Durban, 23.01.2013 – Schritt für Schritt ins Paradies

Sie war zu überleben, die Nacht. Nicht ohne mulmiges Gefühl, nicht ohne – mäßig seriöse – Bewacher unseres Park- und Schlafplatzes. Nicht ohne kleine Gruppen Einheimischer, die, wohl gar nicht in der Erwartung von so etwas Skurrilem wie drei halbverrückten reichen Touristen aus dem Paradies weit im Norden, zwischen den parkenden Autos umherstrichen, auf der Suche nach einem goldenen Glitzern, einer blinkenden LED oder wenigstens etwas Wärmendem in den Kofferräumen und Rückbänken. Es hätte natürlich keineswegs einer Armee bedurft, um uns zu überwältigen. Wir waren so übermüdet wie ahnungslos. Einfach nur zum Spielen hier. Etwas weltfremd vielleicht, im grauen Zentrum dieses nur tagsüber gelegentlich freundlichen Monstrums von Stadt. Ich konnte es kaum erwarten, sie zu verlassen.

Die aufgehende Sonne vertrieb jene herumschleichenden Gestalten und kündigte unseren Bus in Richtung Durban an. Ganz schutzlos wollten wir unser Gepäck dennoch nicht zurücklassen, und so machten sich D. und unserer österreichischer Meister der Mietwagen auf in die Park Station, um Tickets zu kaufen. Auch wenn zwischen völliger Schutzlosigkeit des Autos und meiner Anwesenheit nur ein denkbar geringer Unterschied bestand.

Nach abermals gefühlten Stunden gelang auch dieses Projekt. Eskortiert von einem sehr zuvorkommenden Halboffiziellen, in seiner Halboffizialität kenntlich gemacht durch eine orange Weste mit vermutlich vielsagendem Aufdruck, kehrten die beiden, nunmehr fast erschreckend erholt wirkend, zurück und entließen mich in die Freiheit des Bahnhofs. Dort suchte ich den mir logisch erscheinenden Ort auf, um wieder so etwas Ähnliches wie menschlich zu werden. Die Toilette. Mit ihren Marmorwaschtischen und ihrer erstaunlichen Sauberkeit hob sie sich ab vom inzwischen beträchtlichen Chaos der Menschenmengen zwischen Gleisen, Kiosken und Büros der Station. Menschenmengen, wohlgemerkt, die wiederum recht deutlich zeigten, dass Bahnfahren nicht eben eine favorisierte Sportart der weißen Bevölkerung von Johannesburg ist. Deutlicher formuliert: Wir waren und blieben die einzigen.

Der Einzige an diesem Tempel der Körperhygiene war ich auch, der den Versuch unternahm, sich etwas anderes als die Hände zu waschen. Bereits als ich meinen Kopf nur knapp unter Schulterhöhe brachte, wurde ich sehr deutlich darauf hingewiesen, dass Johannesburg eine tolerante Stadt sei – diese Toleranz aber nicht für die Auslegung des Begriffs „Handwaschbecken“ gilt. Zahnbürsten seien übrigens auch keine Hände. In den vergangenen Tagen war mir bereits mehrfach begeistert erzählt worden, Südafrika sei das Land mit der drittbesten Leitungswasserqualität weltweit. Nun, dafür muss man natürlich Opfer bringen. Unnötig zu erwähnen, dass für mich nicht erkennbar war, ob der Hinweisende tatsächlich das Amt eines staatlichen Toilettenoffiziers innehatte oder einfach nur übermüdete Touristen unterhaltsam fand. Oder, wahrscheinlicher, beides. Jedenfalls befand sich hinter ihm eine Wand schweigender Zustimmung.

Vor dieser zurückgewichen, traf ich draußen einen kleinen Jungen mit einer Zahnbürste in der Hand. Ein weiteres Opfer des zynischen Johannesburger Bahnhofstoilettensystems also. Wir verbrüderten uns spontan, und gemeinsam gelang es uns, der WC-Staatsmacht eine kryptische Auskunft zu entlocken. Dieser zufolge sei die Bahnhofstoilette zu sauber für andere Körperteile als Hände, weswegen man die (wesentlich schmutzigeren, zumindest erwähnte er es) hygienegewidmeten Räumlichkeiten des Busbahnhofes in Anspruch nehmen solle. Wo diese sich befanden, erläuterte er uns freundlicherweise mit circa dreißig größtenteils physikalisch unmöglichen Gesten.

Dank meiner bereits am Vortag erlangten Übung mit derlei Erklärungen fanden wir bereits nach einer Viertelstunde des Suchens den uns zugedachten Ort. Er lag etwa 200 m entfernt, einmal rechts um die Ecke, und war zudem ausgeschildert. Selbstverständlich nur an Stellen, von denen aus niemand mehr eine Beschilderung benötigt. Beispielsweise direkt neben der Tür. Immerhin entsprach die Sauberkeit den Beschreibungen. Durchaus ein kleiner Erfolg.

Meine Odyssee krönte ich mit etwas Frühstücksähnlichem, bestehend aus Teig und Fleisch, und meinem Stamm-Softdrink in diesem Land, Cola Zero. Warum das so war, weiß ich nicht. Vermutlich der Drang, mit westlichen Statussymbolen auf den eigenen Reichtum hinzuweisen. Oder Durst. Ich kehrte zu meiner Reisegruppe zurück, die ohne die Anwesenheit aller ihrer Mitglieder ohnehin kaum als Gruppe zu bezeichnen war. Unser Österreicher handelte mit dem halboffiziellen Parkplatzwächter ein faires (heißt: vorerst nicht näher bezeichnetes) Schutzgeld für den Mietwagen aus, gab ihm seine Nummer, und schon konnte es losgehen.

Der Bus kostete uns jeweils 140 Rand, also etwa 12 Euro, und war dafür fast pünktlich. Nach deutscher Auffassung fast pünktlich, tatsächlich. Diesen Missstand glich der Fahrer in den ersten anderthalb Stunden gekonnt aus, indem er die Insassen zu zahlreichen Imbissen und Tankstellen führte, größtenteils vermutlich im Eigentum seiner Verwandtschaft. Zumindest konnte uns so nach menschlichem Ermessen nicht das Benzin ausgehen, wobei menschliches Ermessen in Südafrika keine wirkliche Rolle spielt.

So konnten wir immerhin exotische, dem europäischen Auge fremde Orte besichtigen.

So konnten wir immerhin exotische, dem europäischen Auge fremde Orte besichtigen.

Diese unterhaltsame Rundreise vertrieben wir uns mit dem Ausfüllen von Listen, in denen anzugeben war, wer bei schweren Verletzungen benachrichtigt werden solle. Die Gewissheit, dass diese Listen ohnehin wohl schon im Bus ihren Weg in den Papierkorb finden würden, bestärkte uns in unserem Glauben an eine sichere und schnelle Reise. In Erwartung höchstens mittelschwerer Verletzungen traten wir also endlich unseren Weg Richtung Durban an.

Da ist er, unser Eagle Liner.

Da ist er, unser Eagle Liner.

Ich weiß nicht, ob es in der südafrikanischen Spielart des Englischen eine auch nur annähernde Übersetzung des bereits im Deutschen raren Adjektivs „überpünktlich“ gibt, bezweifle es aber. Wo sprachliche Mittel fehlen, muss gelegentlich die Realität helfen. Der Bus tat es in diesem Fall, eine halbe Stunde vor der angekündigten Zeit erreichten wir unser Ziel. Ein erstes Zeichen dafür, dass Durban tatsächlich eine Art südafrikanischer Garten Eden sein musste, bloß auf noch hedonistischere Weise. Was grundsätzlich ja gar nicht übel ist.

Da unser Hostel direkt am Stadion liegen sollte, erschien es uns logisch, mit der Metro Rail bis zur Station Moses Mabhida Stadium zu fahren. Um die Gefahr von Logik in diesem Lande wissend, waren wir um so überraschter, beim Verlassen des Bahnhofs tatsächlich das Stadion zu erblicken. Und was für eines. Ein hoch geschwungener Bogen über zeltartigem Dach, elegante weiße Mauern, umgeben von Palmen und direkt am Meer. Empfand ich Soccer City in Johannesburg noch als beeindruckend, dies hier war mehr. Dies war Schönheit. So viel Schönheit, wie sie ein äußerlich oft doch sehr profaner Ort wie ein Fußballstadion überhaupt bergen kann. Garten Eden, war nun mal so.

