Durban, 26.01.2013 – Österreich ist raus

Mit dem beruhigenden Gefühl, Lesotho tatsächlich überlebt zu haben, erwachte ich im mittlerweile zu einer vertrauten zweiten Heimat gewordenen Durbaner Hostel. Die Multinationalität unserer Reisegruppe lag in ihren letzten Zügen. Nach einem Abschiedsfrühstück brachten wir den österreichischen Mietwagendraufgänger zum Bahnhof, nicht ohne ihn noch einmal daran zu erinnern, dass südafrikanische Hostels zwar günstig, dennoch aber nicht gänzlich gratis sind.

Der nächste Tagesordnungspunkt war, ganz diesem Geiste entsprechend, die Autovermietung. Es war uns tatsächlich gelungen, den Ford Figo größtenteils an einem Stück abzuliefern. Eine Heldentat, die uns kaum gedankt wurde, ging man doch (selbstverständlich berechtigterweise) davon aus, wir hätten ihn lediglich zu einem entspannten Ausflug auf perfekt asphaltierten Autobahnen und Landstraßen genutzt. Die Wahrheit, sie sollte niemals ans Licht kommen. Nun, jedenfalls fast niemals.

Licht gab es dennoch genug an diesem Tag, der meinem Bild von Durban als sonnigster Stadt dieses Planeten abermals alle Ehre machte. Fußball allerdings gab es auch diesmal keinen. Allerorten war aber eine elektrisierende Spannung zu spüren vor diesem letzten, für die Bafana Bafana so entscheidenden Gruppenspieltag. Und wir waren ohnehin auf Entzug, keine Frage. Schließlich machte sich schon fast ein Gefühl von Urlaub breit, das es natürlich um jeden Preis zu vermeiden galt.

In urlaubsvermeidender Laune ging es daher zum Strand. Surfer. Sandskulpturen. Sonne. Immerwährender Frühling, Hochsommer, August im Januar. Deutschland war so weit weg wie nie, insbesondere weil wir auch weiterhin den sicherlich verlockenden Besuch im Durban Holocaust Centre verweigerten.

Mit dem Anbrechen des Abends jedoch meldete sich Deutschland wieder zurück. Windböen peitschten über den Indischen Ozean, der Himmel verdunkelte sich. Ein böses Omen für das Bafana-Spiel? Oder einfach nur schlechtes Wetter? In jedem Fall ein hervorragender Grund, von einem der Genüsse dieses Landes zu einem völlig anderen zu wechseln. Nachdem ich mit leisem Bedauern ein letztes Mal den Fuß in das badewannenwarme Wasser gesetzt hatte, begaben wir uns also auf die Suche nach einem Liquor Store.

Die südafrikanische Variante, den Alkoholverkauf zu regulieren, mag eine nicht allzu ungewöhnliche sein, in jedem Fall war es eine unpraktische. Mag sein, dass es in Zeiten von Smartphones auch so etwas wie eine Liquor-App gibt, im Rückblick bin ich mir dessen sogar völlig sicher. Was es in Zeiten von Smartphones aber nicht gibt, sind reisetaugliche Akkus. Wir hängen an der Steckdose, jederzeit. D. hatte sich daher für die hochprofessionelle Doppellstrategie entschieden: Ein konventionelles Handy zum Telefonieren, ein technisches Wunderwerk für das Internet. Immerhin der Hauptgrund, warum wir uns ständig vor den Türen der Filialen einer großen internationalen Hühnerfleischgerichtekette aufhielten, die nämlich kostenloses W-LAN anbot. Oder jedenfalls angeblich anbot. In bestimmten Regionen des Landes. Bei Vollmond. Um Mitternacht. Und in Durban eher nicht so.

Todesmutig entschieden wir uns also für die falscheste Option, die es in Südafrika nur geben kann: Durchfragen. Selbstverständlich, jeder Einheimische wird bereitwillig und freundlich in perfekt verständlichem Englisch dem ahnungslosen Reisenden seinen Weg weisen. Dies aber leider vermittels gänzlich absurder Anweisungen, deren Absurdität sich allerdings erst am Ende des jeweiligen Weges offenbart. Sobald man vor einer Wand steht. Vor einer geschlossenen Einfahrt. Oder, selbstverständlich eine Paradedisziplin, vor einem Zaun. Uns an diesem entlangtastend, tat sich vor uns das Paradies auf: Ein Kwikspar. Mit Liquor License. Eine Lizenz zum Massenmord quasi, der Traum des ehrlichen Trinkers.

