Johannesburg, 01.02.2013 – Leaving New York, never easy

Wir waren jung und hatten große Pläne. Nun, zumindest war ich jung und D. hatte im weitesten Sinne einen Plan. Man könnte sagen, wir ergänzten uns gut. Nur so gelang es uns schließlich, dieses wilde und grausame Land gemeinsam zu umrunden und all den Löwen und Hyänen zu trotzen, die uns nicht begegneten. Sie wussten, warum.

Auch dieser Johannesburger Morgen lieferte ein gutes Beispiel für unsere harmonische Zusammenarbeit. D. machte sich zu völlig unchristlicher Zeit, also ungefähr gegen neun Uhr morgens, zur Pressekonferenz des afrikanischen Fußballverbands auf. Ich blieb im Bett. Fotografie ohne Akkreditierung hatte im Stadion mit den bekannten Tricks zwar recht gut funktioniert, könnte sich bei einer Pressekonferenz jedoch schwieriger gestalten. So zumindest meine Ausrede. Man darf an dieser Stelle keine allzu hohen qualitativen Ansprüche stellen, nach gut zwei Wochen im Land der zweifelhaften Ausflüchte.

Zudem blieb mir eine wichtige Pflicht. Ich war nämlich zuständig dafür, mehrere tausend in unserem Gepäck befindliche Elektrogeräte aufzuladen. Dabei kam mir zupass, dass sich im Bücherregal des Hostels neben zahlreichen englischen Büchern zu mir völlig unbekannten Filmen auch ein Lustiges Taschenbuch auf Deutsch fand. Das Land der Dichter und Denker hatte also auch in Johannesburg seinen Fußabdruck hinterlassen! Es ging um Agenten.

Donald Duck betrachtend ließ ich meine Gedanken gen Port Elizabeth schweifen. Dies sollte das nächste und für mich letzte Ziel auf unserem Weg durch den Afrika-Cup 2013 sein. Wir hatten uns entschieden, die letzten Kilometer auf ungeahnt luxuriöse Weise zu bestreiten. Der legendäre Shosholoza Meyl sollte es sein, eine jener großen Zugstrecken, die den Kontinent durchziehen.

Als ich allmählich begann, mir Sorgen um die Stromversorgung Johannesburgs zu machen, kam D. endlich zurück. Wir brachten unser durch den Besuch bei F. am Vortag doch beträchtlich angewachsenes Marschgepäck mit einiger Mühe im Rucksack unter und verließen die gastlichen Vierarmigen.

Es erfordert ein mehrjähriges Studium, den Johannesburger Nahverkehr abseits des Gautrain-Systems auch nur ansatzweise zu durchschauen. Er basiert im Wesentlichen auf vier oder fünf Buslinien völlig unterschiedlicher Anbieter, die scheinbar ähnliche, nirgends aufgeführte Strecken fahren, in unerwarteten Momenten dann aber trotzdem überraschend ganz woandershin fahren. Die Lücken zwischen den Bussen werden gefüllt durch sehr ambitioniert besetzte Minibusse, bei denen nicht nur der Streckenverlauf, sondern auch etwaige Haltestellen absolut unklar sind. D. und ich einigten uns nach einstündigem Herumirren darauf, diese Minibusse als Taxis zu begreifen und einfach mal eins anzuhalten. Es funktionierte.

Anhand dieses "Maxi-Busses" kann man sich ganz gut vorstellen, wie groß der Minibus ist.

Anhand dieses „Maxi-Busses“ kann man sich ganz gut vorstellen, wie groß der Minibus ist.

Der Minibus war für sieben Personen ausgelegt und mit dreizehn besetzt, unsere gigantischen Rucksäcke selbstverständlich noch nicht eingerechnet. Mir kam zupass, dass ich in meiner Kindheit zeitweise Bodenturnen betrieben hatte. Wenngleich ich es in dieser Sportart nie zu höheren Weihen brachte, überlebte ich so die allerdings angenehm schnelle Fahrt zur Park Station.

Sofern er sich nicht gerade im Stadion oder im Delirium aufhält, ist das natürliche Habitat des Fußballfans der Eisenbahnwaggon. Es muss jedoch stets für eine angemessene Grundversorgung gesorgt sein. Zu diesem Zweck machten wir uns auf die Suche nach einem Liquor Store. Offenbar sind derartige Einrichtungen im Umfeld von Busbahnhöfen jedoch nicht so beliebt, was auf den zweiten Blick durchaus ein wenig Sinn ergibt. Dann halt kein Alkohol.

Damit wir trotz fehlender Bierflasche als Vertreter unserer Gattung erkennbar blieben, erwarb ich vom offiziellen Puma-Händler an der Park Station ein beeindruckend originales leuchtendgelbes Bafana-Trikot für etwa sechs Euro. Laut Aufdruck war es immerhin „Hergestellt in Sodafrika“, was mich als Lokalpatrioten doch sehr beruhigte.

Belanglose Fotos? At your service!

Belanglose Fotos? At your service!

