Durban, 28.01.2013 – All bright and shining

Seine Zeit damit zu verbringen, Abschied zu nehmen von einem der vielleicht schönsten Orte dieser Welt, muss wohl heißen, dass man vorher so einiges richtig gemacht hat. Hatten wir auch nie daran gezweifelt, die Stimmung am Frühstückstisch dieses Morgens war der endgültige Beweis. Durban hatte uns die sonnigste Seite dieses herrlichen Landes gezeigt. Die ganze Energie dieses Turniers. Alle Gründe, warum wir überhaupt hier waren, versammelt an einem Ort. Weswegen wir ihn verlassen wollten? Nun, weil es genau das war, weswegen wir hier waren. Immer anderswo eben. Ein Turnier hat die Eigenschaft, zu reisen. Es gab noch vieles, was vor uns lag.

Beruhigend immerhin, dass diese Variante von Frühstück zum definitiv letzten Mal vor uns lag. Schrittweise waren die genießbaren Aspekte der Verpflegung in den vorigen Tagen durch obskure, immerhin aber vegetarische Brotaufstriche ersetzt worden. Diese schmeckten nur leider so, wie Unwissende es oft mit dem Wort „vegetarisch“ assoziieren. Vermutlich wirklich kein Land, in dem man auf Fleischkonsum verzichten sollte, dieses Südafrika. Den Geschmack sauer gewordenen Essigs mit etwas, das hoffentlich ein Getränk war, hinunterspülend, starteten wir in unser wie üblich völlig unschaffbares Tagesprogramm.

Das uns selbstverständlich zunächst zu unserem Lieblingsbahnhof führte. Wären nicht an Spieltagen die Tickets auch in der MetroRail gültig, wir hätten inzwischen vermutlich einen südafrikanischen Jahresdurchschnittsverdienst in diesen schicken gelben Zügen gelassen. Moses Mabidha, Durban Station, hin, zurück, hin und her. So sieht man was von der Welt, zumindest der Welt auf jenen geschätzt zwei Kilometern. Die man natürlich auch laufen könnte, aber man ist ja verschwenderischer europäischer Verrückter.

Selbstverständlich hatten wir uns vorher genau angeschaut, für welchen abendlichen Bus wir Tickets benötigten. Genau genommen hatten wir diese Tickets sogar bereits erworben. So betraten wir zielstrebig das Büro von Intercape. Dort wurde uns gesagt, dieser Bus existiere ebensowenig wie wir selbst, was uns soweit nur noch mäßig überraschte. Wir beharrten auf unserer eigenen Existenz sowie der des Busses, was den bedienenden Menschen, vermutlich mindestens ein Intercape-Officer, minimal überforderte.

So speziell Südafrika in gewissen Dingen auch sein mag, so gibt es doch Angewohnheiten, die auf der gesamten bekannten Welt exakt gleich sind. Ist man in einer beruflichen Tätigkeit überfordert, gibt es eine begrenzte Zahl von Möglichkeiten. Als Künstler bringt man sich um. Als Freiberufler flüchtet man mit dem Geld der Kunden in wärmere Gefilde, wobei die Frage zu klären wäre, in welcher Region diese im Falle Durbans lägen. Als Angestellter ruft man seinen Chef.

Der, vielmehr: Die erschien dann auch prompt. In einem fordernd-aggressiven Tonfall, der wohl alle Chefs dieses Planeten auszeichnet, befahl uns diese Supervisorin (schätzungsweise im Intercape-Generalsrang), tragfähige Belege für unsere eigene Existenz sowie die des Busses vorzulegen, wobei unsere Anwesenheit oder unsere Ausweisdokumente selbstverständlich selbst für erstere Anforderung nicht genügten, ebensowenig wie die Buchungsnummer für letztere. Soweit waren wir nun schon. Wir sollten beim Greyhound-Büro nachfragen. Taten wir. Brachte nichts. Möglich sei es aber darüber hinaus auch, dem Intercape-Büro die Buchung per Internet zu zeigen. Internet selbstverständlich, das in diesem Büro nicht existiere.

Uns nicht weiter in die Frage vertiefend, wie genau das Buchungssystem jenes Intercape-Büros denn ohne Internet überhaupt funktioniert, begaben wir uns also zurück zum Stadionbahnhof. Dort nämlich war das wohl leistungsfähigste Stadion-W-LAN der Galaxie für Eingeweihte wie den Kollegen D. bereits zugänglich. Bei grob geschätzten 500 m Luftlinie zum Pressebereich tatsächlich keine so üble Leistung.