Wein. Ein Thema, über das gesprochen werden muss. Die Provinz KwaZulu-Natal ist inzwischen eines der größeren Anbaugebiete im Lande, wenngleich natürlich gerade international deutlich weniger bekannt als das Westkap mit seinen Weinregionen um Stellenbosch oder Paarl. Das verhieß, wie in Durban ja insgesamt nicht unüblich, hervorragende Qualität auf angenehmem Preisniveau.

Und wir wurden nicht enttäuscht. Den Süßwein der „Vier Cousins“, deren einer eine bestechende Ähnlichkeit mit Stromberg aufweist, beharrlich ignorierend, wählten wir einen tatsächlich großartigen Shiraz. Mit ihm gemeinsam ließen D. und ich diesen Tag ausklingen, den wohl letzten wirklich gemütlichen vor unserer Parforce-Tour quer durch den Rest des Landes. Aber wie ich es eingangs erwähnte: Urlaub kann ja jeder. /juli

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Die Stadt der Farbenblinden

Es mag in meiner Leserschaft Menschen geben, die sich wundern, dass ich schon wieder zum Schreiben in der Lage bin. Ihnen allen möchte ich zurufen: Geht so.

Zurück also, zwischendurch mal, aus Südafrika ins kalte Berlin. Mag sein, dass ich inzwischen eine Mehrzahl meiner TeBe-Artikel so einleite, wahr ist dennoch: Adlershof gehört nicht eben zu meinen Lieblingsregionen dieser Stadt. Nichtsdestotrotz liegt es fast vor der Haustür, obwohl mein Wohnsitz sich entgegen der Meinung von Facebook und – anderer von mir genutzter Internetportale keineswegs im Ostteil der Stadt befindet. Ein Bus fährt trotzdem von der Haustür aus bis fast in die Spielerkabinen des Adlershofer BC, wo am Samstag Tennis Borussia Berlin zu einem erneuten Versuch antrat, die Winterpause endgültig zu beenden. Ein guter Grund also, den Zugtreffpunkt an der Hermannstraße auszulassen und sich wie üblich mit viel zu knappem Zeitplan direkt auf den Weg zu begeben.

Das Wetter eiskalt, aber immerhin kein Schnee. Die Laune durchaus gut, hatte doch der Magische FC am Vorabend in üblich dramatischer Weise den Tabellenletzten aus Regensburg mit einem Last-Minute-3:2 in Unterzahl bezwungen. Angesichts der grauen Haare, die ich diesem Spiel bereits jetzt zu verdanken habe, wird es hierzu keinen gesonderten Bericht geben. Meine St.-Pauli-Rückrunde startet bloggenderweise erst am Freitag beim Spiel an der Alten Försterei.

Er bekam noch genug zu tun.

Er bekam noch genug zu tun.

Nachdem nun ein guter Teil meiner Stammleser verjagt sein dürfte, kann es ja losgehen. Einige Minuten nach Anpfiff, für meinen Teil. Auf einem Sportplatz, dessen wirklich einziger Vorteil der dortige Auftritt der Lila-Weißen war. Die durchaus gut und gefällig nach vorne spielend begannen, ihrer Favoritenrolle Taten folgen zu lassen. Nach rund 25 Minuten, wenn ich meinem Gefühl trauen darf, war es dann so weit. Ein hochverdientes 1:0 für TeBe. Zimmermann, wie ich dann spätestens bei Auswertung meiner Fotos erkennen konnte. Und es ging ähnlich ordentlich weiter, eine Viertelstunde später folgte das 2:0 durch Greinert. Konnte man so machen. Mit einem befremdlichen Gefühl souveräner Führung im Rücken ging es Richtung Halbzeit, Richtung Vereinsheim, Richtung Wärme.

Dieses Foto, im Übrigen, wertete ich hierfür aus.

Dieses Foto, im Übrigen, wertete ich hierfür aus.

Wohl allein die Tatsache, dass jenes Vereinsheim keine Fenster in Richtung des Spielfeldes besaß, hielt mich davon ab, Opfer meiner eigenen Bequemlichkeit zu werden und die 2. Hälfte im Warmen sitzend zu verbringen. Die Berlin-Liga ist nun mal kein Ort für derartige Befindlichkeiten.

Ebenso wie TeBe kein Team für souveräne Siege ist. Dafür gab es nun in einer wirren zweiten Halbzeit große Kunst zu bestaunen. In Minute 63 wuchtete ein Spieler des Adlershofer BC sich in rund 18 m Torentfernung in ibrahimovicsche Höhen und den Ball per Fallrückzieher in perfektem Bogen unhaltbar zum Anschlusstreffer ins Tor. Einer der sehenswertesten Treffer, die ich in dieser Liga bisher miterleben durfte.

