Et hätt noch immer joot jejange

Ich weiß nicht, was der durchschnittliche Fußballfan mit dem Duell zwischen der SG Dynamo Dresden und dem SC Fortuna Köln an Emotionen, Erinnerungen, Erwartungen verbindet. Aber dies ist ohnehin kein Ort für durchschnittliche Fußballfans. Meine Emotion war, so simpel, wie ich gestrickt bin: Hingehen.

Wir beginnen also dieses rheinische Wochenende in Dresden. Zu Gast mein Heimatverein, meine eigentliche, theoretische Liebe. Wie das mit theoretischen Lieben so ist, man muss gelegentlich an sie erinnert werden. Diesen Job übernahm ein freundlicher Mensch aus dem schönen Freital – oder umgekehrt. Dank seiner Schiedsrichtertätigkeit konnte ich bereits am Freitagabend nach entbehrungsreicher Fernbusreise meine Fantätigkeit aufnehmen. Angesagt war die Freizeitliga, angesetzt war ein Spiel zwischen erstaunlicherweise zwei Mannschaften. Um die Anonymität meines Gastgebers zu wahren – und nicht etwa, weil ich mich nicht an die Namen der Teams erinnern kann – , werde ich an dieser Stelle auf weitere Details verzichten. Es war umkämpft, es war gegen Ende fast schon eine Vorstufe von Dramatik, es war ein Freitagabendsfreizeitspiel in einem Dresdner Vorort. Gewinner selbstverständlich der souveräne Schiedsrichter.

So darf ein Amateurplatz durchaus aussehen.

So darf ein Amateurplatz durchaus aussehen.

Aber da war ja noch Dynamo. Ein Verein, zu dem ich ein höchst seltsames Verhältnis hege. Oft beeindruckt, manchmal erschrocken, in der Regel erstarrt beim Versuch, sie scheiße zu finden. Ich bekomme es nicht hin. Ich bekomme es nicht hin trotz aller entglasten Mannschaftsbusse, trotz aller Gästegeisterspiele am Millerntor, trotz aller Randale und allem Osten. Ich finde die einfach nicht scheiße, es tut mir leid.

Sie boten mir auch wenig Anlass dazu, diesmal, ausnahmsweise. Mein Gastgeber nahm mich im Auto mit, wir gingen am Heimbereich entlang, es war alles gut. An der mäßig motivierten Polizeikette vorbei bahnte ich mir meinen Weg zum Gästeblock, wenngleich es da nicht viel zu bahnen gab. Die versammelten Ticketverkäufer und Ordner machten eher den Eindruck, froh über jeden Menschen zu sein, den sie an diesem Tag zu Gesicht bekamen.

Als ich den Gästeblock mit einem halbwegs frisch gezapften Feldschlößchen in der Hand betrat, wusste ich, warum. Zwar hätte ich die anwesenden Fortunen nicht mit der frei gebliebenen Hand abzählen können, allzu weit entfernt davon war es aber auch nicht. Wenn Dresden das Dortmund des Ostens ist, war Köln heute offenbar höchstens Zwickau.

Man muss in Rechnung stellen, dass die Bahnen nicht fuhren. Noch weniger fuhren als sonst. Dass Ferienanfang war. Dass man vielleicht noch von Freitag verkatert war. Dass es vor dem Gästeblock einige ganz fiese Steine gab, die man sich in die Sohlen laufen konnte. Letztlich treffend gab es aber der Ersatz-Vorsänger der Fortuna mit dem ambitioniertesten Satz dieser Welt wieder: „Und die da drüben glauben, dass sie lauter sind als Fortuna Köln?!“

Nun ja. Waren sie. Was bei einem Zahlenverhältnis von 20 000 zu 20 auch nicht unbedingt allzu schwierig ist. Und man bedenke, wir reden von Dynamo Dresden. Eine beeindruckende Wand, dieser K-Block. Man kann als Gast mitunter froh sein, die eigenen Gedanken noch zu hören. Den Gedanken beispielsweise, dass 2,80 € für ein Stadionbier gar nicht so übel sind, wenn man am Millerntor inklusive Pfand beinahe das Doppelte hinlegt. Tja. Muss man hier auch mal anbringen.