Nach einer gefühlten halben Stunde voller Verbindungsprobleme ging uns auf, dass das Intercape-Büro einen katastrophalen Fehler gemacht hatte. Man hätte uns ruhig mitteilen können, dass wir unsere Tickets bei einem völlig anderen Anbieter namens Intercity gebucht hatten. Der Service für Europäer mit Leseschwäche an südafrikanischen Busbahnhöfen ist fraglos unerträglich schlecht.

Mäßig rot werdend kehrten wir an die Stätte unserer Niederlage zurück und holten auf der gegenüberliegenden Seite des Bahnhofs unsere Tickets im richtigen Büro ab. Innerlich jubelnd darüber, dass dieser kleine intellektuelle Umweg uns langweilige touristische Ziele wie etwa den Hafen von Durban, den Indian Market, die nach wie vor andauernde Suche nach Postkarten oder gar ein standesgemäßes Mittagessen erspart hatte.

Zurück zum Hostel also. Packen. Nach fast anderthalb Wochen ohne Waschmaschine und ohnehin nur mit halbem Gepäck reisend keine angenehme Aufgabe. In diesen Tagen erreichte ich Meisterschaft darin, meine Wäsche nach dem Geruch in die Kategorien „Neuköllner Parkbank um 3 Uhr morgens“ und „Neuköllner Parkbank um 5 Uhr morgens“ einzusortieren, nicht ganz sicher, welche dieser Varianten nun wirklich erträglicher war. Südafrika ist kein allzu schmutziges Land, insbesondere verglichen mit meiner geschätzten Heimatstadt. Wir arbeiteten aber schwer daran, es zu einem solchen werden zu lassen, jedenfalls in unserem direkten Umfeld. Ohne Absicht selbstverständlich. Das Wort von den Sachzwängen, es wurde für uns erfunden.

Aus genau jenen heraus war es nach dem Abschied von unseren so netten wie günstigen Gastgebern unvermeidbar, mit vollem Gepäck das Stadion anzusteuern. Denn natürlich gab es vor der Abreise noch eine Afrika-Cup-Partie, schließlich ist man ja nicht zum Spaß – nun, ich erwähnte es vermutlich schon. Und es bleibt gelogen.

Ein wenig verstörend, dass der Ordner am Stadiontor mich angesichts des in meinem Rucksack befindlichen Haufens von Schmutzwäsche sowie einem Collegeblock korrekt als Student identifizierte. Mir ist das südafrikanische Bildungssystem nicht vertraut, gänzlich frei von Problemen scheint es jedoch nicht zu sein. Aber was ist das schon, so fremd, wie mir der Zustand der Problemfreiheit bei brüllender Hitze in einem nicht übel gefüllten Stadion mit einem 15-Kilo-Rücksack auf dem Rücken und einer Kameratasche über die Schulter vorkam. Global betrachtet möchte ich mich hierüber nicht beschweren, lokal war es durchaus anstrengend.

Das Spiel zwischen dem Kongo und Mali war nach einer Viertelstunde durch, danach verweigerte sich jegliche Form von Ereignis, noch einmal auf dem Spielfeld Präsenz zu zeigen. Nach drei Minuten per Elfmeter die Führung für die – so absurd das bei einem solchen Turnier klingen mag – Gastgeber. Kongo war weiter. Nach 15 Minuten der Ausgleich Mali war weiter. So weit, so unspektakulär. Ein krasser Gegensatz zum gestrigen aufopferungsvollen Kampf der Bafana Bafana. Eher lauer Sommerfußball. Für meinen Geschmack an diesem Tag aber auch sehr akzeptabel, schließlich standen noch genügend sich potentiell überschlagende Ereignisse an.

Mach es gut, Moses Mabidha. Ich bin froh, deinen Namen nicht mehr schreiben zu müssen und werde es vermutlich nie lernen, an welcher Stelle jenes für die Aussprache vermutlich völlig irrelevante „h“ steht. Dennoch, schön warst du. Und großartige Momente hast du uns gegeben in diesem Turnier. Mach es gut.

Die Fahrt zur Durban Station, sie verlief, so zeitlich eng sie geplant war, völlig ohne Probleme. Südafrika hat doch immer wieder das Potential, den geneigten Reisenden zu überraschen. Selbstverständlich aber hatten wir in den vergangenen Tagen (und ganz besonders am Vormittag jenes Tages) auch ausreichend Erfahrung mit der Metro Rail gesammelt, sodass es schlechterdings unmöglich gewesen wäre, uns aus dem rudimentär vorhandenen Konzept zu bringen.