Er führte zu kollektivem Zittern, nunmehr nicht bloß wetterbedingt. Lila-Weiß vergaß auf einen Schlag so ziemlich alles, was in Hälfte eins noch gut bis hervorragend lief. Unpräzise Pässe, harmlose Torschüsschen, teils katastrophales Stellungsspiel und unmotiviert geführte Zweikämpfe ergaben eine mitunter grauenhafte und gleichzeitig durchaus vertraute Mischung. Der beliebteste Ort auf dem Platz war nunmehr das Abseits.

Auch dieser Pass kam nicht an. Glaube ich.

Auch dieser Pass kam nicht an. Glaube ich.

Nutzen konnten die in Regensburg-Optik gekleideten Adlershofer dies nicht mehr. Zur Enttäuschung ihrer heute nicht unbedingt zu Support aufgelegten Ultra-Gruppierung sowie diverser eher zweifelhafter Anwesender mit unschönen Worten wie „Stolz“ auf ihren Jacken blieb es beim 2:1 für TeBe. Ein insgesamt doch verdienter und nicht unwichtiger Auswärtssieg, will man den Blick weiter fest auf die Tabellenspitze gerichtet halten.

Machte seinen Job eher mäßig. Bekam das mit dem Schlusspfiff aber gut hin.

Machte seinen Job eher mäßig. Bekam das mit dem Schlusspfiff aber gut hin.

War damit das Pflichtprogramm meines Fußballwochenendes erledigt, so folgte nun die Kür. Ein wenig Bundesliga-Konferenz im Vereinsheim. Trotz meiner FC-Bayern-Sympathie etwas bedauerlich deren Sieg gegen starke Düsseldorfer. Für die Liga natürlich gut, denn so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man sich bald über andere Dinge als den Meistertitel unterhalten darf. Wird auch mal Zeit. Wolfsburg mit einem eher absurden Sieg. Zudem durchaus brauchbares Fassbier.

Was folgte, war der S-Bahnhof Adlershof. Es gibt schönere Orte auf der Welt, insbesondere wenn gerade die Anhänger eines Köpenicker Zweitligisten von ihrer Auswärtsniederlage in Cottbus zurückkehren. Diejenigen aus unserer Reisegruppe, die einen lila-weißen Schal trugen, wurden folgerichtig als „Scheiß-Herthaner“ beschimpft. Mich erinnerte das an eine ähnliche Situation vor einigen Wochen in der Ringbahn, als ein Fan ebenjenes Westberliner Vereins mir angesichts meines braun-weißen Schals erklärte, warum er Union nicht mag. Es ist eben, zu bestimmten Uhrzeiten in gewissen Situationen an diversen Wochentagen, die Stadt der Farbenblinden. Als die Freunde von der anderen Mauerseite dies auch erkannten, stimmten sie immerhin noch den beliebten Klassiker „Lila-Weiß ist schwul“ an, von uns begeistert unterstützt. Ihre Verwirrung hierüber (wohl vor allem angesichts der sie begleitenden Dame mit lila-weiß gefärbten Haaren) hielt nicht lange an, sodass es noch dazu reichte, das DDR-Volkslied „We hate TeBe and BFC too“ anzustimmen, bevor sich die Aufzugtüren endlich schlossen.

Derartig eingestimmt auf sämtliche Absurditäten, die ein Tag potentiell noch bereithalten kann, machten wir uns auf den Weg Richtung Schokoladen, wo die Partizan-Minsk-Soliparty sich bereits vorbereitete, uns einige Situationen entsprechender Qualität zu bescheren. Es sei soviel verraten: Erfolgreich. Aber das, da bin ich überzeugt, wissen andere Menschen sogar noch besser als ich. Dies jedoch, trotz meiner natürlich völlig unabsichtlich irreführenden Tag-Setzung zu diesem Artikel, ist eine völlig andere Geschichte. /juli

Sani Pass Border Point, 25.01.2013 – Nass und kalt und voller Schafe

Weit sollten sie mich tragen, diese Schuhe, die ich mir nun nach einem wiederum mäßig begeisternden Frühstück im Hostel überstreifte, von der Richtigkeit meiner gestrigen Erkenntnis geplagt, dass das letzte Bier am Vorabend eines zuviel war. Der Besitzer des Hostels sah das wohl ähnlich, händigte mir aber nach vehementen Attacken auf die Tür seines Schlafbüros dann doch mit dem Lächeln des erfolgreichen Trinkers meine Kameratasche aus. So gerüstet, konnte es dann losgehen, quer durch die Stadt, auf zum Mietwagen.

