We slip and slide…

Was ein Jahr. Ein Jahr von Hoffnung und Enttäuschung. Der großen Siege, der katastrophalen Niederlagen. Des Ankommens, der Flucht. Ein Jahr von Himmel und Hölle. Nie in der Mitte, immer das Extrem. Ein Jahr Trauer. Ein Jahr Freude. Ein Jahr Leben.

Vorweg: Mein Fazit für die ersten drei Monate dieses Blogs ist ein gutes. Es ging mir nicht so sehr um die große Öffentlichkeit, wenngleich es schön ist, gelesen zu werden. Der Ansatz ist eigentlich ein sehr persönlicher, auch wenn man das nicht immer merkt. Und nicht immer merken muss oder soll. Es ergaben sich viele interessante Gespräche aus der ganzen Sache hier und damit bin ich absolut zufrieden. Die Motivation ist groß, das im nächsten Jahr so fortzuführen. Weiterhin mit viel Fußball, sicherlich auch gelegentlich mit anderen Dingen. Kann ja jeder lesen, was er lesen möchte. Ein wenig persönlicher werden die nächsten Zeilen trotzdem, und wie angekündigt auch etwas weniger sportlich als gewohnt. Man möge dies, wiederum, entschuldigen. Oder eben nicht.

Aber ganz kurz dann doch noch sportlich, um hier mal andere Farben reinzubringen. Und weil ich das Foto loswerden wollte.

Aber ganz kurz dann doch noch mal sportlich, um hier mal andere Farben reinzubringen. Und weil ich das Foto loswerden wollte.

Es ist ja immer leicht, sich über das Schlechte zu beschweren. Lange nicht so leicht, das Gute, das Richtige, rechtzeitig zu erkennen. Das Neue bereitwillig anzunehmen. Sich vom Alten zu lösen. Andere Wege zu beschreiten, andere Ziele zu finden. Gewöhnung ist der Tod jeder Bewegung. Wer ankommt, hört auf zu laufen.

Und wer Konfetti im Bier hat, hört auf zu trinken.

Und wer Konfetti im Bier hat, hört auf zu trinken.

Berlin. Langsam komme ich auch an bei dir. Mehr als vier Jahre sind es jetzt, die mich rausgerissen haben aus meiner Vorstadtwelt. Dieses war das erste wirklich echte. Deine Vielfalt, deine Leidenschaft, deine Belanglosigkeit, deine Trägheit. Deine faszinierende Schönheit und deine raue Tristesse. Eine Stadt als Spiegel des Lebens, oder so. Ick hab dir gern. Meistens.

Und bleibe doch trotzdem immer noch ein wenig Tourist.

Und bleibe doch trotzdem immer noch ein wenig Tourist.

Magischer FC, um doch noch einmal sportlich zu werden. Du hast es uns nicht leicht gemacht. Mehr Frust als Euphorie, diese Hinrunde. Großartige Momente natürlich auch. Immer wieder zerstört aber durch einen rätselhaften Unwillen, der mir gleichzeitig selbst so gut bekannt ist. Etwas zu können heißt nicht, etwas zu werden oder gar zu sein. Der Weg ist nicht einfach nur da, er will gegangen werden. Dass ich immer dabei sein werde, das ist klar. Gilt im Rahmen des Möglichen übrigens auch für das lila-weiße Berliner Äquivalent. An dieser Stelle danke fürs Lesen, Verlinken, Kommentieren. Wüsste ich, wie es geht, ich würde euch vielleicht sogar ein alternatives Layout in passenderen Farben zur Verfügung stellen. Aber muss halt so reichen.

So trist die Welt auch manchmal erscheint.

So trist die Welt auch manchmal erscheint.

Freunde. So wichtig im Hellen und im Dunkeln. Anker und Fallschirm, Halt und Freiheit. Die Momente, wo ich euch brauchte, waren diesmal so zahlreich wie eigentlich noch nie. Ihr wart immer da. Mehr gibt es nicht zu sagen. Das Gleiche für euch, wenns nötig wird. Jederzeit.

Und auch da wart ihr mit Sicherheit dabei.

Und auch da wart ihr mit Sicherheit dabei.

