Ich hab noch einen Koffer in…

Nürnberg? Ich habe zwei Geschichten zu erzählen!

Nummer eins. Es war März. Es war 2011. Wir standen in Berlins Mitte, so dort platziert, als hätte der Erzähler einer späteren Welt uns genau dorthin gewünscht. Wochenendticket, Regio. Nürnberg ist östlicher, als man das von Hamburg aus oft denkt. Und damit gedanklich näher.

Plauen. Gibt es auch. Klingt nach spontanem Unwohlsein, womit das lokale „Sternquell“ auch recht treffend beschrieben ist. Zugfahrt. Kennt man. Keine weitere Beschreibung wert. Nur erwähnt, weil ich an noch keine Zwischenstation auf einer Auswährtsfahrt jemals so wenig denken wollte wie an diese.

Nürnberg, um damit zu beginnen, lag damals in der Bundesliga. Der magische FC auch, halbwegs. Nach dem Derbysieg taumelnd, wenn nicht selbstvergessen, versuchte man, die historische Dimension dieses Ereignisses nicht durch weitere Punktgewinne in dieser Liga zu unterminieren. Von diesem Projekt begeistert, hatten wir uns unsere Tickets natürlich längst gesichert.

Gleiches taten die lokalen Ordnungsbehörden an der ersten zuständigen Raststätte mit demjenigen, der diese unsere Tickets in Händen hielt – ihn sich sichern. Kurz gesagt: Tickets weg, wir in Franken. Spricht dennoch für einen Besuch am Stadion des lokalen Bundesligisten, bekanntlich in einem wunderbaren Naherholungsgebiet gelegen. Irgendwas mit Reich.

Dieses Naherholungsgebiet inzwischen recht verspätet betretend, vernahmen wir, offenbar doch ein wenig spät dran, nicht nur den Anpfiff, sondern auch direkt in Folge ein einprägsames Beispiel des örtlichen Liedguts, genutzt zum Feiern von Torerfolgen. Einprägsam schon deswegen, weil wir auf halbem Wege um die Kurve daran erinnert wurden, wie sich ein solches Nürnberger Tor nun anhören möge. Und vor dem Eingang zum Gästeblock, sicher ist sicher, auch noch einmal.

Angesichts der bislang gespielten 15 Minuten waren wir frohen Mutes, dass die Magischsten der Magischen ohne größere Probleme mindestens vier oder fünf in Franken niemals besungene Tore würden beisteuern können, und zahlten deswegen anstandslos die für dieses einmalige Erlebnis wie ein Scherz anmutenden 27 Euro für einen Sitzplatz.

Der Rest der Geschichte dürfte den Älteren bekannt sein. Der erste Schritt zum Klassenerhalt war getan mit diesem 0:5 in Nürnberg.

Der erste Schritt zur Rückreise wiederum nicht (oder auch: in gleichem Maße). Ein wesentlicher Nachteil dieses Wochenendtickets besteht darin, dass es lediglich sehr begrenzte Optionen eröffnet. Unsere führte offenbar nach Halle. Über das allseits bekannte Großheringen. Eine Stadt, die neben dem Bahnhof aus einigen protofaschistischen Karnevalsfeiern und einem mysteriösen Industriegelände bestand. Jeder, der einmal an einem Samstagabend in Friedrichshain war, wird wissen, wovon ich rede.

Dennoch kam irgendwann überraschend doch noch ein Zug, der uns hiervor errettete. In das bereits einmal zu oft erwähnte Halle. Ein reichlich relativer Begriff von Rettung, aber der einzige verfügbare. Nicht der allerbeste Ort, um als St.-Pauli-Fan noch ein Bier zu trinken. Ein Bier, das für sechs Stunden reicht.

Wir taten dies in einer anonym bleiben wollenden Mönchengladbach-Fankneipe, die uns, als sie ihre eigene Existenz nicht mehr ertrug, in den „Dschungel“ verwies – also in die offenbar einschlägige Großstadtdisko. Sofern der geneigte Leser nach einem wirklich intensiven Gefühl von Einsamkeit sucht, sei ihm die Toilette einer Hallenser Disko im St.-Pauli-Outfit empfohlen. Am Abend nach einem Heimspiel des lokalen FC, wohlgemerkt. An einem Abend, an dem die lokalen Fans des lokalen FC mit den lokalen Frauen nicht so richtig viel Glück hatten. Also, wie bereits erwähnt, an einem Samstagabend.