Man mietet Autos in der Regel, um nicht laufen zu müssen. Manchmal läuft man auch, um Autos mieten zu können. In diesem Fall fast eine Stunde durch halb Durban. Aber das wussten wir vorher, es war kalkuliert und verrechnet mit der Aussicht auf einige folgende gemütliche Rückbankstunden, dort hinauf an die Grenze von Lesotho. Wo die höchstgelegene Kneipe Afrikas uns bereits begeistert erwarten würde. Soweit der Plan. Ein guter Plan, sicherlich.

Wohin es mit diesem Ford Figo, der uns nun bereitgestellt wurde, hingehen sollte, verrieten wir der Vermietung nicht. Selbstverständlich völlig versehentlich, hätte man doch mit begeisterten Reaktionen rechnen können auf die Ankündigung, einen Kleinwagen in fast 3000 m Höhe zu entführen. Dieses kleine Versäumnis erfolgreich verdrängend, traten wir unseren Weg an.

Hinaus aus Durban, in das Valley of a Thousand Hills. Tausend Hügel mögen keine Übertreibung sein, ein wunderschönes Umland einer großartigen Stadt. Das Herz der Zulu-Provinz, das Zentrum des Reiches von König Shaka. Ein Ausflug begleitet vom Pulsschlag der großen Geschichte dieses Landes, das so viel erlebt hat wie nur wenige andere. Leider keine Zeit für Pausen, für ein spontanes Abbiegen in eines der vielen Dörfer, auf eine der malerischen Landstraßen. Reist man mit Fußball, so ist man Getriebener. Reist man mit Plänen, an deren Erstellung ich beteiligt war, dann erst recht. Unser Ziel hieß nicht Erholung, unser Ziel hieß Lesotho.

Dies gab uns dann letztlich doch Gelegenheit, auf eine jener Landstraßen abzubiegen. Wobei es vermessen erscheint, in diesem Fall noch von Straße zu sprechen. Der Ford mit dem Namen eines großen portugiesischen Ex-Nationalspielers jedenfalls tat sich allmählich schwer damit, jene Eleganz zu zeigen, die seinen Namensvetter immer (neben seiner beträchtlichen Brustbehaarung) auszeichnete. Wenn uns irgendetwas entgegenkam, so waren es Geländewagen. Mit Allradantrieb vermutlich. Pure Anfänger, das geht locker auch ohne.

Dachten wir erst recht, als wir wieder auf die Autobahn zurückkehrten und der Sani-Pass bereits greifbar nah schien. Dass das eine Fehleinschätzung gewesen sein könnte, dieser Gedanke kam uns nach einer Hügelkuppe. Direkt nach dieser ging die vorher befestigte Straße nämlich ohne jede Vorwarnung plötzlich in eine Art Feldweg über, der zudem mit einer Kurve begann. Unser österreichischer Rennfahrer meisterte diese Herausforderung unter Aufbietung seines gesamten Könnens und ohne viel Rücksicht auf die Gesundheit des portugiesischen Nationalspielers.

Figo überstand auch dies. Langsam aber wurde es interessant. Eine Furt. Nun, nicht spektakulär tief, wofür braucht man denn bitteschön hier einen Geländewagen? Einige Felsen, viel Sand, viel Geröll, alles kein Hindernis für einen bergerfahrenen Steirer. Wie man wohl die Einwohner der Steiermark nennt, so verrät es mir das allmächtige Internet. Mag stimmen. An einem idyllisch gelegenen Wasserfall mit hervorragender Aussicht auf das Tal unter uns und die zurückgelegte Strecke stiegen wir aus, um aus rein wissenschaftlichem Interesse den Zustand des Mietwagens zu beurteilen. Er fiel noch nicht auseinander, und so konnte es weitergehen. Das Wetter wurde zwar etwas düsterer, aber man sitzt ja geschützt im nach wie vor bequemen Auto.

Nach diversen von Erfolg gekrönten Versuchen, nicht ins Tal hinabzufallen, sahen wir endlich die südafrikanische Grenze vor uns. Ein Kleinbus stand bereits dort, gefüllt mit erwartungsfrohen Lesotho-Touristen oder Ähnlichem. Er fuhr ab, als wir ausstiegen und uns zur Passkontrolle begaben.