Diesmal fanden wir auf Anhieb die Busse der korrekten mit „Inter“ anfangenden Reisefirma. Allerdings nicht denjenigen nach Johannesburg. Zumindest war er nirgendwo aufgeführt. Es mag nun sein, dass Intercity viele schöne Ziele ansteuert; dieses aber war unseres. Nach einiger Verwirrung, zu der insbesondere die Mitarbeiter des Reiseunternehmens (Officers, alles Officers) lebhaft beitrugen, bestiegen wir dann doch einen Bus, der uns zur Johannesburger Park Station bringen sollte.

Unsere eigentlich fest gebuchten Sitzplätze wurden seitens der Reiseleiterin generös in eine freie Platzwahl umgedeutet, was uns angesichts des gut gefüllten Gefährts abermals in Jubelstürme ausbrechen ließ. Jene blieben ohne Erfolg, weswegen D. sich einen Luxusplatz in der letzten Reihe sicherte und ich, der ich geringfügig später den Bus betreten hatte, auf einen Sitz (vielmehr: einen halben) neben einer etwas fülligeren (vielmehr: erstaunlich übergewichtigen) Dame fiel (vielmehr: vorsichtig versuchte, wenigstens wenige Quadratzentimeter an Sitzfläche zu erlangen).

Intercity ist die günstigere Variante der Greyhound-Busse. Das erkennt man durchaus ganz gut daran, dass an der Eingangstür niemand steht, der größeres Interesse zeigen würde, etwaige fliegende Händler nicht durchzulassen. So durchquerten in der folgenden völlig überflüssigen einstündigen Wartezeit etwa zweihundert von ihnen den Bus, im Sortiment größtenteils Plastikwaffen jedweder Couleur.

„It’s all bright and shining“, so raunte einer von ihnen verschwörerisch in meine Richtung. Ja, unbekannter Plastikmüllverkäufer, du weißt etwas von der Welt. Genau so war es. Wir, Durban, werden uns wiedersehen. /juli

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Diffidati

Ein Spiel im Kiez. Klingt erstmal gar nicht so massiv ungewöhnlich für die Auftritte der Lila-Weißen in dieser Saison und Liga, bedeutete in diesem Fall aber wirklich nur einen etwa zwanzigminütigen Fußmarsch von der eigenen Haustür bis zum Stadion. Also in etwa die zu erwartende Laufleistung der auflaufenden Akteure, womit man als Fan ja schon mal seinen Anteil am bevorstehenden Auswärtssieg hatte.

Zum BSV Hürtürkel also. Neuköllner Traditionsverein, wie man hörte und sah. Als Traditionsverein nämlich belässt man es selbstverständlich nicht mit den in der Berlin-Liga üblichen Eintrittspreisen, sondern verlangt durchaus auch mal 10 Euro für einen Stehplatz. Über eventuell existierende Sitzplätze ist bisher nichts überliefert. Legitim, könnte man meinen, würde man etwa an ein Zweitligaspiel anderer, hier nicht genannter Berliner Vereine gegen den hamburger sportverein denken. Oder so. Bei einem mittwöchigen Nachholspiel in Liga sechs eventuell etwas überzogen. Sah nicht nur ich so, sondern auch mehr als genug andere. Wenn dieser Verein schon, wie nun mehrfach berichtet, den Grauen Wölfen nahesteht, dann müssen sie von uns sicher nicht profitieren. Nicht bezüglich der Einnahmen und, wenn möglich, bitte auch nicht sportlich.

Und von ihm sowieso nicht.

Und von ihm sowieso nicht.

Die Fontanestraße ist sicherlich keine der prominenteren Adressen dieses wunderschönen Stadtteils. Dennoch führte sie uns direkt hinter den Zaun dieses wunderbaren Kunstrasensportplatzes, auf dem bald schon die Akteure der lila-weißen Borussia jeglichem eventuell erscheinenden Gegner zeigen sollten, was eigentlich dieses Spiel namens Fußball bedeutet. Eine ganze Fanszene hinter einem Zaun – in etwa so stelle ich mir die Gefangenensammelstelle Hohenschönhausen vor.

Wobei die da bestimmt kein Sterni haben. Neues Objektiv übrigens, Beifall bitte.

