und wenn doch, dann wünschte man sich, sie hätten es lieber nicht getan. Aber es mag jene an Orten wie Köln gerade so bekannte und beliebte Spielart des Pechs sein, dass keiner der beneventonesischen Versuche etwas am Resultat auf der Anzeigetafel mehr zu ändern vermochte.

So war Florenz nicht begeistert, aber in gewisser Weise verhalten zufrieden. Für mich ging es hingegen nach Rom-Ciampino, neuen Heldentaten entgegen. Ich werde berichten. Glaube ich. Irgendwann. E l’amore si fa. /juli

Bomber Harris?

Aus aktuellem Anlass einfach mal eine Sammlung von schönen Bildern, die mir Google auf Anhieb zuführte. Da ich die Arbeit von Fotografen und Medien prinzipiell wertschätze, gibt es nur die Links. Nämlich hier:

Hier gehts um Leipzig.

Auch Frauen werden wahrgenommen.

Manchmal vielleicht ein klein wenig eindimensional.

Oder auch nur auf ihren Beruf reduziert.

(Oh, das ist Aachen. Aber geglaubt hättet ihr mir das, oder? Alternatives Dynamo halt.)

Aber hey!

Und hätten Letzteres eure und unsere und meine Großeltern auch so gesehen, vielleicht hätte insgesamt weniger gebrannt. Man möge mir diesen Vergleich, der bei weitem keine Gleichsetzung ist, verzeihen, aber das ist wie mit Spielen am Millerntor: Manche lernen daraus, einige brauchen etwas länger, andere sehr lang und… Dynamo. /juli

Ich hab noch einen Koffer in…

Nürnberg? Ich habe zwei Geschichten zu erzählen!

Nummer eins. Es war März. Es war 2011. Wir standen in Berlins Mitte, so dort platziert, als hätte der Erzähler einer späteren Welt uns genau dorthin gewünscht. Wochenendticket, Regio. Nürnberg ist östlicher, als man das von Hamburg aus oft denkt. Und damit gedanklich näher.

Plauen. Gibt es auch. Klingt nach spontanem Unwohlsein, womit das lokale „Sternquell“ auch recht treffend beschrieben ist. Zugfahrt. Kennt man. Keine weitere Beschreibung wert. Nur erwähnt, weil ich an noch keine Zwischenstation auf einer Auswährtsfahrt jemals so wenig denken wollte wie an diese.

Nürnberg, um damit zu beginnen, lag damals in der Bundesliga. Der magische FC auch, halbwegs. Nach dem Derbysieg taumelnd, wenn nicht selbstvergessen, versuchte man, die historische Dimension dieses Ereignisses nicht durch weitere Punktgewinne in dieser Liga zu unterminieren. Von diesem Projekt begeistert, hatten wir uns unsere Tickets natürlich längst gesichert.

Gleiches taten die lokalen Ordnungsbehörden an der ersten zuständigen Raststätte mit demjenigen, der diese unsere Tickets in Händen hielt – ihn sich sichern. Kurz gesagt: Tickets weg, wir in Franken. Spricht dennoch für einen Besuch am Stadion des lokalen Bundesligisten, bekanntlich in einem wunderbaren Naherholungsgebiet gelegen. Irgendwas mit Reich.

Dieses Naherholungsgebiet inzwischen recht verspätet betretend, vernahmen wir, offenbar doch ein wenig spät dran, nicht nur den Anpfiff, sondern auch direkt in Folge ein einprägsames Beispiel des örtlichen Liedguts, genutzt zum Feiern von Torerfolgen. Einprägsam schon deswegen, weil wir auf halbem Wege um die Kurve daran erinnert wurden, wie sich ein solches Nürnberger Tor nun anhören möge. Und vor dem Eingang zum Gästeblock, sicher ist sicher, auch noch einmal.

Angesichts der bislang gespielten 15 Minuten waren wir frohen Mutes, dass die Magischsten der Magischen ohne größere Probleme mindestens vier oder fünf in Franken niemals besungene Tore würden beisteuern können, und zahlten deswegen anstandslos die für dieses einmalige Erlebnis wie ein Scherz anmutenden 27 Euro für einen Sitzplatz.

Der Rest der Geschichte dürfte den Älteren bekannt sein. Der erste Schritt zum Klassenerhalt war getan mit diesem 0:5 in Nürnberg.

Der erste Schritt zur Rückreise wiederum nicht (oder auch: in gleichem Maße). Ein wesentlicher Nachteil dieses Wochenendtickets besteht darin, dass es lediglich sehr begrenzte Optionen eröffnet. Unsere führte offenbar nach Halle. Über das allseits bekannte Großheringen. Eine Stadt, die neben dem Bahnhof aus einigen protofaschistischen Karnevalsfeiern und einem mysteriösen Industriegelände bestand. Jeder, der einmal an einem Samstagabend in Friedrichshain war, wird wissen, wovon ich rede.

Dennoch kam irgendwann überraschend doch noch ein Zug, der uns hiervor errettete. In das bereits einmal zu oft erwähnte Halle. Ein reichlich relativer Begriff von Rettung, aber der einzige verfügbare. Nicht der allerbeste Ort, um als St.-Pauli-Fan noch ein Bier zu trinken. Ein Bier, das für sechs Stunden reicht.