Leben. Du gehst weiter. Durchschütteln, weitermachen. Es stehen Herausforderungen an, sie wollen gemeistert werden. Ob im Sport, ob in der Liebe, ob im Leben, ob im Beruf. Wenn man es richtig macht, ist das sowieso alles dasselbe. Richtig zu machen gibt es viel. Falsch wird vieles sein am Ende. Muss man in Kauf nehmen, gehört dazu. Diesem Jahr wird ein weiteres folgen, ich bin mir da relativ sicher. Und verschlafen wird nicht.

Weiter Weg.

Da ist er ja, der Weg.

Euch allen das Beste. Für 2013. Und sowieso. Dieses bisschen Pathos hier musste sein, ausnahmsweise. /juli

Auf dass so etwas nie wieder passiert.

Auf dass so etwas nie wieder passiert.

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Blick zurück

Nachdem im Dezember nicht eben übermäßig viel von mir zu lesen war, gibt es jetzt einen etwas größeren Nachschlag. Den letzten sportlichen Text für dieses Jahr, höchstwahrscheinlich. Den letzten vor Südafrika, vermutlich. Es werden nach aktueller Planung etwa zwei bis fünf „Unsportlichkeiten“ folgen, um die Winterpause zu füllen und den höchst intellektuellen Ruf dieses Blogs, den es bei mir persönlich hat, weiter zu festigen. Wenn nicht, dann nicht.

Nein, „you only write when you’re winning“ ist kein treffender Vorwurf, auch wenn es gelegentlich so wirken könnte. Vor allem schreibe ich, wenn ich etwas zu schreiben habe. Nach manchen Spielen fühle ich mich einfach leer. Nach manchen Tagen sowieso. Die Form, die Seite, das weiße Papier aber mit in Worten gegossener Leere zu füllen, überlasse ich der Fachpresse. Meistens. Schließlich stell ich ja auch keine Elf des Tages auf. Die ist im Zweifel sowieso braun-weiß. Jene Leser, die diesen Blog vor allem wegen seines Tennisgehalts lesen, mögen daher bitte auch entschuldigen, dass sich mein Blick zurück auf die Zeit seit der Sommerpause nur auf den FC St. Pauli bezieht. Ob ich Besserung gelobe, weiß ich noch nicht. Mal gucken.

Wie fing es an – wie kamen wir dorthin, wo wir sind, wo auch immer das ist? In Aue natürlich, dort, wo schon so vieles anfing. Was auch immer genau. Anfang August, furchtbar hochsommerlich also. Viel zu früh für einen Saisonbeginn. Viel zu früh für mich sowieso – einen Umzug in den Knochen (das wird die Rückrunde mit der Hinrunde gemeinsam haben), ein Festival vor Augen (das nicht). Trotzdem todesmutig mit Wessi-Gästen die lange Bahnfahrt durch Sachsen angetreten. Weil ich gern in Aue bin, außerdem gefühlt sowieso dauernd. Ein schönes Stadion, nette Leute, meist absolut miese Spiele. So, wie man es halt vom Millerntor kennt. Nur bergiger.

In zivil fuhren wir trotzdem, es lagen so nette Gegenden wie Chemnitz auf dem Weg. Genau bis dorthin erfüllte unsere Tarnung eventuell sogar ihre Funktion. Meine Zweifel daran gründen auf der netten Begrüßung eines Einheimischen – „Ihr tragt ja alle Schwarz – ihr seid bestimmt von St. Pauli, oder?“. Es war zum Glück ein Netter. Ich glaube, ich versprach damals, ihn bei Facebook zu adden. Falls das nicht geschehen sein sollte, bitte ich vielmals um Entschuldigung.

Das Spiel war, wie angedeutet, mies. 0:0 ist in etwa das schlimmste Auswärtsergebnis, das ich kenne. Nicht mal so richtig ärgern kann man sich. Wobei – doch, in dem Fall eigentlich schon. Aber es war ja Saisonbeginn, keine Gefahr, keine Panik. Entspannen, abwarten, Dosenbier trinken. Und immerhin einen Tag von dem Festival mitnehmen.

Heimspiel Ingolstadt, 8 Tage später. Dass Eigler gegen uns trifft, war ja klar. Mohr gleicht aus. Der Rest der Partie gepflegte Langeweile plus ein wenig braun-weiß-brotlose Kunst in der Schlussphase. Irgendwie wieder so ein verschenkter Sieg. Aber kann man ja machen, ist schließlich erst der zweite Spieltag. Ab jetzt gewinnen immer wir.

