Warum ich mein Land nicht liebe

Nationaler Taumel. Schwarzrotgoldene Schminke. Hupkonzerte. Fanmeilen. Schland. Über all dies ließe sich nun, nach einem fraglos historischen Sieg wie dem 7:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen desolate Brasilianer schreiben. Antizyklisch natürlich, kritisch, hinterfragend wohl auch. Viele haben es vorgemacht. Viele haben schon vor Beginn des Turniers ihre Abneigung gegen derlei Dinge verkündet, in jedes verfügbare Schaufenster gestellt, verbreitet und sicher noch gefestigt. Das halte ich für völlig legitim. Und ich teile diese Abneigung. Ich teile sie nicht bloß wegen meiner emotionalen wie rationalen Distanz zu nationalen Symbolen, zu dem, wofür sie stehen zumal. Denn bei einem solchen Turnier wird das nationale Symbol transformiert zum Ausweis des Ahnungslosen, zum Erkennungszeichen desjenigen, dem jede Erkenntnis fehlt.

Ich habe nichts gegen Menschen, die nichts wissen. Im Gegenteil. Wenn alle fragen würden, anstatt zu wissen, wäre die Welt wohl ein weitaus angenehmerer Ort. Ich habe etwas gegen Menschen, die nichts wissen wollen. Ich habe etwas gegen den Tunnelblick. Ich habe etwas gegen die Herde. Dem Hirten hingegen kann ich es noch nicht einmal sonderlich übel nehmen, dass er seinen Job macht. Mag er nun FIFA heißen oder Bundesregierung, Deutschland oder DFB. Ich verstehe vollkommen, dass eine WM eine Bühne ist, auf der sich jeder, aber auch wirklich jeder, im Lichte grenzenloser Bewunderung und Anerkennung sonnen darf. Und praktischerweise kann man schnell verschwinden, wenn es mal nicht so läuft.

Mancher würde dagegen lieber verschwinden, wenn es mal läuft. Wohin diese Herde will, woher sie kommt, ich weiß es nicht. Sie trampelt das von mir so geliebte Spiel nieder, ihr Geblöke als Leidenschaft verkaufend, den Weg zur Schlachtbank als Weg eines „richtigen Fans“. Sie wissen nicht, was sie tun und warum.

Wie viele Millionen Menschen, denen dieser Sport etwas bedeutet, saß ich fassungslos dabei, als wieder einmal eine deutsche Mannschaft für eine tiefe Zäsur in allem, dessen man sich sicher zu sein glaubte, sorgte. So wie vor zwei Jahren der FC Bayern und Borussia Dortmund. Damals bereits sollte die Welt oder wenigstens Europa am deutschen Wesen genesen. Jeder war plötzlich rot oder gelb und sowieso deutsch. Eine Fanmeile in Berlin, Public Viewings allerorten. Die Schickeria München brachte es damals auf den Punkt, erlöste mich von meiner Befürchtung, es sei nunmehr wirklich jeder Schaf. Ihr Transparent trug die Botschaft „Alle reden vom deutschen Finale – wir nicht. Wir kommen aus München, wir sind die Bayern, scheiß BVB!“. Das war so erfrischend. Nicht schön, mag sein, aber wenigstens ehrlich. Geradezu lyrisch inmitten nationaler Prosa.

Natürlich kann man nun vergleichen. Man kann fragen, ob das Unterstützen eines Vereins nicht dem selben Grundmodell folgt wie jener Fußballpatriotismus, der das Land gerade in seinen kruppstahlharten Armen hält. Ob nicht gerade der Grundzustand jedes echten Fans sei, blind zu folgen, so wie der Verliebte.

Man kann das tun, aber dann hat man keine Ahnung. Weder vom Fußball, noch von der Liebe. „Der Grundzustand des Fußballfans ist bittere Enttäuschung, egal wie es steht“, so schrieb es Nick Hornby. Ich teile das nicht völlig. Den Grundzustand des Fußballfans halte ich wie den Grundzustand des Liebenden für etwas, das eigentlich niemandem richtig zugänglich ist. Für ein Schweben in anderen Sphären, für eine Entrücktheit. Eine völlige Fokussierung auf Dinge, die nie ein anderer so verstehen wird wie er selbst. Mögen es auch scheinbare Kleinigkeiten sein. Im Fußball, wie in der Liebe, bedeuten sie manchmal die Welt.

