Port Elizabeth, 02.02.2013 – Woop-Woop

Als Fußballfan betrachte ich Züge grundsätzlich eher im Sinne einer rollenden Kneipe. Als angenehme Möglichkeit also, Weg und Ziel einer jeden Auswärtsfahrt miteinander zu verbinden, von etwaigen tatsächlich fußballerischen Aspekten jetzt mal abgesehen. Ähnlich hatten uns T. und M. auch den Shosholoza bereits angepriesen. Seriös unterwegs in Sachen Sport, wie wir nun einmal waren, entschieden mein Begleiter D. und ich (also vor allem er) uns aber, auf einen langen Abend im Speisewagen zu verzichten. Es stand uns schließlich wie üblich ein bizarr umfangreiches Programm bevor.

In südafrikanischen Zügen lässt sich gut schlafen. Nur eine Dusche, die gibt es nicht. Soweit zumindest das Ergebnis einer Recherche, die D. in weiser Voraussicht bereits am Vorabend durchgeführt hatte. Es stand mir nicht an, eine solche Erkenntnis meines weltgewandten Mitreisenden kritisch zu hinterfragen. So verließ ich im Morgengrauen resigniert das Abteil, tat zwei Schritte nach links und stand – nun, vor einer Dusche. Die vermutlich spontan des Nachts an ebenjener Stelle aufgetaucht war. This is Africa.

Ansonsten Mangelwirtschaft allerorten. Kein Steak, kein Bier, keine spektakulären Fotos von Wildtieren. Nun gut, ein Alibi-Wildschwein ließ sich dann doch blicken – bedauerlicherweise in exakt jenem Moment, in dem ich mich gerade mit meinem hervorragenden Cheeseburger abmühte, der dennoch nicht über die Endlichkeit des Steakvorrats hinwegtäuschen konnte. Vermutlich der Inbegriff eines Luxusproblems.

Mit herrlichem Sonnenschein empfing uns die Metropole des Ostkap, idyllisch gelegen an der südöstlichen Küstenregion des Landes. Mit herrlichem Sonnenschein, gefühlten 40 Grad und einem Gewaltmarsch hinauf auf einen Hügel, der uns aus nicht näher erörterten Gründen als sinnvolles Ziel erschien. Vermutlich spielte dabei jener dubiose Lonely-Planet-Reiseführer einmal mehr eine zentrale Rolle.

Port Elizabeth wird in Südafrika auch als „The Windy City“ bezeichnet. Stumme Zeugen für die Berechtigung dieses Beinamens waren einige Autowracks, die sich offenbar im Zuge völlig abstruser Unfälle seitlich der Straße in den Hang gebohrt hatten. Möglicherweise auch ein künstlerisch wertvolles Projekt. Oder aber eine Werbeaktion der vor Ort recht bedeutsamen Autoindustrie, dort, im „Detroit Südafrikas“.

Eine Stadt mit vielen Namen offensichtlich. Und dazu noch „The Friendly City“, so verriet man uns in der Touristeninformation, die erstaunlicherweise tatsächlich auf jenem Hügel lag. Trotz aller Freundlichkeit fanden wir nicht die Motivation, auch noch den benachbarten Leuchtturm zu erklimmen. Es mag auch die Furcht davor eine Rolle gespielt haben, das Schicksal jener Autowracks teilen zu müssen. Oder aber unser Pflichtbewusstsein als Reisende im Zeichen des AFCON.

Von der Sorte waren wir hier immerhin nicht die einzigen. D. konnte nun mit seinen Globetrotter-Erfahrungen punkten, als wir auf eine Gruppe ghanaischer Fans trafen, deren Team am Abend im Nelson Mandela Bay Stadium auf die Überraschungsmannschaft von den Kapverden treffen sollte. Auch ein Land, das für seine freundlichen Bewohner angeblich äußerst bekannt ist. Was wäre dies doch für eine Welt, würde das Leben nur daraus bestehen, die freundlichen Menschen von Ghana in der „Friendly City“ zu treffen.