Wobei die da bestimmt kein Sterni haben. Neues Objektiv übrigens, Beifall bitte.

Etwas unterhaltsamer als dort war es, so vermute ich, durchaus. Angenehmer Support, eilends vom nächstgelegenen Späti organisierte Bierkästen, eine schwungvolle Anfangsphase. Lief ja ganz gut. Bis zum ersten Gegentor, wie meistens. Dass diesem ein Ausgleichstor folgte, gehört zu den positiveren Aspekten jener Begegnung. Dass dieses heckenbedingt eher unsichtbar für die Mehrzahl der Beteiligten war – nun, ist halt Fußball.

Aber man sah schon gut.

Aber man sah schon gut.

Hürtürkel hatte jedoch bereits realisiert, dass die nicht allzu kurze Winterpause tatsächlich beendet war. Dies äußerte sich in einem wiederum raschen Gegenzug und dem Führungstreffer. Immerhin nicht per Fallrückzieher aus zwanzig Metern wie jüngst in Adlershof, durchaus aber mit so geflissentlichem wie berechtigtem Ignorieren der gegnerischen Abwehrversuche.

Durch kam halt außer Hürtürkel keiner. Auch dieser Eiswagen verkaufte keineswegs Eis.

Durch kam halt außer Hürtürkel keiner. Auch dieser Eiswagen verkaufte keineswegs Eis.

Wie das nun einmal in diesem Sport der Fall sein kann, folgte auf ein 2:1 auch ein 3:1. Der insgesamt sehr souveräne und für die Verhältnisse dieser Liga erstaunlich normalgewichtige Schiedsrichter ließ unfassbarerweise wirklich mal einen Vorteil laufen, was einer jener gewiss höchst prominenten, für mich aber namenlosen Hürtürkel-Spieler für einen wunderbaren Heber nutzte. Der ziemlich ordentlich saß. Kann passieren. Gerade bei TeBe.

Ähnlich ansprechend war das 4:1, bei dem der lila-weiße Torwart die Annehmlichkeiten eines Kunstrasenplatzes liegenderweise angemessen auskosten konnte. Etwas blöd, so vor der Pause. Man fühlte sich ein wenig wie Wolfsburg am Tag zuvor im Pokal gegen den FC Bayern. Nur, dass noch deutlich mehr Zeit zu spielen, vielmehr: Zu verspielen war.

Und die Spannung war sowas von hoch.

Und die Spannung war sowas von hoch.

Das jedoch passierte nicht. Unter dem frenetischen Jubel der angereisten Jahnsportplatzverweigerer hielt TeBe heldenhaft das 1:4 und verwies somit den VfL Wolfsburg auf die Plätze. Auf welche Plätze genau, dies wird von zukünftigen Blogautorengenerationen zu klären sein. Und genau auf diese verweise ich nunmehr, verbleibend mit dem Hinweis auf ein sicherlich wiederum unvergessliches Erlebnis beim Heimspiel gegen Mahlsdorf am kommenden Sonntag. Vorher irgendwann spielt auch noch der Magische FC. Ich wollte es bloß gesagt haben. /juli

Zu den üblichen Dramen

Ein Versprechen nicht einzulösen, das kommt selten vor bei mir. Diesmal war es ein halbes Versprechen, das ich erst jetzt und auch nur halb einlösen werde. Während sich diverse Autoren dieses Blogs (vulgo: Ich) mit Unwichtigkeiten wie dem Afrika-Cup, Umzügen, einem Studium und dem Versuch, weiterzuatmen beschäftigten, trudelte auch der Magische FC wahlweise dem Untergang oder der Rettung entgegen. Gegen Cottbus, in Sandhausen, gegen Köln und Frankfurt, in Aalen, gegen Regensburg, bei Union, gegen Paderborn und zuletzt in Dresden. Neun Spiele dieses Jahr. Null Worte dazu von meiner Seite. Ein unhaltbarer Zustand, das sehe ich ein. In etwa so unhaltbar wie Kopfbälle unseres Torhüters. Aber beginnen wir am Anfang.

Oder besser doch nicht. Cottbus. Kann man überspringen. Ich für meinen Teil war da gerade in Kapstadt. Scheint mir die bessere Entscheidung gewesen zu sein, so ketzerisch das in den Ohren des wahren Fans auch klingen mag. Aber gut, es gibt auch Menschen, die duschen freiwillig kalt. In dem Fall, habe ich mir sagen lassen, war es eher lauwarm. 0:0 jedenfalls. So wie im letzten Spiel vor der Winterpause. Habe bis heute keine bewegten Bilder davon gesehen. Ob ich das im Alter noch bereuen werde, weiß ich nicht.