Die schwarzrotgeile Schlandherde der Ahnungslosen hat keinen Blick für die kleinen Dinge, sie verschwinden unter dem Marschschritt ihrer gen Finale stampfenden Stiefel. Ihr Grundzustand, er ist Ignoranz.

Und Ignoranz, nicht Hass, ist das wahre Gegenteil von Liebe. /juli

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Wer suchet, der findet

Zum Saisonstart gibt’s neben dem nächsten Häppchen Afrika-Cup ein klein wenig Nabelschau von mir. Nämlich die schönsten Suchbegriffe, die sich seit dem Start dieses Blogs im letzten September so angefunden haben. Fast so verstörend wie meine eigene Google-Chronik – und eventuell, ganz vielleicht, ein Hinweis darauf, wie dieses „Internet“ so funktioniert. Also, hier meine persönliche Top 20:

Platz 20 geht an „champions weiß oder braun“. So schnell wird man vom Fußballfan zum Pilzsammler. Als hilfsbereiter Mensch ist das aber alles kein Problem. Mein Tipp: Immer das Billigste.

Platz 19 war auf der Suche nach etwas sehr Nachvollziehbarem. „lila wolken umschreibung“. In diesem Fall kann ich leider nicht ganz so gut weiterhelfen. Ich empfehle aber: Drogen. Egal welche. Auf die Dosis kommt es an.

Den Suchbegriff auf Platz 18 nahm ich mir persönlich sehr zu Herzen – „handyfotos hässlich“. Lieber Suchender, auch hier habe ich Abhilfe geschaffen. Meine Fotos entstehen inzwischen mit einer grandiosen Pentax K-5. Sie sind zwar immer noch hässlich, dafür aber teurer.

Mit einem ähnlichen Problem befasst sich Platz 17: „spiel hässlich wiedeer schön“. Auch hier sei auf meine patentierte Lösung bei St.-Pauli-Spielen verwiesen – Drogen. Siehe oben.

Die Schwierigkeit bei Platz 16 erschließt sich mir leider nicht so ganz. „slip n slide selber machen“. Als irgendwie punkrockaffiner Mensch bin ich ja der Ansicht, man sollte grundsätzlich alles selber machen. Wie das in diesem Fall geht? Ich empfehle Ausprobieren. Oder doch lieber Drogen.

Nicht aber jene, die Platz 15 konsumieren möchte. „zigarettenglut lila machen“. Man möge mir glauben, das kann nicht gesund sein. Rauchen sowieso nicht. Und Lila macht auch noch depressiv, wie jedem Besucher des Mommsenstadions bekannt sein dürfte.

Platz 14 hätte mich gerne auch persönlich ansprechen können. „kann aus geil finden mehr werden“. Das ist durchaus einfach zu beantworten: Ja. Lies hier einfach ein bisschen, und schon wirst du mich sogar sehr geil finden.

Platz 13 sucht ein „klatschwerkzeug“. Empfehlung: Hände.

Sofern die mal nicht ganz sauber sind, darfst du es gerne mit Platz 12 versuchen, „verrückte handwaschbecken“. Wobei ich selbst geistig gesunde Handwaschbecken in jeder Lebenslage bevorzugen würde.

Von reinem Pragmatismus getrieben wird Platz 11. „kann ich mit dem quer-durchs-land-ticket mit dem schieffahren?“. Hm… nein. Dazu sage ich jetzt mal nichts. In diesem Fall sind alle billigen Wortspiele bereits gemacht und für qualifizierte Antworten ist dieses Blog noch nie zuständig gewesen.

Auch Platz 10 befindet sich in einer Notlage: „kommen die toten hosen nach braunschweig“. Wenn sie es nicht vermeiden können, werden sie das vermutlich tun. Aber ich darf dich beruhigen: Normalerweise kündigen sie Derartiges recht deutlich an. Dir wird also genug Zeit zur Flucht verbleiben. Komm doch ans Millerntor.

Bei Platz 9 frage ich mich wirklich, wie er hierher geraten ist. „spielen wir ein spiel! zu euch kommen unerwartet gäste ihr habt zu hause -saft , -wasser und kalten tee. was machst du als erstes auf?“. Das ist unrealistisch. Zuhause habe ich lediglich Bier, Wein und harte Alkoholika. Mit diesen Getränken lenke ich mich von dem Fakt ab, dass zu mir nie unerwartet Gäste kommen. Und: Ich hasse Spiele.