Auf der Suche nach mehr Hass begaben wir uns nun endlich zum Stadion. D. hatte wichtige Journalistendinge zu erledigen, was mir Zeit gab, die Ruhe der Nelson Mandela Bay ein wenig zu genießen. Obwohl ich weder weiße Tennissocken noch ein Bier in der Hand trug, wurde ich recht schnell von einem Polizisten als Deutscher erkannt, was dieser zum Anlass nahm, mir Grüße an seine Verwandtschaft in Stuttgart zu bestellen. Leicht verspätet und über einen vielleicht nur mäßig geeigneten Weg seien sie hiermit also weitergegeben. Auch dieser Polizist war aber ein geübter Weltreisender. Seinen Schilderungen entnahm ich, dass er etwa alle zwei Jahre nach Dänemark oder Schweden zu reisen pflegte, um sich dann zu ärgern, dass es dort so kalt ist. Also im Prinzip eine ähnliche Konzeption wie bei mir, nur dass ich den umgekehrten Weg bevorzuge.

Es war so weit. Anpfiff im, wie mir nun erst wirklich voll bewusst wurde, für mich letzten Spiel dieser Reise, dieses wunderbaren Turniers. Was konnte hierfür bessere Kulisse sein als das Nelson Mandela Bay Stadium in seinem strahlenden Weiß, als das ewige Duell des Underdogs gegen die Etablierten, als Tausende euphorische Ghanaer (und, fairerweise, auch der ein oder andere Fan der Kapverden). Und er begann stark, der Außenseiter. Nur langsam fand Ghana ins Spiel, und so ging es mit einem gerechten 0:0 in die Pause.

Die Halbzeitshow kam erstaunlicherweise ohne das bereits so liebgewonnene Maskottchen des AFCON aus, jenes übergewichtige Nilpferd, das sonst Plakate und Stadien zierte. Nun, objektiv betrachtet wird man ein Nilpferd wohl selten als normalgewichtig charakterisieren. Ich sorgte mich ein wenig um sein Wohlergehen, legte eine private Schweigeminute ein und widmete mich sodann dem wie üblich großartigen Stadionessen – in diesem Fall ein Curry mit (schätzungsweise) Hühnchen und Kartoffeln für rund zwei Euro. Kann man machen.

Der zweite Durchgang begann so, wie der erste endete. Ein starker Auftritt der Kapverden, Ghana strauchelte. Leider auch im Wortsinn, und leider gab es dafür einen höchst zweifelhaften Strafstoß, den die „Black Stars“ verwandelten. Die Kapverden rannten nun verzweifelt an, scheiterten aber immer wieder am ghanaischen Torhüter. In der Nachspielzeit schließlich gelang per Konter das 2:0, der Einzug ins Halbfinale war perfekt. Das Team der Kapverden konnte dennoch auf eine hervorragende Leistung bei diesem Afrika-Cup zurückblicken. So wie ich selbst für meinen Teil natürlich auch, in jeglicher denkbaren und undenkbaren Hinsicht.

Für solche Betrachtungen blieb aber nun keine Zeit, schließlich hatten wir einen Plan. Mal wieder. Wir mussten zum Busbahnhof. Und wir wussten sogar, wie uns das gelingen würde. Zumindest glaubten wir ziemlich fest daran. Aber es kam wie üblich ganz anders.

Es ist müßig, von den sich anschließenden etwa dreiundvierzig Runden um das Stadion zu berichten, immer auf der Suche nach dem Bus-Shuttle und immer wieder in teils abstruse, teils wenigstens scheinbar plausible Richtungen geschickt von Menschen, die uns lieber eine offensichtlich falsche Auskunft gaben, als uns mit ihrem Schweigen zu beleidigen. Eine wahrhaft freundliche Stadt. Langsam in den (selbstverständlich vorher schon eingeplanten) üblichen Panikzustand geratend, sahen wir Bus um Bus in Richtung Strand abfahren – was am späten Abend natürlich eindeutig mehr Sinn ergibt als ein langweiliger Busbahnhof.

Es galt nun, wieder einmal die Pressekarte auszuspielen. D. machte allen in irgendeiner Form kompetent wirkenden Menschen um uns herum klar, wir seien prominente Journalisten und das Wohl und Wehe Südafrikas hinge davon ab, uns schnellstmöglich zu unserem Bus nach Kapstadt zu geleiten. Was in gewisser Weise ja auch irgendwie stimmte, zumindest aus meiner persönlichen Perspektive. Der Koordinator der Shuttlebusse versuchte, die Shuttlebusse zu koordinieren. Es misslang.