Und es fügte sich alles. Direkt am Bahnhof wurden wir erwartet von zwei Damen, überreichlich versorgt mit SIM-Karten eines lokalen Anbieters. 3 Rand, 25 Cent, erschienen uns nicht allzu überteuert. Eine Hürde jedoch galt es zu überwinden: Seit einiger Zeit muss jede südafrikanische SIM-Karte staatlich registriert sein, es muss also die Ausweisnummer sowie eine Wohnadresse im Land angegeben werden. Mein Reisepass war selbstverständlich, wie es sich in derartigen Situationen gehört, ungefähr in denjenigen Regionen meines Gepäcks untergebracht, in denen ich ansonsten Überlebenswichtiges wie Kugelschreiberminen, Malzbonbons oder Flugzeugbilligkopfhörer verwahre. Also nicht unbedingt ganz oben. Ich gab also die Nummer meines Personalausweises an. Das beeindruckte die Registrierungsstelle offenbar derart nachhaltig, dass sie sich für meine Adresse vor Ort nicht mehr interessierte. Kollege D. hatte nicht ganz so viel Glück, überstand die Prozedur aber ebenfalls.

So mobil wie noch nie suchten wir also unser Hostel auf. Es war tatsächlich recht nah am Stadion gelegen. Jedenfalls horizontal. Vertikal ließe sich der Weg dorthin als eher schweißtreibend bezeichnen, besonders im von keiner Wolke getrübten Schein der Mittagssonne Durbans. Wetter benötigt bekanntlich Aufmerksamkeit. Daher verhält es sich immer möglichst unpassend zur Situation. Wobei ich mir keineswegs den Johannesburger Regen zurückwünschte, dafür erinnerte ich mich noch zu gut an meine doch recht beachtliche Erkältung.

Das Hostel wurde betrieben von Surfern. Jedenfalls hieß es so. Zumindest keinen Fußballfans. Wenigstens keinen Fußballfans, die glaubten, ein Turnier wie der Afrika-Cup sei ein guter Grund, mehrere tausend Kilometer zu reisen. Nun, ob es ein guter Grund war, mussten wir selbst auch noch feststellen, zumindest war es irgendeiner. Zum Zwecke dieser Feststellung begaben wir uns umgehend zurück talwärts, zum Moses Mabhida, wo an diesem Abend die Bafana Bafana gegen Angola antreten sollte. Das Vorprogramm, wenngleich erst nach dieser Begegnung angesetzt, bestritten die Kapverden und Marokko.

Es wird den Leser nicht überraschen, dass Südafrika ein Dorf ist. So trafen wir schon vor dem Spiel auf unsere Braai-Bekanntschaften aus Johannesburg, die Groundhopper aus den absurdesten Ecken Fußballdeutschlands. Den FC St. Pauli selbstverständlich ausgenommen. In entsprechend guter Stimmung betraten wir das Stadion.

Beziehungsweise nicht so ganz. Durch mein Erlebnis in Rustenburg vorsichtig geworden, fragte ich schon vor den Kontrollen nach, wie Durban es mit Kameras im Stadion hält. Nicht gut, so die abgekürzte Form der Antwort. Zumindest wurde mir diesmal nicht erklärt, Durban sei anders als andere Stadien – auch wenn ich es in diesem Fall wohl sogar zu glauben bereit gewesen wäre, ganz ohne Verweise auf Berliner Bausünden. Medienmensch D. musste diesen schwierigen Fall also übernehmen. Was in Durban anscheinend ebenfalls nicht erwünscht ist, sind Fähnchen in den Händen dreijähriger Kinder, zumindest, wenn deren Stock aussieht wie ein potentielles Wurfgeschoss. Was natürlich durchaus gelegentlich vorkommen kann, vielmehr: Eigentlich immer so ist. Fein säuberlich trennte der zuvorkommende Ordner also Fahne und Stock und schob das begeistert traumatisierte Kind sanft weiter. Ein stets freundlicher Ort, dieser Afrika-Cup.

Von innen wirkte das Stadion fast noch beeindruckender, noch passender in die Skyline Durbans eingefügt. Zwar nicht mit perfekter Sicht auf das Spielgeschehen, aber dennoch einzigartig. So einzigartig wie die lokalen kulinarischen Spezialitäten. Bunny Chow. Man nehme ein halbes Weißbrot (keine Scheibe, ein Brot), höhle dieses aus, fülle es mit einem Currygericht, verschließe es wieder und esse es wie einen Döner, nur komplizierter. Geschmacklich ähnelte dieses Kunstwerk einer Gulaschsuppe mit Toast, nur exakt umgekehrt. Mein Nachbar fragte mich, ob dieser Hochgenuss auch in Europa bekannt sei, ich verneinte. Er meinte, man wisse hierzulande gar nicht, was man verpasst. Hiermit hoffe ich, Abhilfe zu schaffen: Schon ein bisschen was.

Das Stadion war ebenso gut gefüllt wie das Bunny Chow, und auch das Spiel Südafrikas passte sich an. Angola war deutlich unterlegen und somit letztlich auch chancenlos gegen eine nach dem enttäuschenden Auftakt stark aufspielende Bafana. Taktische Ordnung, Kombinationssicherheit, Torabschluss – es war alles da, was diese junge Elf im Eröffnungsspiel noch vermissen ließ. Vielleicht doch ein erster Schritt in Richtung des ersehnten Titels?

Das zweite Spiel des Abends präsentierte sich wesentlich unscheinbarer. Marokko und die Kapverden trennten sich wiederum Unentschieden, was eine spannende Ausgangslage für den letzten Spieltag der Gruppe bedeutete. Jedes der vier Teams konnte nun mit einem eigenen Sieg garantiert weiterkommen und war bei einem Unentschieden abhängig vom Ergebnis des anderen Spiels – bis auf die Gastgeber, denen auch ein Unentschieden gegen Marokko nunmehr sicher zum Einzug ins Viertelfinale reichen würde.

Diese Arithmetik aber hatte noch Zeit, ein langer Tag lag hinter uns. Wir traten den Weg zurück bergauf an und schlugen das Angebot der anderen Groundhopper aus, noch die Florida Road, Durbans Partymeile, ein wenig näher zu erkunden. Schließlich war D. als Anhänger jenes ehemals großen Pinneberger Vereins Feiern ohnehin nicht gewohnt, und auch wir beiden anderen wurden allmählich ein wenig zu müde für größere Unternehmungen.

Die Nacht brach herein im Paradies. /juli

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Rustenburg, 22.01.2013 – Eine große Schüssel Absurditäten

Die Medikamente seien also annähernd wie Drogen, sagte mir die Frau unseres Gastgebers am Morgen. Das erklärte mein dann doch arg gesteigertes Schlafbedürfnis am Vortag. Normalerweise nämlich schlafe ich nicht im Stadion ein, wenngleich ich es mir oft wünsche. Dies wäre nicht nur die Lösung sämtlicher Müdigkeitsprobleme, sondern gleichzeitig eine gute Variante, die aktuelle Saison des Magischen FC mitzuverfolgen. Mittendrin und nicht dabei.

Dabei war diesmal auch Gastgeber F. – sein Spiel, seine Tour. Unser Ziel Rustenburg, schon vor der Reise nach Südafrika für mich der uninteressanteste Spielort. Deswegen auch neben – notgedrungen – Port Elizabeth der einzige, für den keine weiteren Besuche vorgesehen waren. Dass dort überhaupt Spiele stattfanden, hatte einen einfachen, für südafrikanische wie für deutsche Verhältnisse typischen Grund. Regionalproporz. Die Minenarbeiterstadt im Norden des Landes mochte kein brandneues, schickes WM-Stadion wie Polokwane bieten. Nicht Heimat von Fußballmythen sein wie Bloemfontein, Ort des deutschen 4:1 über England, oder der Johannesburger Ellis Park, Spielstätte des südafrikanischen Meisters Orlando Pirates. Längst nicht über die Faszination verfügen, die Cape Town zu bieten hat. Nicht Hauptstadt sein wie Pretoria. Eigentlich gibt es nichts, was für Rustenburg spricht. Nicht einmal seine Lage im landschaftlich unspektakulären Teil der Provinz Nordwest. Außer eben, dass diese Provinz Nordwest heißt. Quasi ein südafrikanisches Leipzig, für dessen Erhebung zum Spielort der WM 2006 sich die Hauptgründe bekanntlich ja auch auf der Landkarte finden, vorzugsweise auf einer vor 1990 produzierten.

Vielleicht erklärte sich hierdurch, dass unser Gastgeber, ein ausgewanderter Sachse, dieses Stadion als einziges außerhalb von Johannesburg zu seinem Ziel erkoren hatte. Das Royal Bafokeng also. Gelegen zwischen Rustenburg und Phokeng, einer Stadt, die nicht nur englisch ausgesprochen recht lustig klingt, sondern zu der es in der deutschen Wikipedia auch noch keinen Eintrag gibt. Vielversprechend.