Im Alter jedenfalls bereuen werde ich, das darauffolgende Spiel tatsächlich im Fernsehen verfolgt zu haben, in der wie üblich wunderbaren Astra-Stube Neukölln, frisch zurück aus Afrika, braungebrannt, verarmt und in mäßiger Vorfreude auf Liga 2. Ach was, in totaler Vorfreude eigentlich. Mit hohen Erwartungen und großen Hoffnungen. Wer verliebt ist, der denkt nicht klar. Erst recht nicht nach wochenlanger Abstinenz. Und in der Mehrzahl der Momente ist das auch gut so.

Man kann sagen, wir haben wenigstens mal wieder ein Tor geschossen. Dass es nach einem mehr als zweifelhaften Elfmeterpfiff fiel, nun, das darf man gerne verschweigen. Ähnlich wie die vier Tore, die der SV Sandhausen zuvor schoss. Irgendwo zwischen Lachen und Weinen, irgendwo zwischen Regensburg und Heidelberger Vorstädten, zwischen Erhängen und Erschießen überstand man auch das. Es ist gelegentlich ein erstaunlich hilfreiches Getränk, dieses Astra.

Konnte ja nur besser werden. Und: Wurde es auch. Wieder einmal Astra-Stube Neukölln, die Fußballreisenkasse muss sich erstmal wieder füllen nach diesem Afrika-Parforceritt. Diesmal Heimspiel. Diesmal Frankfurt. Diesmal Sieg. Diesmal Ginczek. Ginczek, Ginczek, Ginczek. Keine Ahnung, wer zuletzt dreimal in einem Spiel für den Magischen FC traf. Verdient aber war es. Eine der besseren Saisonleistungen, ein Funke Hoffnung im sich nach den letzten mäßigen Auftritten langsam doch wieder anbahnenden Abstiegskampf. Viel zu viel Glücksgefühl also, um noch großartig darüber schreiben zu müssen, nicht wahr?

Schon wartete nämlich der große Verein meiner Heimatstadt, ein wesentlich weniger magischer FC. Montagabends, zu meiner erklärten Lieblingszeit also. Weil sie neben dem lieben Geld auch diesmal meine Entschuldigung war, das Spiel in einer eventuell bereits genannten Berliner Lokalität zu verfolgen. War auch gar nicht mal so gut insgesamt, also das Spiel, nicht die Lokalität. Eventuell hätte man einen Punkt holen können. Hat man nicht. Christian Clemens wird wissen warum. Vielleicht weiß der auch, weswegen ich in meiner Erinnerung die Reihenfolge der Spiele gegen Frankfurt und Köln vertauschte. Egal. Drei Punkte sind drei Punkte, null sind null. Sollen mich die Statistiker doch steinigen – meine Anschrift gibts im Impressum.

Aalen schreibt sich mit zwei A und besiegt sich mit einem Tor. Das man durchaus früher hätte machen können, aus Rücksicht auch auf meinen Gesundheitszustand. Ginczek, wieder einmal. Per zweifelhaftem Elfmeter wieder einmal. Nach einer beeindruckenden Energieleistung, einem Sprint, einem Dribbling gefühlt über den gesamtem Platz, in der letzten Spielminute. Scheint doch nicht so ungesund zu sein, die Luft dort unten. Vielleicht würde es sich lohnen, ein wenig davon nach Hamburg zu importieren.

Beispielsweise für Heimspiele gegen Regensburg, wenn auch zu hoffen steht, dass dies das vorerst letzte dieser Art gewesen sein dürfte. Wer sich definitiv vorerst verabschiedete, war Daniel Ginczek. Mit der ungefähr dämlichsten Mittelliniengrätsche eines Stürmers, die ich… nun gut. Ist ja passiert, und auch wenn ich mich in diesem gesamten Text nicht richtig für eine Zeitform entscheiden werde können, die Sperre wird inzwischen abgelaufen gewesen sein. Dass man sich als Magischer FC, der etwas auf sich hält, direkt nach so einem Platzverweis noch den Ausgleichstreffer einfängt, bedarf keiner weiteren Erwähnung. Dass man wiederum in der Nachspielzeit in persona Florian Bruns zum Sieg trifft, umso mehr. Hat geholfen, die Aalener Luft.

