Wie buchstabiert man eigentlich Liebe?

Wo schlägt eigentlich dein Herz? Meins, das schlägt an einem oftmals viel zu weit entfernten Ort. Meins, das schlägt natürllich links, in einiger Hinsicht – aber längst nicht nur. Meins schlägt auch weit im Norden. Am Millerntor. Manchmal setzt es auch aus. Dann bin ich mir ziemlich sicher, dass ich sterben muss. Aber das bin ich bisher noch nie. Ein gutes Zeichen dafür, dass es weiterschlägt.

Es ist ein langer Weg, der dorthin führt. Wir traten ihn an, fast nüchtern, fast pünktlich, fast ein bisschen optimistisch. Hafengeburtstag, ganz nette Sache irgendwie. Ja, St. Pauli spielt auch. Genau: Das ist diese Sache, die einem seit Monaten konsequent jedes Wochenende versaut. Die Helden von Sandhausen und Regensburg, die Meister der stillstehenden Herzen. Die, die so gar nichts auf die Reihe kriegen. So wie wir, nur besser bezahlt. Wahrscheinlich.

Rathenow, Stendal, Uelzen. Das sind tatsächlich Städte, Städte mit Bahnhöfen sogar. Vier Stunden war sie weg, die Elbe. Vier Stunden – das sind umgerechnet glatte zweieinhalb Heimniederlagen. Man hat, in Berlin lebend, ein hartes Los. Zumindest einmal alle zwei Wochen.

Es gibt Menschen, die wünschen mir ein Stadionverbot. Menschen sogar, die nebenberuflich nicht als Innenminister arbeiten. Neun Spiele, kein Sieg diese Saison für mich, das klingt nicht eben nach Europapokal. Es sei denn, man heißt Schalke. Aber so hieß, soweit ich mich erinnern kann, niemand von uns. Wie auch immer wir hießen, wir kamen an. Irgendwie.

Eine der besten Gastgeberinnen der Welt hatte sich ihren ruhigen Abend redlich verdient, also ging es nur zu zweit Richtung Hafengeburtstag. Vorbei an so vielen Dingen, die man an keinem Ort der Welt jemals hören oder sehen möchte, außerdem an einigen Fischbrötchen, Richtung Hafenstraße. Wo natürlich, die braun-weiße Welt ist ein Dorf, bereits das halbe Ruhrgebiet rumstand. Von dem ich mich gefühlt erst gestern, in Duisburg, nach einem kaum so zu bezeichnenden Fußballspiel und einem großartigen Gartennachmittag, verabschiedet hatte. Der Abend wurde auf angemessene Weise viel zu lang. Die Nacht dafür unangemessen kurz, wie sich eben alles im Leben ausgleicht. Aber die Gastgebergötter hatten ja für Frühstück gesorgt.

Ein wenig Bundesliga. Klassenerhalt für Werder, schön. Für Düsseldorf leider nicht. Mein Tunnelblick in Richtung Sonntagmittag erlaubte mir ohnehin nicht, mir um diese Dinge Sorgen zu machen. Es gibt Schlimmeres als Abstiege in Liga 2. Ohnehin gibt es Schlimmeres als Abstiege. Einen mitzuerleben, das wollte ich mir dennoch möglichst ersparen.

Natürlich lief man wieder den selben Menschen über den Weg. Das macht den Reiz dieses Viertels ja gerade aus. Den dieser Fanszene sowieso. Mit einer größeren Menge Halblitergefäßen ausgerüstet also wieder zurück Richtung Hafenstraße, zu einer quasi exakten Wiederholung des Vorabends. Nur in schöner. Und, nach Ankunft der zweiten Berliner Reisegruppe, in noch mal viel länger.

War keine so gute Idee, schließlich hatte ich noch drei Karten von zwei verschiedenen Menschen abzuholen. Das Ganze auch noch auf relativ komplexe Art und Weise. Bei St. Pauli kauft man Tickets für Heimspiele schließlich nicht normal, jeder Kartenkauf ein unvergessliches Erlebnis. Immerhin nur 45 Minuten später als geplant war tatsächlich auch das geschafft und jeder versorgt. Manchmal frage ich mich, wie ich eigentlich so ganz ohne Notizblock und Terminkalender auskomme, aber es funktionierte.

Einen Dresdner Quotenbremenhamburger einsammelnd, ging es endlich an den Ort, mit dem mich seit geraumer Zeit die wohl größte Hassliebe meines bisherigen Lebens verbindet. Womit ich die Südkurve keineswegs beleidigen möchte, sie kann meistens nichts dafür. Abschied von 8 und 9, Flo und Ebbe, Derbysiegern, Aufstiegshelden. Von einem Stück Vereinsgeschichte. Und schon wieder ganz viel Liebe.

Was dann passierte, habe ich vermutlich geträumt. Nach 12 Minuten stand es so unerklärlich wie hochverdient 2:0. Nein, nicht für Braunschweig. Für diesen magischen Abstiegskandidaten, der doch niemals was reißt, wenn es wirklich so richtig drauf ankommt. Für Trümmertruppe und Zweitligauntauglichkeit, für Torschusspanik und Zweikampfvermeider. Oder war es doch Bayern gegen Barcelona? Mein Ticket behauptete anderes. Die zeitweise gigantische Lautstärke auf den Rängen auch. Und doch viel, viel Anspannung. Man hatte in dieser Saison zu viel erlebt, um sich irgendwelcher Dinge sicher sein zu können.