In Offenburg beispielsweise. Auch das furchtbar langweilig, aber ausreichend. Im Gegensatz zur Leistung eines etwas nördlicher angesiedelten Hamburger Noch-Erstligisten. Höchst bedauerlich. Zweite Pokalrunde, das erste Mal seit Menschengedenken. Es tut nicht not, hier Begriffe wie Trier oder Chemnitz zu erwähnen. Vor allem, weil Chemnitz bereits erwähnt wurde. Jedenfalls: Erster Saisonsieg. Höchst glamourös. Schönes Wetter soll gewesen sein in Baden.

Mit diesem unfassbaren Motivationsschub im Rücken ab nach Cottbus. Im Bus, gemeinsam mit dem besten Fanclub der Welt. Zum zweitnächsten Auswärtsspiel der Saison (ja, gefühlt ist Hertha weiter weg!). Es gibt viele Gründe, warum ich nicht viele Worte über diesen Tag und dieses Wochenende verlieren möchte. Das Spiel selbst war einer davon. 0:2 und aus.

So langsam neigte es dazu, eng zu werden. Nun bin ich wirklich ein Meister der beruhigenden Autosuggestion, aber die half nicht mehr so richtig weiter nach diesem desaströsen Brandenburger Tag. Neigte man zur Panik, wäre dies ein hervorragender Moment gewesen. Natürlich, es kam noch besser. Erstmal aber ein wenig Beruhigung, um die Dramatik zu steigern. Ein Sieg. Am Millerntor. Gegen den ruhmreichen SV Sandhausen. Mit einer Leistung, die vermutlich schon in Offenburg nur knapp gereicht hätte, wenn überhaupt. Aber als Jurist lernt man ja: Drei Punkte sind drei Punkte sind drei Punkte. Sofern man sich nicht beschwert.

Es wurde sich beschwert. Und so geschah es dann, dass ich an einem Montag im September erstmals meinen Weg in das umgebaute Müngersdorfer Stadion fand, nach kleineren Touren über Amateurplätze im Umfeld meiner ursprünglichen Heimat. Zumindest an der Verkehrssituation hatte der Umbau nicht allzu viel geändert, nach wie vor in etwa auf dem Niveau einer klimawandelbedingt überschwemmten niederländischen Küstenstadt. Also nicht so gut. Vor dem Spiel gabs immerhin eine Kranzniederlegung in Gedenken an die Edelweißpiraten, etwa 400 Fans beider Vereine waren anwesend. Sehr, sehr schöne Aktion. Wird wohl deutlich länger in Erinnerung bleiben als das Spiel. Philipp Tschauner bewarb sich für die Nationalmannschaft, am Ende stand hauptsächlich deswegen ein wie üblich höchst zufriedenstellendes 0:0. Langsam kam man in der roten Zone an.

Es folgte wie schon vergangene Saison die Tour nach Frankfurt – sofern man Köln durch Düsseldorf ersetzt, was mir die Einwohner beider Städte… ach, macht, was ihr wollt. Jedenfalls Richtung Süden, zum FSV, an den Bornheimer Hang. Ein Chancenfestival. Beginnende Zweifel am Interesse eines Daniel Ginczek, tatsächlich Tore zu schießen. Eine Niederlage. Vermutlich die nach wie vor unnötigste dieser Saison, nach durchaus ansprechender Leistung. Man weiß nicht, wie es gekommen wäre, wäre dieses Spiel nur ein klein wenig anders verlaufen. Fußball spielt sich nach wie vor im Indikativ. So wie das Leben selbst, weswegen hier eigentlich nur ein „siehe Cottbus“ stehen müsste. Nur nicht mehr ganz so desaströs, weil irgendwie schon gewohnt. War übrigens das letzte Spiel vor dem Start dieses Blogs. Soviel zum Thema „write when you’re winning“.

Das Spiel am darauffolgenden Dienstag passte zur Gesamtsituation perfekt. Mit dem VfR Aalen ein absolut namhafter Gegner, mit zwei „A“ beispielsweise über dem Niveau Griechenlands. Gut, das war billig. Das Spiel auch. 0:1 verloren, zuhause. Einer der wenigen Abende, an denen man ernsthaft über schöne Alternativen zu einem Fußballspiel des eigenen Vereins nachdenkt. Wäsche aufhängen etwa. Oder spülen. Oder sich einfach nur so betrinken, ohne das Spiel als Anlass zu nehmen. Eine Welt voller Möglichkeiten. Ciao, André Schubert.