Hingegen liegt mir Nummer 8 deutlich näher: „wenn die so spielen wie die letzten spiele das verlieren wir 4:1 aber ich bin optimist und sage 1:2“. Genau das ist die Form von Optimismus, die diesen Blog seit Jahrzehnten auszeichnet. Du bist St. Pauli, komm in meine virtuellen Arme.

Platz 7 hat sich deutlich verfahren. „naki männer von vorne gesehen(mit frauen“. Man muss das einfach mal sacken lassen, denke ich. Meine Empfehlung wäre, bis dahin einfach mal bei Youtube nach dem grandiosen Hip-Hop-Video von Deniz Naki zu suchen. Das dürfte dem Gewünschten schon recht nahe kommen.

Auf der 6 findet sich ein ambitionierter Sportinteressierter mit der berechtigten Frage nach „olympische spiele 1936-schiedsrichter aus der pfalz“. Wieso ihn diese Frage hierher führt? Tja, das sollte ich vielleicht bei Gelegenheit googlen. Bedenklich ist das schon.

Die 5 scheint mir etwas unangenehme Intentionen zu haben. „was kann man alles mit einem stubenküken machen“. Ich empfehle, es liebevoll und aufmerksam zu behandeln, dann wird es schon bald zu einem stolzen Schwan heranwachsen und kann auf den Grill.

Nummer 4 weist mich dezent auf ein Problem dieses Blogs hin, nämlich „gegenderte menschen“. Die finden sich hier nicht. Ich bevorzuge einfach Menschen. Sollte man mich dereinst auch mit dem Suchbegriff „Menschen“ bei Google finden, dann habe ich es wohl endgültig geschafft. Weltherrschaft, Champions-League-Sieg, sowas halt.

Den Drittplatzierten würde ich gern als Einleitung für jeden meiner Texte benutzen: „morgen ist derby. nicht irgendeine, sondern das derby! dazu sollte man etwas wissen und das erzähle ich hier mal kurz“. Wohin soll ich die Lizenzgebühren überweisen?

Knapp, aber verdient ging Platz 2 an „werden in neuseeland jugendtrainer gesucht?“. Hm. Hmhm. Nun, vermutlich schon. Einfach mal in Neuseeland nachfragen, würde ich sagen.

Und Platz 1 hat es wirklich geschafft. Hier endet selbst meine gewaltige Kompetenz in sämtlichen Fragen des Fußballs, ob auf oder neben dem Platz. Hier komme ich in Regionen, die eine unendliche Weisheit und Lebenserfahrung fordern, die ich hoffentlich einmal erwerben werde können, zu der ich es jedoch bislang nicht brachte. Mein herzlicher Dank an den Unbekannten mit der Frage „wie viel verdient taxifahrer in neustrelitz“.

Ich bin ratlos. So viele Themen, die es in den kommenden Wochen ausführlich zu bearbeiten gilt. Bis dahin erst einmal ein großes Danke an all meine treuen Leser der letzten Saison. Es hat immer Spaß gemacht, auch wenn manchmal die Zeit nicht reichte. Und es wird in dieser Saison mindestens genauso viel Spaß machen, vielleicht auch endlich wieder sportlich. Ich wünsche euch und mir alles Gute.

In zwei Stunden geht es los für den Magischen FC. Auf zur Löwenjagd – um gleich den Grundstein für die nächsten spannenden Suchbegriffe zu legen. /juli

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

We slip and slide…

Was ein Jahr. Ein Jahr von Hoffnung und Enttäuschung. Der großen Siege, der katastrophalen Niederlagen. Des Ankommens, der Flucht. Ein Jahr von Himmel und Hölle. Nie in der Mitte, immer das Extrem. Ein Jahr Trauer. Ein Jahr Freude. Ein Jahr Leben.