Der vietnamesische Lonely Planet sagte, ein 4×4-Antrieb empfiehlt sich auf dem Weg zum Sani Pass. Der südafrikanische Grenzbeamte legte diesen Empfehlungscharakter ein wenig schärfer aus. Wir dürften durch. Das Auto: Nicht. Unsere Frage, wie weit es denn noch bis zur lesothischen Grenze sei, beantwortete der Beamte mit einem entsetzten Blick sowie einer wiederum uns entsetzenden Information. Acht Kilometer. Durchgängig bergauf, wie das im Gebirge nicht unüblich ist.

Man trägt eine gewisse Portion Übermut gerne mit sich, sie ist in bestimmten Notsituationen hilfreich. Diese war eine, und so ließen wir uns die Ausreise quittieren und traten den Weg an. Es war etwa 14 Uhr. Um 18 Uhr würden beide Grenzen schließen und wir wären gefangen in 8 km Niemandsland zwischen Lesotho und Südafrika, sofern nicht alles wirklich perfekt liefe und wir die bergigen insgesamt 16 Kilometer in den verbleibenden vier Stunden zurücklegten. Das sind Rechnungen, die man am liebsten vergessen möchte, und genau dies taten wir.

Der erste Wasserfall, den wir durchqueren mussten, hätte unseren Figo vermutlich tatsächlich großteils verschluckt. Was einen derart fähigen Fahrer wie den Österreicher keineswegs daran gehindert hätte, uns hoch zum Pass zu bringen. Reine Spekulation, zu Fuß jedenfalls war das Ganze auch mit absurd schwerem Gepäck und Kameratasche gut zu bewältigen.

Es wurde neblig und feucht. Ein Affe querte unseren Weg. Endlich wilde Tiere. Die Kamera natürlich bereits weggepackt, weil nicht die gesamte Ausrüstung wettergeschützt ist. Blöd gelaufen, aber so ist das entbehrungsreiche Leben in den hiesigen Gebirgen. Um dessen Härten ein wenig zu lindern, hatten wir den Rat unseres Johannesburger Gastgebers F. befolgt und führten größere Rationen an Stiften und Bonbons für die großteils tatsächlich in bitterer Armut lebenden lesothischen Kinder mit. Im Auto. Nicht im Rucksack. Was eher mäßig geschickt war, unsere Gedanken aber nur solange beherrschte, bis die Steigung allmählich tatsächlich nach einem Geländewagen, einem Reittier oder einem Treppenlift schrie. Natürlich kamen uns nur Autos entgegen, keines hatte unsere Richtung.

Wenngleich ich durchaus über einige Alpenerfahrung in Höhen bis 3 000 m verfüge, so war ich doch im Gegensatz zu meinen beiden Begleitern nicht in einer bergigen Region aufgewachsen und überdies immer noch ein wenig gesundheitlich und alkoholisch angeschlagen. Langsam teilte sich unsere Gruppe auf, langsam wurde der Regen stärker und die Sicht schlechter. Wir waren selbstverständlich angemessen gekleidet – sofern man den Strand von Durban als Maxime nimmt. Immerhin keine Sandalen, aber Shirt, Shorts und Sneaker. Perfekt für das Hochgebirge, für Regen und Nebel und Kälte. Meine Hände waren nicht mehr in der Lage, eine Kamera zu bedienen – und das sind sie sonst eigentlich immer. Jedenfalls meiner bescheidenen Einschätzung nach.

Schatten holzsammelnder Gestalten kamen uns, inzwischen vielmehr: mir als letztem der drei heroischen Wanderer, entgegen. Quasi nur mit Unterwäscheähnlichem bekleidet und damit offenbar durchaus nicht unzufrieden. Konnte ich verstehen, wäre mir auch fast lieber gewesen als mein inzwischen völlig durchweichtes Shirt. Die fragwürdige Kompatibilität meiner bloßen Schultern mit den Gurten des Rucksacks hielt mich dennoch vom FKK-Bergsteigen ab.

Auch Autos kamen mir natürlich andauernd entgegen. Deren letztes hielt an und sein Fahrer fragte, ob ich zu den beiden anderen gehöre. Angesichts der Tatsache, dass wir drei wohl die einzigen weißen Verrückten waren, die bei diesem Wetter zu Fuß und kurz vor Schließung der Grenzen den Weg hinauf zum Sani Pass antraten, betrachtete ich dies als eher rhetorische Frage und beantwortete sie mit einem frustrierten Nicken. Anstatt laut zu lachen, trieb mich mein Gesprächspartner damit an, dass es nur noch fünf Minuten Fußweg bis zur Grenze seien.