Wir erinnern uns an meine dezenten Ticket-Probleme in Mbombela am Vortag. Diesmal sollte alles anders, besser, perfekt werden. Ein Super-Spar, die große Variante des normalen Spar-Marktes und die gigantische Variante des Kwikspar (den ich noch lieben lernte) war fester Bestandteil unseres Reiseplans. Blöderweise gab es unterwegs keinen. Ein Phänomen, das von Geldautomaten bekannt sein dürfte. Also ein normaler Spar, sollte angeblich ja auch funktionieren. Bereits beim Betreten der klimatisierten Hallen des Konsums, stilecht mit einem Dosenbier in der Hand, fragte ich mich, wie man ein Teil eines derart komplexen Onlinesystems sein kann, ohne auch nur über einen einzigen Computer zu verfügen. Nun, vielleicht war er nur sehr gut versteckt. Gutes Verstecken ist schließlich eine Paradedisziplin des Südafrikaners.

War er nicht. Gut versteckt hingegen war wohl der Super-Spar, zu dem mir der Anfahrtsweg mit zahlreichen, einander widersprechenden Gesten erklärt wurde. Wir sollten in etwa geradeaus fahren, dann auf der selben Straße wieder zurück, uns einmal im Kreis drehen und in sämtlichen südafrikanischen Landessprachen (es sind elf) sämtliche antiken und modernen Götter der westlichen Welt (es sind viele) anrufen. Nachdem wir das getan hatten, erschien vor uns tatsächlich der Super-Spar. Nicht.

Als prädestinierter Gefahrensucher (weil ich nicht an die Existenz von Gefahren glaube) willigte ich also ein, einfach unseren Weg Richtung phokeng Rustenburg fortzusetzen. Man will ja noch die Zeit für zehn Bier vor Anpfiff haben, schließlich bricht das Catering pünktlich mit dem Anpfiff vollends in sich zusammen.

Hell strahlend und überlebensgroß erschien Unfassbares vor meinen Augen. Eine Ticket-Clearing-Stelle. Direkt neben dem Stadion. Ohne Schlangen, weder echte noch menschliche. Mit zwei (zwei! Zwei!) Mitarbeiterinnen, ohne geschlossenen Rolladen, mit einem PC, einem Drucker, ohne einen Zaun drumherum. Waren wir nun tatsächlich in Leipzig? Nach wenigen Sekunden (das Wort Sekunde existiert in Südafrika eigentlich nicht) hielt ich meine Tickets in der Hand. Sämtliche. Alles Leid vom Angesicht der Erde getilgt, nie wieder Sorgen und Nöte. Dass das eine Fehleinschätzung war, auch in Bezug auf Tickets, ist selbstverständlich, aber ich werde nicht in die etwas jüngere Vergangenheit vorgreifen.

Vorgreifen aber durfte ich in meine Kameratasche am Einlass. No cameras. Glaubwürdig, durchaus, als ich beobachtete, wie einem Südafrikaner vor mir seine Kompaktkamera aus den Händen gerissen wurde. Meine Frage, wieso dies in anderen Stadien kein Problem sei, wurde damit beantwortet, Rustenburg sei nun mal anders als andere Stadien. In der Tat, das konnte ich sehen. Schloss Sanssouci ist auch anders als das Gebäude des Weddinger Bezirksamts.

Eine sportliche Disziplin gab es nun, weit entfernt von der Heimat, in der ich es zur Meisterschaft brachte. Südafrikanischer Triathlon, bestehend aus dem Laufen um ein Fußballstadion, von Gate zu Gate, dem Demonstrieren der eigenen Hilflosigkeit sowie dem Zurkenntnisnehmen des milden Desinteresses seitens der Ordner und Volunteers. Meine Zeit waren diesmal 45 Minuten, ein neuer persönlicher Rekord.

Ich entsann mich der bereits in Mbombela erfolgreich erprobten Mischung aus Arroganz, Aggressivität und schlechtem Englisch. Dies mag ein Verstoß gegen die strengen Regeln dieser Sportart sein. Gleichzeitig ist dies aber nun mal auch die einzige Sportart, in der man das Ziel ausschließlich durch einen Regelverstoß erreichen kann. Ein wichtiger Medienmensch ohne Akkreditierung und ohne Handyguthaben also, der einen noch wichtigeren Medienmenschen zu erreichen versucht, um ihm eine Kamera zu geben. Es sind meistens die eher abstrusen Versuche, die in diesem Land den gewünschten Erfolg bringen. Kollege D. erbarmte sich zum Medieneingang, nahm meine Kamera in Empfang und ich lief zurück zum allerersten Gate.

Im Stadion stellte ich fest, dass es zum einen von innen auch nicht schöner war als von außen. Dass ich zudem keine Zeit mehr für meine Lieblingsmotive, die Fotos deutlich vor Anpfiff, haben würde. Und zuletzt, dass meine Begleiter und ich durch die einzige Absperrung zwischen zwei Blöcken im gesamten Stadion getrennt wurden. Wenn ich auch in Logik nur mäßig begabt bin, so stellte ich bei meinem späteren Rundgang fest, dass die Existenz von lediglich einer Absperrung in einem runden Bauwerk eine typische Folge hat: Man kann sie von beiden Seiten aus erreichen. Der Weg ist nur weiter, aber in dieser Disziplin war ich wie erwähnt trainiert. Leicht schwindelig von den Kreisen, die ich um das und im Stadion zog, folgte ich nun aber erst einmal dem Spiel.

Schließlich war es die Elfenbeinküste um Didier Drogba, der wohl ganz große Favorit dieses Turniers, die da gegen Togo antrat. Orange gewandete Anhänger der „Elefanten“ bildeten daher auch die Mehrheit im Stadion. Sie trafen auf die Sperber, eine Konstellation, die an das Schießen mit Kanonen auf Spatzen denken lässt.

Der erste Kanonendonner war in der 8. Minute zu hören, als Yaya Touré in einem bis dahin recht einseitigen Spiel für die auch derart früh schon verdiente Führung sorgte. Ayité egalisierte sie zur Überraschung aller in der Nachspielzeit von Hälfte eins. Insbesondere auch zu meiner Überraschung, der ich dieses Tor vom Hot-Dog-Stand aus verfolgte. Rustenburger Hot-Dogs sind in etwa so sehr zu empfehlen wie ein Skiurlaub in Leipzig.

Die Elfenbeinküste derweil fuhr mit Togo weiter Ski, vielmehr: Schlitten. Allerdings recht ertragfrei. Didier Drogba schleppte sich über den Platz wie ein Skifahrer durch Leipzig und wurde folgerichtig ausgewechselt. Aber es gibt auch andere schöne Namen in diesem Land. Gervinho ist einer von ihnen. Die 88. Minute, alle Sperberträume von einer Überraschung dahin. Begeisterung bei den angeblich 2 000 Fans, die ich für eine Fehlschätzung halte. Vermutlich bedingt durch die überragenden Einlasskontrollen, wenngleich gemehrt durch das tatsächlich funktionierende Ticketing. Eine absolute Gratwanderung in Sachen Zuschauerzuspruch. Rustenburger Verhältnisse.

Sie zum Tanzen bringen sollte das Nordafrikaderby. Algerien gegen Tunesien, neben Marokko die einzigen Teams aus dem arabischen Raum, da mein Zwischenlandungsziel Ägypten bereits in der Qualifikation gegen die ruhmreiche Zentralafrikanische Republik ausgeschieden war. Von der ich nur weiß, dass sie vermutlich in Zentralafrika liegt und eventuell eine Republik ist, wobei am Beispiel der kongolesischen Republikdemokraten gut zu sehen ist, wie ernst man afrikanische Staatsbezeichnungen nehmen sollte. Egal, die spielten jetzt nicht.

Drei gigantische Algerienflaggen auf der gegenüberliegenden Seite, auch reichlich Tunesier anwesend. Das Spiel hielt nicht, was die durchaus in Ansätzen vorhandene Derbystimmung versprach. Es gibt Mannschaften, denen sieht man in den ersten Spielminuten an, dass eine Teilnahme an einem Turnier gar nicht mal eine so gute Idee war. Diese beiden gehörten dazu.

Nach 90 Minuten mäßiger Langeweile (ich blieb wach und wünschte mir gelegentlich das Gegenteil) gelang den bis dato tatsächlich noch schlechteren Tunesiern in der Nachspielzeit das Führungs- und Siegtor. Rustenburg stand kopf, hörte aber auch schnell wieder damit auf.

Vor dem Stadiontor stand unsere glorreiche Zukunft. In persona: Der Österreicher. Mit dem wir nun den Weg gen Johannesburg antraten, um sodann einen völlig vernünftigen Plan zu verfolgen: Die Nacht auf dem Parkplatz des Bahnhofs Park Station zu verbringen, mitten in der Johannesburger Innenstadt, mit Auto und zahlreichen Wertsachen, als vermutlich einzige Weiße im Umkreis von Kilometern. Man ist ja gerne Sehenswürdigkeit.

Die Zeit brach nämlich an, in der unsere Reisegruppe getrennte Wege gehen sollte, jedenfalls vorerst. Während M. und T. sich noch ein wenig Zeit ließen, war es die wie üblich ungeduldige Jugend, bestehend aus D. und mir sowie dem Österreicher als Überraschungs- und Stargast, die bereits in der Frühe des nächsten Tages den Weg nach Durban anzutreten bereit war.