Vorweg: Mein Fazit für die ersten drei Monate dieses Blogs ist ein gutes. Es ging mir nicht so sehr um die große Öffentlichkeit, wenngleich es schön ist, gelesen zu werden. Der Ansatz ist eigentlich ein sehr persönlicher, auch wenn man das nicht immer merkt. Und nicht immer merken muss oder soll. Es ergaben sich viele interessante Gespräche aus der ganzen Sache hier und damit bin ich absolut zufrieden. Die Motivation ist groß, das im nächsten Jahr so fortzuführen. Weiterhin mit viel Fußball, sicherlich auch gelegentlich mit anderen Dingen. Kann ja jeder lesen, was er lesen möchte. Ein wenig persönlicher werden die nächsten Zeilen trotzdem, und wie angekündigt auch etwas weniger sportlich als gewohnt. Man möge dies, wiederum, entschuldigen. Oder eben nicht.

Aber ganz kurz dann doch noch sportlich, um hier mal andere Farben reinzubringen. Und weil ich das Foto loswerden wollte.

Aber ganz kurz dann doch noch mal sportlich, um hier mal andere Farben reinzubringen. Und weil ich das Foto loswerden wollte.

Es ist ja immer leicht, sich über das Schlechte zu beschweren. Lange nicht so leicht, das Gute, das Richtige, rechtzeitig zu erkennen. Das Neue bereitwillig anzunehmen. Sich vom Alten zu lösen. Andere Wege zu beschreiten, andere Ziele zu finden. Gewöhnung ist der Tod jeder Bewegung. Wer ankommt, hört auf zu laufen.

Und wer Konfetti im Bier hat, hört auf zu trinken.

Und wer Konfetti im Bier hat, hört auf zu trinken.

Berlin. Langsam komme ich auch an bei dir. Mehr als vier Jahre sind es jetzt, die mich rausgerissen haben aus meiner Vorstadtwelt. Dieses war das erste wirklich echte. Deine Vielfalt, deine Leidenschaft, deine Belanglosigkeit, deine Trägheit. Deine faszinierende Schönheit und deine raue Tristesse. Eine Stadt als Spiegel des Lebens, oder so. Ick hab dir gern. Meistens.

Und bleibe doch trotzdem immer noch ein wenig Tourist.

Und bleibe doch trotzdem immer noch ein wenig Tourist.

Magischer FC, um doch noch einmal sportlich zu werden. Du hast es uns nicht leicht gemacht. Mehr Frust als Euphorie, diese Hinrunde. Großartige Momente natürlich auch. Immer wieder zerstört aber durch einen rätselhaften Unwillen, der mir gleichzeitig selbst so gut bekannt ist. Etwas zu können heißt nicht, etwas zu werden oder gar zu sein. Der Weg ist nicht einfach nur da, er will gegangen werden. Dass ich immer dabei sein werde, das ist klar. Gilt im Rahmen des Möglichen übrigens auch für das lila-weiße Berliner Äquivalent. An dieser Stelle danke fürs Lesen, Verlinken, Kommentieren. Wüsste ich, wie es geht, ich würde euch vielleicht sogar ein alternatives Layout in passenderen Farben zur Verfügung stellen. Aber muss halt so reichen.

So trist die Welt auch manchmal erscheint.

So trist die Welt auch manchmal erscheint.

Freunde. So wichtig im Hellen und im Dunkeln. Anker und Fallschirm, Halt und Freiheit. Die Momente, wo ich euch brauchte, waren diesmal so zahlreich wie eigentlich noch nie. Ihr wart immer da. Mehr gibt es nicht zu sagen. Das Gleiche für euch, wenns nötig wird. Jederzeit.

Und auch da wart ihr mit Sicherheit dabei.

Und auch da wart ihr mit Sicherheit dabei.

Leben. Du gehst weiter. Durchschütteln, weitermachen. Es stehen Herausforderungen an, sie wollen gemeistert werden. Ob im Sport, ob in der Liebe, ob im Leben, ob im Beruf. Wenn man es richtig macht, ist das sowieso alles dasselbe. Richtig zu machen gibt es viel. Falsch wird vieles sein am Ende. Muss man in Kauf nehmen, gehört dazu. Diesem Jahr wird ein weiteres folgen, ich bin mir da relativ sicher. Und verschlafen wird nicht.

Weiter Weg.

Da ist er ja, der Weg.

Euch allen das Beste. Für 2013. Und sowieso. Dieses bisschen Pathos hier musste sein, ausnahmsweise. /juli

Auf dass so etwas nie wieder passiert.

Auf dass so etwas nie wieder passiert.