Mit dem neuen Kurzzeit-Trainerteam wurde vermutlich wie durch ein Wunder sofort alles besser. Was das Spiel in Regensburg betrifft, prangt bei mir jedenfalls eine beeindruckende und allumfassende Erinnerungslücke. Sie ist, so denke ich, erfolgsbedingt. Ansonsten: Siehe Cottbus, nur jedenfalls in sportlicher Hinsicht tatsächlich noch desaströser.

Gegen Union fuhr ich dann auch mal wieder nach Hamburg, nachdem mich verschiedene Gründe in den Wochen davor davon abhielten. Und es eigentlich auch am Tag selbst immer noch taten. Muss man durch, Spiel war gut. Zwei Sonntagsschüsse des diesbezüglichen Spezialisten von Union, Herrn Mattuschka, drehten den Spielverlauf nicht unbedingt auf den Kopf, aber doch so um etwa 157 Grad. Wobei ich zugeben muss, dass auch hier meine Erinnerungen an den konkreten Spielverlauf etwas eingeschränkt sind durch die quasi direkt im Anschluss folgende Bootstour mit einem Berliner Sechstligisten. Der hier ausnahmsweise nicht namentlich genannt werden soll. Alkohol ist insbesondere am Morgen noch ungesünder als St.-Pauli-Spiele in Regensburg. Oder Pyrotechnik. Oder Handystrahlung.

Eher mäßig herzlich begrüßten wir in der Folgewoche Michael Frontzeck. Ein Trainer, den niemand so richtig einschätzen konnte. Und wenn man es doch tat, fiel die Einschätzung nicht unbedingt positiv aus. Sein Auftakt in Paderborn, dieser pulsierenden Metropole Ostwestfalens, gab zumindest ein wenig Hoffnung, dass es besser werden könnte. Auswärtsunentschieden, okay. Hatten wir schon. In diesem Fall immerhin mit Toren, eins davon sogar von Deniz Naki. Der inzwischen dummerweise in blau-schwarz spielte. Kann passieren. Ansonsten sehr starke Leistung jedenfalls. Die Mannschaft zeigte, sie wollte wieder. Und konnte vielleicht sogar.

Dynamo Dresden dann, daheim. Nicht nur eine schöne Alliteration, sondern wohl auch eine der größeren Achterbahnfahrten der Saison. Nimmt man die Achterbahnfahrt meines Magens während des Regensburg-Spiels aus. Ein 0:2-Rückstand bedeutet für den FC St. Pauli statistisch sehr wahrscheinlich eine Niederlage – ich meine, im damaligen Artikel die Spiele sogar aufgezählt zu haben, bei denen sich dies anders verhielt. Dieser Tag war einer von ihnen. Und Fabian Boll natürlich einer von uns. Mit dem Kapitän als Türöffner brachen sich die Magischen Bahn. Ein 3:2 nach nüchtern betrachtet mäßiger Leistung. Allein, wer möchte ein solches Spiel im Nachhinein nüchtern betrachten? Ich denke, es war ein Weckruf. Ein Wendepunkt. Wie es anders gelaufen wäre, darüber möchte ich nicht spekulieren, da ich mir den Konjunktiv bereits verbot. Zum Glück, sonst käme ich locker auf die doppelte Zeichenzahl. Oh, Konjunktiv.

Über Stuttgart auswärts im Pokal muss man nicht im Positiven reden, über den eigentlich unfassbaren Sieg bei 1860 nicht im Negativen. Die hilfloseste einerseits, die beste Saisonleistung andererseits. Klassisches Drama eben, Katastrophe und Katharsis ganz eng beieinander. Wie ein guter Film. Sofern mal jemand einen Film über das untere Mittelfeld der 2. Bundesliga drehen möchte. Ich will nicht.

Zuhause gegen Bochum die unfassbare Leistung, einem Team ohne Torchance ein Tor zu schenken. Glückwunsch. Dass man selbst mehr als eins hätte machen müssen, dieses Motto könnte sich ohnehin durch die gesamte bisherige Saison ziehen. Hat man mal wieder nicht, das Ergebnis ist bekannt und eher unbefriedigend. Noch ein Motto für die gesamte Saison.