Eines meiner Saisonhighlights natürlich die Partie an der Alten Försterei bei Union. Halte ja von Blutsbrüderschaft und dem ganzen Quatsch nix, logisch als Sympathisant eines üblicherweise in lila-weiß spielenden Berliner Vereins. Trotzdem schönes Stadion, lauter Support und meistens sehr intensiv geführte, interessante Partien. So kam es. Zweimal zurückgelegen. Zweimal ausgeglichen. Nochmal zurückgelegen. Vergessen, auszugleichen. Weiter zurückgelegen. Spiel vorbei. Intensiv, man merkt es. Davor und danach ganz viel Familientreffen und, ich muss es gestehen, nicht allzu wenig Alkohol. Diese Fußballfans eben, weiß man ja. Deswegen auch keine Fotos, beziehungsweise lediglich eins. Man kann es sich aber auch gut vorstellen, ohne es zu sehen. Es sind zwei Flaschen Beck’s Gold darauf abgebildet. Warum, weiß ich nicht. Behaupte ich mal.

Ein wenig ausgenüchtert notgedrungen dann am Folgespieltag doch wieder Fernsehfußball. Gegen Paderborn zu führen, war kein revolutionäres Erlebnis in dieser Saison. Den Ausgleich zu kassieren: Auch nicht. Immerhin nicht durch einen Ex-Spieler der Braun-Weißen. Deren zwei aber schossen Paderborn in Front, abermals Deniz Naki sowie der erst im Winter an die Pader (gibts die?) gewechselte Mahir Saglik mit einer Koproduktion. (Ja, die gibts. Aber die Born?) Typisch für den FC St. Pauli dieser Saison ist, dass er auf alles eine Antwort weiß. Häufig ist es zwar die falsche Antwort, noch häufiger passt sie nicht einmal zur Frage und so gut wie immer ist sie völlig absurd, aber in diesem Fall eben nicht. Nun, Letzteres vielleicht schon. Philipp Tschauner, seines Zeichens Torwart. Seines Zeichens Schütze des Ausgleichstors gegen den SC Paderborn. Es gibt viele Wege, sich zur Legende zu machen. Dies ist eventuell einer davon.

Was fehlt, ist Dresden. Genau genommen fehlt Dresden niemandem. Erstens, weil es ja da ist und zweitens, weil es, selbst wenn das nicht der Fall wäre, nicht viele Gründe birgt, vermisst zu werden. Das haben die Alliierten damals schon ri… ach, egal. Es geht ja um Fußball. Und so schön Dresden städtebaulich sein mag, so unschön sind nun mal viele Teile der Fanszene der SG Dynamo. Die haben die Alli… Fußball. Der großartigste Fanclub der braun-weißen Berliner Welt organisierte einen Bus. Ein Grund für mich, dann doch mal wieder auswärts zu fahren. Abgesehen davon, dass ich auch noch Geburtstag hatte. Das einzige noch schönere Geschenk als ein St.-Pauli-Spiel ist bekanntlich ein Auswärtssieg.

Sagen wir es einmal so: Den gab es nicht. Ich verweise diesbezüglich gerne auf meinen Bericht zum magischen 3:2-Sieg im Hinspiel. Man lese ihn einfach genau umgekehrt, wie auch immer das funktionieren mag. Dann kommt dabei eventuell ein detaillierter Bericht über die Ereignisse des Rückspiels raus. Wenn nicht, dann nicht. Service: Nach 2:0-Führung 2:3 verloren. Kann man machen, muss man nicht. Der Rest ist wieder einmal Schweigen und Fassbier. Fotos? Nö. Demnächst mal wieder.

Wo stehen wir also nun? Wir stehen, wo niemand stehen will, wollen dort aber gerne bleiben. Mittelmaß, grauestes, unterstes. Sieben Punkte entfernt vom rettenden Ufer Relegation, allerdings wohlgemerkt von oben. Es könnte also schlimmer sein. Über den Aufstieg zu reden, erspare ich uns allen an dieser Stelle. Über den hsv reden könnte man hingegen zur Ablenkung durchaus ein wenig, so ein 2:9 gegen den FC Bayern darf schließlich nicht allzu schnell in Vergessenheit geraten.