Wir kamen daher auf den Gedanken, der jedem sich in seiner Ruhe gestört fühlenden deutschen Rentner völlig logisch erscheinen mag. Freund und Helfer. Die schwäbisch-dänisch-berlinerische Polizeiconnection, die ich vor dem Spiel herstellte, sollte sich bezahlt machen. Wir erinnerten die Besatzung des Streifenwagens daran, dass wir ein Problem seien, was möglicherweise sie zu lösen hätten, und sei es um den Preis, den Feierabend verschieben zu müssen. Gleichzeitig wiesen wir dezent auf das zweite Viertelfinale des Abends hin, das in einer halben Stunde beginnen sollte. Es mag das Pflichtbewusstsein jener Beamter gewesen sein. Es mag auch dem Aspekt geschuldet gewesen sein, dass das südafrikanische Team in ebenjenem Spiel antrat. Jedenfalls saßen wir Sekunden darauf auf der Rückbank eines Streifenwagens, der uns mit gefühlt zweihundert Stundenkilometern über die Mittelstreifen der leergefegten Straßen an unser Ziel brachte. Im Grunde hatte ich so etwa seit unserem Aufenthalt im Bordell von Mbombela das Gefühl, ein derartiger Blaulichtmoment würde sich im Zuge unserer Reise unweigerlich ergeben. Allerdings hatte ich es mir unangenehmer vorgestellt.

Wir kamen pünktlich an. Noch bevor wir uns umdrehen oder gar bedanken konnten, war der Streifenwagen bereits wieder verschwunden, auf der Jagd nach Verbrechern oder alternativ nach einem Fernseher, einem Bafana-Spiel und größeren Mengen Bier. Es gibt durchaus Aspekte, in denen die südafrikanische Polizei der deutschen so einiges voraus hat, und sei es nur der Sympathiefaktor.

Nicht pünktlich aber war der Bus. D. und mir kam dies nicht ungelegen. So hatten wir die Möglichkeit, uns im Greyhound-Büro ebenfalls das Spiel anzuschauen. Gemeinsam mit zwanzig weiteren Reisenden in spe blickten wir ergriffen auf einen winzigen Fernseher, dessen Antenne geschickterweise an der Tür des Büros befestigt war. Dies führte zu dem interessanten Effekt, dass bei einer Türöffnung das Bild verschwand und bei der folgenden wieder erschien. Gepaart mit der eher hohen Fluktuation, die ein solcher Busbahnhof insbesondere in Räumen mit Rauchverbot hat, ergab dies ein sehr intensives Fußballerlebnis.

Und die Bafana versagte kläglich. Nicht nur, dass man beste Chancen in der regulären Spielzeit nicht nutzte. Nicht nur, dass man die Verlängerung verschlief. Nein, auch im Elfmeterschießen war das Glück auf der Seite des Gegners aus Mali. Der Greyhound-Bus verspätete sich erstaunlicherweise um etwas mehr als zwei Stunden und war pünktlich eine halbe Stunde nach Abpfiff da. Würde man rund um die Uhr Fußball spielen, das Verkehrssystem Südafrikas käme wohl ebenso zum Erliegen wie die Polizei. Ich komme nicht umhin festzustellen, dass man auch aus wesentlich weniger schönen Gründen zum failed state werden kann.

Immer mehr holte mich die Heimat ein. War es zunächst nur Stuttgart, kam nun auch noch Augsburg dazu. Vielmehr: Mein Sitznachbar, der gebürtig aus jener sicherlich wunderschönen Stadt kam, sein bisheriges Leben aber in Johannesburg verbracht hatte. Gemeinsam kamen wir in den Genuss eines recht originellen Bordprogramms, dessen bester Aspekt war, dass ich mir den Titel des vorgeführten absurden Actionfilms partout nicht merken konnte. So komme ich nunmehr auch nicht in die Gefahr, ihn hier weiterzugeben.

Auf dem Weg nach Cape Town also. Dem Ende so nah. /juli

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