Dann wurde es richtig schwierig, jedenfalls auf dem Papier. Mit Hertha ein absoluter Hochkaräter auswärts, also auf nach Berlin. Beziehungsweise in meinem Fall: In Berlin bleiben. Vielmehr: Rausfahren zu diesem unfassbar schlecht erreichbaren Stadion, in dem man wie üblich unfassbar unfreundlich behandelt wurde. Auch das Wort „unfassbar“ spielte in diesem Jahr 2012 offenbar eine gewichtige Rolle. Meinen damaligen Gedanken, zu diesem …verein, dieser …arena und den …fans keinen Satz mehr zu verlieren, werde ich genau jetzt verwirklichen. Ach so, verloren haben wir auch. War aber nicht ganz so tragisch.

Schließlich gab es im Anschluss ein Heimspiel gegen die bisher ziemlich schwachen Duisburger. Natürlich ist der FC St. Pauli klassischer Aufbaugegner, aber diese Saison lief sowieso alles komisch. Ein 4:1 erscheint als ebenso hoher wie hochverdienter Sieg. Die dezimierten und sowieso erschreckend schwachen Zebras relativieren dieses überzeugende Ergebnis ein wenig. Aber bekanntlich darf man ja nur auf sich selbst schauen und nicht auf den Gegner. Also 4:0, perfekt. Abhaken und ab jetzt um die Meisterschaft mitspielen.

Zum Beispiel mittwochs in Braunschweig. Ich selbst weilte in Hamburg, in der Schlange am Einlass der O2-Arena. Was ich über mein Handy mitbekam, rote Karte Bartels, Tor Braunschweig, stimmte nicht eben optimistisch. Wurde auch nicht wesentlich besser, rein statistisch. War aber im Stadion angeblich etwas ansehnlicher. Kann ich nicht beurteilen. Gegen den Spitzenreiter zu verlieren, nun ja – es gab schon Unwahrscheinlicheres zu erleben. Konzert war gut, übrigens.

Es folgte das Doppel der Angstgegner, beide immerhin am Millerntor. Kaiserslautern und Aue. Auch hier wieder, wie schon bei Stuttgart und 1860, eine gewisse ausgleichende Funktion der beiden Spiele, fast eine symbiotische Beziehung. Erkämpftes 1:0 gegen Lautern, überflüssiges 0:3 gegen Aue. Effektivität einerseits, fahrlässiger Umgang mit den eigenen Chancen andererseits. Am Ende trotzdem zufriedenstellende 21 Punkte, angesichts der bisherigen Saison.

Zum Abschied von 2012 eine Runde Ingolstadt. Die Fahrt in diese tendenziell überflüssige Stadt sparte ich mir diesmal, sie war im Winter 2011 schon eher unbefriedigend. Außerdem etwas teuer. Diesmal wurde es ein Stückchen besser. Der wiederum fahrlässige Umgang mit den eigenen Chancen und ein ebenfalls tendenziell überflüssiger Schieds- beziehungsweise Linienrichter führten zu einem Jahresabschluss, dessen Tristesse dem Saisonbeginn entsprach. 0:0. Ernüchternd.

Die Champions-League-Träume dürften somit ausgeträumt sein. Es gilt, möglichst früh die Klasse zu sichern – und was folgen wird, ist dann wieder mal ein Umbruch. Zur Zeit betrachte ich das alles ein wenig distanziert, aber ich mag den Winter sowieso nicht. Wir werden sehen, was kommt. Ich vermutlich etwas später als ihr, zum Auftakt des Jahres 2013 gegen Cottbus sitz ich nämlich gerade in Johannesburg am Flughafen. Die letzten beiden Spiele, von denen ich nix gesehen hab, waren übrigens ein Ligaspiel gegen Braunschweig 2012/13 sowie ein Pokalspiel gegen Chemnitz 2010/11. Macht es besser. Diesmal. Bitte.

Das war es dann sportlich vorerst, meinerseits. Wohl bis Mitte Januar. All jenen, die nur sowas interessiert, guten Rutsch undsoweiter. Für den Rest hab ich noch einige zusammengekratzte Textreste auf der Festplatte, deren Fußballbezug geringer oder nicht vorhanden ist. Mal sehen, was ich bis Mitte Januar mit denen anfange. Man sei gespannt – oder desinteressiert. Nur dass sich hinterher keiner beschwert.