Blick zurück

Nachdem im Dezember nicht eben übermäßig viel von mir zu lesen war, gibt es jetzt einen etwas größeren Nachschlag. Den letzten sportlichen Text für dieses Jahr, höchstwahrscheinlich. Den letzten vor Südafrika, vermutlich. Es werden nach aktueller Planung etwa zwei bis fünf „Unsportlichkeiten“ folgen, um die Winterpause zu füllen und den höchst intellektuellen Ruf dieses Blogs, den es bei mir persönlich hat, weiter zu festigen. Wenn nicht, dann nicht.

Nein, „you only write when you’re winning“ ist kein treffender Vorwurf, auch wenn es gelegentlich so wirken könnte. Vor allem schreibe ich, wenn ich etwas zu schreiben habe. Nach manchen Spielen fühle ich mich einfach leer. Nach manchen Tagen sowieso. Die Form, die Seite, das weiße Papier aber mit in Worten gegossener Leere zu füllen, überlasse ich der Fachpresse. Meistens. Schließlich stell ich ja auch keine Elf des Tages auf. Die ist im Zweifel sowieso braun-weiß. Jene Leser, die diesen Blog vor allem wegen seines Tennisgehalts lesen, mögen daher bitte auch entschuldigen, dass sich mein Blick zurück auf die Zeit seit der Sommerpause nur auf den FC St. Pauli bezieht. Ob ich Besserung gelobe, weiß ich noch nicht. Mal gucken.

Wie fing es an – wie kamen wir dorthin, wo wir sind, wo auch immer das ist? In Aue natürlich, dort, wo schon so vieles anfing. Was auch immer genau. Anfang August, furchtbar hochsommerlich also. Viel zu früh für einen Saisonbeginn. Viel zu früh für mich sowieso – einen Umzug in den Knochen (das wird die Rückrunde mit der Hinrunde gemeinsam haben), ein Festival vor Augen (das nicht). Trotzdem todesmutig mit Wessi-Gästen die lange Bahnfahrt durch Sachsen angetreten. Weil ich gern in Aue bin, außerdem gefühlt sowieso dauernd. Ein schönes Stadion, nette Leute, meist absolut miese Spiele. So, wie man es halt vom Millerntor kennt. Nur bergiger.

In zivil fuhren wir trotzdem, es lagen so nette Gegenden wie Chemnitz auf dem Weg. Genau bis dorthin erfüllte unsere Tarnung eventuell sogar ihre Funktion. Meine Zweifel daran gründen auf der netten Begrüßung eines Einheimischen – „Ihr tragt ja alle Schwarz – ihr seid bestimmt von St. Pauli, oder?“. Es war zum Glück ein Netter. Ich glaube, ich versprach damals, ihn bei Facebook zu adden. Falls das nicht geschehen sein sollte, bitte ich vielmals um Entschuldigung.

Das Spiel war, wie angedeutet, mies. 0:0 ist in etwa das schlimmste Auswärtsergebnis, das ich kenne. Nicht mal so richtig ärgern kann man sich. Wobei – doch, in dem Fall eigentlich schon. Aber es war ja Saisonbeginn, keine Gefahr, keine Panik. Entspannen, abwarten, Dosenbier trinken. Und immerhin einen Tag von dem Festival mitnehmen.

Heimspiel Ingolstadt, 8 Tage später. Dass Eigler gegen uns trifft, war ja klar. Mohr gleicht aus. Der Rest der Partie gepflegte Langeweile plus ein wenig braun-weiß-brotlose Kunst in der Schlussphase. Irgendwie wieder so ein verschenkter Sieg. Aber kann man ja machen, ist schließlich erst der zweite Spieltag. Ab jetzt gewinnen immer wir.

In Offenburg beispielsweise. Auch das furchtbar langweilig, aber ausreichend. Im Gegensatz zur Leistung eines etwas nördlicher angesiedelten Hamburger Noch-Erstligisten. Höchst bedauerlich. Zweite Pokalrunde, das erste Mal seit Menschengedenken. Es tut nicht not, hier Begriffe wie Trier oder Chemnitz zu erwähnen. Vor allem, weil Chemnitz bereits erwähnt wurde. Jedenfalls: Erster Saisonsieg. Höchst glamourös. Schönes Wetter soll gewesen sein in Baden.