Wir taten dies in einer anonym bleiben wollenden Mönchengladbach-Fankneipe, die uns, als sie ihre eigene Existenz nicht mehr ertrug, in den „Dschungel“ verwies – also in die offenbar einschlägige Großstadtdisko. Sofern der geneigte Leser nach einem wirklich intensiven Gefühl von Einsamkeit sucht, sei ihm die Toilette einer Hallenser Disko im St.-Pauli-Outfit empfohlen. Am Abend nach einem Heimspiel des lokalen FC, wohlgemerkt. An einem Abend, an dem die lokalen Fans des lokalen FC mit den lokalen Frauen nicht so richtig viel Glück hatten. Also, wie bereits erwähnt, an einem Samstagabend.

Einer von ihnen, nennen wir ihn Ronny-Jerome oder liebevoll RJ, nahm uns aus mir bis heute nicht bekannten Gründen in Schutz, was durchaus wörtlich zu verstehen ist. Bier gab er uns und dazu den Weg hin zum Bahnhof, wo wir… feststellten, dass das nunmehr zu lösende neue Wochenendticket uns nicht nur nach Berlin, sondern vorher auch nach Aue bringen könnte. Wo der 1. FC Union mittags spielen sollte. Es sei der Fantasie des Lesers überlassen, was in der Folge hinsichtlich unserer Reisepläne passierte. Das Spiel endete 0:0. Und wir irgendwann am Ostbahnhof.

Wenn man bereits einschlägige Erfahrungen mit einer Region gemacht hat, möchte man sie beim nächsten Mal natürlich im geeignetsten, sichersten Umfeld bereisen, das gerade möglich ist. Im Falle des FC St. Pauli nennt sich dieses Umfeld „Sonderzug“.

Der vorstehende Absatz war notwendig, um die Inhalte wirken zu lassen. Genau wie der Sonderzug. Eine zeitliche Planung, die ihresgleichen sucht: Um ein Uhr auf nach Hamburg per Bus, so war der Plan. Dort um vier, sechs Uhr Abfahrt. Dann Nürnberg, Spiel, Satz, Sieg. Zurück. Drei Uhr Bus nach Berlin. Montag topfit. Läuft.

Oder so ähnlich. Das mit dem Sonderzug passte schon, der Bus vorher auch. Direkt hinter dem Fahrer sitzen, heißt, im Zweifel höchstens so schwerverletzt wie er selbst zu sein. Worauf er uns auch mehrfach hinwies. Wir waren erst brav, dann schlafend, dann da.

Hamburg neigt an Wochenenden meiner Beobachtung nach dazu, noch ein wenig besoffener zu sein als Berlin. Mag aber auch sein, dass der Hauptbahnhof während des Hafengeburtstags hier keinen gültigen Rückschluss zulässt. War jedenfalls nicht der beste Ort der Welt – denn der liegt ja bekanntlich dort, wo der Magische usw. spielt.

Also irgendwo im weitesten Sinne südlich. Sind wir dann mal hingefahren. War nett. Kann ich empfehlen, die Hinfahrt zu Spielen im Sonderzug. Alle so optimistisch.

Zwischendurch waren wir in Nürnberg. Ausgestiegen. Sonder-U-Bahnen. Bullen überall. Stadion. Fußballspiel, kann ich nicht empfehlen. Jede Ecke für Nürnberg vom Stadionsprecher angesagt, weil wir ja nicht mehr so gut mitzählen konnten. Irgendwas zwischen gewonnen und verloren und egal, glaube ich. Und dann auch wieder zurück in den Zug.

Der fuhr dann bis Lüneburg. Dort war Pause. Sehr lange Pause, wegen eines vermutlich tragischen Ereignisses, was ich auch nicht weiter kommentieren kann oder möchte. Unser Bus von Hamburg nach Berlin war jedenfalls weg. Guter Plan, mal wieder – siehe oben.

In Hamburg angekommen, mit rund zwei Stunden Verspätung, lief uns unverhofft allerdings die Deutsche Bahn über den Weg. Ohne jemals irgendeine Strecke mit ihr gefahren zu sein, warfen wir uns ihr willfährig an den Hals. Um uns loszuwerden, spendierte sie ein Taxi. Nach Berlin.

Drei Stunden später, zuhause angekommen (und zwar vor dem ursprünglich avisierten Bus), wusste ich, dass das mit mir und Nürnberg irgendwie nichts wird. Mit mir und St. Pauli bin ich da optimistisch. Wir haben ja noch ein paar Saisons. See ya! /juli

Oho, ein Rätsel!

Sommerpause ist keine gute Zeit für Fußballfans. Sommer vielleicht schon, aber bei Pause hört es auf. Inspiriert von den Kolleg_innen der „Welt“ habe ich mir auch mal Gedanken gemacht, wie man Fußballvereine in die Sprache meiner Generation umsetzen kann. Als anständiger Fan des magischsten aller FCs selbstverständlich für die zweite Liga. Das war teils wesentlich anspruchsvoller, und auf einige wird man nur mit Hilfe kommen, aber ich wünsche viel Spaß! Die erste komplett richtige Lösung in den Kommentaren gewinnt das obligatorische Bier (das Frodo wegen der Schlagergeschichte übrigens immer noch nicht haben wollte).

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Die Lösungen gebe ich wie gehabt dann raus, wenn ich frühmorgens betrunken das dringende Bedürfnis verspüre, dies zu tun. So entstehen ohnehin 90 % meiner Texte. So long! /juli