Auch sonst gibt es natürlich viel zu sagen – zu FCKDFB, Sicherheitskonzept und 12:12. Zu TeBe, Nulldrei und vielleicht Union. Zu Südafrika, Marokko und den Kapverden. Zu Kreuzberg, Neukölln und vielleicht Kölner Vorstädten. Zu Stadion und Sportplatz, Kurve und Erdwall. Ich hab was dazu zu sagen. Aber das mach ich dann lieber nächstes Jahr. /juli

Hört ihr unsre Kurve schweigen?

Zwölf Minuten, zwölf Sekunden. Ein tiefer Atemzug von Fußball ohne das, was ihn ausmacht. Ohne uns. Die Geister, die ihr rieft, sie kamen. Auch ans Millerntor. Auch an das, was ihr „Kultstadion“ nennt oder Freibeuter oder Kiezklub. Auch das will sich nämlich nicht zu eurem wehrlosen Vermarktungsobjekt machen lassen, auch wir wollen nicht bloß ein kleines Stück – der Kuchen nämlich, der ganze, der war und ist längst unserer. Ihr seid es, die überflüssig sind. Das Herz und die Seele, das sind wir.

Auch im Exil und auch (mal wieder) in der Astra-Stube Neukölln. Normalerweise find ich es gut, gegen Scheiße aufzustehen und laut zu sein. Diesmal aber war das Mittel der Wahl eisiges Schweigen. So fühlt sich das an, wenn alle nur noch zugucken und konsumieren. Wenn ihr dazu in der Lage seid: Lehnt euch doch noch mal zurück und überlegt, ob es das ist, was ihr wollt. Ich fürchte allerdings, die Antwort bereits zu kennen.

Aber dennoch: So wird es immer sein, wenn dann um 10 Uhr morgens für 60 Euro Eintritt das gut behütete und geschützte Eventpublikum in der DingsdaArena sitzt und sich die Aufzeichnung des Abendspiel-Klassikers SAP Hoffenheim gegen Audi Ingolstadt anschaut. Mit Klatschpappen natürlich, für die Atmosphäre. Wir bleiben dann draußen, vor euren Wasserwerfern und Pferdestaffeln. Rein dürften wir ja sowieso nicht mehr. FCK DFB.

Vom Ende der Freiheit im Stadion hin zum Ende der Hinrunde auf dem Platz. In dieser Liga unserer Angstgegner ist Kaiserslautern der vielleicht beängstigendste. Ob nun im letzten Aufstiegsjahr oder in der Saison danach, eine Liga höher: Kaiserslautern bedeutete Tristesse. Als ich den Spielplan sah, betete ich, dass wir nach 33 Spieltagen bloß nicht mehr auf irgendeinen Punkt angewiesen sind, in welche Richtung auch immer. Einkalkulieren sollte man nämlich besser deren keine, dann, auf dem Betzenberg.

Der Logik einer Liga folgend, war heute aber erst das Millerntor dran. Ohne mich mal wieder, wie erwähnt. Mal wieder aus Gründen. Zum Beispiel dem, dass dieses blöde (und eigentlich ziemlich nette) Konzert nicht am Wochenende stattfinden konnte, sondern ausgerechnet in der letzten englischen Woche dieses Jahres und ausgerechnet parallel zu unserem Auftritt in Braunschweig. Der ja schon ein wenig, wie ich bereits befürchtete, Chemnitz reloaded war. Jedenfalls vom Ergebnis her. Und ne Karte für Bartels gab es damals auch, wenngleich sie eine andere Farbe hatte. Dass ich fortan kein Spiel mehr so komplett verpassen werde wie damals und am Mittwoch, kann ich leider auch nicht versprechen. Mühe geb ich mir.

Herr Potofski übrigens scheint durchaus gelernt zu haben aus einigen bissigen Reaktionen bei Facebook und sonstwo auf seine letztwöchige Kommentatorenleistung. Gelernt zumindest insofern, dass er die Astra-Stube zu Beginn des Spiels namentlich grüßte. Der Scheck aus Neukölln wird dann demnächst bei Sky eintreffen, denke ich.

Die erste Hälfte begann durchaus ordentlich. Schönes Kombinationsspiel in braun-weiß, Lennart Thy endlich mal wieder von Beginn an. Freut mich. Von dem halte ich nämlich viel. Natürlich ohne Fin Bartels, der seine Zwangspause nach der merkwürdigen roten Karte in Braunschweig genießen musste. Und auch noch ohne Fabian Boll, der immerhin aber wieder auf der Bank Platz nehmen durfte. Bald ist er wieder da, unser Kapitän.