Mit diesem unfassbaren Motivationsschub im Rücken ab nach Cottbus. Im Bus, gemeinsam mit dem besten Fanclub der Welt. Zum zweitnächsten Auswärtsspiel der Saison (ja, gefühlt ist Hertha weiter weg!). Es gibt viele Gründe, warum ich nicht viele Worte über diesen Tag und dieses Wochenende verlieren möchte. Das Spiel selbst war einer davon. 0:2 und aus.

So langsam neigte es dazu, eng zu werden. Nun bin ich wirklich ein Meister der beruhigenden Autosuggestion, aber die half nicht mehr so richtig weiter nach diesem desaströsen Brandenburger Tag. Neigte man zur Panik, wäre dies ein hervorragender Moment gewesen. Natürlich, es kam noch besser. Erstmal aber ein wenig Beruhigung, um die Dramatik zu steigern. Ein Sieg. Am Millerntor. Gegen den ruhmreichen SV Sandhausen. Mit einer Leistung, die vermutlich schon in Offenburg nur knapp gereicht hätte, wenn überhaupt. Aber als Jurist lernt man ja: Drei Punkte sind drei Punkte sind drei Punkte. Sofern man sich nicht beschwert.

Es wurde sich beschwert. Und so geschah es dann, dass ich an einem Montag im September erstmals meinen Weg in das umgebaute Müngersdorfer Stadion fand, nach kleineren Touren über Amateurplätze im Umfeld meiner ursprünglichen Heimat. Zumindest an der Verkehrssituation hatte der Umbau nicht allzu viel geändert, nach wie vor in etwa auf dem Niveau einer klimawandelbedingt überschwemmten niederländischen Küstenstadt. Also nicht so gut. Vor dem Spiel gabs immerhin eine Kranzniederlegung in Gedenken an die Edelweißpiraten, etwa 400 Fans beider Vereine waren anwesend. Sehr, sehr schöne Aktion. Wird wohl deutlich länger in Erinnerung bleiben als das Spiel. Philipp Tschauner bewarb sich für die Nationalmannschaft, am Ende stand hauptsächlich deswegen ein wie üblich höchst zufriedenstellendes 0:0. Langsam kam man in der roten Zone an.

Es folgte wie schon vergangene Saison die Tour nach Frankfurt – sofern man Köln durch Düsseldorf ersetzt, was mir die Einwohner beider Städte… ach, macht, was ihr wollt. Jedenfalls Richtung Süden, zum FSV, an den Bornheimer Hang. Ein Chancenfestival. Beginnende Zweifel am Interesse eines Daniel Ginczek, tatsächlich Tore zu schießen. Eine Niederlage. Vermutlich die nach wie vor unnötigste dieser Saison, nach durchaus ansprechender Leistung. Man weiß nicht, wie es gekommen wäre, wäre dieses Spiel nur ein klein wenig anders verlaufen. Fußball spielt sich nach wie vor im Indikativ. So wie das Leben selbst, weswegen hier eigentlich nur ein „siehe Cottbus“ stehen müsste. Nur nicht mehr ganz so desaströs, weil irgendwie schon gewohnt. War übrigens das letzte Spiel vor dem Start dieses Blogs. Soviel zum Thema „write when you’re winning“.

Das Spiel am darauffolgenden Dienstag passte zur Gesamtsituation perfekt. Mit dem VfR Aalen ein absolut namhafter Gegner, mit zwei „A“ beispielsweise über dem Niveau Griechenlands. Gut, das war billig. Das Spiel auch. 0:1 verloren, zuhause. Einer der wenigen Abende, an denen man ernsthaft über schöne Alternativen zu einem Fußballspiel des eigenen Vereins nachdenkt. Wäsche aufhängen etwa. Oder spülen. Oder sich einfach nur so betrinken, ohne das Spiel als Anlass zu nehmen. Eine Welt voller Möglichkeiten. Ciao, André Schubert.

Mit dem neuen Kurzzeit-Trainerteam wurde vermutlich wie durch ein Wunder sofort alles besser. Was das Spiel in Regensburg betrifft, prangt bei mir jedenfalls eine beeindruckende und allumfassende Erinnerungslücke. Sie ist, so denke ich, erfolgsbedingt. Ansonsten: Siehe Cottbus, nur jedenfalls in sportlicher Hinsicht tatsächlich noch desaströser.