Dennoch: Vor dem Morgen steht immer das Überleben der Nacht. /juli

Mbombela, 21.01.2013 – Der lange Weg nach Nelspruit

Wach werden. Leichter gesagt als getan. Das Fieber vorbei, die Kopfschmerzen auch. Der Husten nicht. Scheinen trotzdem recht wirksame Medikamente zu sein. Heute also Spielort Nummer zwei. Mbombela, vormals bekannt als Nelspruit. Der neue Name der Stadt bedeutet „viele Menschen an einem kleinen Ort“. Durchaus auch nicht völlig unpassend für unsere Unterkunft hier in Johannesburg.

Dies also ein Teil des heute bevorstehenden Abenteuers. Teil zwei war mein weiterhin fragwürdiger Gesundheitszustand, natürlich. Hinzu kam, dass ich bisher für keines der folgenden Spiele ein Ticket in der Hand hatte. Lediglich eine Quittung für meine Vorbestellung, von der ich bisher nur erfahren hatte, man könne sie am Stadion sowie in jedem Spar-Markt einlösen. Nun gut, immerhin eine klare Aussage. Klang nach perfekter, sinnvoller Organisation.

Was zudem fehlte, war ein Zug. Der Zug, der den österreichischen und Pinneberger Teil unserer Reisegruppe am Abend des folgenden Tages Richtung Durban bringen sollte. Ein Sonderzug, freundlicherweise eingerichtet für die verschlungenen Wege der Fußballfans durch das Land. So war es angekündigt, so war es in unserem Plan.

Gastgeber F. widerlegte meine Annahme, Südafrika sei ein Land der bloßen Freizeit und konnte sich uns heute aus beruflichen Gründen nicht anschließen. Also ging es für D. sowie unsere braun-weiße Dreipersonenhorde zunächst Richtung Sandton, den Mietwagen abholen. Ein wenig erschwert wurde uns dies durch die interessante Wegführung in der dortigen Station, die aus zwei unterschiedlichen Aufzügen mit völlig anderen Zielen, diversen verwirrenden Rolltreppen, nicht vorhandener Ausschilderung und einer wiederum lediglich über eine ganz andere Treppe erreichbaren Parkebene bestand. Im Prinzip also recht sinnvoll, sofern man das Konzept dahinter versteht. Dafür hatten wir bedauerlicherweise keine Zeit.

Das nächste Ziel nämlich war die Park Station, mitten in der Johannesburger City. Die auch zu dieser Zeit nicht von sonderlich vielen Weißen bevölkert war, nach meiner Zählung exakt vier. Von denen zwei vor mir saßen und einer neben mir. Ein merkwürdiges und für mich fast vergessenes Gefühl, als wohlhabender Westeuropäer derart in der Minderheit zu sein.

Johannesburg ist insgesamt keine reiche Stadt, jedenfalls nicht im Zentrum. Das merkte man. Internetcafés, Liquor Stores, leicht zweifelhafte Bars reihten sich aneinander. Straßenhändler überall, ein gigantisches Angebot von 32-GB-USB-Sticks an jeder Ampel. Die Park Station. Bewachter Parkplatz, besser ist das. Wiederum völlig fehlende Beschilderung, weil man seinen eigenen Weg schließlich selbst kennen sollte. T. machte sich auf, eine Gold Card für den Johannesburger Nahverkehr zu besorgen. Hierüber wird noch zu reden sein.

D. und meine Wenigkeit hingegen begaben sich letztlich erfolgreich auf die lange Suche nach dem Büro des Shosholoza Meyl, des großen südafrikanischen Fernzugs, das hinter diversen Gittern und Absperrungen auch tatsächlich existierte und sogar geöffnet war. Was nicht existierte, war unser Zug, jedenfalls wusste hier keiner davon. Nicht einmal die eilig einberufene Göttin der Fernverkehrszüge und ihr allwissender, aus dem letzten Jahrhundert stammender Computer konnten uns behilflich sein. Das schrie nach einer Planänderung. Nun, dafür würde sich schon noch Zeit ergeben. Langsam aber war es der Ruf des Mbombela-Stadions, den wir besser nicht mehr allzu lange ignorieren sollten.

Die Straßen recht voll, nur langsam kamen wir voran. Das bekam ich selbst aber ohnehin immer weniger mit, denn immer wieder übermannte mich meine rätselhafte Müdigkeit. Es gibt auch in Deutschland Wochenenden, an denen ich den besten Teil meines Schlafes im Auto auf langen Auswärtsfahrten bekomme. Dies allerdings üblicherweise eher auf der Rückfahrt und nicht bereits drei Stunden nach dem Aufstehen.

An der Raststätte Ultra City (wiederum eine Kette, was ich wiederum nicht wusste und mich deswegen einfach nur über den Namen freute) erfuhren wir den Grund für das langsame Vorankommen. Eine äthiopische Völkerwanderung schickte sich an, ihr zum ersten Mal seit 31 Jahren wieder qualifiziertes Team nach Nelspruit zu begleiten. Hunderte Menschen in riesiger Vorfreude. Eine großartige, fröhliche und absolut friedliche Stimmung. Ob ich mir so etwas bei Länderspielen europäischer Mannschaften vorstellen kann, dazu äußere ich mich vorerst nicht. Es war jedenfalls schon hier, deutlich über hundert Kilometer vor Nelspruit, überwältigend.

Es kam der Punkt, an dem sich unsere Wege trennen sollten. T. und M. begaben sich auf den Weg in Richtung ihres Hostels, von dem aus sie erst am nächsten Morgen die Rückreise nach Johannesburg antreten wollten. Da D. und ich selbst es bevorzugten, uns diese Übernachtung zu sparen und am Abend nach dem Spiel zurückzufahren, stiegen wir an der Autobahn aus. Nachdem ich wieder wach war. Mit leichtem Gepäck, ohne derart überschätzte Dinge wie Sonnencreme, schließlich war das Stadion bereits in Sichtweite.

Die ebenfalls anwesende Polizei jedoch riet uns freundlich und insbesondere sehr überzeugend, nicht die Böschung zu erklimmen, um den direkten Weg zum Stadion einzuschlagen. Stattdessen wurde uns erlaubt, etwa eine halbe Stunde zwischen der Autobahn und so umfangreichen wie überflüssig wirkenden Zaunanlagen zu verbringen, um dann in einer Kurve um ein Gebiet von etwa der Größe Bayerns Richtung Spielort zu gelangen. Auch den Bus solle man auf keinen Fall nutzen, wobei ohnehin nicht einmal am Horizont etwas Busähnliches sichtbar war.

Wir überquerten den Fluss mit dem motivierenden Namen Crocodile River, liefen (sofern man meine Fortbewegungsart noch als Laufen bezeichnen konnte) durch einen Kanal und begingen sodann zivilen Ungehorsam. Als die Absurdität der umgebenden Zäune ein erträgliches Maß überstieg, taten wir selbiges mit einem von ihnen und fanden uns auf Bahngleisen wieder. Südafrikanische Bahngleise sind für Fußgänger ein etwa so gefährlicher Ort wie Gleisanlagen der Berliner S-Bahn im Winter. Zumindest schien mir nicht einmal im Ansatz die Möglichkeit zu bestehen, hier könne ein Zug fahren. Existierte doch ein großer Teil der hiesigen Züge, wie heute morgen in Johannesburg erfahren, ohnehin nur auf jenem Papier, auf dem die Confederation auf African Football ihre großen Ankündigungen zu machen pflegte.

So war es auch. An einer ebenfalls äthiopisch belagerten Tankstelle vorbei setzten wir unseren Weg zum Stadion fort. Nach vielleicht knappen zwei Stunden ohne jeglichen Schatten, müdigkeitsbedingt schaute ich nicht auf die Uhr, kamen wir tatsächlich dort an. Wir passierten die einer Gefängniskolonie ähnelnde Akkreditierungsstelle, deren Zufahrtsweg soeben von diversen Baumaschinen geebnet wurde. Südafrikanische Pünktlichkeit drei Stunden vor Spielbeginn. Selbstverständlich war der Eingang, den wir nun erreichten, keinesfalls der richtige. Der erste Eingang ist grundsätzlich nie der richtige, egal aus welchen Gründen. Wolken gab es in für südafrikanische Verhältnisse völlig ausreichender Menge, genau wie Getränkestände vor dem Stadion. Keine.

Der offenbar richtige Eingang war keineswegs links oder rechts von uns, sondern exakt gegenüberliegend, was weitere 20 Minuten unterhaltsamen Fußweges fernab jeder Stadt verhieß. Eine Stelle, an der ich meine Quittung gegen Tickets hätte eintauschen können, gab es nirgendwo. D. hatte hier natürlich mit seiner Akkreditierung ein wenig geringere Sorgen und ich erlaubte ihm deswegen großzügigerweise, das Stadion vor mir zu betreten.