Ich mag es dort. Wirklich.

Ich mag es dort. Wirklich.

Fußball wurde ebenfalls gespielt. Der Aufstiegsaspirant gegen den Underdog, immer wieder das alte, große, wunderschöne Spiel. Fortuna begann stark, begann überlegen, erarbeitete sich von Spielanteilen und Chancen ein leichtes Übergewicht. Dann kam Dynamo. Und das gewaltig. Der Beschuss hörte kaum mehr auf, fast keine Atempausen. Aber keine Schwächen bei Torhüter Andre Poggenborg. Man rettete sich mit einem dann dennoch im weitesten Sinne verdienten 0:0 nach einigen anstrengenden Minuten in die Pause.

Inzwischen war der Fortuna-Block weiter gewachsen. Minütlich fast erklommen mehr und mehr Kölner die steilen Stufen des Rudolf-Harbig-Stadions, sodass man schon annähernd für den Heimbereich hörbar werden konnte. Wenn man allerdings schon gehört wird, sollte man Besseres als „Wir hassen Ostdeutschland“ zu bieten haben. Ich persönlich hasse eine ganze Menge, beispielsweise leere Druckerpatronen, schales Bier, lange Blogartikel, schlechten Fußball, guten Fußball, mittelmäßigen Fußball und Fußball im Allgemeinen, wenn man verliert. Ich neige aber nicht dazu, dies alles kundzutun, während mein Team gerade im Begriff ist, sich einen nicht unbedingt hochverdienten Punkt zu erkämpfen. Und Deutschland hasse ich notfalls in allen vier Himmelsrichtungen.

Die zweite Hälfte brachte keine großen Highlights, mit Ausnahme des Schlusspfiffs. Recht entspannt konnte ich das Stadion verlassen, vorbei an einer eher aus Pflichtbewusstsein aufgestellten und reichlich gelangweilten Polizeikette, mitten unter die Dynamos. Was ich hörte, war kein Hass auf deutsche Himmelsrichtungen, sondern Respekt für den Gegner. Was ich hörte, war Kritik am eigenen Unvermögen, war kein Ärger, war nüchterne, faire Analyse. Muss man auch können.

Der Schlusspfiff des Spiels war somit auch Anpfiff für einen Abend in Dresden – endlich einmal ohne Druck, zeitig in Bus oder Shuttle oder Sonderzug einsteigen zu müssen, endlich einmal ohne verplanteste Abende in der Neustadt oder gar längere Aufenthalte in meinem nur allzu vertrauten Klinikum Friedrichstadt. Dies hier ist kein Ort für Architekturkritik und auch nicht für historische Schuld und Sühne, kein Ort für richtige und falsche Elbseiten oder Solidarfonds. Der lange Abend in Dresden hat insofern hier keinen Platz. Es sei nur eines zu bemerken: Dresden, ich mag dich. Aber sag es keinem weiter.

Und wer könnte das ernsthaft anders sehen?

Und wer könnte das ernsthaft anders sehen?

Am Sonntag sollte mich wiederum ein Fernbus pünktlich zum Berliner Südkreuz bringen, um Tennis Borussia beim FC Wilmersdorf zu bewundern. Das klappte. Halbwegs. Im zweiten Versuch und wesentlich teurer als gedacht, aber es klappte. Gepäck weg, Bier geholt, Caterer aus guten Gründen boykottiert, Spiel geschaut.

Wilmersdorf war erst vor wenigen Monaten der Abschluss einer langen lila-weißen Saison. Damals ein ordentliches Spiel auf schönem, sonnigen Platz, direkt zum Auftakt der Weltmeisterschaft. Diesmal ebenso. Fast exakt ebenso. Nur dass TeBe im Laufe der Sommerpause das Toreschießen lernte. Gerecht auf beide Halbzeiten verteilt, gelang somit ein souveräner Sieg und das Aufschließen zum tasmanischen Konkurrenten vom Werner-Seelenbinder-Sportpark.

Ob Juni, ob Oktober, das Bild bleibt gleich.

Ob Juni, ob Oktober, das Bild bleibt gleich.