Gegen Union fuhr ich dann auch mal wieder nach Hamburg, nachdem mich verschiedene Gründe in den Wochen davor davon abhielten. Und es eigentlich auch am Tag selbst immer noch taten. Muss man durch, Spiel war gut. Zwei Sonntagsschüsse des diesbezüglichen Spezialisten von Union, Herrn Mattuschka, drehten den Spielverlauf nicht unbedingt auf den Kopf, aber doch so um etwa 157 Grad. Wobei ich zugeben muss, dass auch hier meine Erinnerungen an den konkreten Spielverlauf etwas eingeschränkt sind durch die quasi direkt im Anschluss folgende Bootstour mit einem Berliner Sechstligisten. Der hier ausnahmsweise nicht namentlich genannt werden soll. Alkohol ist insbesondere am Morgen noch ungesünder als St.-Pauli-Spiele in Regensburg. Oder Pyrotechnik. Oder Handystrahlung.

Eher mäßig herzlich begrüßten wir in der Folgewoche Michael Frontzeck. Ein Trainer, den niemand so richtig einschätzen konnte. Und wenn man es doch tat, fiel die Einschätzung nicht unbedingt positiv aus. Sein Auftakt in Paderborn, dieser pulsierenden Metropole Ostwestfalens, gab zumindest ein wenig Hoffnung, dass es besser werden könnte. Auswärtsunentschieden, okay. Hatten wir schon. In diesem Fall immerhin mit Toren, eins davon sogar von Deniz Naki. Der inzwischen dummerweise in blau-schwarz spielte. Kann passieren. Ansonsten sehr starke Leistung jedenfalls. Die Mannschaft zeigte, sie wollte wieder. Und konnte vielleicht sogar.

Dynamo Dresden dann, daheim. Nicht nur eine schöne Alliteration, sondern wohl auch eine der größeren Achterbahnfahrten der Saison. Nimmt man die Achterbahnfahrt meines Magens während des Regensburg-Spiels aus. Ein 0:2-Rückstand bedeutet für den FC St. Pauli statistisch sehr wahrscheinlich eine Niederlage – ich meine, im damaligen Artikel die Spiele sogar aufgezählt zu haben, bei denen sich dies anders verhielt. Dieser Tag war einer von ihnen. Und Fabian Boll natürlich einer von uns. Mit dem Kapitän als Türöffner brachen sich die Magischen Bahn. Ein 3:2 nach nüchtern betrachtet mäßiger Leistung. Allein, wer möchte ein solches Spiel im Nachhinein nüchtern betrachten? Ich denke, es war ein Weckruf. Ein Wendepunkt. Wie es anders gelaufen wäre, darüber möchte ich nicht spekulieren, da ich mir den Konjunktiv bereits verbot. Zum Glück, sonst käme ich locker auf die doppelte Zeichenzahl. Oh, Konjunktiv.

Über Stuttgart auswärts im Pokal muss man nicht im Positiven reden, über den eigentlich unfassbaren Sieg bei 1860 nicht im Negativen. Die hilfloseste einerseits, die beste Saisonleistung andererseits. Klassisches Drama eben, Katastrophe und Katharsis ganz eng beieinander. Wie ein guter Film. Sofern mal jemand einen Film über das untere Mittelfeld der 2. Bundesliga drehen möchte. Ich will nicht.

Zuhause gegen Bochum die unfassbare Leistung, einem Team ohne Torchance ein Tor zu schenken. Glückwunsch. Dass man selbst mehr als eins hätte machen müssen, dieses Motto könnte sich ohnehin durch die gesamte bisherige Saison ziehen. Hat man mal wieder nicht, das Ergebnis ist bekannt und eher unbefriedigend. Noch ein Motto für die gesamte Saison.

Dann wurde es richtig schwierig, jedenfalls auf dem Papier. Mit Hertha ein absoluter Hochkaräter auswärts, also auf nach Berlin. Beziehungsweise in meinem Fall: In Berlin bleiben. Vielmehr: Rausfahren zu diesem unfassbar schlecht erreichbaren Stadion, in dem man wie üblich unfassbar unfreundlich behandelt wurde. Auch das Wort „unfassbar“ spielte in diesem Jahr 2012 offenbar eine gewichtige Rolle. Meinen damaligen Gedanken, zu diesem …verein, dieser …arena und den …fans keinen Satz mehr zu verlieren, werde ich genau jetzt verwirklichen. Ach so, verloren haben wir auch. War aber nicht ganz so tragisch.