Dann trat ich meinen nächsten langen Weg an. Laut einigen der Ordner am Medien-Gate sowie einer knappen Mehrheit der befragten Volunteers befand sich der Collection Point für die Tickets auf der gegenüberliegenden Seite des Stadions. Diese und den Weg dorthin kannte ich nun ja immerhin schon. Es sei aber bereits jetzt erwähnt, dass ich während des gesamten Turniers nirgendwo einen Stand wie den versprochenen namens „Collection Point“ erblicken durfte.

Nachdem ich mich an sämtlichen Gates darüber informiert hatte, dass dieser Ort am jeweils exakt gegenüberliegenden Punkt des Stadions sei, wurde ich langsam noch ein wenig müder, als dies ohnehin der Fall war. Mit einer Mischung aus Beleidigungen gegenüber den Organisatoren, eigenen körperlichen Leidensgeschichten und europäischer Wichtigkeitsillusion, vorgetragen in einer möglichst schnellen Abfolge englischer Wörter, kehrte ich zum Ordner am Medien-Gate zurück. Diese Taktik war insgesamt und bei allen Spielen immer die effektivste, wenn es nötig war. Auch hier überzeugte sie den Ordner von meinem Willen, das Spiel zu sehen. Dass ich einen Ausdruck dabei hatte, auf dem das Datum und der Ort des Spiels vermerkt waren, diente ihm als zusätzliches Indiz, dass es wohl kein größerer Fehler sei, mich ins Stadion zu lassen.

Auch hier war Äthiopien deutlich in der Mehrheit, Titelträger Sambia nur vereinzelt vertreten. Besonders auffällig eine große Gruppe von Äthiopiern mit weißer Kopfbedeckung, die gegen die Behandlung von Muslimen in Äthiopien demonstrierten. Ich muss zugeben, mit diesem Anliegen nur eingeschränkt vertraut zu sein. Es sah allerdings recht beeindruckend aus. Auch mitten aus dem größten und lautesten äthiopischen Fanblock, in dem ich meinen Platz mit wie üblich bravouröser Zielsicherheit gewählt hatte.

Kollege D. jedenfalls verließ den Platz neben mir nach wenigen Minuten wieder, weil er Kopfschmerzen bekam. Meine überzeugende Argumentation, ich hätte ja ohnehin schon Kopfschmerzen und es sei deswegen egal, wenn ich im größten Krach sitze, verhallte bedauerlicherweise ungehört. Mein Sekundenschlaf hingegen setzte sich fort, selbst wenn sich Vuvuzelas in wenigen Zentimetern Abstand von meinen Ohren befanden. Langsam wurde es ein wenig verstörend.

Ein gutes Spiel, zumindest in jenen Momenten, in denen ich es wach mitbekam. In der Nachspielzeit von Hälfte eins dennoch der erwartete Führungstreffer für die favorisierten Sambier, nachdem Äthiopien vorher bereits einen Elfmeter vergab. Es mag etwas weniger charmant von Torschützen Mbesuma gewesen sein, in die daraufhin doch recht aufgebrachte äthiopische Kurve zu jubeln. Eine beeindruckende Zahl an Vuvuzelas (die daraufhin immerhin nicht mehr benutzt werden konnten), Bechern, Plastikflaschen und vielen weiteren schönen Dingen fand im weiteren Spielverlauf ihren Weg von den Rängen auf den Rasen und führte sogar zu einer längeren Spielunterbrechung.

Trotz des nun deutlich ausgedünnten Vuvuzelabestandes war er ohrenbetäubend, der Jubel beim Ausgleichstreffer. Und es reichte tatsächlich. Der Titelverteidiger enttäuschte letztlich, Äthiopien holte seinen ersten Punkt seit 31 Jahren. Den anwesenden Fans reichte das größtenteils, sie verließen das Stadion vor dem zweiten Spiel.

Dies immerhin hatte den Vorteil, dass es zwischenzeitlich sogar etwas Ähnliches wie funktionierendes Catering gab. Auch wenn die mir über den Weg laufende Groundhoppergruppe von 1860, Arminia Hannover, Göttingen 05 sowie St. Pauli ein wenig anderer Ansicht war. Nun, man muss nur suchen. Hatte ich nach drei Tagen im Lande bereits gelernt.

Mit der Aussicht auf besseren Schlaf gesellte ich mich zu D. in den Oberrang. Nigeria gegen Burkina Faso, das versprach durchaus interessant zu werden, und dann wird es im unteren Teil des Stadions schnell zu laut, um den Sekundenschlaf fortzuführen.

Es wurde tatsächlich recht interessant und war, wie auch das erste Spiel, insgesamt sehr ausgeglichen. Nigeria, ewiger Favorit, ging früh in Führung. Traoré (einem der vielen) gelang in Minute 94 ein umjubelter Ausgleich quasi in letzter Sekunde. Genau wie an unserem ersten Spieltag also wieder zwei Unentschieden. Diesmal jeweils wenigstens mit zwei Toren, im Gegensatz zum regnerischen Johannesburger Abend. Der mehrfach ausgerufene Feueralarm beim zweiten Spiel störte niemanden großartig und die Anweisung des Stadionsprechers, das Stadion zu räumen, wurde auch nur von wenigen für wenige Minuten befolgt. Es wäre vielleicht hilfreich gewesen, das Spiel zu diesem Zweck auch zu unterbrechen, der Schiedsrichter erschien daran eher mäßig interessiert. Nun, nach meinen Informationen trug niemand Brandverletzungen davon. Jedenfalls nicht von einem Feuer. Das hätte ich sogar in meinem konsequenten Halbschlaf vermutlich mitbekommen.

Ebenfalls über den Weg gelaufen war uns einmal mehr der Österreicher. Er auf der Suche nach einem Schlafplatz, wir auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit. Das hatte Potential, und so machten wir uns auf, zurück nach Johannesburg. Davon bekam ich natürlich nichts mit. Ich schlief. /juli

PS: Wer immer absolut aktuell informiert sein will, dem empfehle ich die recht neue Facebook-Präsenz dieses Blogs. Dort finden sich natürlich Ankündigungen für neue Texte und gelegentlich auch ein Vorgeschmack auf neue Fotos. Kann auch passieren, dass dort mal ein paar Fotos exklusiv hochgeladen werden, weil sie nicht richtig in den Text passen. Likes lohnen sich also. Schon deswegen, weil ich mich sehr darüber freue.

Im Winter tuts weh

Wo sind wir jetzt? Körperlich: In Berlin, allem Anschein nach. Geistig: Weit, weit weg. Irgendwo zwischen Durban und Cape Town, mitten im Afrika-Cup. Die Wahrheit aber, die bekanntlich auf dem Platz liegt, sollte sich diesmal im Mommsenstadion befinden. Angeblich bespielbarer Rasen, nun gut. Es war schließlich nicht der erste Versuch, das Spiel zwischen Tennis Borussia und dem 1. FC Wilmersdorf auszutragen. Ein Derby, natürlich – was sonst.

Hauptantrieb die Hoffnung auf Glühwein. Dabei nach Kräften den Winter und die Niederungen von Liga 6 ignorieren, viele nette Leute wiedersehen. Auch im Kopf die Winterpause, für mich gefühlte Sommerpause, endlich abschließen. So als Vorbereitung für den Magischen FC, Sonntag im berüchtigten Sandhausen zu Gast. Wahrlich klangvolle Namen, Wilmersdorf, Sandhausen. Fernweh, Fernweh, Fernweh.

Bringt ja nüscht. Auf zum Hermannplatz, ab zur Hermannstraße, rüber zum Westkreuz, runter zur Messe Süd. Der Eichkamp, endlich wieder. Man hat es ja doch vermisst, den eiskalten, unbeleuchteten Wald, hinter ihm aufragend die Flutlichtmasten dieses nicht unbedingt wunderschönen, aber nun mal vertrauten Tempels, einer Religion geweiht, deren fanatische Gläubige zugegeben höchst merkwürdigen Göttern huldigen. Das auf ebenfalls merkwürdige und dennoch unübertroffen charmante Weise. Genug der Vorschusslorbeeren, Zeit für Fußball. Oder eben dessen Abart, die in der Berlin-Liga gepflegt wird.

Jedenfalls aber ist man immer unter gut informierten Experten.

Jedenfalls aber ist man immer unter gut informierten Experten.

Ich umschrieb TeBe-Spiele einmal als nette Freitagabendunterhaltung, irgendwo zwischen Slapstick, Sport und politischem Kabarett. Das stimmt zweifellos. Zugeben muss ich dennoch, dass sich mein Verhältnis zu diesem Verein und seinen Fans mit der Zeit gewandelt hat, intensiver geworden ist. Nicht, dass ich dadurch lobendere Worte fände. Aber die wenig schmeichelhaften Formulierungen sind immer ironischer. Vermutlich geht es nicht anders, wenn man sich hierauf einlässt. Es erwischt doch jeden. Der Beifahrersitz in meinem Fußballherz, er hat einen lila-weißen Lammfellbezug. So schrecklich diese Vorstellung rein optisch (und besonders für das betreffende Lamm) auch sein mag.