Weiter ging es auf dem Hamburger Weg, der kurzzeitig über Sinsheim führte. Eine Leinwand, ein Fassbier, ein eher glor- als torreiches Unentschieden des künftigen deutschen Meisters gegen die SAP-Werkself, soweit die Zutaten. Insgesamt eher wenig erwähnenswert.

Am Montagabend aber sollte das Darben ein Ende haben. Der Magische FC gastierte im Dresden des Westens, im Hamburg des Südens, im München des Nordens, im Paderborn des Westwestens, im Berlin Nordrhein-Westfalens, bei der Fortuna der falschen Rheinseite, den Halbangstmachern von der Königsallee. Mehr als zwei Wochen Pause für beide Mannschaften, mehr als zwei Wochen Zeit für Prognose und Idee. Ein Punkt sollte möglichst her, das war wohl Konsens.

Hätte klappen können. Selbst sparte ich mir die Reise in dieses Modemekka und begnügte mich mit einem zumindest zeitweise brauchbaren Fernsehbild in der Astra-Stube Neukölln. Die, wie eventuell bereits erwähnt wurde, ein gar nicht so übler Ort ist, wenn man an Fußball und Bier interessiert ist.

Hätte jedenfalls klappen können. Die erste Hälfte begann stark, Alushi vergab eine relativ gigantische Chance. Einige Minuten später konnte Düsseldorf einen Ballverlust im Aufbauspiel nutzen, um über die verwaiste rechte Abwehrseite den Angriff zur Führung zu fahren. Soweit nicht unverdient, soweit aber auch nichts unmöglich.

Die zweite Halbzeit allerdings ging weiter, wie die erste endete. Ein unangenehmes Spiel gegen eine stark pressende, schnell fallende, viel meckernde und sehr viel Zeit habende Düsseldorfer Mannschaft. Eigentlich ein Spiel, an dessen Ende kaum 22 Spieler den Platz verlassen dürften. Sie taten es dennoch, seitens des Magischen FC teils erschreckend wehrlos, ohne Punkt in der Fremde zurück nach Hause. Wo sich am Samstag der Karlsruher SC die Ehre geben wird. Und da sollte es dringend ein wenig anders laufen.

Und nicht etwa so.

Und nicht etwa so.

Sonst haben wir ein Problem. Aber erzählt es keinem. /juli

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Düsseldorfkölndüsseldorfköln

Ich wurde geboren in einem Krankenhaus in Köln-Marienburg. Dafür kann man nichts. Dadurch entscheidet sich aber vieles. Es ist niemals Helau, es ist immer Alaaf. Es ist niemals Alt, sondern immer Kölsch. Mag sein, dass sich das in Berlin egalisiert. Mag sein, dass man am Ende doch Arm in Arm mit Düsseldorfern immer die gleichen Lieder singt. Aber am Anfang steht immer dieses Krankenhaus. In Köln-Marienburg.

Welcher Teufel auch immer mich ritt, ich fuhr dennoch nach Düsseldorf. Und das noch nicht einmal zur Fortuna, sondern zur römischen Zwei. Einer römischen Zwei, die dem Fußballfan an sich das bedeutet, was dem normal denkenden Menschen ein Glas Alt bedeutet. Oder ein Sackgassenschild. Oder eine massive Betonwand. Kein Ort, an den man dringend laufen sollte. Und, der Vollständigkeit halber, kein Glas, das man dringend trinken sollte.

Diese römische Zwei spielte immerhin gegen die SG Wattenscheid 09, deren Farben jeder Mensch kennen sollte, der ein Faible für miserable Fußballmusik hat. Falls ich tatsächlich noch Leser haben sollte… das ohnehin. Falls ich tatsächlich noch Leser haben sollte, die nicht über diese wunderbare Eigenschaft verfügen, so sei ihnen ein wohlbekanntes Videoportal empfohlen. Dort werden Dinge geleistet, die ich hier nicht leisten kann und will. Trash hat im Fußball viele Orte, aber dies ist ein trashfreier Ort. Wenigstens bis zur nächsten Zeile.