Schließlich gab es im Anschluss ein Heimspiel gegen die bisher ziemlich schwachen Duisburger. Natürlich ist der FC St. Pauli klassischer Aufbaugegner, aber diese Saison lief sowieso alles komisch. Ein 4:1 erscheint als ebenso hoher wie hochverdienter Sieg. Die dezimierten und sowieso erschreckend schwachen Zebras relativieren dieses überzeugende Ergebnis ein wenig. Aber bekanntlich darf man ja nur auf sich selbst schauen und nicht auf den Gegner. Also 4:0, perfekt. Abhaken und ab jetzt um die Meisterschaft mitspielen.

Zum Beispiel mittwochs in Braunschweig. Ich selbst weilte in Hamburg, in der Schlange am Einlass der O2-Arena. Was ich über mein Handy mitbekam, rote Karte Bartels, Tor Braunschweig, stimmte nicht eben optimistisch. Wurde auch nicht wesentlich besser, rein statistisch. War aber im Stadion angeblich etwas ansehnlicher. Kann ich nicht beurteilen. Gegen den Spitzenreiter zu verlieren, nun ja – es gab schon Unwahrscheinlicheres zu erleben. Konzert war gut, übrigens.

Es folgte das Doppel der Angstgegner, beide immerhin am Millerntor. Kaiserslautern und Aue. Auch hier wieder, wie schon bei Stuttgart und 1860, eine gewisse ausgleichende Funktion der beiden Spiele, fast eine symbiotische Beziehung. Erkämpftes 1:0 gegen Lautern, überflüssiges 0:3 gegen Aue. Effektivität einerseits, fahrlässiger Umgang mit den eigenen Chancen andererseits. Am Ende trotzdem zufriedenstellende 21 Punkte, angesichts der bisherigen Saison.

Zum Abschied von 2012 eine Runde Ingolstadt. Die Fahrt in diese tendenziell überflüssige Stadt sparte ich mir diesmal, sie war im Winter 2011 schon eher unbefriedigend. Außerdem etwas teuer. Diesmal wurde es ein Stückchen besser. Der wiederum fahrlässige Umgang mit den eigenen Chancen und ein ebenfalls tendenziell überflüssiger Schieds- beziehungsweise Linienrichter führten zu einem Jahresabschluss, dessen Tristesse dem Saisonbeginn entsprach. 0:0. Ernüchternd.

Die Champions-League-Träume dürften somit ausgeträumt sein. Es gilt, möglichst früh die Klasse zu sichern – und was folgen wird, ist dann wieder mal ein Umbruch. Zur Zeit betrachte ich das alles ein wenig distanziert, aber ich mag den Winter sowieso nicht. Wir werden sehen, was kommt. Ich vermutlich etwas später als ihr, zum Auftakt des Jahres 2013 gegen Cottbus sitz ich nämlich gerade in Johannesburg am Flughafen. Die letzten beiden Spiele, von denen ich nix gesehen hab, waren übrigens ein Ligaspiel gegen Braunschweig 2012/13 sowie ein Pokalspiel gegen Chemnitz 2010/11. Macht es besser. Diesmal. Bitte.

Das war es dann sportlich vorerst, meinerseits. Wohl bis Mitte Januar. All jenen, die nur sowas interessiert, guten Rutsch undsoweiter. Für den Rest hab ich noch einige zusammengekratzte Textreste auf der Festplatte, deren Fußballbezug geringer oder nicht vorhanden ist. Mal sehen, was ich bis Mitte Januar mit denen anfange. Man sei gespannt – oder desinteressiert. Nur dass sich hinterher keiner beschwert.

Auch sonst gibt es natürlich viel zu sagen – zu FCKDFB, Sicherheitskonzept und 12:12. Zu TeBe, Nulldrei und vielleicht Union. Zu Südafrika, Marokko und den Kapverden. Zu Kreuzberg, Neukölln und vielleicht Kölner Vorstädten. Zu Stadion und Sportplatz, Kurve und Erdwall. Ich hab was dazu zu sagen. Aber das mach ich dann lieber nächstes Jahr. /juli