Mir persönlich hätte ein wenig Fell an diesem frostigen Abend ganz gut getan. Der Versuch, diesen Mangel durch mehrtägigen Rasurverzicht auszugleichen, spendete verhältnismäßig wenig Wärme. Das Bier, das ich immer dann trinke, wenn ich vorher erzähle, ich freute mich auf Glühwein, half ebenfalls nur bedingt. Die Kamera tat ihre Arbeit, es ist eben eine Pentax. Werbeblock beendet.

Was sie aber festhielt, erschreckt ein wenig.

Was sie aber festhielt, erschreckt ein wenig.

Der grüne Rasen. War nicht da. Stattdessen eine dichte weiße Decke. Bespielbar? Nun, das kann man so sehen. Wenn man ebenfalls Glühwein mag. Ich persönlich hielt es eher für absurd. Aber für Absurditäten ins Mommsenstadion zu fahren, ist ja ohnehin eher Regel als Ausnahme. Insofern kein großes Problem.

Die ersten 20 Minuten völlig zum Vergessen. Das war exakt die Zeit, in der ich noch fotografieren konnte, ohne zu erfrieren. Danach dann aus reinem Selbstschutz nicht mehr – und prompt die Führung für TeBe. Und der Ausgleich. Beides Tore, die ohne Schnee wohl eher nicht gefallen wären. Afrikanische Torhüterleistungen bewunderte ich in den letzten Wochen zu Genüge, dies war auch bei TeBe nun recht gut möglich und qualitativ entsprechend.

Jedenfalls zweikampflastig war es. Wenn mal mehrere Spieler gleichzeitig nicht die Orientierung verloren.

Jedenfalls zweikampflastig war es. Wenn mal mehrere Spieler gleichzeitig nicht die Orientierung verloren.

Erneuter Führungstreffer, kurz vor der Halbzeit. Das wohl einzige Tor, das auch unter normalen Bedingungen gefallen wäre. Schöner Pass auf den Fuß von Tolentino, wunderbarer Volley, unhaltbar, drin. Aber relativ egal, im Gegenzug nämlich schon das 2:2. Ein Gefühl von Sinnlosigkeit und Kälte breitete sich dann doch immer weiter aus. Immerhin Halbzeit, bevor man vollends die Übersicht verlor.

Insgesamt wurde mehr gelegen als gestanden.

Insgesamt wurde mehr gelegen als gestanden.

Die zweite Halbzeit brachte weniger Spektakuläres, das allseits erwartete 7:7 gab es somit nicht zu sehen. Dafür ein drittes Mal die Führung von TeBe. Rückkehrer Kirstein schiebt, rutscht, arbeitet den Ball ins Tor. Sogar ein 4:2 kommt obendrauf, theoretisch. Angebliches Abseits, den Torwart irritiert. Nun – wenn man einen solchen Rasen für bespielbar hält, kann man das wohl in der Tat so sehen.

Der E-Block jedenfalls sah es anders. Wobei sich der Großteil der etwa 300 Zuschauer diesmal auf der Haupttribüne aufzuhalten bevorzugte.

Der E-Block jedenfalls sah es anders. Wobei sich der Großteil der etwa 300 Zuschauer diesmal auf der Haupttribüne aufzuhalten bevorzugte.

Auch der nach vorne eilende Gästetorwart sowie der Schiedsrichter, der angesichts der immensen Nachspielzeit wohl wirklich so richtig Lust auf das Spiel hatte, änderten daran nichts mehr. Ein Sieg zum Auftakt des Fußballjahres 2013, im weitesten Sinne Anschluss an die wie auch immer definierte Spitze der Liga gefunden. Es tat weh, ja. Aber es tat auch gut. Diese beiden Attribute wiederum kann man auch für die folgende dritte Halbzeit gelten lassen. Ach, naja. Freitagabend in Berlin. Fazit: Das passt schon. Genauso wie die Schneeballschlacht nach Abpfiff, auch wenn sowas mit Fußball natürlich nun wirklich gar nichts mehr zu tun hat. Aber darüber sprachen wir ja schon. /juli

Johannesburg, 20.01.2013 – Das Braai vor dem Sturm

Ich hustete wieder. Und wachte auf. Oder umgekehrt. Gesund klang das nicht. Immerhin lachte mir die Sonne von Johannesburg endlich wieder aus dem Fenster entgegen. Eigentlich, bis auf diesen ärgerlichen Husten, fühlte ich mich höchst erholt. Sollte etwa der Teil meines Aufenthalts beginnen, den man als Urlaub bezeichnen kann?

Die Weichen dafür waren gestellt. Heute kein Stadion, stattdessen stand ein Braai auf dem Plan, gemeinsam mit ein paar anderen deutschen Groundhoppern. Die lokale Variante des Barbecue. Vor dem Braai aber kommt das Frühstück. So traten also Gastgeber F. und seine Frau P. sowie die nunmehr endlich vollständige Reisegruppe Braun-Weiß den langen Weg durch die umzäunte Wohnsiedlung an, hinauf zum News Cafe. Eine große Kette, wiederum. Was ich natürlich wiederum nicht wusste.

Für mich ein Burenfrühstück. Nicht aus Gründen meiner Hautfarbe, eher aus Gründen meines durch den gestrigen Hot-Dog eher noch gewachsenen Hungers. Boerewors, erneut. Baked Beans, Speck, Pommes Frites (eine recht übliche Ergänzung zu jeder afrikanischen Mahlzeit). Zur Dekoration ein wenig Grün. So kann man es aushalten, über den Preis muss man wie üblich nicht reden.

Bis hierher lief es noch ganz gut – aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung. So der großartige Film La Haine, passenderweise ein Film über französische Banlieues. Gewisse Wahrheiten gelten dennoch auch in Wohnquartiers der gehobenen Mittelschicht.

Und gegen eins helfen alle Umzäunungen und Wachtposten nicht. Regen. Es ging wieder los. Wir hatten also keine Wahl – Bier bestellen gegen Mittag. Hm. Drei Stück pro Person, dann kam die Sonne wieder durch. Nennt sich wohl Frühschoppen und war bisher keine meiner Angewohnheiten, aber es ist ja Urlaub. Sollte man nur nicht täglich machen, schätze ich.

Dennoch, weitere Getränke waren vorbereitet.

Dennoch, weitere Getränke waren vorbereitet.

Also zurück. Planen, Organisieren, Fotos sichten. Mein etwas wirrer Reiseplan hatte bisher den Schwerpunkt auf Port Elizabeth mit zwei Besuchen dort und ständiger Fahrerei zwischen Durban und PE. Er las sich ein wenig so, als hätte ich ihn während eines Frühschoppens zusammengestellt. Kollege D. hingegen, der sich am Frühstück wegen Journalistenzeugs nicht beteiligt hatte, war einen Schritt weiter. Wie geplant zunächst nach Rustenburg und Mbombela. Dann wie geplant nach Durban, aber ohne merkwürdige Zwischentour Richtung PE. Sechs Tage vor Ort, mit Abstecher nach Lesotho. Den Rest hinterherschieben, vielleicht tatsächlich noch nach Cape Town.

Das klingt selbstverständlich verwirrend. Um ehrlich zu sein, konnte ich mir die Details dieser Planung während der gesamten Reise selten länger als fünf Minuten merken. Aber dafür hat man ja Menschen mit Ahnung dabei.

Nach dieser Heldentat trafen langsam die anderen Gäste ein. St. Pauli, 1860 München, Arminia Hannover. Eine illustre Runde, und selbstverständlich hatte jeder mit jedem gemeinsame Bekannte. Fußballdeutschland an sich mag schon keine allzu große Welt sein, die wirklich Verrückten sind noch von deutlich geringerer Zahl. Dann: Fleisch. Reden wir über Vegetarismus? Nein, wirklich nicht. Nicht für diese 17 Tage. Nicht bei so überragendem Geschmack, bei einer solchen Auswahl. Verzicht sollte nicht Selbstqual bedeuten, schätze ich. Dass man in Südafrika alles grillt, was nicht schnell genug wegläuft (und alles andere auch, sofern sich die Gelegenheit ergibt), wusste ich ja vorher. Dass Grillen eine nette Angelegenheit ist, auch. Pure Lebenserfahrung. Dieses Braai gehörte aber fraglos zu den besten Essen, die mir in den letzten Jahren vergönnt waren.

Sieht ja soweit auch ganz lecker aus, dieses Braai.

Sieht ja soweit auch ganz lecker aus, dieses Braai.