Komischerweise klappte bis zur Pause alles. Nun, nicht alles. Aber ein Maximum der Bedeutung, die der FC St. Pauli in den Satz „Es klappte alles“ zu legen in der Lage ist. Und es hätte sogar noch mehr sein können, fast zu wenig dieses 2:0. Für meine Nerven zu wenig ohnehin, selbst wenn die Halbzeitführung des VfR Aalen gegen Dresden dann doch für etwas Beruhigung sorgte. Man hat ja als Kunde eines grünen Mobilfunkanbieters in den seltensten Momenten Internet, am Millerntor ohnehin nie. Und es gab so dermaßen viel anderes zu tun, als auf ein Smartphone-Display zu schauen. Selbst wenn ich irgendwo vor, neben oder hinter mir ausreichend Platz für den Versuch gehabt hätte.

Natürlich durfte es nicht ganz so einfach sein. In den ersten 25 Minuten des zweiten Durchgangs sorgte Braun-Weiß deswegen dafür, dass es doch noch ein wenig spannend blieb und entschied sich für eine kurze Auszeit. In der Braunschweig zur allgemeinen Überraschung keine drei Treffer erzielte. Auch keine zwei. Ich wage kaum, es zu schreiben: Nicht einen. Und es wurde zunehmend absurder. Bartels traf auf Vorlage unserer eben verabschiedeten Nummer 8. Gar keine Zeit, sich darüber zu freuen – gefühlte Hundertstelsekunden später imitierte ebenjene Nummer 8 im gegnerischen Strafraum einen mittelgroßen Reisebus beim Versuch einer 180-Grad-Drehung und schob dann lässig ein. Was für ein Abschied. Und es klappte, unfassbar, einfach alles. 4:0. Gegen den Aufsteiger. Der Gästeblock wirkte latent irritiert, war aber ohnehin längst schon nicht mehr zu hören. Obwohl es so aussah, als würden sie weiterhin versuchen, Geräusche von sich zu geben.

Ein Gast fehlte noch auf dieser Party. Die Nummer 9, Marius Ebbers. Torschützenkönig beim Aufstieg, leider seitdem auch nicht jünger geworden. Trotzdem auch er einer der ganz großen der letzten fetten Jahre, die noch 73 Minuten vor seiner Einwechslung so weit weg erschienen waren. Noch ein letzter Auftritt am Millerntor.

Was soll ich sagen? Natürlich krönte er ihn. Es passierte genau das, was jeder Drehbuchschreiber als völlig unrealistisch und viel zu kitschig verworfen hätte, was man in all seiner Rosabrillenhaftigkeit nicht einmal in einem Rosamunde-Pilcher-Film erwarten würde. Marius Ebbers traf. In Minute 87. Zum 5:0. Gegen den Deutschen Meister von 1967, die überragende Mannschaft der Hinrunde, den künftigen Erstligisten. Ganz egal, gegen wen – genau das wäre heute auch gegen jeden anderen passiert. Jeden. Warum, das weiß ich nicht. Das weiß niemand so richtig, glaube ich. Und es ist auch egal. Es passierte, weil es so sein musste. Weil es genau das war, was dieser Verein, diese Mannschaft, diese Fanszene gebraucht hatten. Nicht nur tabellarisch, vielmehr für das immer, immer weiterschlagende Herz.

Irgendwer in Blau-Gelb fand es dann ganz unterhaltsam, doch noch ein Tor zu schießen. War auch nicht weiter wichtig. Es standen Tränen an. Vor Freude und, ein wenig, vor Wehmut. Tausende auf den Platz fliegende Kuscheltiere begleiteten die Mannschaft bei ihrer Ehrenrunde, auch das deutlich zu kitschig für anspruchsvolleres Kino. Egal. Eine kleine Abschiedsrede von den beiden, deren Tag dies ganz besonders war. Donnernde Wechselgesänge – damit du gewinnst. Was du gerade so überzeugend getan hattest, wie es wohl keiner erwartet hätte. Trotz meines leicht angetrunkenen 4:1-Tipps am Vorabend. Eine kleine Runde Fußball mit einem hsv-Kuscheldino, der anschließend standesgemäß am Mittelkreis so beerdigt wurde, wie es damals auch diese beiden, die dort zum wohl letzten Mal als Profis auf dem Rasen des Millerntors standen, in diesem magischen Februar 2011 mit seinem Heimatverein getan hatten.

Völlig unrealistisch, das alles. Mit dem Kopf sowieso nicht nachvollziehbar. Auch nicht mit bloßen Worten, so sehr ich mich bemühe. Einfach nur mit dem Herzen. Es schlug. Noch und wieder und weiterhin. In Liga 2 – und im Europacup, in meinen Träumen.

Und damit haben wir sie, die Antwort. Liebe buchstabiert man nicht. Liebe – liebt man. So wie in diesem harten Jahr, so auch im nächsten. Und immer, immer weiter. /juli

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