Eine knappe Stunde später sah ich Schafe vor mir. Die Nationaltiere Lesothos, jedenfalls war mir so. Mit irgendeinem Gedanken musste ich mich auf den Beinen halten, und dieser bot sich an, nachdem ich gute zwei Stunden lang nur Felsen sah. Wenn überhaupt irgendetwas, schließlich verkürzte sich die ohnehin nicht überragende Sichtweite für Brillenträger noch einmal deutlich durch den unaufhörlichen Nieselregen.

Doch tatsächlich: Dies war der Sani Pass! Nass und kalt und voller Schafe. Am Grenzposten wrang ich meine Haare leidlich aus und bemühte mich um ein korrektes Ausfüllen des Einreiseformulars. Auch wenn es mir recht widersinnig erschien, „Urlaub“ als Zweck meiner Reise einzutragen. „Fortschreitender geistiger Verfall“ wäre eine wesentlich korrektere Formulierung gewesen. Auch meine beiden Reisegefährten, die bereits seit einer Viertelstunde die Schönheiten Lesothos genossen, betraten nun wieder den Raum. Die höchstgelegene Kneipe Afrikas sei bloß noch fünf Minuten entfernt, hatten sie erfahren. Zwar war unsere Kenntnis der lesothischen Zeitrechnung eher begrenzt, aber da fünf Minuten bereits auf Südafrikanisch alles zwischen 30 Minuten und zwei Stunden bedeuten können, keinesfalls aber eine Zeitspanne, die irgendwie mit dem Begriff „Minute“ korrespondiert, entschieden wir uns, sofort den Weg hinunter anzutreten. Was bei rund anderthalb verbleibenden Stunden auch unserem Interesse zuträglich war, die Nacht nicht zwischen zwei Staatsgrenzen zu verbringen.

Einen Ausreisestempel bekam ich nicht. Jede Nacht habe ich seitdem Albträume von lesothischen Geheimagenten, die mich deswegen zurück zum Sani Pass verschleppen. Aber das ist eine andere Geschichte. Diesmal teilte sich unsere Gruppe bereits sehr früh auf, ich sorgte weiterhin für die Rückendeckung. Wieder kamen uns mehrere Autos entgegen. Entgegen, natürlich. Wir rannten, stolperten, fielen den Berg hinunter. Der zu Beginn durchquerte Wasserfall war inzwischen beträchtlich gewachsen, kein Wunder bei den hiesigen Witterungsverhältnissen. Um 18:20 Uhr sah ich vor mir das gelbe Licht der südafrikanischen Grenze die Nebelschwaden durchdringen. Der Grenzbeamte, er hatte gewartet, nachdem meine Mitreisenden ihn engagiert angefleht hatten. Der Einreisestempel wie eine Urkunde, wie ein Orden. Und wenn wir schon keine lesothischen Kinder gesehen hatten, zumindest hatten wir nun Bonbons im herrlich beheizten Auto.

Stifte natürlich außerdem. Mit einem von ihnen versuchte ich nun, auf der nicht weniger spektakulären Rückfahrt in Richtung Autobahn die Erlebnisse des Tages niederzuschreiben. Das Ergebnis waren ein durchweichter Collegeblock sowie ein völlig neuentwickeltes Alphabet. Man sieht, ein 4×4-Antrieb hätte zudem noch unkreativ gemacht.

Zurück ging es nach Durban, begleitet von einer interessanten Radiokonferenzkombination aus Cricket und Afrika-Cup. Kann man natürlich machen, kam akustisch aber eher so rüber wie eine Radiokonferenz aus Tennis und einer Bundestagsdebatte. Deswegen entschied ich mich für den Schlaf.

Und daran änderte sich auch nicht mehr viel. Lesotho im Rücken und den vorerst letzten fußballfreien Tag vor mir konnte ich die wohlverdiente Wärme meines Hostelbettes erst recht genießen. Um einen Stempel im Reisepass reicher, ärmer um die Illusion der Überflüssigkeit von Allradantrieben. Aber ich kehrte als Held zurück. Als Held in auseinanderfallenden Sneakern. /juli

Durban, 24.01.2013 – Fast wie im Urlaub

An diesem Morgen fühlte ich mich, als wäre es Heiligabend. Oder zumindest einen Monat danach. Ein freier Tag ohne Reisen, ohne große Pläne, ohne Fußball. Auch das kann ein Geschenk sein, gelegentlich. So angenehm es ist, seine Abende entspannt im Stadion zu verbringen, so sehr genoss ich die Vorstellung, statt von Ordnern und Sitzschalen am heutigen Tage lediglich von Sonne, Strand, Bier und dem Durbaner Nachtleben umgeben zu sein.