Es endete mit Fußball, ein wenig davon zumindest. Natürlich mussten wir wenigstens teilweise das Norddeutschland-Franken-Derby des ehemals großen Pinneberger Vereins gegen Nürnberg ertragen. Über das Ergebnis ist an dieser Stelle nicht zu berichten. Nicht mein Thema. Hinzu kam ein wenig AFCON. Ghana gegen Kongo sowie Mali gegen Niger, beides in Port Elizabeth. Das Unfassbare geschah, es fielen Tore. Natürlich für uns nur im Fernsehen. Einige sogar. Der Kongo errang ein 2:2 gegen die deutlich favorisierten Ghanaer, Mali setzte sich knapp, aber nicht unerwartet mit 1:0 gegen den Niger durch. Ein in dieser Hinsicht doch deutlich unterhaltsamerer Tag als der vorige, sportlich durchaus ansehnlich.

Gastgeber F. bot mir noch eine Tablette gegen mein inzwischen nicht mehr zu ignorierendes Fieber, die Kopfschmerzen und den Husten an, den ich mir in diesem hochsommerlichen Land zugezogen hatte. Ich nahm dankend an und beendete meinen Tag. Große Herausforderungen standen nach dieser letzten Atempause an. Morgen Mbombela, übermorgen Rustenburg. Und dann endgültig weg aus der Sicherheit des Johannesburger Wohnquartiers, hinaus in die weite Welt.

Ich war bereit. Sofern die Tablette auch wirkte. /juli

Johannesburg, 19.01.2013 – Das Spiel beginnt

Landeanflug auf O.R. Tambo. Sonnenschein, leicht bewölkt. Eine riesige Stadt unter mir, den ganzen Horizont füllend. Das berüchtigte Zentrum Südafrikas also. Meine Basis, mein Anlaufpunkt, mein Start für die ersten Tage im Land. 8 Stunden turbulenten Flug in Knochen und Armen und Beinen. Erstaunlich ausgeschlafen, drei Sitze für mich allein. Ein unerwarteter Komfort, im Gegensatz zum kaum so zu bezeichnenden Frühstück. Was will man erwarten, der Flugpreis war schließlich mit rund 530 Euro unerwartet niedrig.

Gepäck, alles da. Zoll, ich doch nicht. Passkontrolle. Zweck meines Besuches? Na, der AFCON 2013. Mein Team? Natürlich Bafana, bevor noch Schusswaffen auf mich gerichtet werden. So wurde es dann auch höchst korrekt auf dem Einreisestempel vermerkt. Der wärmenden Vertrautheit von Egyptair entflohen, alleine auf einem fremden Flughafen 8000 km (nicht nachgemessen) von der Heimat entfernt. Aber da war ja der Zettel, meine Lebensversicherung. Air France, Flug 990 von Paris? Ah, drei Stunden Verspätung. So schnell werden aus vier Stunden Wartezeit sieben. Was will man machen?

Genau. Frühstücken. Den Weg freikämpfen durch hunderte selbsternannte Officers, die letztlich doch alle nur Taxifahrer sind. Mir zum Zeitvertreib Touren nach Soweto anbieten. Nun, vorerst nicht. So naiv ich an diese Reise herangegangen sein mag, von Soweto hat man doch durchaus gehört. Heimat der Identität Johannesburgs, der beiden bekanntesten Fußballmannschaften des Landes. Und nicht allzu vieler Weißer, vorsichtig formuliert. Abenteuer dieser Art spare ich mir lieber für später auf. Sobald ich wenigstens das südafrikanische Englisch halbwegs verstehe und nicht mehr Gefahr laufe, Opfer des Linksverkehrs zu werden.

Deswegen auf zu Wimpy. Große Kette im Land, das wusste ich natürlich noch nicht. 25 Rand für ein Frühstück, etwa zwei Euro, erschienen mir aber sehr angemessen. Rührei, Boerewors (eine lokale Variante der Bratwurst), Bacon, Toast, Marmelade. Macht satt und dabei nicht gerade arm. Der Kaffee machte leider nicht wach. Zudem scheinen gegrillte Zwiebeln in Südafrika nicht vegetarisch zu sein, was mir aber wie angedeutet vorerst egal sein sollte.

Man kann durchaus zwei Stunden in einem Flughafen verbringen. Ab dann beginnt der Punkt, wo man sich Gedanken über den weiteren Tag machen sollte. Ein Internetcafé erschien ein geeigneter Ort dafür. D., seines Zeichens Fan eines ehemals großen Pinneberger Vereins und die Vorhut unserer Reisegruppe Südafrika, hatte geschrieben. Wo M. verblieben war, wusste keiner so richtig. Sein Mitreisender T. allerdings schien die unglaubliche Leistung vollbracht zu haben, von Air France auf einen Lufthansa-Flug umgebucht zu werden und sollte von unserem Gastgeber abgeholt werden. In… zwei Minuten. Ein guter Grund, trotz Restguthabens (es existiert noch immer, sofern jemand Bedarf hat) überstürzt das Tor zur Onlinewelt zu verlassen und möglichst elegant Richtung Ankunftsbereich zu rennen.

Ein St.-Pauli-Shirt ist in gewissen Gegenden der Welt ein gutes Erkennungszeichen, abgesehen davon, dass es in jeder Gegend der Welt eine sehr kleidsame Angelegenheit ist. Von einem Trikot der deutschen Nationalmannschaft möchte ich das persönlich nicht sagen. In diesem Fall aber bedeutete es einen Hoffnungsschimmer. Unser Gastgeber, F. – und kurz darauf dann auch T., über verschlungene Wege tatsächlich aus Duisburg angekommen. Abfahrt.

Sandton, Woodmead. Eine halbe Weltreise vom Flughafen entfernt. Gehobene Mittelschicht, verbarrikadiert wie in einem Kriegsgebiet. Das sei nötig, wurde mir erklärt. Nato-Draht, Elektrozäune, ein bewachtes Tor. Falls man Südafrika für ein sozial recht ausgeglichenes und friedliches Land hielt, bitteschön, hier der Gegenbeweis. Das war aber, um ehrlich zu sein, für mich kein entscheidender Gedanke in diesem Moment. Emotional kreiste ich eher um die Erwartung einer Dusche, einer Zahnbürste, derart simple Dinge.

Dies erledigt und wieder halbwegs menschlich, stand eine Flasche Windhoek vor mir. Klingt namibisch, ist aber südafrikanisch. Brewed after the Reinheitsgebot. Oh, Heimat. Leckere Heimat sogar, wenngleich der Mittag nicht meine bevorzugte Zeit für Bierkonsum ist. Aber war ja eine Auswärtsfahrt, gewissermaßen. Der Verbleib von M. war weiterhin etwas ungeklärt, aber D. drängte zur Abfahrt. Akkreditierung, Tickets, Journalistenzeug halt. Kann man machen, muss man wohl.

Die Wolken wurden dichter. Am Flughafen hatte ich in der Zeitung noch eine fast panische Warnung vor sintflutartigen Regenfällen pünktlich zum Eröffnungsspiel gelesen. Konnte ich mir nicht so richtig vorstellen, war doch gerade dem europäischen Schnee entronnen und fühlte mich bei rund 25 Grad bezüglich des Wetters eigentlich momentan recht gut versorgt.

Die Polizeikontrolle gab einen ersten Vorgeschmack auf den südafrikanischen Begriff von Effektivität. Laut Lonely Planet bedeutet „Just now“ in der lokalen Mundart „Soon“. Das kam ziemlich gut hin. Keinen Parkschein zu haben, bedeutete mehrere Kilometer Fußweg zum Stadion. Natürlich konnte man den Parkschein nicht vor Ort kaufen. Dies bedurfte offenbar ausführlicher Erläuterungen, wodurch die Wagenkolonne hinter uns wuchs und wuchs. Als wie üblich perfekt organisierter Deutscher war man natürlich mit dem entsprechenden Schein versehen, nach längerem Warten konnten wir also tatsächlich unseren luxuriösen Parkplatz aufsuchen.

Während Gastgeber F. und Duisburger T. am Auto und der dort befindlichen Kühlbox verblieben, suchten Medienmensch D. und meine Wenigkeit (J., aber das lass ich jetzt mal weg) das Akkreditierungszentrum auf. Das natürlich nicht ausgeschildert und selbstverständlich auf der exakt gegenüberliegenden Seite des Stadions lag, wie mehrere Nachfragen bei so zahlreichen wie verwirrten Volunteers ergaben, deren Hauptziel es zu sein schien, den Fragenden an einen von ihnen selbst möglichst weit entfernten Punkt zu schicken. Kann man verstehen, funktionierte auch ganz gut.