War uns der Shosholoza als typisch südafrikanisches Fortbewegungsmittel angepriesen worden, so bekam ich daran doch ernstliche Zweifel, als er auf die Minute pünktlich abfahrbereit am Gleis stand. Es gelang, uns ein eigenes Viererabteil zu sichern. So verließen wir denn endgültig Johannesburg – weites Land vor uns, stählerne Schienen unter uns, die Menükarte fest im Blick. /juli

Advertisements

Johannesburg, 31.01.2013 – Vom Bordstein zur Skyline

Ich gestehe, ich mag Johannesburg nicht. Diese Stadt sei, behauptet die Tourist Information, „so wie New York, nur mit netteren Leuten“. Ich schätze, ich hasse New York. Oder nette Leute. Oder aber Touristenbroschüren mitsamt ihren fragwürdigen Werbesprüchen. Alles gut möglich. Immerhin versprach uns diesmal niemand einen bezaubernden Geschenkeshop, wie es im Durbaner Holocaust-Museum noch der Fall war.

Nett sind sie aber bestimmt, die Leute.

Nett sind sie aber bestimmt, die Leute.

Was uns versprochen wurde, war wiederum ein heiterer Aufenthalt an der Park Station, jenem Ort der ausschließlich für die Hände zu benutzenden Waschbecken und speckreichen Frühstücke. Es galt, unseren Gastgeber F. Aufzusuchen, um unser restliches Gepäck seinen gierigen Händen zu entreißen. Vermutlich sollte an dieser Stelle betont werden, dass F. ein sehr großzügiger und netter Mensch ist, der Autor aber gelegentlich ein wenig zu Dramatisierung neigt. Schließlich ist das Abholen von Gepäck grundsätzlich eine Angelegenheit mit überschaubarem Nachrichtenwert. Hier jedoch geht es nicht um bloßes Gepäckabholen – nein, es geht um Gepäckabholen in Afrika!

Was sich letztlich genauso spektakulär gestaltete wie im Rest der Welt.

Ich hatte beschlossen, meinen Aufenthalt bis zum Finale zu verlängern, sofern die Sternenkrieger von Egypt Air mir dies gestatteten. Deren Büro befand sich nicht weit von der Mall in Rosebank, wohin wir uns zunächst begaben.

Dafür, dass ich während meines gesamten Aufenthalts absolut kein Hähnchenfleisch aß, hielten wir uns erstaunlich oft in der Nähe von Kentucky-Fried-Chicken-Restaurants auf, die laut D. nun einmal die zuverlässigsten W-LAN-Lieferanten des ganzen Kontinents seien. Soviel sei gesagt: Afrika ist offenbar nicht die Hochburg der drahtlosen Datenübertragung.

Wohl aber Hochburg der günstigen Beförderungsmöglichkeiten. Der zur Weltmeisterschaft 2010 eingerichtete Gautrain-Bus brachte uns kreuz und quer durch die Stadt, und das dank eines Sonderangebots für umgerechnet etwa 8 Cent. Hier machte sich auch die kürzlich heroisch erkämpfte Gold Card endlich bezahlt. Aufladen lässt diese sich bedauerlicherweise nur an Bahnhöfen, was für den geneigten Busreisenden vermutlich gelegentlich zu Schwierigkeiten führen könnte. Aber es wurde bereits erwähnt, dass das gesamte Konzept jener Karte an der Maxime ausgerichtet ist, für größtmögliche Schwierigkeiten beim einfachen Bezahlen zu sorgen. Vielleicht ist dies ohnehin eine der Maximen Südafrikas an sich. Damit man was zu erzählen hat.

Egypt wollte 3600 Rand von mir, etwa 300 Euro, um den Flug anderthalb Wochen zu verlegen. Angesichts der Tatsache, dass Hin- und Rückflug insgesamt 530 Euro gekostet hatten, erschien mir dies ein wenig zu teuer. Ich musste also mit den Folgen meiner genialen Idee leben, das Turnier bereits nach dem Viertelfinale zu verlassen. Wie bereits erwähnt, gute Planung ist immer das Wichtigste. Ob in äthiopischen Bordellen oder am Grenzübergang Lesothos. Oder auch in jenem Polizeiwagen, von dem möglicherweise noch die Rede sein könnte.

Knopf drücken, Tor schieben, Tür ziehen. Unser Hostel lag offenbar in einer Region, die überwiegend von Lebewesen mit vier oder mehr Armen besucht wurde. Dafür kostete es nicht einmal 10 Euro die Nacht und war auch ansonsten sehr annehmbar. Da musste man nicht mal den durchaus naheliegenden Vergleich zu gewissen Etablissements in Mbombela ziehen. Abendessen gab es möglicherweise auch. Aus Angst vor den Tischsitten von Menschen, die jenes Drückenschiebenziehen-Konzept entwickelt hatten, begaben wir uns aber lieber wieder zurück zur Mall. Selbstverständlich nicht zum erwähnten Hähnchenbräter. Nach den entbehrungsreichen letzten Tagen galt es schließlich, unsere erfolgreiche Umrundung des Landes gehörig zu feiern.

Esst Pizza und mehret euch.

Esst Pizza und mehret euch.

Das geschah mit 300 Gramm Fleisch. Mit Gemüse. Mit Pommes Frites. Mit Zwiebelringen. Mit einer Karaffe wunderbaren Hausweins. Es ist wohl unnötig, zu erwähnen, dass dieses Festessen uns jeweils rund acht Euro kostete. Sofern man hervorragend und günstig essen will und dabei auf drahtlose Datenverbindungen verzichten kann – ich empfehle Afrika.

Im Licht der untergehenden Sonne traten wir den Rückweg zum Hostel an. Ein letzter Abend in Johannesburg, er ging zuende. Rot erleuchtet die Giganten aus Glas und Stahl vor unserem Fenster. Und vielleicht ist sie doch gar nicht so übel, diese Stadt. /juli