Ich war ausgeschlafen, wohl zum ersten Mal in diesem Land, meinen Drogentrip nach Nelspruit einmal ausgenommen. Ein echtes Frühstück, keine Tankstelle und kein Bahnhofsimbiss. Nun gut, hier bedeutete dies lediglich einige Scheiben Toast mit leicht dubiosen Aufstrichen, völlig ungenießbaren Kaffee sowie ein Getränk von vage orangener Färbung, das meiner Erinnerung nach auch in deutschen Jugendherbergen recht beliebt ist. Sofern man erkältet und verkatert ist, könnte man es für Orangensaft halten. War ich aber nicht mehr beziehungsweise noch nicht.

Dusche, Rasur. Zwei Wörter, deren Bedeutung ich erneut fast wieder vergessen hatte. Damit dann aber auch genug der Wellness. Es ist eine prägende Eigenschaft von D., Workaholic zu sein. Wie wohl alle Medienmenschen. Somit führte uns unser Weg unter mäßig motivierten Protesten unserer österreichischen Begleitung und meiner Wenigkeit zunächst zu einer Autovermietung. Der nächste Tag sollte uns die Schönheiten Lesothos näherbringen, und das ist zu Fuß dann doch ein wenig weit. Welche Ironie diese Einschätzung letztlich bergen sollte, wusste ich noch nicht und gehört auch nicht zur Geschichte dieses fast schon unverschämt sonnigen Durbaner Tages.

Da wir nicht an die Existenz von Taxis glauben, quälten wir uns also quer durch Durban, stets begleitet vom glühend heißen Sonnenschein. Kein Schatten weit und breit. Durban ist nicht überall paradiesisch, ein nicht geringer Teil der Innenstadt besteht im Wesentlichen aus übertrieben weitläufigen Straßenzügen. Zweitgrößte Stadt des Landes, immerhin. Die können wohl auch nicht alle am Strand leben, so attraktiv mir diese Vorstellung auch auf unserem langen Weg erschien.

Endlich Menschen begegnet, die auch tatsächlich bereit waren, uns ein Auto zu vermieten, entschieden wir uns für die kleinste Wagenklasse, wenngleich der vietnamesische Lonely Planet, den D. vorsorglich mit sich führte, zu einem Auto mit Allradantrieb riet. Aus unserer umfangreichen Erfahrung als Globetrotter wussten wir natürlich, dass derartige Hinweise nur für strandfixierte Luxuspauschaltouristen gelten. Wer Abenteuer erleben will, der meide 4×4.

Ebenfalls entschieden wir uns gegen einen Besuch im Durban Holocaust Centre, obwohl der „amazing gift shop“ dieser Einrichtung euphorisch beworben wurde. Ohne dies als zynisch verstanden wissen zu wollen, muss ich aber zugeben, dass meine Neigung, mich am letztlich ersten wirklichen Tag in Durban mit dem Holocaust zu beschäftigen, eher gering war. Da half auch die Neugier auf amazing gifts nicht.

Nächster Programmpunkt: Durban Station. Es ist übrigens schlechterdings unmöglich, sich den Weg zum Bahnhof zu erfragen, wenn man nicht exakt diesen Namen benutzt. Main station und Vergleichbares: Keine Chance. Gibt es hier nicht. Aus sicherlich guten Gründen. Zu buchen war die letzte Busreise für unseren österreichischen Begleiter, der bereits am übernächsten Tag in die hügelige Heimat zurückzukehren gedachte. In der Tat eine noch verfehltere Reiseplanung als meine eigene, aber man kann die Menschen bekanntlich nicht zu ihrem Glück zwingen. Auch dieser Besuch verlief erstaunlich unspektakulär und gleichzeitig erfolgreich, was für sich genommen wiederum durchaus spektakulär für südafrikanische Verhältnisse ist.

Wenn man im Zeichen des Fußballs unterwegs ist, führt am Ende dennoch jeder Weg zum Stadion. So auch unserer. Der gigantische, die Skyline der Stadt beherrschende Bogen von Moses Mabhida hatte unsere Neugier geweckt, ein sogenanntes Skycar sollte uns dort hinauf bringen. Erstaunlicherweise gelang auch das, nebenbei mit 55 Rand (somit circa 4,50 €) zu einem für eine typische Touristenattraktion durchaus günstigen Kurs. Eine faszinierende Sicht über Stadt, Strand und Meer, unter einem weiterhin fast makellos blauen Himmel. Unter uns der Rasen, auf dem gestern noch die Bafana ihren ersten Sieg errang, neben uns das Rugbystadion der Sharks, der Bahnhof, unser Hostel, die Stadt den gesamten Horizont ausfüllend.