Bei allem Reden, allem Schreiben, allen jetzt endlich auch verlorenen und losgewordenen Worten: Gewonnen werden muss, so einfach ist das. Beispielsweise am Samstag gegen 1860. Mir persönlich jedenfalls käme das gar nicht mal so ungelegen. /juli

Durban, 27.01.2013 – And united we shall stand

Wir aber. Wir können mehr als Urlaub. Oder wollten zumindest mehr können. Teilhaben an diesem Fieber, in dem sich ganz Südafrika nun befand, an diesem Tag des letzten, entscheidenden Gruppenspiels der Bafana Bafana. Jenem Tag, an dem die Entscheidung fallen sollte zwischen Blamage oder Fortsetzung des großen Traums, Sommermärchen oder nicht. Eine Spannung in der Luft, wie sie nur ein solches Turnier mit sich bringen kann, nur das Spiel des Gastgebers, nur die Millionen von Menschen im ganzen Land, deren Blick am heutigen Abend nach Durban gerichtet sein würde. Wir waren dort. Wir konnten dabei sein. So merkwürdig selbstverständlich es uns vorgekommen sein mag, so großartig war es vielleicht.

Sie mehrten sich, die Vorzeichen des nahenden Sturmes. Ein schwäbisches Pärchen checkte in unser Hostel ein. Zum ersten Mal musste ich wieder an Berlin denken. In diesem Fall waren es aber tatsächlich schwäbische Schwaben, also Schwaben, die ganz besonders zu ihrem Schwabentum stehen und daher ihren schwäbischen Wohnort tatsächlich nicht verlassen haben. Bis zu diesem Zeitpunkt. Mir ist sowas zugegebenermaßen relativ egal. Es war aber immer mein Vorsatz, niemals ein Klischee unerwähnt und unbeschrieben zu lassen. Nun, in jedem Fall wurden die beiden neuen Gäste von D. und mir innerhalb weniger Sekunden für Fußball im Allgemeinen, den Afrika-Cup und die Bafana Bafana im Besonderen begeistert und beschlossen, sich ebenfalls Tickets für das abendliche Spiel zu besorgen. Vielleicht hätten wir uns für das Marketing des AFCON bewerben sollen, anstatt mit Kamera, Laptop und Unmengen schmutziger Wäsche quer durchs Land zu reisen. Wobei ich vermute, dass dies nicht so weit entfernt vom Berufsbild eines AFCON-Marketing-Mitarbeiters sein dürfte.

Unser Fußballtouristenberufsbild hingegen sah vor, den Tag völlig paralysiert zu verbringen. Ich könnte nicht einmal sagen, womit genau. Vermutlich mit Sonne, Strand und Durban, was grundsätzlich ohnehin eine gute Idee ist. Gibt es in Berlin alles nicht. Und nach meinen Informationen auch nur selten in Hamburg, oder wo auch immer genau Kollege D. momentan gerade rumturnt und zukünftig noch rumturnen wird.

Weniger erfolgreich jedenfalls unser Besuch an jenem Bahnhof, den man zwar als Main Station bezeichnen, dann aber auf der Suche nach ihm nicht auf die Hilfe Einheimischer hoffen darf. Der Durbaner an sich bezeichnet seinen Hauptbahnhof ungern als Hauptbahnhof. Das Shosholoza-Büro, bei dem wir unsere Tickets für die in einigen Tagen anstehende Zugfahrt nach Port Elizabeth erwerben wollten, hatte selbstverständlich geschlossen. Die Absurdität der angegebenen Öffnungszeiten ließ darauf schließen, dass es möglicherweise einen nicht allzu kleinen Zusammenhang mit dem abendlichen Fußballspiel gab. Ach, man kann ihnen ja nicht böse sein, nur weil sie die richtigen Prioritäten setzen. Wozu arbeiten, wenn doch Südafrika spielt?

Moses Mabidha war ausverkauft. Für mich bedeutete dies ausnahmsweise mal Holzklasse, lediglich zweite Kategorie. Für 70 statt 100 Rand, 6 statt 8 Euro. Irgendwo im Oberrang also. An sich aber auch egal, in diesem wunderbaren Stadion kann man ohnehin vermutlich sogar noch vom Parkhaus aus perfekt sehen.