Einer von ihnen, nennen wir ihn Ronny-Jerome oder liebevoll RJ, nahm uns aus mir bis heute nicht bekannten Gründen in Schutz, was durchaus wörtlich zu verstehen ist. Bier gab er uns und dazu den Weg hin zum Bahnhof, wo wir… feststellten, dass das nunmehr zu lösende neue Wochenendticket uns nicht nur nach Berlin, sondern vorher auch nach Aue bringen könnte. Wo der 1. FC Union mittags spielen sollte. Es sei der Fantasie des Lesers überlassen, was in der Folge hinsichtlich unserer Reisepläne passierte. Das Spiel endete 0:0. Und wir irgendwann am Ostbahnhof.

Wenn man bereits einschlägige Erfahrungen mit einer Region gemacht hat, möchte man sie beim nächsten Mal natürlich im geeignetsten, sichersten Umfeld bereisen, das gerade möglich ist. Im Falle des FC St. Pauli nennt sich dieses Umfeld „Sonderzug“.

Der vorstehende Absatz war notwendig, um die Inhalte wirken zu lassen. Genau wie der Sonderzug. Eine zeitliche Planung, die ihresgleichen sucht: Um ein Uhr auf nach Hamburg per Bus, so war der Plan. Dort um vier, sechs Uhr Abfahrt. Dann Nürnberg, Spiel, Satz, Sieg. Zurück. Drei Uhr Bus nach Berlin. Montag topfit. Läuft.

Oder so ähnlich. Das mit dem Sonderzug passte schon, der Bus vorher auch. Direkt hinter dem Fahrer sitzen, heißt, im Zweifel höchstens so schwerverletzt wie er selbst zu sein. Worauf er uns auch mehrfach hinwies. Wir waren erst brav, dann schlafend, dann da.

Hamburg neigt an Wochenenden meiner Beobachtung nach dazu, noch ein wenig besoffener zu sein als Berlin. Mag aber auch sein, dass der Hauptbahnhof während des Hafengeburtstags hier keinen gültigen Rückschluss zulässt. War jedenfalls nicht der beste Ort der Welt – denn der liegt ja bekanntlich dort, wo der Magische usw. spielt.

Also irgendwo im weitesten Sinne südlich. Sind wir dann mal hingefahren. War nett. Kann ich empfehlen, die Hinfahrt zu Spielen im Sonderzug. Alle so optimistisch.

Zwischendurch waren wir in Nürnberg. Ausgestiegen. Sonder-U-Bahnen. Bullen überall. Stadion. Fußballspiel, kann ich nicht empfehlen. Jede Ecke für Nürnberg vom Stadionsprecher angesagt, weil wir ja nicht mehr so gut mitzählen konnten. Irgendwas zwischen gewonnen und verloren und egal, glaube ich. Und dann auch wieder zurück in den Zug.

Der fuhr dann bis Lüneburg. Dort war Pause. Sehr lange Pause, wegen eines vermutlich tragischen Ereignisses, was ich auch nicht weiter kommentieren kann oder möchte. Unser Bus von Hamburg nach Berlin war jedenfalls weg. Guter Plan, mal wieder – siehe oben.

In Hamburg angekommen, mit rund zwei Stunden Verspätung, lief uns unverhofft allerdings die Deutsche Bahn über den Weg. Ohne jemals irgendeine Strecke mit ihr gefahren zu sein, warfen wir uns ihr willfährig an den Hals. Um uns loszuwerden, spendierte sie ein Taxi. Nach Berlin.

Drei Stunden später, zuhause angekommen (und zwar vor dem ursprünglich avisierten Bus), wusste ich, dass das mit mir und Nürnberg irgendwie nichts wird. Mit mir und St. Pauli bin ich da optimistisch. Wir haben ja noch ein paar Saisons. See ya! /juli

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