Zurück auf dem Boden der Tatsachen folgten wir nun endlich dem freundlichen Hinweis, der überall in der Stadt plakatiert war – Game over? See you at the beach. Was nach Abpfiff rein zeitlich etwas schwierig zu gestalten war, gelang uns nun. Die Fluten des Indischen Ozeans, nicht viel kühler als eine Badewanne, der so herrliche wie gigantische South Beach – es fühlte sich fast wie Urlaub an.

Natürlich war man nicht zum Spaß hier, und der Afrika-Cup ruhte nicht. Mit Bedauern nahmen wir somit Abschied vom Meer und machten uns auf den Weg in Richtung der Florida Road, dem Zentrum des Durbaner Nachtlebens. Die braun-weißen Freunde T. und M. sollten zwar, so ging die Legende, ebenfalls bereits in Durban angekommen zu sein. Da aber T. aus wohl nur ihm bekannten Gründen die Nutzung südafrikanischer SIM-Karten verweigerte und M. gleich ganz auf die Mitnahme jeglicher mobiler Kontaktmöglichkeiten verzichtet hatte, musste das Wiedersehensfest wohl verschoben werden.

Bier trinken kann man auch zu dritt, was mit dem südafrikanischen Angebot übrigens wirklich hervorragend gelingt. Meine Wahl fiel diesmal auf Castle Milk Stout, ein Schwarzbier mit leichter Karamellnote und dennoch keineswegs zu süß. Für diesen Abend trennte ich mich kurzzeitig sogar von meiner treuen Pentax, schließlich müssen zur sicherlich großen Enttäuschung des Lesers nicht sämtliche schmutzigen Details festgehalten werden.

Vom Spiel, das im Hintergrund lief, bekamen wir nicht allzu viel mit – erst recht nicht mehr, als die Gegenrichtungsgroundhopper aus Niedersachsen, Berlin und sonstwo die Bar enterten. Es gibt Menschen, die trifft man auch ohne Handy überall, und das war auch in diesem Fall sehr angenehm. Wundersamerweise stand immer dann, wenn ich dachte, mein Bier sei leer, plötzlich ein volles auf dem Tisch. Eine magische Stadt. Irgendwann endete auch dieser Effekt, und leicht schwankend begaben wir uns zurück zu unserem Hostel.

Auf der Terrasse erwarteten uns bereits die Besitzer dieses Etablissements, die offenbar ebenfalls einen recht arbeitsfreien und umso biergefüllteren Abend genossen. Wie durch ein Wunder gelang es dem wohl Ranghöchsten unter ihnen, noch drei kühle Getränke für seine Gäste zu besorgen, obwohl wir uns bereits weit jenseits der Öffnungszeiten aller Liquor Stores in näherer Umgebung befanden. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wie er das anstellte.

Dieses Bier natürlich war ein Fehler und das berühmte Bier zuviel, verraten mir meine Notizen. Wortwörtlich steht es dort so niedergeschrieben, in einem Schriftbild, das auf sehr überzeugende Weise mit dem Inhalt korrespondiert. Durchaus vorausschauend von mir, bedenkt man, dass der morgige Tag ein arbeitsreicher werden und bereits um acht Uhr beginnen würde.

Mit der Aussicht auf höchst erholsamen knapp fünfstündigen Schlaf fand ich nach einigen Mühen den Weg zu meinem Bett. Durban, du bist gar nicht so übel. /juli

Hinweis in eigener Sache für Menschen, die nicht bei Facebook sind (oder, noch schlimmer, die Gastspiel-Seite bisher nicht geliked haben): Seit dem letzten Beitrag sind die Fotos leider unbearbeitet, weil mir mein PC gestohlen wurde und ich momentan noch nicht in der Lage bin, das mit dem Laptop alles so effektiv und schnell wie gewohnt hinzubekommen. Glücklicherweise habe ich ab Durban in RAW und JPEG fotografiert, um Fotos direkt vor Ort an diverse Internetseiten zu schicken. Unglücklicherweise ist die JPEG-Entwicklung der Kamera nicht eben überragend. Ich bekomme das noch in den Griff.