Biografien sind es, die den Leser binden. Ich persönlich wuchs teilweise in der wunderbaren Kölner Vorstadt Brühl auf. Von dort nach Köln möchte die Deutsche Bahn von mir inzwischen 3,70 € haben. Ist für 15 km bestimmt legitim, die könnte man schließlich auch laufen. Der HKX allerdings, seines Zeichens eine Privatbahnlinie, verlangt für die Strecke zwischen Köln und Düsseldorf, jeweils Hauptbahnhof, nur einen Obulus von 3 €. Was durchaus konsequent ist, diese Strecke kann man schließlich nicht mehr laufen (oder hoppen, was nach wie vor meine bevorzugte Form des Fortbewegens ist).

Ein Geburtstag war zu feiern. Ein doppelter gar. Nicht meiner, denn erstens bin ich nicht doppelt und zweitens in einer am Anfang des Textes bereits gewürdigten anständigen Stadt geboren. Man kann sich dennoch nicht von dem Makel befreien, Fortunen zu kennen. Und so zogen wir in das altehrwürdige Paul-Janes-Stadion ein, harrend der Dinge, die da kommen würden. Im Heimbereich, warum auch immer. Kein formvollendetes Gastspiel. Und nicht einmal ein Groundpunkt für mich, der ich diesen Garten Eden der Düsseldorfer Fußballkultur bereits beim Fortuna (II)-Derby vor einem Jahr beehrt hatte.

Da ist das Ding.

Da ist das Ding.

Es fing schlecht an. Also, global betrachtet schlecht. Im Prinzip passierte gar nichts, bis auf die Tatsache, dass zwei Mannschaften sich über die Sportart zu einigen versuchten, die sie gemeinsam auf dem Rasen künftig darbieten wollten. Kurz hinter Beachvolleyball traf ein gewisser Herr Taskin aus der Halbdistanz das Wattenscheider Tor. Was eine Halbzeitführung für die gastgebende römische Zwei bedeutete.

Quasi. Weil Sonntagsschüsse in der Regionalliga prinzipiell durchaus beliebt sind und zudem noch nicht Halbzeit war. Der Ausgleich aus rund zwanzig Metern warf die Pausenteebeutelzusammensetzung der Römisch-Zwei-Fortuna dann doch völlig durcheinander. Das Stadion kochte, und zwar keinen Pausentee. Insbesondere die geschätzten fünfzig Wattenscheider, die allerdings angesichts der eingangs angestellten Berechnungen auch Anfahrtskosten von je etwa zwanzig Millionen Euro hätten haben müssen.

Die hätte man mal besser in den Kader investiert. Dieser gewisse Herr Taskin hatte jedenfalls in Minute 58 keine allzu großen Probleme damit, einen annähernd abgewehrten Freistoß doch noch zur Führung einzuköpfen. Bejubelt von doch durchaus zahlreichen Menschen, die sich nicht mit der Vorstellung zufriedengeben wollten, dass das Fußballwochenende nur durch die Haarpflegeprodukte von Roman Weidenfeller und Andrea Pirlo an Form gewinnt.

Kopfbälle waren in diesem Spiel prinzipiell beliebt, so auch zwei Minuten später. Man kann es als Ausgleich bezeichnen, man kann es als folgerichtig bezeichnen. Vermutlich war es beides. Jedenfalls entwickelte sich ab dann ein offener Schlagabtausch, der zwar kein Abtausch war und auch ziemlich frei von Schlägen, aber zumindest offen.

Jens Langeneke war es schließlich vergönnt, diesen Zustand zu beenden. Zwar bestand nach wie vor kein Abtausch und in diesem Fall fehlte auch die Offenheit, aber zumindest war es ein Schlag. Mit seiner ganzen Erfahrung boxte sich der Verteidiger vom Platz.

Es passierte trotzdem nicht mehr viel. So bleibt am Ende bloß die Erkenntnis, dass der Torwart der zweiten Mannschaft von Fortuna Düsseldorf jedenfalls namentlich große Ähnlichkeiten mit einem ehemaligen Trainer des FC St. Pauli hat.

Heimat. Jaja.

Heimat. Jaja.

Und dass der HKX zum Glück in beide Richtungen fährt. /juli