Ebenjenes betrat ich dann auch zwecks Ticketkauf für das Spiel am nächsten Tag, nachdem ich mir von hilfreichen Ordnern den Weg zum Ticket-Office hatte weisen lassen. Keine gute Idee. Zwar versprach mir der Polizist am Einlass, mich wieder zurück zum Stadion zu lassen. Leider wurde er abgelöst, direkt nachdem ich den nur mit meiner (inzwischen entwerteten) Eintrittskarte zugänglichen Bereich verlassen hatte. Selbstverständlich mit Kamera im Gepäck. Nun stand ich also ohne gültige Karte außerhalb des Stadions, immerhin aber mit einer Fotoausrüstung, für deren Mitnahme ins Stadion schon bisher nicht meine Eintrittskarte, sondern vielmehr der liebe D. hilfreich war. Eine Situation, die sich durchaus verbessern ließ.

Zuständig für die Verbesserung jedweder Lebenslage sind natürlich die überall zahlreich vertretenen Volunteers. Überall zahlreich außer in diesem Parkhaus. Das ich im Übrigen weder in Richtung Stadion, noch in Richtung Stadionvorplatz verlassen durfte, schließlich war mein Ticket bereits entwertet. Immerhin wurde ich insoweit beruhigt, dass ich vielleicht ein oder zwei Stunden nach Spielende das Gelände verlassen dürfe. Der Ticketshop habe im Übrigen geschlossen und läge außerdem in einer völlig anderen Richtung.

Diese verlockenden Aussichten brachten mich dazu, wieder einmal die bewährte Mischung aus latenter Aggressivität und schlechtem Englisch anzuwenden, von der ich hoffte, sie würde mich zumindest an einen etwas interessanteren Ort als das Parkhaus von Moses Mabidha bringen.

Tat sie auch, nämlich, begleitet von einem plötzlich auftauchenden Volunteer, direkt in den VIP-Aufzug des Stadions. Leider wurde ich bereits deutlich vor den Logen wieder abgesetzt, immerhin aber wieder auf der richtigen Seite der Stadiontore. Ein durchaus sehr überflüssiger Ausflug dennoch.

Jedenfalls aber ein guter Grund, nunmehr möglichst schnell für angemessene Verpflegung zu sorgen. Um es vorwegzunehmen: Halal-Chickenburger fallen nicht in diese Kategorie. Eine klebrige, brötchenähnliche Substanz, die, auf jegliche Saftigkeit oder gar Frische verzichtend, etwas umklammert, das verdächtig nach einem von einem Streufahrzeug überfahrenen Igel aussieht, ist nicht das Nonplusultra der südafrikanischen Küche. Noch nicht einmal im Stadion, wie ich zuvor bereits ja schon mehrfach hatte erfahren dürfen.

Wenn schon die Projekte Ticket und Essen scheiterten, musste dies wohl durch ein rauschendes Fußballfest ausgeglichen werden. Geht ja nicht anders. Beispielsweise eine heroisch kämpfende südafrikanische Mannschaft, die, obgleich zweimal gegen den marokkanischen Gegner in Rückstand geraten, niemals zurücksteckt, nie aufgibt und tatsächlich zum rettenden Ausgleich kommt. Beispielsweise eine wahnwitzige Viertelstunde, in der neben Südafrika und Marokko zwischenzeitlich auch die in Port Elizabeth aufeinandertreffenden Teams von Angola und den Kapverden die nächste Runde erreicht hätten. Beispielsweise Ekstase und Leidenschaft auf den Rängen, die sich auf den Rasen überträgt und jeden zu Höchstleistungen anstachelt, bis der Schlusspfiff ein ganzes Stadion, eine ganze Stadt, ein ganzes Land in Euphorie versetzt.

Ja, so musste es wohl sein an diesem Abend in Durban. Und genau so kam es. Einer dieser Abende, für die Fußball erfunden wurde. Das vielleicht nicht beste, mit Sicherheit aber eins der spannendsten Spiele dieses Turniers. Man stelle sich einfach das Gegenteil des soeben beschriebenen Chickenburgers um und übertrage diese Vorstellung auf ein Fußballspiel. So in etwa war das. Saftig, frisch, schmackhaft und keineswegs vom Streufahrzeug überfahren. Dazu noch, endlich, wieder in Gesellschaft unserer verschollenen Mitreisenden M. und T. Insgesamt also jenes Stadions würdig, dessen korrekte Schreibweise ich mir wohl nie werde merken können.

Ganz Durban tanzte in den Straßen, zumindest kam es mir so vor. Wir nicht. Schließlich war das hier ja immer noch kein Urlaub. Unsere sämtliche europäische Neutralität zusammenraffend, traten wir ein letztes Mal den Weg zum Hostel an. Ins Bett zu fallen war eine der leichtesten Übungen an diesem Tag. /juli