Nach 12 Minuten und 12 Sekunden ein unfassbar lautes „Aux Armes“, auch das Stadion nun anwesend. Die Mannschaft gelegentlich leider nicht, was in drei Pfostentreffern von Kaiserslauterer Seite resultierte. Einen davon könnte man allerdings auch als genialen Klärungsversuch von Kalla ansehen. Ging ja gut aus. Deswegen: Egal.

Hälfte zwei begann verhalten von beiden Seiten, insgesamt ohnehin wenige Torchancen. Leichte Vorteile für die Gäste, was Ballbesitz und Torschüsse anging, insgesamt aber doch ausgeglichen. Dann Flanke Buchtmann. Und mittig, zwei Meter vor dem leeren Tor, steht Daniel Ginczek frei. Es ist erstaunlich, wie viele Dinge einem im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf gehen können. Sah er anscheinend auch so, weswegen er sich die Zeit nahm, einen Doppelpass mit dem Pfosten zu spielen. Kommt dieser Ball nicht zurück, sieht das eher blöd aus. So war es wunderbar. Braun-weiße Führung. Gegen Kaiserslautern. Es dauert, wiederum, erstaunlich lange, diesen Fakt zu realisieren.

So richtig wütend wurde die Gegenwehr auch in der Folge nicht. Tschauner zweimal glänzend, ansonsten aber nix Zwingendes aus der Pfalz. Einige magische Konter, eher mäßig zu Ende gespielt. Trotzdem stabil gestanden, sicher kombiniert, wenig zugelassen. Das war richtig ordentlich, zumal gegen einen solchen Angstgegner.

Und Schluss. Ein Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern zum Ende der Hinrunde. Wann es einen solchen Sieg überhaupt zuletzt gab, weiß ich nicht und möchte ich auch gar nicht wissen. Jedenfalls heute. 21 Punkte, deutlich über dem Strich, jetzt kann die Saison richtig losgehen. Nächste Woche kommt Aue ans Millerntor. Ich schlage vor, wir machen genau so weiter.

 

Dass ich ja übrigens auch anderen Anspruch hab als bloß fußballerischen, scheint vielleicht hier manchmal durch. Deswegen möchte ich den mit ein wenig Hass begonnenen Text auch mit noch etwas mehr Hass abschließen. Diesmal kann ich zu dem Thema, über das ich mich auch hier noch mal massiv aufregen möchte, allerdings keine elegante Überleitung konstruieren. Kaiserslautern liegt nun mal nicht in Sachsen-Anhalt.

Zum Glück für die dortigen beispielsweise homosexuellen oder drogenabhängigen Menschen. Also, die in Kaiserslautern. Sachsen-Anhalt plant nämlich, unter gewissen Umständen bei diesen und anderen „Risikogruppen“ zwangsweise HIV-Tests durchzuführen. Rechtlich betrachtet ist das mindestens mal ein Eingriff in zwei Grundrechte, und zwar ein ziemlich schwerwiegender. Der sicher nicht gerechtfertigt ist durch das Ansteckungsrisiko von Rettungskräften, Polizisten undsoweiter. Mag deren Job auch ein harter sein, keine Frage.

Menschlich betrachtet: Das ist nicht weniger als ein Skandal. Ein weiterer Schritt, um Menschen, die es ohnehin in dieser Gesellschaft nicht leicht haben, mehr und mehr an deren Rand und darüber hinaus zu drängen. Es will mir nicht in den Kopf, wie eine Regierung, die sich demokratisch nennt, auch nur auf eine solche Idee kommen kann. Ihr spaltet dieses Land. Ihr habt nichts, aber auch gar nichts zu tun mit Freiheit oder mit Gerechtigkeit oder mit Menschlichkeit. Ihr seid das Letzte. Und es wird die Zeit kommen, die euch das spüren lässt. Nichts ist für die Ewigkeit – Sachsen-Anhalt garantiert nicht und die CDU erst recht nicht. Über das, was da mitregiert und sich sozialdemokratisch nennt, müssen wir gar nicht reden. Verschwindet einfach. Euch braucht hier niemand.

Und dann können wir endlich wieder über Fußball reden. /juli