Was nicht so gut zu funktionieren schien, war die Akkreditierung – zu dieser Erkenntnis kam ich jedenfalls nach einer knappen Stunde des Wartens und Fotografierens im plötzlich strömenden Regen. Ein hervorragender Grund, verwirrt und mäßig panisch (weil natürlich weiterhin nur sehr eingeschränkt mit Handynummern ausgestattet) mehrfach um das Stadion zu rennen. Ohne vor den nicht endenden Wassermassen geschützt zu sein, selbstverständlich. Südafrikanische Stadien neigen nicht unbedingt zu angenehm gestalteten Eingangsbereichen, sollte ich später feststellen. Erst recht nicht zu derart exotischen Dingen wie einem Getränke- oder Essensverkauf außerhalb des Stadions selbst. Obwohl mir beides zunehmend gut getan hätte.

Erfolgreich diversen völlig widersprüchlichen Tipps der Ordner gefolgt, betrat ich das Sperrgebiet Stadionvorplatz. Man sollte den Regen als ein Geschenk Gottes betrachten, so der wohl hilfreichste Tipp. Wäre nett gewesen, hätte er mir passende Kleidung dazu geschenkt. Vorerst begnügte ich mich aber mit den beiden Autoflüchtlingen T. und F. sowie einem so kalten wie günstigen Bier. Castle Lite ist, aller Logik zum Trotz, keineswegs ein Leichtbier. Ganz gut so. D. war inzwischen auch wieder aufgetaucht, der Eröffnungsfeier stand also nichts im Wege. Gegen meine Kamera plus zwei Objektive hatte auch niemand was. Es war angerichtet.

Eine in ihrer Botschaft etwas verwirrende Show, die mit Pappmachémauern, Riesen, sehr afrikanisch gekleideten Tänzern und Trampolinspringern zu tun hatte. Mauern mit Aufschriften wie Rassismus wurden eingerissen, soweit ganz gut. Ein klein wenig überraschend, dass das Pappmaché dem Regen standhielt. Nicht aber den heldenhaften Tänzern, Befreiern, Riesen. Irgendwann war das ganze Zeug also abgeräumt – begleitet von im Vergleich zu europäischen Turnieren durchaus angenehmer Musik – und das Grün des Rasens von Soccer City leuchtete mir endlich entgegen.

Ich begab mich zu meinem Platz. Beste Kategorie, selbstverständlich. Kann man für etwa 10 Euro schon mal machen. Zwei Spiele, wohlgemerkt. Zudem neben dem Finale das mit Abstand teuerste Ticket des gesamten Turniers.

Die beste Kategorie zeichnet sich einerseits durch hervorragende Sicht aus. Andererseits durch völlig fehlende Überdachung. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, extra für die WM 2010 ein hochmodernes 90 000-Plätze-Stadion zu errichten und sodann die gedachte Elite der Weltbevölkerung im Regen sitzen zu lassen. Ironie – oder aber architektonische Leistungen, wie sie mir aus Berlin schließlich zu Genüge bekannt sind. Durchnässt war ich sowieso schon, Kamera sowie wenigstens ein Objektiv wettergeschützt, also letztlich auch kein Grund mehr zu größerer Aufregung. Einmal abgesehen davon, dass auch meine Aufregung wohl niemanden dazu gebracht hätte, spontan ein Dach zu errichten.

Zehntausende Vuvuzelas, Gesänge, Musik. Eine Begeisterung schon vor dem Spiel, wie ich sie bisher nie erlebt habe. Einlauf der Mannschaften aus Südafrika sowie der Kapverden, erstmals qualifiziert und dabei Kamerun die Reise zum Turnier erspart. Unglaubliche Lautstärke. Kein Hass, keine Feindschaft. Bloße Vorfreude auf das Spiel, auf den Afrika-Cup, auf dieses Großereignis für Land und Kontinent. Feel the beat at Africa’s feet, so der Slogan. Ja, ich konnte ihn fühlen, bereits jetzt, ganz zu Beginn.

Das Spiel, leider, passte sich nicht der Unterstützung der Fans an, sondern eher dem Wetter. Fotografisch blieb davon wenig, weil es schlicht an fotografierenswerten Szenen völlig fehlte. Und nebenbei mein Teleobjektiv selbstverständlich nicht wettergeschützt ist. Fußball wiederum mit einem Normalzoom zu fotografieren, bringt einen eher eingeschränkten Spaßfaktor, sofern man nicht selbst mit auf dem Platz steht. Und vermutlich auch dann.

Ein Fotograf auf dem Platz hätte hier an diesem Abend allerdings niemanden groß gestört, sofern er sich in der Nähe der Strafräume aufgehalten hätte. Dahin nämlich wollte ohnehin niemand. So begann das Turnier unwürdig mit einem torlosen Unentschieden im strömenden Regen von Johannesburg. Eine Enttäuschung für die Gastgeber – die sich auch darin äußerte, dass trotz des danach noch anstehenden Krachers Angola gegen Marokko die Menschen das Stadion scharenweise bereits vor Abpfiff verließen. Dies ist also beileibe kein Phänomen der Haupttribüne am Millerntor. Zugegeben, die Überlegung, das zweite Spiel im Fernsehen zu verfolgen, existierte auch bei uns. Schon angesichts der Tatsache, dass jeder von uns in etwa so nass wie der Rasen war. D. aber wehrte sich vehement, ich selbst nach einiger Überlegung auch. Man ist ja nicht zum Spaß hierher geflogen, so ein Turnier ist harte Arbeit.

Genauso hart wie der Versuch, etwas zu essen zu bekommen. Bei einem ausverkauften Stadion etwa die Hälfte der Kioske geschlossen zu lassen, ist eine sehr südafrikanische Logik. Nach einer knappen Stunde Wartezeit gab es dann tatsächlich etwas Hotdogähnliches, dessen Geschmack zu vernachlässigen war, von mir aber auch konsequent vernachlässigt wurde. Warm. Und magenfüllend. Man muss Prioritäten setzen.

Bier gabs nicht mehr. Passiert bei Amateurvereinen gelegentlich, passiert somit auch bei einer Großveranstaltung in einem hochmodernen Stadion. Vielleicht aber auch ganz gut, langsam wäre ohnehin eher Glühwein das Getränk meiner Wahl gewesen.

Das zweite Spiel jedenfalls konnte mich nicht sonderlich erwärmen. Marokko ohne jeden Anschein von Torgefahr. Angola nicht einmal in konkreter Gefahr, je einen gezielten Pass zu spielen. Überdacht saß ich jetzt, immerhin. Im fast völlig verwaisten Oberrang, der mir nun lieber war als jeder angebliche Luxussitzplatz. Es ging die Legende, auch M. sei inzwischen im Stadion angekommen, auf verschlungenen Wegen aus Hamburg angereist. Eine Sache, mit der man sich später noch beschäftigen sollte. Zunächst galt es, die zweite Halbzeit dieses vermeintlichen Fußballspiels zu ertragen.

War irgendwann auch rum. 0:0. Es mag sich nun die Frage stellen, ob das Aufstellen der Tore im Zuge der grandiosen Eröffnungsfeier vergessen wurde. Tatsächlich standen bei beiden Spielen jeweils zwei davon auf dem Platz, ihnen wurde aber von keiner Mannschaft größere Wichtigkeit beigemessen. Über die sportliche Qualität dieses ersten Spieltags sollte man kein weiteres Wort verlieren. Immerhin gab es noch begrenzte Hoffnung, irgendwann in den nächsten Tagen einen Torschuss oder gar ein Tor mitzuerleben.

M. stand am Stadiontor, gemeinsam mit zwei jüngeren Südafrikanern und einem Österreicher. Seines Zeichens Fan des Grazer AK, was für Fußballsoziologen interessant sein mag, für diese Geschichte aber keine Rolle mehr spielt. Ganz im Gegensatz zu dem Österreicher selbst, ich möchte aber nicht vorgreifen. Insgesamt also eine Person zu viel für das Auto, glücklicherweise gab es ein zweites. Das allerdings nicht mit dem eingangs erwähnten Parkschein versehen war, was die eingangs erwähnten Folgen hatte. Für uns eine längere Wartezeit, für die anderen einen längeren Fußweg. Für die beiden Südafrikaner, die laut M. nicht einmal versucht hatten, einen von ihnen auszurauben, einen Heimweg per Bus zurück in die City.

Für den Österreicher wiederum einen unverhofften Übernachtungsplatz, da er M. mit seinem Mietwagen aus den Fängen von O.R. Tambo errettet hatte. In Kolonne ging es also wieder in die Rückzugsgebiete der wohlhabenderen Menschen dieser Stadt, von der ich bis hierhin eigentlich überhaupt nichts gesehen hatte.

Bei einem Bier, über Landkarten, Broschüren, Tickets und Reiseführer gebeugt, beendeten wir diesen langen ersten Tag. Es wartete tatsächlich so etwas wie ein Bett auf mich, ein nahezu vergessenes Wort. Die Welt konnte mir jetzt erstmal völlig egal sein. Genau wie miese Fußballspiele. Oder die Kälte, der Regen.

Ich hustete. /juli